die Anonymität des WWW oder, der virtuelle Mensch

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Es war in den 80-er Jahren, da kannte ich einen Michael, ein stattlicher junger Mann, aktiver Fussballer. Doch dieser Michael hatte eine für ihn völlig untypische, filigrane Handschrift, wie die einer Frau. So machte er sich immer mal den Spass, auf Kontaktanzeigen von Männern zu antworten, als Michaela. Wir in der Clique durften sowohl seine als auch die Antwortbriefe lesen, es war immer ein Heidenspass. Michael schrieb immer ohne Absender und legte nie ein Foto bei, logisch. Er beendete diese Späße immer dann, wenn die Nachfragen nach Fotos oder einem Treffen mit der attraktiven, schlanken Blondine, als die er sich beschrieb, zu intensiv wurden. Mir fällt diese Story ein, wenn ich daran denke, wie anonym heute Kontakte im WWW möglich sind. Wer weiß denn, ob die Michaela im social Network nicht auch ein Michael ist, dem ich persönliche Dinge poste? Wer weiß denn, was mit meinen persönlichen Berichten, die im Netz kursieren, geschieht? Das Netz vergißt nie, heißt es immer, wie wahr. Die vielfältigem Möglichkeiten der immer virtuelleren Welt verführen dazu, diese Welt für real zu halten, die Grenzen zwischen virtuelller und realer Welt verschwimmen, nicht nur bei World of Warcraft und anderen Online-Spielen, nein, auch in social Networks. Die Folgen können manchmal erst später sichtbar werden, nicht nur, wenn der Personalchef der Firma, bei der ich mich bewerbe, mal googelt, was ich eingestellt habe im Laufe der Jahre. Auch private Kontakte, die längst beendet sind, können einem noch unangenehme Erlebnisse bereiten. Die Hoffnung stirbt zuletzt, stimmt, nur ist sie auch trügerisch. Wer viel in social Networks unterwegs ist, erfährt auch viel, manches Private wird vertrauensselig preisgegeben,was später vielleicht bedauert wird. All das, was bei persönlichen Treffen erlebbar ist, Stimme , Gestik, Augen, Körperhaltung, Kleidung, all das fehlt bei virtuellen Kontakten. Das Foto ist von der Freundin, die attraktiver ist, all dies passiert immer wieder. Der einsame Mann stellt sich die blonde, schlanke Frau vor, in Wirklichkeit sitzt ein beleibter älterer Herr vor seinem Laptop und hat seinen Spass . Immer wieder kursiert in verschiedenen Foren die Geschichte der Schülerin, die in einem Netzwerk mit einem anderen gleichaltrigen Schüler flirtet und so einiges von sich preisgibt. Später steht ein Polizist vor der elterlichen Wohnung, obwohl die Schülerin weder Adresse noch Telefonnumer angegeben hat, aber ihre Schule und ihre Klasse. Per Datenabgleich ist es findigen Leuten möglich, jemanden mit wenigen vorhandenen Informationen ausfindig zu machen. Diese Geschichte ist real in den USA passiert und überall möglich. Dass auch Sicherheitsbehörden das WWW nutzen, um Profile von Personen zu erstellen, sei nur am Rande erwähnt, genaus so wie die Konsumforschung das Netz nutzt, um unsere Gewohnheiten noch intensiver zu erfahren. Virtuelle Kummerkästen und Rechtsberatung sind heute schon Normalität. Das WWW bietet heute viele Möglichkeiten, Kontakte mit anderen Menschen aufzunehmen und wer psychisch angeschlagen ist, sich nach Nähe und Vertrauen sehnt, ohne dies in der realen Welt ausleben zu wollen oder zu können, wird schnell fündig. Es findet sich immer jemand, der die Seele streichelt, nur, wer weiß, wer dieser jemand ist? Viele haben dieses Vertrauen, die emotionale Bindung, die sich beim Posten und später beim Telefonieren aufgebaut hat, die dann in reale Treffen mitgenommen werden sollte, bereits bereut, weil eine solche Transformation eben nicht so einfach möglich ist. Manchmal ist weniger mehr, dieser Ausspruch gilt heute immer noch, gerade in der zunehmend virtuellen Welt. Das behutsame persönliche Kennenlernen ist durch keine noch so intensive virtuelle Unterhaltung zu ersetzen. Diese Warnung sollten sich gerade jüngere Menschen, die ja intensiv soziale Netzwerke wie Facebook, Myspace und andere nutzen, immer wieder vor Augen halten. Aber auch für uns Ältere sollte sie uneingeschränkt gelten.

05:35 19.06.2010
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Geschrieben von

rolf netzmann

life is illusion, adventure, challenge...but not a dream
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rolf netzmann

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