Happy Birthday, ENGERLING

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Spricht man von Blues made in GDR, so wird man an einer Band nicht vorbeikommen, die in diesem Jahr ihr 35-jähriges Bühnenjubiläum feiert – Engerling.1975 in Berlin-Ost als Amateurband von dem Sänger, Keyborder und Mundharmonikaspieler Wolfram Boddi Bodag als Amateurband namens Engerling Blues Band gegründet, mischte sie von Anfang an Elemente des Blues mit denen von Rock und Soul und schuf so ihren eigenen Stil.

Neben Monokel, Stefan Diestelmann oder dem Erfurter Jürgen Kerth wurde sie zu einem festen Bestandteil der DDR-Bluesszene und auch bald eine professionelle Gruppe. Wolfram Bodag und der Gitarrist Heiner Witte absolvierten eine Ausbildung an der Musikschule in Berlin-Friedrichshain, alles anderen Bandmitglieder, die Besetzung wechselte mehrfach im Laufe der Jahre, waren Autodidakten.

Nach 1990 wurde die Gruppe auch international bekannt, weil die amerikanische Rocklegende Mitch Ryder auf sie aufmerksam wurde und sie schließlich für Europatourneen als Begleitband engagierte. So traten sie seit 2004 zusammen nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Schweiz, Österreich, Belgien, Frankreich und Spanien auf und spielten mehrere CD-s zusammen ein. Ryders Song Aint nobodywhite can sing the bluesgehört seit Jahren zum festen Programm der „Engerlinge“.

Ein weiterer Titel, der auf keinem Konzert fehlen darf, ist Mama Wilson, der sich mit dem Tod des amerikanischen Bluesmusikers Alan Wilson beschäftigt, der 1970 ums Leben kam.

Am Samstagabend nun stand Engerling auf der Bühne des Kesselhauses in der Berliner Kulturbrauerei, zusammen mit vielen Gästen. Es war ein geiles Konzert, es bot alles, was Engerling-Fans das Herz höher schlagen lässt. Als Opener begannen sie mit Moll´s Party, einem ihrer Klassiker. Es folgte das die 1989 – er Ereignisse reflektierende Herbstlied, rockig, bissig und mit der unverwechselbaren Stimme von Wolfram Bodag. Boddi war wie immer der Chef auf der Bühne, er dirigierte seine Musiker, gab gewohnt souverän die Kommandos, stellte die Gäste vor und plauderte ein wenig, erzählte Anekdoten und kleine Geschichten.

Ja, Gäste hatten die Engerlinge einige eingeladen. Zwischenzeitlich hieß die Band ja mal „Engerling Salon Orchester“, weil sie einen Geiger in ihren Reihen hatte. So wurden sie in DDR Nobelhotels eingeladen, weil die dort Verantwortlichen von Salonmusik ausgingen. Es legte sich schnell wieder, Engerling gehörte vor Fans mit Kutte und langen Haaren, mit der Bierflasche in der Hand, bis heute. Geigus jedenfalls lebt heute als Zahnarzt in Südafrika und ließ es sich nicht nehmen, beim Berliner Konzert dabei zu sein.

Friedemann Schulz, ein Drummer aus gemeinsamen Produktionen, trommelte zusammen mit dem eigentlichen Engerling-Drummer Hannes Schulze. Spektakulär stimmen die beiden sich ab, ehe sie gemeinsam ihre Schlagzeuge bearbeiten, das Publikum johlt.

Lutz Kerschowski und Hans-Eckhard Wenzel kommen auf die Bühne, sie spielen einen neuen Titel „Alles Krise“, bissig, ironisch, einfach klasse.Dass Kerschowski, der seit 1990 als Gitarrist für Rio Reiser spielte, seit 1996 dessen künstlerischen Nachlass betreut, soll hier nicht unerwähnt bleiben.

Micha Linke von "Monokel" durfte natürlich nicht fehlen, auch er gratulierte mit einem Soloauftritt und verlangte seiner Gitarre alles ab.

Basti Baur von „Knorkator“, Steffi Breiting und Tobias „Tobi“ Hillig, die Bühne füllt sich, streckenweise sind es sechs Gitarristen, die ihre Klampfen bearbeiten.

Als dann auch noch Frank Diez die Bühne betritt, ist die Stimmung im Saal am Kochen. Diez, der für Peter Maffay und Udo Lindenberg spielte, mit Little Richard und Inga Rumpf Songs aufnahm, ist ein Ausnahmemusiker. Der Moderator des Abends, Olaf Leitner, (Ex-RIAS-Treffpunkt), erzählte die Story, wie Frank Diez ein Tape nach Jahren wieder in die Hand nahm, welches Aufnahmen von ihm mit Jimmi Hendrix enthielt. Dieses Tape, eine Kostbarkeit, zerbröselte unter seinen Händen und war nicht wieder herzustellen. Diez rockte zusammen mit den anderen Musikern, hatte seinen Soloauftritt, allen war die Spielfreude, der Spaß, anzumerken.

Überhaupt war der Abend eher von Rockmusik als von Blues geprägt, nur wenn die Engerlinge ihre alten Hits intonierten, kam der Blues auf die Bühne.

Als Wolfram Bodag die ersten Takte des legendären Muschelliedes anstimmte, hätte ich gern ein Feuerzeug angezündet. Schwermütig sang ich mit, die Gitarristen auf der Bühne hatten ihre Soloauftritte, alle Musiker des Abends kamen noch einmal zusammen, es war einfach grandios, nach mehr als drei Stunden.

Die unvermeidbare Zugabe und der Narkose Blues, die Band und ihre Fans vereint, unbeschreiblich. Ein Abend ging zu Ende, der mehr als nur ein Konzert war, es war Musik, die mich seit mehr als 25 Jahren immer wieder begleitet und begeistert. Die Engerlinge auf der Bühne, das bedeutet auch nach 35 Jahren immer noch Improvisieren, der Schluck aus der Bierflasche, die Kommunikation mit dem Publikum, eine gemeinsame Party feiern.

Fast 4 Stunden dauerte diese Party, nach 3 Zugaben war erst Schluss.

HAPPY BIRTHDAY, ENGERLING.

10:47 22.11.2010
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Geschrieben von

rolf netzmann

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rolf netzmann

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