Zum Wert oder Unwert einer Einzelkasuistik

Anekdotische Medizin (1) Beliebt bei Skeptikern ist, etwas als „anekdotische Medizin“ abzuqualifizieren, was von nicht allgemein anerkannten Medizinrichtungen als Heilerfolg benannt wird.
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Ein Jurist in der FdC stichelte letztlich: „Was zu beweisen war: Homöopathie kommt ohne Anekdoten nicht aus.“ Da scheint mir die Gegenfrage berechtigt: Braucht die etablierte Medizin oder die Juristerei denn keine Anekdoten?

Abgesehen davon, dass die Medizin seit jeher unter dem Widerstreit und der Bevormundung durch divergierende juristische oder philosophische Vorgaben ausgeübt wird ist der gemeinte Bedeutungskontext sehr reduktivisch, statt semantisch korrekt .

Was wäre denn einem Juristen eine Anekdote wert? Vielleicht: Der Mandant ist unschuldig, wird aber zur Maximalstrafe verurteilt und nach 40 Jahren entlassen, weil der Hauptzeuge bekennt, gelogen zu haben (das stand z.B. neulich in der Zeitung). Oder: Mandant ist verdächtig, wiederholt kaltblütige Verbrechen begangen zu haben, aber mangels Beweisen wird er freigesprochen. Als neue Beweise auftauchen, entzieht er sich der Verhaftung durch Flucht und ertrinkt beim Baden im Meer – Strafe des Schicksals.

So wenig Anekdoten etwas über Juristen, Richter, Gesetze und Rechtssysteme aussagen, so viel sagen sie darüber aus, wie schwer es ist, gerecht zu urteilen. Jedes Fehlurteil ist eines zuviel, weil ein Unschuldiger dafür büssen wird und der Täter frei rumläuft. Jeder ungerechtfertigte Freispruch ist einer zuviel, weil ein unschuldiges Opfer dafür büßen musste und ein Täter frei rumläuft. Ob die Strafe dann angemessen ist, , auch darüber ist im Einzelfall mitunter keine einvernehmen herzustellen. Abgesehen davon: Das Meiste, was durch ein Verbrechen oder ein solches Fehlurteil angerichtet wird, kann man nicht wiedergutmachen.

Vergleichbar ist es einem Mediziner eine Anekdote wert, wenn jemand gesund wird, dem man das nicht mehr zugetraut hätte, wenn jemand krank wird, jemand sterben muss, obwohl er leben oder gesund sein hätte können, weil nicht nur vor Gericht und auf hoher See, sondern auch im Krankenstand Ereignisse passieren, die manche an Gottes Hand, andere an einen glücklichen Zufall oder mißmutige Parzen denken lassen.

Braucht die Schulmedizin vielleicht keine Anekdoten, weil das einzelne Erlebnis im Rauschen der Statistik untergeht und irrelevant ist? Weil die Universitätsmedizin nur vorhersehbares Sterben kennt, „wir haben das Menschenmögliche getan, aber es war nicht genug...“, „trotz aufopfernder ärztlicher Fürsorge verblich unser ...“, aber wenig bis gar keine bemerkenswerten Heilprozesse, weil Gesundwerden als Konsumgut aufgefasst wird, das kein Ablaufdatum hat ?

Anekdotisch“ auf ein pejoratives Schlagwort zu reduzieren, auf einen Kenntnisstand zu reduzieren, der von zufällig erworbenen einzelnen Fakten geprägt ist und systematisches Wissen und tiefere Zusammenhänge entbehrt, greift zu kurz.

Jede Anekdote schildert eine bemerkenswerte oder charakteristische Begebenheit, enthält eine Pointe, ist auf das Wesentliche reduziert ist und nimmt eine scharfe Charakterisierung vor. Nur etwas Bemerkenswertes ist es wert, in einer Anekdote auf den Punkt gebracht zu werden. Die Erzählung des Gewöhnlichen langweilt, so kurz es auch ausfallen mag.

Das Potential von Anekdoten umriss Friedrich Nietzsche aphoristisch: Aus drei Anekdoten ist es möglich, das Bild eines Menschen zu geben.“

Wenn Nietzsche recht hat, wäre es wohl nicht vermessen zu sagen, dass mit 300 Anekdoten, spätestens mit 3000 ein charakteristisches Bild der Homöopathie gegeben werden kann, vor allem, wenn man nur Patienten nimmt, die vorher vergeblich schulmedizinisch behandelt worden sind. Dann könnte man das ganze mit 3000 Patienten machen, die vergeblich homöopathisch behandelt worden sind und von schulmedizinischen Verfahren geheilt wurden. Wäre das kein sinnvolles Wissenschaftsvorhaben? (Manche Professoren sagen, es reiche, 100 Fälle in einer Pilotstudie zu dokumentieren, um ein therapeutisches Verfahren bei einer bestimmten Indikation als nützlich oder nicht einstufen zu können.)

Selbst wenn man sich der drei Hauptgefahren der Anekdote (Personalisierung, Heroisierung, Denunziation von Menschen oder Umständen) bewusst ist könnte man so voraussichtlich zu einigen Erkenntnissen kommen.

In diesem Sinne, eine bemerkenswerte Begebenheit, anekdotisch kurz:

Am 4.11.2014 sucht mich eine Patientin auf. Untersuchung, Diagnostik, etc pp. Sie kommt aus London zu mir in die Frankfurter Gegend. Ja, ja, Ärztetourismus, klimaschädlich, igitt (nee, die Eltern leben hier um die Ecke, ein Anstandsbesuch war fällig).

Ich schreibe ihr zwei sog. Komplexmittel auf, die überwiegend homöopathische Hochpotenzen enthalten: 2x D12, 2x D21, 2x D30, 2x K200, Tagesdosis ca. 50 Tropfen.

Am 28.11.2104 schreibt die Patientin mir per Mail:

Re S(...) und N(...): nach nur einer Woche fuehle ich mich wie ein neuer Mensch! Very impressive. Vielen Dank fuer diese Empfehlung.

MfG H. W.“

Ist das bemerkenswert, wenn jemand nach einer Woche Therapie sagt, er fühle sich wie ein neuer Mensch? Noch dazu, wenn "nur" homöopathische Mittel verabreicht wurden? Wie wahrscheinlich ist eine solche Bemerkung selbst bei Anwendung psychotherapeutischer Techniken, ja sogar bei hypnotischen Befehlen etc ?

Ein Skeptiker würde vermutlich sagen: Einbildung ist weit verbreitet, das findet sich auch hier, mal sehn, wie's in drei Monaten aussieht usw., den ganzen üblichen Sermon.

Aber die Frage bleibt: Braucht die Schulmedizin vielleicht keine solchen Anekdoten, weil sie solches oder vergleichbares nicht kennt? Wird da vielleicht aus der Not eine Tugend gemacht?

PS: Da es ein Werbeverbot für komplementäre Medizinmethoden gibt, verzichte ich auf die Benennung der hier konkret benutzten Mittel, die vor allem bei Krankheiten im Zusammenhang mit nervöser Anspannung, Krampfanfälligkeit und chronischen Schmerzen sowie bei Stressfolgen unterschiedlicher Genese mit Überaktivität des sympathischen Nervensystems als "homöopathische Tranquilizer" indiziert sind. Bei Interesse: PN wird beantwortet.

PPS: Beitrag Nr. 2 in der Reihe "Anekdotische Medizin" ist in Vorbereitung.

18:56 03.12.2014
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Geschrieben von

bertamberg

Xundheit! Salut! o! genese! Aufs Ganze gehen, bei Erkennen & Tun, Diagnose & Therapie. Alles ist vollkommen, "wenn das nötige gemacht ist." (Goethe)
bertamberg

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