Aufruf zur Lynchjustiz??

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Ich gehe heute in Berlin-Lichtenberg eine kleine Nebenstraße entlang. Etwas auf der Strasse Aufgepinseltes erregt meine Aufmerksamkeit. In dicken, großen Buchstaben steht dort "... ist ein Kindesmissbraucher, ein Vergewaltiger, sein Sohn ist ein...", hier endet es. Die oberste Zeile ist mit weißer Farbe dick überpinselt, der Name ist nicht mehr zu lesen. Die Diskussion über die nachträgliche Sicherungsverwahrung von Straftätern, die auch nach langjährigen Haftstrafen noch eine Gefahr für die Öffentlichkeit darstellen, läuft immer noch. In den letzten Wochen habe ich immer wieder mal Aufkleber auf PKW-s gesehen, auf denen "Todesstrafe für Kindermörder" stand. Das heute Gelesene geht aber für mich darüber hinaus, da stand ein Name. Nun mag es ein Kinderscherz gewesen sein, vielleicht. Doch wer sich daran erinnert, wie ein Dorf im Brandenburgischen vor einiger Zeit sich konsequent dagegen wehrte, einen aus der Haft entlassenen Kinderschänder aufzunehmen, der weiß um die Brisanz des Themas. Dass das Urteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte, dass Straftätern, wo die Sicherungsverwahrung nicht mit dem Urteil, sondern nachträglich ausgesprochen wurde, die Freiheit bringt, beruht auf formaljuristischen Grundlagen. Es ist eine Ohrfeige für die deutsche Politik, die mit einem sauber erarbeiteten Gesetz diese Probleme jetzt nicht hätte.

Nur stellt sich auch die Frage, wie die Öffentlichkeit damit umgehen soll. In der letzten Woche habe ich in der Berliner S-Bahn die Schlagzeile der Bild-Zeitung und das dazu gehörige Foto gesehen, "5 Polizisten bewachen einen Vergewaltiger". Welche mediale Macht dieses Springer Blatt hat, ist bekannt, so wird Stimmung gemacht. Ich halte eine Unterbringung nicht therapierbarer Straftäter, auch lebenslang, in geschlossener Form, für zwingend notwendig, auch, um diese vor sich selber zu schützen. Dass auch Gutachter in der Beurteilung der Erfolge von Therapien irren können, hat in der Vergangenheit bereits Menschen das Leben gekostet, die bei einer Einweisung der Täter in geschlossene Therapieeinrichtungen noch leben könnten. Wer möchte schon mit Sicherheit beurteilen, ob der Trieb dieser Täter wirklich therapiert ist?Ich bin jedoch nicht dafür, Namen und Wohnorte entlassener Straftäter, auch Vergewaltiger und Kinderschänder, öffentlich zu machen, so wie dies in den USA bereits weit verbreitet ist, wo es ja sogar im Internet entsprechende Listen gibt. Ich hoffe mal, dass dieses Aufgepinselte nicht der Realität entsprach.

20:33 17.08.2010
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Geschrieben von

rolf netzmann

life is illusion, adventure, challenge...but not a dream
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rolf netzmann

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