Bummeln in eine längst vergangene Zeit

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Heute nachmittag bummelte ich die Frankfurter Allee in Berlin Friedrichshain stadtauswärts. Mein Weg begann am "Cafe Tasso " nahe des Frankfurter Tores, einer Mischung aus Cafe, Antiqariat, Buchhandlung und Veranstaltungsort. Dort finde ich immer etwas zum Stöbern und Schmökern. Weiter schlendere ich , vorbei an einer Bank, mexikanischen Restaurants und Cafes sowie Bars, von denen es hier nur so wimmelt. Kleinere Geschäfte wechseln sich mit 1 € Shops ab, bis ich an einer Auslage mit Büchern stehen bleibe. Die Wohltath´sche Buchhandlung hatte ich bereits hinter mir gelassen, was also erwartet mich hier? Ein Stapel Hefte, abgegriffen, erregt meine Aufmerksamkeit.

Wer kennt es noch, das Magazin? Es war anders als die offizielle Presse der DDR, es verbreitete einen Hauch von Freiheit mit seinen Reportagen und Geschichten. Von Werner Klemke jahrelang liebevoll illustriert, war es immer auch eine Bückware und nur mit Beziehungen zu bekommen. Ich erinnere mich, wie es weitergegeben wurde, von einem zum nächsten, weil einer aus unserer Truppe das Glück eines Abos hatte.

Ich blättere also darin, auf der Innenseite entdecke ich Werbung für Lotto 6 aus 49, eine Sonderziehung, Hauptpreis ein Pkw Trabant de luxe und zwei Farbfernsehgeräte, ach jerrjeh, lang ist es her. Ich bewundere, wie früher, die Illustrationen von Klemke, vertiefe mich in Gedichte von Peter Hacks. Es ist ein Versinken in eine längst vergangene Zeit.

Im Schaufenster entdecke ich weitere Raritäten, illustriert von Klemke, auch das Buch von den drei Schweinchen, die sich Hütten vor dem bösen Wolf errichten, der Klassiker von Elizabeth Shaw. Im Inneren der Mischung aus moderner Buchhandlung und Antiquariat sehe ich die Neuerscheinung von Daniel Kehlmann oder Samuel Beckett neben Urfin aus der Smaragdenstadt liegen. Ein Geheimtip, der sich lohnt, einmal länger besucht zu werden.

Leider ruft die Pflicht heute noch, ich verlasse wehmütig den Laden, tauche aus der Erinnerung wieder auf und ein in das reale leben.

Und doch war es angenehm, mich mal wieder treiben zu lassen, ohne Ziel und ohne Sinn, einfach so.

19:27 30.11.2010
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Geschrieben von

rolf netzmann

life is illusion, adventure, challenge...but not a dream
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rolf netzmann

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