Der Bundespräsident und die Wahrheit

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Nun ist er 100 Tage im Amt, unser aller Präsident. Am 03.10. hielt er seine erste große Rede zum 20. Jahrestag der deutschen Einheit. Im Bewusstsein der Öffentlichkeit wird von dieser Rede vor allem ein Passus bleiben, dass nämlich der Islam wie das Christentum und das Judentum zu Deutschland gehört. Nun ist der Bundespräsident nicht irgendwer, es ist davon auszugehen, dass er genau weiss, was er spricht. Wollte Christian Wulff ein Zeichen setzen für mehr Toleranz und Offenheit in unserer Gesellschaft?

Betrachten wir die Realität mal etwas genauer. Wir Deutschen waren es, die den Islam zu uns geholt haben, als in den 60er Jahren die türkischen Leiharbeiter in die damalige Bundesrepublik und nach West-Berlin kamen. Sie waren als Arbeitskräfte gern gesehen, holten ihre Familein später nach und integrierten sich mehr oder weniger in die deutsche Gesellschaft. Sie lebten an den Peripherien der Großstädte, die Konzentration von Türken in Berlin-Kreuzberg oder Wedding zeugt heute noch davon, waren dies doch bis 1990 Aussenstadtbezirke West-Berlins. Sprechen wir heute von Parallelgesellschaften aufgrund der Konzentration vieler Türken, so sollten wir dabei nicht vergessen, dass dies auch politisch gewollt war, man wollte damals wie heute keine Ausländer im feinen Wilmersdorf oder Zehlendorf, da blieb man lieber unter sich. Doch sprechen wir heute von Islamisten, so meinen wir ja gar nicht die Türken, bei den wir bis heute gerne Döner essen oder Gemüse und Obst kaufen. Nein, in der öffentlichen Meinung sind Terroristen , gewaltbereite Islamisten gemeint.

Gestern Abend in den ZDF heute Nachrichten sprach Bülent Arslan, ein muslimischer Christdemokrat davon, dass wir heute in Deutschland überwiegend den türkischen Islamismus erleben. Die Türkei bildet aber unter den islamischen Staaten eine Ausnahme, weil hier eine Trennung von Staat und Kirche real existiert, etwas, was eher unserem westlichen Demokratieverständnis entspricht als beispielsweise der Iran, in dem die Ayatollas, also islamische Geistliche, wesentlich die Politik dominieren. Arslan betonte, dass es beispielsweise in der Stellung der Familie und der Nächstenliebe durchaus Gemeinsamkeiten zwischen Christentum und Islam gibt. Integration sei eben nicht nur der Besuch von Integrationskursen, so der muslimische CDU Politiker.

Dass der Islam in seiner Auslegung breitgefächert ist, dies ist vielen Deutschen weniger bekannt. Islam = Gewaltbereitschaft, diese Gleichung geht nicht auf. Eine reale Gefährdung geht beispielsweise nicht von der überwiegenden Mehrheit der deutschen Bürger , die den Islam als Religion annehmen, also den Türken, aus, sondern von Arabern. Es waren keine Türken, die in Hamburg die Anschläge des 11. September vorbereiteten. Es sind junge, zum Islam konvertierte Deutsche, in Deutschland sozialisiert, die in das afghanisch-pakistanische Grenzgebiet reisen, um sich im Terrorkampf ausbilden zu lassen.

Hat Christian Wulff mit seiner Aussage also Recht, dass der Islam inzwischen zu Deutschland gehört? Schliesslich ist die Mehrheit der an den Islam glaubenden und in Deutschland lebenden Menschen weder gewaltbereit noch gegen die westliche Welt eingestellt. Ja, er hat Recht, und doch hat seine Aussage noch eine andere Bedeutung.

Unser Blick fokussiert sich eng auf " die Islamisten" mit Sprenggürteln und Rucksäcken mit Sprengsätzen, auf El Quaida und deren Ableger. Wer sich auch nur ein wenig mit dem Islam beschäftigt, wird feststellen, dass dieser eine Religion ist, die auf Prinzipien beruht, die denen des Christentums gleich sind. Im frühen Mittelalter, bei Reisen in den Orient, beschäftigten sich theologische Würdenträger durchaus mit dem Koran. Das wird heute gern vergessen. Wenn diese Aussage von Christian Wulff in der allgemeinen Ablehnung des Islam, die auf einer völlig verengten Sicht, Vorurteilen und Unkenntnis beruht, ein wenig ankommen würde, wäre dies einer sachlichen Auseinandersetzung mit dem Islam in Deutschland durchaus dienlich.

03:42 07.10.2010
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Geschrieben von

rolf netzmann

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rolf netzmann

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