Ende der Geheimniskrämerei

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Nun hat Wikileaks sie veröffentlicht, etwa 250.000 Depeschen von US-Botschaften aus aller Welt an das State Department und Antworten, Anweisungen von dort an die US-Vertretungen. Nach dem Veröffentlichen der geheimen Afghanistan Dokumente ist dies der zweite schwere Schlag für die US Regierung innerhalb kurzer Zeit.

Dass es Mitarbeiter in Ministerien gibt, die mit der politischen Ausrichtung nicht einverstanden sind, die vielleicht in vertraulichen Gesprächen mit Journalisten mal das eine oder andere Interna ausplaudern, das haben wir nach Regierungswechseln auch in Deutschland immer wieder erlebt. Eine solche Illoyalität aber, wie es die US Regierung jetzt erleben muss, ist eine weitaus andere Dimension. Und sie kommt zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt für Obama und Clinton, die immer noch an der Niederlage vom 04.11. knabbern. Die Republikaner dürfen sich die Hände reiben, obwohl sie wissen, dass es unter einem Präsidenten Bush nicht anders war. Nur das wird verdrängt. Die jetzt veröffentlichten Depeschen spielen den oppositionellen Republikanern in zweifacher Hinsicht in die Hände.

Erstens, sie beweisen, dass es undichte Stellen in der Regierung gibt, die Zugang zu solchen brisanten Daten besitzen. Das heisst aber auch, dass sie, aus welchen Gründen auch immer, nicht loyal zur Regierung stehen. Weiter gedacht, was passiert da noch hinter dem Rücken der amerikanischen Aussenministerin? Wie weit ist sie, vielleicht, amtsmüde, wie weit hat sie das State Department noch im Griff?

Zweitens sind es die Inhalte der Dokumente, die die Republikaner ausschlachten können. Der deutsche Aussenminister ein politisches Leichtgewicht, bei wichtigen Fragen ist eher der aussenpolitische Berater der Kanzlerin der richtige Ansprechpartner. Die deutsche Kanzlerin, rational, kühl, mit wenig innovativem Mut?

Dass jetzt neben der NEW YORK TIMES, dem GUARDIAN und dem SPIEGEL auch die französische MONDE und die spanische PAIS die Dokumente zur Sichtung und journalistischen Aufarbeitung erhalten haben, ist eine weitere Ohrfeige für die US-Administration. Steht doch zu vermuten, dass auch über die französische und spanische politische Elite wenig schmeichelhaftes nach Washington gemeldet wurde.

Der SPIEGEL hat jedenfalls, so las ich gerstern Abend in dessen Online-Ausgabe, 50 Mitarbeiter das umfangreiche Material sichten lassen und wird es stückweise sowohl in der Printausgabe als auch in der Online-Ausgabe, dort in gekürzter Fassung, veröffentlichen. Wir dürfen gespannt sein, was da noch alles gekabelt wurde.

Vielleicht, und das ist meine Hoffnung, führt das Wissen darum, dass heute nichts mehr geheim gehalten werden kann, dass die Wahrheit irgendwann ans Licht kommt, dazu, dass ein ehrlicherer Stil in der Politik Einzug hält. Es wäre denjenigen, denen die Politiker dienen sollen, dem Volk, zu wünschen. Die Zeit der Geheimdiplomatie, der Geheimniskrämerei, neigt sich jedenfalls dem Ende zu. Das hat Wikileaks wieder einmal bewiesen. Und das ist gut so.

10:42 29.11.2010
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Geschrieben von

rolf netzmann

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rolf netzmann

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