rolf netzmann
16.08.2010 | 19:50 12

Freie Kreative und der Zwang der Erwerbstätigkeit

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied rolf netzmann

Man schätzt, daß es in Deutschland etwa 50-60Autoren gibt, die allein von ihren Honoraren leben können, genaue Zahlen gibt es nicht. Die anderen Autoren, deren Bücher größtenteils in kleineren Verlagen erscheinen, sind, so sie sich nicht dem Zwang der sozial abgesicherten Erwerbsarbeit unterwerfen, nebenbei noch Schauspieler in kleinen Off-Theatern, Musiker, Sänger...Und es gibt, und das ist die Mehrheit der in Deutschland verlegten Autoren , diejenigen, die in "seriösen" Berufen arbeiten und Schreiben als Hobby betreiben. Das aber bringt für diejenigen unweigerlich irgendwann Probleme, weil es ihre Kreativität einschränkt, schon zeitlich. Während ein Autor, der sich für das Abenteuer " Freier Autor" ohne die Absicherung durch einen Arbeitgeber entscheidet, jeden Tag an einem Werk arbeiten kann, ist dies für Hobby Autoren nur sehr eingeschränkt möglich. Nun gibt es immer noch Städte, Stiftungen, auch Literaturhotels beispielsweise, die jungen Autoren Stipendien gewähren, um diese zu fördern. Nur heisst dies für die Autoren auch wieder, eine feste Arbeitsstelle aufzugeben, ohne zu wissen, ob sie später wieder darin Fuß fassen können. Pablo Herrmann schreibt im aktuellen Freitag, dass 80% der freischaffenden Künstler nicht mehr als 11.000 Euro/Jahr verdienen und damit an der Grenze des Existenzminimums leben. Dass dies so manchen, der seine Kreativität gern mehr entfalten möchte, abschreckt, seinen besser bezahlten Arbeitsplatz dagegen einzutauschen, ist verständlich, auch wenn es für so manchen kreativen Lohnarbeiter eine Gratwanderung darstellt, sich den Zwängen des alltäglichen Berufslebens unterzuordnen und sich in der Freizeit kreativ zu entfalten. Wie wäre dieses Dilemma zu lösen?

Möglich wäre, wie Pablo Herrmann es vorschlägt, kreativen Künstlern eine finanzielle Grundsicherung zu gewähren, wenn diese sich dafür in die Gesellschaft aktiv einbringen. Dabei denke ich an Lesungen in Kindergärten oder Schulen, an Kurse für schreibinteressierte Jugendliche, in denen die Autoren ihre Erfahrungen weitergeben, Lesungen in Seniorenheimen und andere Möglichkeiten. Kultur ist im föderalen Deutschland Sache der Länder, doch diese streichen in Zeiten knapper Kassen gerade bei dieser gnadenlos zusammen. Dass Kultur zur öffentlichen Daseinsvorsorge gehört wie Müllabführ oder Wasserversorgung, das kapieren die Politiker nicht. Die Schließung von Bibliotheken und Kultureinrichtungen gehört nicht nur in den Berliner Bezirken zum Standardrepertoire der zum Sparen verurteilten öffentlichen Hand. Dass diese einseitige Betrachtungsweise es auch den freien Kreativen, die ja ein Publikum suchen (Applaus ist der Literaten Brot),die für ein Publikum arbeiten, schwer macht, lässt sich den politisch Verantwortlichen nur schwer vermitteln. "Wir können uns nicht alles leisten", ist dann das Argument. So entwickelt sich in unserem Land der Dichter und Denker eine Mehr-Klassen - Kultur, für die Elite, die Mittelschicht und die Brosamen bleiben für den Rest übrig. So lässt sich auch die Klasse der Künstler unterteilen, die Elite der Etablierten, die Masse der beispielsweise Schauspieler an staatlich finanzierten Theatern und diejenigen, die mit viel Enthusiasmus in Off-Theatern auftreten, auf Lesebühnen ihre Texte vortragen und am nächsten Tage wieder im Büro sitzen oder am Fließband stehen. Nur ist dies etwas, wovon dieses Land auch mit lebt, ein Potential, das brachliegt, in dem Talente verkümmern, weil sie nicht entdeckt werden.

Wie ein Land mit seiner Kultur umgeht, zeigt viel über den innerern Zustand dieses Landes, heißt es. Wenn wir als Kultur nicht nur die Festspiele in Bayreuth nehmen, bei der die Politik den Hochadel und das Showbiz die Großindustrie zum Sektempfang trifft, sondern auch die Kultur der Niederungen einbeziehen, dann sieht es nicht so gut aus für unser Land. Nur werden die Vorschläge Pablo Herrmanns verhallen, weil gar kein Interesse daran besteht, sie umzusetzen. Solange aber wird auch so mancher Hobby-Kreative weiter jeden Morgen sich in die Mühlen der Erwerbsarbeit begeben, anstatt seine Kreativität ausleben zu können und damit auch etwas für dieses Land zu geben.

P.S. Es steckt auch selber Erlebtes und Erfahrenes in diesen Zeilen.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (12)

Katharina N. 17.08.2010 | 00:38

Natürlich, denke ich, gibt es unter den Hobby-Autoren sicherlich eine Unzahl unendeckter Talente, deren Werke im schlimmsten Fall ungelesen in Schubläden und Schuhkästen verstauben. Anderenfalls gibt es auch Hobby-Autoren, deren Texte man nicht gerade als Bereicherung unserer Kultur betrachten kann, die jedoch trotzdem gut sind und ein zuhörendes Publikum bzw. eine Leserschaft verdient haben. Wenn man bedenkt, dass auf der Frankfurter Buchmesse im Jahr 2009 immerhin 120.000 Neuerscheinungen vorgestellt wurden (2008 waren es ca. 94.000), kann man wahrscheinlich von überwiegend etablierten Autoren sprechen, wobei nicht zu vergessen ist, dass zig gedruckte Werke den Weg in den Reißwolf finden, da sie nicht verkauft werden. Jeden Hobby-Autor aber nun in seiner Kreativität zu unterstützen, indem er eine Grundsicherung erhalten soll um sich zu entfalten, halte ich für übertrieben. Auf dem Markt der sich zu tausenden tummelnden Autoren herrscht auch eine große Konkurrenz und wie woanders auch, setzt sich Qualität durch, gepaart mit guten Verbindungen und viel Glück.So hart dies für alle Talente sein mag. Im Übrigen habe ich große Achtung für diejenigen Autoren, die nicht aufgeben und auf Kleinbühnen, Altersheimen oder ähnlichen Einrichtungen ihre Werke vortragen...

rolf netzmann 17.08.2010 | 04:49

Katharina, ich meinte nicht nur Autoren, sondern auch die Schauspieler der kleinen Off-Bühnen, die Musiker und Drehbuchautoren, die die Kleinkunstszene ausmachen, diejenigen, die nicht im etabllierten Kunstbetrieb etwas produzieren, was nicht dem Mainstrem entspricht. Und ich bleibe dabei, dass es so manchen kreativen Kopf abschrecken wird, einen besser bezahlten Job aufzugeben, um als freier Kreativer sich irgendwie über Wasser zu halten, obwohl er es vielleicht gerne möchte, weil es seinem Lebensgefühl und seinen Bedürfnissen, wie er leben möchte, vielleicht mehr entsprechen würde und er als einMensch und Persönlichkeit glücklicher wäre.....

oxnzeam 17.08.2010 | 14:36

Wenn du dem 'freien Künstler' ein Grundeinkommen nur als Gegenleistung für Bürgerarbeit gewähren willst, ist das ja auch nix anderes als ein 'Zwang zur Erwerbstätigkeit'. Gesellschaftlich ist Kulturarbeit 'an der Basis' natürlich sehr wichtig, aber wenn ich regelmäßig VHS-Kurse oder Altenheim-Lesungen abhalten (muss), kann ich nicht mit meinem Off-Theater oder meiner Jazzband touren, mich nicht voll in meinen Roman oder Filmprojekt reinhängen. Eine Verpflichtung zur Kultur-Bürgerarbeit wäre für viele originär-schöpferische Künstler auch deshalb kontraproduktiv, weil damit i.d.R. eine Notwendigkeit zur Simplifizierung ästhetischer Zusammenhänge, zu einer 'Volksannäherung' seines künstlerischen Denkens einherginge; sowas kann man dann allerdings den Millionen Hobby-Künstlern überlassen, denen das nix ausmacht, weil sie eh nicht mehr draufhaben ;-)

Katharina N. 17.08.2010 | 17:28

@ rolf
Die Kernaussage des Beitrags kam bei mir an. Dahingehend korrigiere ich meine Aussage, dass ich Achtung vor allen Kleinkünstlern, die nicht aufgeben, habe.
Obwohl doch das Dilemma über das Schaffen und Wirken von Kleinkünstlern sowie Hobby-Kreativen in der Kleinkunstszene überwiegend bekannt ist, finde ich es sehr lobenswert, mit einem Blog explizit darauf aufmerksam zu machen. Trotzdem möchte ich an dieser Stelle erwähnen, dass nicht nur kreativen Köpfen das Schicksal ereilt, sich mit einer ungeliebten Erwerbstätigkeit über Wasser zu halten. Wohl dem, der finanziell soweit abgesichert ist, seinem Lebensgefühl und seinen Bedürfnissen nachgehen zu können...

@oxnzeam
...kann hier nur zustimmen

Joachim Petrick 18.08.2010 | 04:28

Hallo rolf netzmann,
so enagiert wie gelungen dieser Beitrag sinnend klingt, fehlt diesem doch die Komponete der Offensive zu der dieser mich dankenswerter Weise auf meiner Reise in unsere gesellschaft als Kultur angesitftet:

www.freitag.de/community/blogs/joachim-petrick/kultureinkommen-als-gesellschaftliches-grund--ausgeh-einkommen

18.08.2010 | 02:16
Kultureinkommen als gesellschaftliches Grund- Ausgeh- Einkommen
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Kultureinkommen als gesellschaftliches Grund- Zugeh- ud Ausgeh- Einkommen

tschüss
JP