Die Show auf der Bühne und das reale Leben

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Der medial am meisten beachtete Strafprozeß in Deutschland ist im Moment sicherlich der gegen den Wettermoderator Kachelmann in Mannheim. Doch hat in Frankfurt jetzt ein Strafprozeß begonnen, der es durchaus verdient, näher betrachtet zu werden. Dort sitzt ein Mann auf der Anklagebank, dem vorgeworfen wird, in der Silvesternacht 2009 einen schweren Verkehrsunfall verursacht zu haben, an dessen Folgen zwei 20 und 22 Jahre junge Männer ein Leben lang leiden werden. Der Angeklagte heisst Kevin Russel und ist der ehemalige Sänger der ehemaligen Rockband "Böhse Onkelz". Im Gegensatz zum Mannheimer Prozeß ist die Beweisführung hier , juristisch gesehen, einfach, weil seine Schuld zweifelsfrei nachgewiesen ist. Aber der Reihe nach. Der heute 46 jährige Russel hat bereits seit einigen Jahren keinen Führerschein mehr. In der Silvesternacht war er mit einem geliehenen Sportcoupe auf der A 66 mit stark überhöhter Geschwindigkeit unterwegs, als er den Unfall verursachte, bei dem die beiden jungen Männer schwer verletzt wurden. Beide erlitten schwere Verbrennungen, einer verlor 3 Finger. Kevin Russell sah, dass andere Autofahrer den beiden Verletzten halfen und machte sich zu Fuss auf einem Acker davon. Bei der Untersuchung des Sportcoupes wurde an dessen geöffneten Airbag seine DNA zweifelsfrei nachgewiesen.

Nun waren die "Böhsen Onkelz" nicht irgendeine Rockband. In den Anfangsjahren waren regelmäßig bekennende Neonazis unter den Besuchern ihrer Konzerte. Auch wenn die Band sich später von rechtem Gedankengut distanzierte, der Geruch einer Band mit Verbindungen in rechte Kreise haftete ihr immer an. Einige ihrer Songs wurden von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften immer wieder auf den Index gesetzt. Es war eine pure Provokation, dass die Band alle diese Songs auf ihrem Abschiedskonzert spielte, wissend, dass staatliche Sanktionen gegen sie ins Leere laufen würden würden. Die Auflösung der Band war da längst beschlossene Sache. Immer wieder wurden einzelnde Bandmitglieder auch mit Drogen in Verbindung gebracht, darunter auch ihr Sänger, Kevin Russel.

In der Unfallnacht hatte er ein Gemisch aus Drogen und Psychopharmaka im Blut. Fahren ohne Führerschein, Fahren unter Einfluss von Betäubungsmitteln und Fahrerflucht, nur 3 Delikte , die dem ehemaligen Rocksänger vorgeworfen werden. Unbewegt verfolgte er bisher den Prozeß, ohne eine Regung. Auch als eines der Opfer ihn anbrüllte, " du hast mich zum Krüppel gemacht", verzog er keine Miene. Es scheint, als vermische sich in seinem Denken und Handeln die Bühnenshow des harten Rockers mit der Realität, verstärkt durch jahrelangen Drogenkonsum. Die Grenzen zwischen Fiktion der Bühnenauftritte und dem realen Leben verschwimmen, sie fließen ineinander. Die Botschaft, die Kevin Russell aussendet, ist diejenige, die er auch als Sänger auf der Bühne verkündete: "Keine Unterordnung, Eure Erwartungen erfüllen wir nicht". So handelt er auch als Privatmensch, ihr habt mir meinen Führerschein zwar abgenommen, ich fahre aber trotzdem Auto.

Hat dieser Mann Mitleid verdient, weil er durch den Drogenkonsum nicht mehr wusste, was er tat? Nein, Nein und nochmals Nein, das war seine eigene Entscheidung. Es ist davon auszugehen, dass er im Gerichtssaal nicht unter Drogeneinfluss steht, doch eine Entschuldigung gegenüber seinen Opfern kam bisher nicht über seine Lippen. Mit versteinertem Gesicht betrachtet er -- ja, was?

Kevin Russel, ein Mann, der nicht nur als Sänger einer Rockband, die von anderen deutschen Rockgruppen gemieden wurde, sondern auch privat immer wieder gegen Gesetze verstieß. Dass seine DNA nachgewiesen werden konnte, heißt ja, dass er bereits aktenkundig bei der Polizei war und eine Vergleichsprobe vorlag. Sowohl Campino von den Toten Hosen als auch Bela B. von den Ärzten haben sich in den letzten Jahren immer wieder ablehnend gegenüber den Aussagen in den Texten der "Onkelz" geäußert. Für ihre Fans sind die "Böhsen Onkelz" immer noch Kult, ihre Sweatshirts und Basecapes sehe ich immer wieder im Berliner Strassenbild. Es bleibt zu hoffen, dass dieses menschenverachtende Verhalten ihres Idols Kevin Russel in der Silvesternacht so manchen Fan zum Nachdenken bringt. Und es bleibt die Hoffnung, dass die Justiz die passende Antwort auf die fortgesetzte Weigerung des Kevin Russel, sich an allgemein gültige Verhaltensweisen zu halten, weiss.

Es gibt mehrere Gründe, den Frankfurter Prozeß aufmerksam zu beobachten.

03:30 27.09.2010
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Geschrieben von

rolf netzmann

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