Fussballfans -- auf dem Altar geopfert

Sicherheitskonzept Wie DFB und DFL Hunderttausende Fans als Chaoten stigmatisieren lassen
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Ganz Gallien ist von den Römern besetzt. Ganz Gallien? Nein, ein kleines Dorf leistet hartnäckigen Widerstand. Wer kennt sie nicht, die Geschichten von Asterix, Obelix und Idefix?
Nun nennen die Clubchefs der Zweitligavereine Union Berlin und FC St. Pauli keinen Druiden ihren Freund, der einen Zaubertrank brauen kann. Doch auch sie führen gegen die Legionen des DFB, der DFL und der deutschen Politik einen Kampf, in dem die anderen 34 deutschen Proficlubs längst die Waffen gestreckt haben.
Und es ist der Sprachgebrauch der Berufspolitiker, der aus den Verlautbarungen der Vollversammlung der Deutschen Fussball-Liga spricht. "Mit großer Mehrheit" sei Einigkeit erzielt worden, so Ligapräsident Rauball.
Deutlicher wurde der Präsident von Union Berlin. "Es gibt keinerlei Veranlassung, sich einem wodurch auch immer motivierten politischen Druck zu beugen und zum jetzigen Zeitpunkt symbolisch eine Handlungsfähigkeit unter Beweis zu stellen, die überhaupt nie infrage stand. Von Seiten der Innenminister erwarte ich, dass verbal abgerüstet wird und ungerechtfertigte Drohungen, die die Autonomie der Verbände angreifen, unterbleiben."
Nur die Unioner und Paulianer lehnten alle 16 Anträge geschlossen ab. Das bedeutet aber keine inhaltliche Ablehnung, sondern eine Autonomie, die sich beide Kiez-Clubs bewahren wollen. Einer Vereinnahmung durch die Politik widersetzen sie sich.
Stadionkontrollen, Reduzierungen der Kartenkontingente für Gastmannschaften, keine Pyrotechnik im Stadion, es sind nur einige der Punkte, die nicht nur echte Fans protestieren lassen. Die Vorrangschaltung der Videoüberwachung für polizeiliche Zwecke ist in mehrfacher Hinsicht ein heikles Thema. Nicht nur aus Datenschutzgründen ist sie mehr als diskussionswürdig. Die nach allgemeiner Einschätzung 99% friedlichen Fussballfans müssen hier das Gefühl einer versuchten Kriminalisierung bekommen.
Stimmt es wirklich , was im Folgenden geäußert wird? "Es war höchste Zeit, dass der zunehmenden Gewalt in und um deutsche Fußball-Stadien mit konkreten Maßnahmen begegnet wird. Die Richtung, die die DFL jetzt einschlägt, ist nachvollziehbar", erklärte der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft Rainer Wendt. Der Funktionär hatte den Druck massgeblich mit aufgebaut, indem er 50 Mio Euro von DFB und DFL pro Saison für Polizeieinsätze forderte, falls die Verbände nicht eigenständig verschärfte Maßnahmen nach den Vorgaben der Politik beschließen.
In der abgelaufenen Saison besuchten 18,7 Millionen Menschen die 612 Spiele der 1. und 2. Bundesliga. 1142 Verletzte bedeuten genau 0,006.% der Besucher Die prozentuale Zahl der Verletzten liegt bei jedem Münchner Oktoberfest höher als in einer kompletten Fussballsaison.
Hunderttausende Fans werden durch die Worte des Polizeigewerkschafters jedes Wochenende unter den Generalverdacht der Gewaltbereitschaft gestellt. Fussballvereine werden unter die Kuratel deutscher Innenpolitiker gezwungen, die nach einer Serie von Pannen im Kampf gegen den organisierten Rechtsextremismus Erfolge vorweisen wollen.
Und es ist kein Zufall, dass zwei Fussball Clubs, die sich seit Jahren gegen den alltäglichen Rassismus engagieren, diesen 16 Punkten ihre Zustimmung verweigern. So hat der 1. FC Union Berlin vor kurzem einen hauptamtlichen Integrationstrainer eingestellt. Dessen Aufgabe besteht darin, die neu verpflichteten Spieler auch außerhalb des Platzes, zum Beispiel bei Behördengängen, zu begleiten.
Nie in den letzten Jahren ist die Politik so unnachgiebig gegen die rechte Szene vorgegangen wie jetzt gegen überwiegend friedliche Fussballfans. Mit Millionen von Steuergeldern, gezahlt an V-Männer, wurde der Aufbau militanter Neonazi-Strukturen sogar indirekt unterstützt.
Um so unverständlicher wirken die Drohgebärden der Innenpolitiker gegen die Fussballvereine und deren Verbände sowie die bewusste Stigmatisierung der Fans als gewaltbereite Chaoten. Die Realität sieht anders aus, auch wenn der Fussball schon immer von Gewalttätern missbraucht wurde. Doch statt diesem perfiden Missbrauch geschlossen die rote Karte zu zeigen, sieht die Politik eine willkommene Gelegenheit, Stärke und Handlungsfähigkeit zu demonstrieren.
Was am Mittwoch in Frankfurt passierte, war der Kotau der Fussballfunktionäre vor den Innenministern von Bund und Ländern.
Dabei belief sich die Wertschöpfung des deutschen Fussballs bereits 2007/20008 auf insgesamt 5,1 Mrd. Euro. Das sind mehr als die gesamte Textilindustrie an Wertschöpfung produzierte. 1,7 Mrd. Euro nahm der deutsche Fiskus in dieser Saison an Steuern ein. Und insgesamt 110.000 Arbeitsplätze in Voll- und Teilzeit bestanden zu dieser Zeit im deutschen Fussball, für die Sozialabgeben gezahlt wurden. Das hat damals im Auftrag der DFL die renommierte Unternehmensberatung McKinsey ermittelt.
Heute zählt der DFB mehr als 6,8 Mio Mitglieder und seine Bedeutung für eine aktive Freizeitgestaltung geht weit über die aktive sportliche Betätigung hinaus. Sie schließt die "passiven" Fans, die Woche für Woche in die Stadien strömen, genauso mit ein. Und diese haben DFB und DFL auf dem Altar der Harmonie mit der Politik bewusst geopfert.
Als Fazit bleibt. Der deutsche Fussball ist ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor und hat einen solchen Kotau überhaupt nicht nötig.
Wer ihn dennoch vollzieht, legitimiert die Politik der Diskriminierung und Kriminalisierung der eigenen Fans. Ohne diese wäre der Fussball aber eine unbedeutende Randsportart, an der weder alle großen TV-Sender noch die Werbung Interesse hätte.
Und so werden Unioner und Paulianer weiter den Kampf gegen die übermächtigen Legionen führen und vielleicht gesellt sich zu ihnen ja doch noch ein Druide, der den Zaubertrank der Vernunft und des Augenmaßes brauen kann. Den können die unbeugsamen Kämpfer dann sogar verschenken.
20:55 14.12.2012
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Geschrieben von

rolf netzmann

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rolf netzmann

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