"Bis nichts mehr bleibt", ein gelungener Abend in der ARD

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Es war ein gefährlicher Plan von Nico Hofmann, einen Film über die Scientologie-Kirche zu drehen. Nicht umsonst wurde er von der ARD unter der Tarnung eines "Tatorts" gedreht, waren doch vorherige Versuche, die Gefährlichkeit dieser Sekte filmisch darzustellen, auch im Gestrüpp juristischer Auseinandersetzungen hängengeblieben.

Sicherlich ist es schwierig, in einem Spielfilm von 90 Minuten Länge die Gefährlichkeit einer Sekte darzustellen und die Gefahr, dabei in Klischees zu verfallen, ist vorhanden. Nur hat dieser Film für mich die Gefahr sehr deutlich aufgezeigt, wie völlig normale Menschen, intelligent, aber in Problemen steckend, die viele im Leben haben, durch Verstrickungen in die Fänge dieser Pseudo Kirche geraten können. Frank Reiners kannte ja die Scientologen, denen er sich anvertraute, aus dem " normalen " Leben. Als die Gefahr bestand, dass er der Sekte entgleitet, wurde er durch einen ihm vertrauten Menschen, ohne dass er es merkte, wieder zurückgeführt, dem Anwalt, der ihm seine Baustelle anvertraute. Das Aufzeigen dieser, auf den ersten Blick alltäglichen Verbindungen, war eine der Stärken des Filmes. Eine zweite war, dass der Film Worte , die in der Sekte verwendet werden, benutzte und diese im ersten Handlungsstrang, im Gerichtssaal, von der Anwältin erklärt wurden. Dieser Handlungsstrang Gerichtssaal, das Nachfragen der Richterin und das beharrliche Erklären der Anwältin, ihr Aufzeigen der inneren Strukturen dieser Organisation, die ja immer wieder auch als Org bezeichnet wurde, hat mir gefallen. Die immer tiefere Hörigkeit der Gine wurde plastisch dargestellt, als sie aus Kopenhagen zurückkam und ihren Mann Frank sehr drastisch zurechtwies, dass er sie nicht abholen müsse, sondern lieber mit der Tochter bei der Org geblieben wäre. Hier wurde eine alltägliche und normale Situation, jeder Mann hätte seine Frau vom Bahnhof abgeholt, genutzt, um das Ausmass der Gehirnwäsche zu dokumentieren. Silke Bodenschläger hat diese Frau, die immer mehr ihre Persönlichkeit aufgibt, mit großer Intensität dargestellt.


Wie die innerere Struktur, der menschenverachtende Umgang mit dem immer mehr als Problem erkannten Frank, dargestellt wurde, war großartig. Dieser fließende Übergang vom betont freundlichen Empfang zum Erniedrigen, als er , knieend, nur mit einem Wischlappen die WC-s reinigen musste, um sich zu " rehabilitieren", zeigt, dass Menschen in dieser Organisation nichts zählen. Das Verfassen von "Wissensberichten", der Zwang zum unbedingten Gehorsam, all das wurde plastisch dargestellt. Wie Gine nicht mal davor zurückschreckt, ihren eigenen Vater in den USA für etwas anzuzeigen, von dem sie weiß, dass er es nie getan hat, all das dokumentiert die tiefe Abhängigkeit dieser Frau von der Organisation.

Was ich am erschreckendsten fand , war der emotionale Mißbrauch der kleinen Sara. Die emotionalste Szene des ganzen Filmes war für mich, als Frank Reiners die Wohnung seiner Frau betritt, um sein Besuchsrecht wahrzunehmen und seine Tochter ihn fragt, ob er zu Scientologie zurückkehrt. Frank fragt sie daraufhin, ob sie jetzt mit ihm kommt, und das kleine Mädchen wiederholt seine Frage. Er verneint und sie brüllt ihn an: " Du hast uns nicht mehr lieb!". Nur eine kleine Szene des Filmes, aber hochemotional aufzeigend, wie sehr dieses Mädchen, das ja noch gar nicht verstehen kann, was es da tut, das die Tragweite seines Handelns überhaupt nicht abschätzen kann, von der Mutter mißbraucht wird.

Noch ein Wort zu der anschließenden Runde mit Frank Plassberg. Erstmal war es ein kluger Zug der ARD, diese Sendung unmittelbar nach dem Film anzusetzen. Ich finde es mutig von ihm , so konträre Personen einzuladen und dem Pressesprecher der Scientologen die Möglichkeit zu geben, darauf zu antworten. Dass Herr Stettler fast nur reagiert hat, anstatt offensiv zu agieren, war sehr auffällig. Ich fand diese Talksendung informativ, sie vertiefte die Kenntnisse über Scientology , die im fiktiv angelegten Film angeschnitten wurden. Die besonnene , sachlich fundierte Art von Frau Riede war auffällig. Was mich störte, war die Art der Darstellung des langjährigen Scientologen und prominenten Aussteigers, der sich eine kleine Privatfehde mit dem Pressesprecher liefern wollte.
Alles in allem ein gelungener Abend, der hoffentlich viele Menschen, die in heutigen unsicheren Zeiten Halt und Unterstützung suchen, davor gewarnt hat, dies bei Psycho-Sekten zu tun.

10:51 01.04.2010
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Geschrieben von

rolf netzmann

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