Freie Kreative und der Zwang der Erwerbstätigkeit

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Man schätzt, daß es in Deutschland etwa 50-60Autoren gibt, die allein von ihren Honoraren leben können, genaue Zahlen gibt es nicht. Die anderen Autoren, deren Bücher größtenteils in kleineren Verlagen erscheinen, sind, so sie sich nicht dem Zwang der sozial abgesicherten Erwerbsarbeit unterwerfen, nebenbei noch Schauspieler in kleinen Off-Theatern, Musiker, Sänger...Und es gibt, und das ist die Mehrheit der in Deutschland verlegten Autoren , diejenigen, die in "seriösen" Berufen arbeiten und Schreiben als Hobby betreiben. Das aber bringt für diejenigen unweigerlich irgendwann Probleme, weil es ihre Kreativität einschränkt, schon zeitlich. Während ein Autor, der sich für das Abenteuer " Freier Autor" ohne die Absicherung durch einen Arbeitgeber entscheidet, jeden Tag an einem Werk arbeiten kann, ist dies für Hobby Autoren nur sehr eingeschränkt möglich. Nun gibt es immer noch Städte, Stiftungen, auch Literaturhotels beispielsweise, die jungen Autoren Stipendien gewähren, um diese zu fördern. Nur heisst dies für die Autoren auch wieder, eine feste Arbeitsstelle aufzugeben, ohne zu wissen, ob sie später wieder darin Fuß fassen können. Pablo Herrmann schreibt im aktuellen Freitag, dass 80% der freischaffenden Künstler nicht mehr als 11.000 Euro/Jahr verdienen und damit an der Grenze des Existenzminimums leben. Dass dies so manchen, der seine Kreativität gern mehr entfalten möchte, abschreckt, seinen besser bezahlten Arbeitsplatz dagegen einzutauschen, ist verständlich, auch wenn es für so manchen kreativen Lohnarbeiter eine Gratwanderung darstellt, sich den Zwängen des alltäglichen Berufslebens unterzuordnen und sich in der Freizeit kreativ zu entfalten. Wie wäre dieses Dilemma zu lösen?

Möglich wäre, wie Pablo Herrmann es vorschlägt, kreativen Künstlern eine finanzielle Grundsicherung zu gewähren, wenn diese sich dafür in die Gesellschaft aktiv einbringen. Dabei denke ich an Lesungen in Kindergärten oder Schulen, an Kurse für schreibinteressierte Jugendliche, in denen die Autoren ihre Erfahrungen weitergeben, Lesungen in Seniorenheimen und andere Möglichkeiten. Kultur ist im föderalen Deutschland Sache der Länder, doch diese streichen in Zeiten knapper Kassen gerade bei dieser gnadenlos zusammen. Dass Kultur zur öffentlichen Daseinsvorsorge gehört wie Müllabführ oder Wasserversorgung, das kapieren die Politiker nicht. Die Schließung von Bibliotheken und Kultureinrichtungen gehört nicht nur in den Berliner Bezirken zum Standardrepertoire der zum Sparen verurteilten öffentlichen Hand. Dass diese einseitige Betrachtungsweise es auch den freien Kreativen, die ja ein Publikum suchen (Applaus ist der Literaten Brot),die für ein Publikum arbeiten, schwer macht, lässt sich den politisch Verantwortlichen nur schwer vermitteln. "Wir können uns nicht alles leisten", ist dann das Argument. So entwickelt sich in unserem Land der Dichter und Denker eine Mehr-Klassen - Kultur, für die Elite, die Mittelschicht und die Brosamen bleiben für den Rest übrig. So lässt sich auch die Klasse der Künstler unterteilen, die Elite der Etablierten, die Masse der beispielsweise Schauspieler an staatlich finanzierten Theatern und diejenigen, die mit viel Enthusiasmus in Off-Theatern auftreten, auf Lesebühnen ihre Texte vortragen und am nächsten Tage wieder im Büro sitzen oder am Fließband stehen. Nur ist dies etwas, wovon dieses Land auch mit lebt, ein Potential, das brachliegt, in dem Talente verkümmern, weil sie nicht entdeckt werden.

Wie ein Land mit seiner Kultur umgeht, zeigt viel über den innerern Zustand dieses Landes, heißt es. Wenn wir als Kultur nicht nur die Festspiele in Bayreuth nehmen, bei der die Politik den Hochadel und das Showbiz die Großindustrie zum Sektempfang trifft, sondern auch die Kultur der Niederungen einbeziehen, dann sieht es nicht so gut aus für unser Land. Nur werden die Vorschläge Pablo Herrmanns verhallen, weil gar kein Interesse daran besteht, sie umzusetzen. Solange aber wird auch so mancher Hobby-Kreative weiter jeden Morgen sich in die Mühlen der Erwerbsarbeit begeben, anstatt seine Kreativität ausleben zu können und damit auch etwas für dieses Land zu geben.

P.S. Es steckt auch selber Erlebtes und Erfahrenes in diesen Zeilen.

19:50 16.08.2010
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Geschrieben von

rolf netzmann

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rolf netzmann

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