Die Verrohung der Gesellschaft durch das Militär

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Die „Gorch Fock“ ist der Stolz der deutschen Marine. Wer bei den deutschen Seestreitkräften Offizier werden wollte, hatte mit ihr eine Fahrt zu absolvieren, das war ein ungeschriebenes Gesetz. Seit Ende letzten Jahres fährt das Segelschulschiff ohne Offiziersanwärter nach Deutschland zurück. Eine Kadettin war von der Takelage gestürzt und ihren schweren Verletzungen erlegen. Andere Kadetten hatten daraufhin ihre Angst geäußert, diese Masten nach oben klettern zu müssen. Von Meuterei ist in deutschen Medien die Rede, aber auch davon, dass das Ausbildungspersonal Druck ausgeübt habe, diese Praxis weiter fortzuführen. Ein Offiziersanwärter mit ausgeprägter Höhenangst sei gezwungen worden, auf den höchsten Mast zu klettern, obwohl er dies nicht wollte. „Die Situation sei eskaliert“, heißt es von Seiten der Schiffsführung. Ist es Meuterei, wenn junge Menschen, auch wenn sie eine militärische Laufbahn einschlagen wollen, ihre ureigensten Ängste äußern? Sind sie nicht auch mündige Bürger mit einem Recht auf freie Meinungsäußerung?

Die Politiker betonen immer wieder, dass deutsche Soldaten, welche in Afghanistan eingesetzt sind, einer hohen physischen und psychischen Belastung ausgesetzt sind. Nun wurde bekannt, dass Feldpostbriefe geöffnet wurden und teilweise sogar ohne Inhalt in Deutschland angekommen sind. Interessant daran ist, dass es Briefe einer Einheit sein sollen, die nicht nur in dem deutschen Hochsicherheitslager stationiert ist, sondern sich in direkten Kampfhandlungen befindet. Was also war der Inhalt dieser Briefe? Was berichtetet die Soldaten, was haben sie so gravierendes erlebt, dass es nicht in Deutschland ankommen durfte? Der Bundeswehrminister hat eine umgehende Prüfung zugesichert, auf deren Ergebnis wir gespannt sein sollten und welches dann auch kritisch hinterfragt werden darf. Übrigens, gilt das deutsche Briefgeheimnis für seine Soldaten nicht?

Ein deutscher Soldat, so wurde jetzt bekannt, starb in Afghanistan nicht durch die Taliban, nein, es war ein eigener Kamerad, der ihn erschoss. Ein tragischer Unfall beim Waffen reinigen, sicherlich. Nur, wer sich damit auch nur ein wenig auskennt, weiß, dass es auch für die Reinigung der Waffen exakte Vorschriften gibt, um derartige Unfälle zu verhindern. Das Magazin muss von der Waffe entfernt gelagert werden, es wird vorher überprüft, ob sich im Lauf noch Munition befindet, Waffen werden nie in Richtung der eigenen Kameraden gehalten, sondern immer von diesen entfernt. Der Krieg verroht die Soldaten, diese Binsenweisheit bestätigt sich wieder einmal. Gefühle stumpfen ab, die Sitten werden rauher, die Einhaltung interner Vorschriften wird laxer mit der Zeit. Das Töten, die alltägliche Gefahr verändern die Psyche, und damit auch den Umgang mit den eigenen Leuten, eben auch bei der Bundeswehr am Hindukusch.

Doch nicht nur dort. Warum gab es in der deutschen Öffentlichkeit nicht einen Aufschrei der Empörung, als der Präsident des Niedersächsischen Landtages den Plenarsaal des Hohen Hauses für die Verabschiedung von 250 Soldaten in den Kriegseinsatz zur Verfügung stellte? Warum hat die Presse dies nicht begierig aufgegriffen? Duldung durch Schweigen war die Devise. Die Militarisierung Deutschlands auch im Inneren konnte nicht offener dokumentiert und verdeutlicht werden. „Dieses Beispiel sollte Schule machen“, erklärte der Bundeswehrminister in Hannover. Die Reaktion der Öffentlichkeit sollte keine Schule machen, das Schweigen der Medien ebenfalls nicht.

Wie weit die Infiltrierung des öffentlichen 'Bewusstseins mit militärischem Gedankengut bereits fortgeschritten ist, dass all dies als Normalität angenommen wird ist erschreckend. Dass die Medien darüber emotionslos berichteten, es als alltägliche Nachrichten verkaufen, sollte eine aufrüttelnde Wirkung haben.Ob und wann diese einsetzt, ist auch eine spannende Frage.

12:47 20.01.2011
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Geschrieben von

rolf netzmann

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rolf netzmann

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