Der etwas andere Klub...und ein Zeichen menschlicher Größe

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„Uwe Neuhaus ist ein leitender Angestellter des Vereins. Und so lange er seine Arbeit vernünftig macht und in seinem persönlichen Verhalten keine Veränderungen zur Vergangenheit zu sehen sind, habe ich überhaupt keine Veranlassung, über etwas anderes nachzudenken“, erklärte Zingler. „Sportliche Krisen, Auf- und Abstiege zählen zu unserer Vereinskultur dazu“, sagte Zingler. Man führe bei Union „keine Trainerdiskussion, die von Ergebnissen abhängig ist“. Würde Union im Falle des Abstiegs also auch mit Neuhaus in die Dritte Liga gehen? „Das ist die Konsequenz daraus, ja“, unterstrich der Klubchef.

Diese Worte des Präsidenten des 1. FC Union Berlin fielen am Sonntag morgen gegen 10.oo im Kabinentrakt, nachdem Dirk Zingler zuvor in der Geschäftstelle lange mit Trainer Uwe Neuhaus zusammengesessen hatte. Am Freitag Abend hatte die Mannschaft hoch unglücklich in Augsburg verloren, obwohl sie das Spiel von Anfang bis Ende dominierte. Der Augsburger Siegtreffer fiel in der 93!! Minute.

„Alles ordnet sich der Etablierung im Profifußball unter, nicht dem Klassenerhalt.“

Und weiter...

„Wenn wir unternehmerische Risiken eingehen müssen, um krampfhaft die Klasse zu halten, dann macht der Verein einen Rückschritt.“ Union habe schon in der Vergangenheit viele gute Trainer gehabt, sei in seinen Strukturen jedoch nicht gut aufgestellt gewesen. Folglich hätten vergangene Abstiege den Klub härter getroffen, als es ein Abstieg am Ende dieser Spielzeit tun würde.

Der Präsident sieht aber auch Handungsbedarf, indem er sagt:

Wir werden uns wie jedes Jahr in der Winterpause zusammensetzen und überlegen, was machbar ist. Wirtschaftlich werden wir versuchen, an die Grenzen zu gehen. Wir werden als Verein alles daran setzen, die Klasse zu halten.“

Der 1. FC Union Berlin kämpft in dieser Saison gegen den Abstieg, das war jedem realistisch Denkenden vorher klar. Die Spieler kämpfen, zerreissen sich auf dem Platz, wollen den Bock endlich umstossen. Alle halten zusammen und dass der Klubchef am Sonntag Vormittag in die Kabine kommt, mit den Spielern und dem Trainer spricht und allen demonstrativ, auch in der Öffentlichkeit, den Rücken stärkt, ist sicherlich ungewöhnlich im Profifussball.

Der Trainer ist nun einmal das schwächste Glied in der Kette, er geht, das ist ein ehernes Gesetz des Profifussballs, bei anhaltendem Misserfolg immer als erster. Insofern ist die Linie der Berliner Chefetage schon ungewöhnlich für den Profifussball. Sie folgt einer anderen Logik, bezieht längerfristige Überlegungen mit ein. Ein neuer Trainer braucht immer seine Zeit, muss die Spieler kennen lernen, bringt vielleicht ein anderes System mit, verändert die Aufstellung. Das heisst, eintrainierte Laufwege, das Verständnis der Spieler unereinander müssen verändert werden, ein dauerhafter Erfolg ist damit nicht kalkulierbar.

Fakt ist aber auch, dass eben auch die Unioner um das sportliche und wirtschaftliche Überleben kämpfen. Eine dauerhafte Etablierung im Profifussball, wie von der Klubführung angestrebt, ist in der zweiten Bundesliga nicht nur wegen der deutlich höheren TV-Gelder des DFB einfacher als in Liga 3.

Dazu muss die Mannschaft jetzt aber Siege einfahren, am besten schon am Freitag beim Tabellenletzten Bielefeld.

Doch das Union Berlin sich, noch?, den ungeschriebenen Gesetzen des Profifussballs widersetzt, zeigt auch menschliche Größe, die nicht nur der Verwertungslogik eines mittelständischen Unternehmens , was ein Fussball-Zweitligist ja ist, entspricht. Das sollte auch einmal hervorgehoben werden.

Quelle: Berliner Morgenpost, Ausgabe vom 25.10.2010

10:50 25.10.2010
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Geschrieben von

rolf netzmann

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