In Memoriam, Mr. Phantasy

Boris Strugatzki Was bleibt von dem Brüderpaar Strugatzki nach dem Tod von Boris?
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In Memoriam, Mr. Phantasy
Eine Szene aus "Inhabited Island", einer Strugatzki-Verfilmung

Screenshot: der Freitag / YouTube

In Memoriam, Mr. Phantasy

Sie stehen immer noch bei mir im Bücherschrank. Nur das bekannteste Werk des Bruderpaares fehlt. "Picknick am Wegesrand", das Buch, das Andrej Tarkowski als Vorlage für seinen Film "Stalker"diente.
Mehr als 50 Millionen beträgt die Gesamtauflage ihrer Bücher, die in mehr als 30 Sprachen übersetzt wurden.
Vorgestern ist der zweite der Brüder, Boris Strugatzki, gestorben. Seinen Bruder und Partner Arkadi hat er 21 Jahre überlebt. In dieser Zeit veröffentlichte er noch zwei Bücher und mischte sich intensiver als früher in gesellschaftliche Diskussionen ein. Mit dem inhaftierten Putin-Kritiker und ehemaligen Ölmagnaten Chodorkowski führte er einen langanhaltenden und intensiven Briefwechsel. Und er erhob seine Stimme gegen die Entwicklung in seiner Heimat Russland, gegen diktatorische Tendenzen und Unterdrückung, für Meinungsfreiheit und eine lebenswerte Umwelt.
Damit blieb er sich selber treu. Schon in den Büchern des kongenialen Bruderpaares dominiert keine rasante Action. Wie der unvergessene Stanislaw Lem stellen sie immer wieder die Frage nach dem Sinn des Lebens und kritisieren gekonnt und versteckt die Verhältnisse in der damaligen Sowjetunion. Die Wegbereiter phantastischer Literatur verpackten philosophische und ethische Fragen in eine Handlung auf erdachten Welten, ohne dabei den Bezug zu der sie umgebenden Realität zu verlieren.
Im Gegensatz zu Sergej Snegows Trilogie "Menschen wie Götter" hinterfragen sie mit literarischen Mitteln die Sinnhaftigkeit herrschender Realität. Snegows Bücher handeln auf der Erde, 500 Jahre nach dem endgültigen Sieg des Kommunismus. Diese Linientreue, diese Akzeptanz des Faktischen, ist den Strugatzkis immer fremd gewesen. Sie nutzten das Genre Phantastik als Mittel des Infragestellens der Realität. Wie der Pole Lem waren sie zwar eingebunden in den "real existierenden Sozialismus", sie hatten ihre Freiheiten und waren doch Gefangene einer unfreien Gesellschaft. So wurde ihr Buch "Das Experiment" erst nach dem Zerfall der Sowjetunion veröffentlicht.
Die Strugatzkis werden Literaturfans wegen ihres feinsinnigen Humors, ihrer Beobachtungsgabe und geschliffenen Sprache in Erinnerung bleiben. Sie waren Pioniere einer neuen Art des Schreibens in der Sowjetunion. Die Verwendung unterschiedlicher Stile und deren Vermischung miteinander waren neu in der poststalinistischen Literatur.
Ein mehrfach in ihren Werken auftauchendes Konzept ist das eines erhofften oder thesenhaft in den Raum gestellten sprunghaften Aufstiegs des Homo sapiens zu einem Hypermenschen („vertikaler Progress“). Es werden sowohl Vor- als auch Nachteile einer „neuen“ Supermenschenrasse erörtert. Hier zeigt sich deutlich die philosophische Tiefe ihres Schreibens, so wie in Lems Roman "Der Unzerstörbare".
Ihr umfangreiches Werk in teilweise miteinander konkurrierenden deutschen Übersetzungen wird bleiben. So wie die Erinnerung an ein Brüderpaar, das sich gegenseitig immer wieder zu gemeinsamen Höchstleistungen getrieben hat und sich nie vereinnahmen ließ.
In Memoriam, Mr. Phantasy Boris Strugatzki.
12:42 21.11.2012
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Geschrieben von

rolf netzmann

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