Kaputtgespart auf Kosten der Sicherheit

S-Bahn Berlin Wie ich immer wieder erlebe, wie wichtig der Berliner S-Bahn ihre Fahrgäste sind
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Es war gestern Abend. Dösend saß ich mit einigen anderen Fahrgästen im Abteil eines Berliner S-Bahnzuges, als die Stimme des Triebwagenführers uns aufschreckte. Ruhig informierte er, dass der Regen inzwischen so stark sei, dass seine Scheibenwischer es nicht mehr schaffen, für klare Sicht zu sorgen. Im Interesse seiner eigenen und der Sicherheit seiner Fahrgäste müsse er darum jetzt die Geschwindigkeit reduzieren, weil er die Strecke nicht mehr einsehen könne. Und so schlich der Zug fortan im Schneckentempo von Bahnhof zu Bahnhof.
Nur einen Tag vorher war ein Zug der Linie 25 im Berliner Nordosten entgleist. 6 leicht Verletzte und viele unter Schock stehende Passagiere waren die Folge dieses Unglücks. Noch ist unklar, wie es zu diesem Unglück kommen konnte, auch das Eisenbahnbundesamt ist in die Ermittlungen eingebunden.

Wer wie ich jeden Tag das meist frequentierte öffentliche Verkehrsmittel der Hauptstadt benutzt, kann ein Lied von den täglichen Problemen singen, die die S-Bahn ihren Benutzern bereitet. Dass der Fahrplan schon bei seiner Drucklegung nur Makulatur darstellt, ist dabei noch das geringste Übel.
Züge werden auf Bahnhöfen einfach mal ausgetauscht und die Passagiere warten lange auf bereitgestellte Anschlussverbindungen. Verspätungen von 10 - 15 Minuten sind genauso normal wie plötzliche Zugausfälle, die wartende Menschenmassen auf den Bahnhöfen zur Folge haben.

Dazu kommt eine äusserst mangelhafte Information der Fahrgäste. Auf Nachfragen erlebe ich immer wieder eine ruppige, unfreundliche und abweisende Art der Bahnmitarbeiter, die mir das Gefühl vermittelt, dass ich sie störe. Auch andere S-Bahnnutzer empfinden dies so.

Kaputtgespart, mit diesem einen Wort lässt sich die Geschäftspolitik der zum bundeseigenen DB-Konzern gehörenden Berliner S-Bahn definieren. Ausgequetscht wie eine Zitrone, um die Rendite des Unternehmens zu erhöhen, wurden die Sicherheit und der Service geopfert.

Gestern Abend beschlich mich ein mulmiges Gefühl nach der Ansage des Triebwagenführers. Wie sicher ist die S-Bahn noch? 382,8 Millionen Fahrgäste beförderte sie 2011. Im Jahre 2009 führte sie 87 Millionen Euro Gewinn an ihren Mutterkonzern, die Deutsche Bahn AG, ab.

Und die 331, 5 Kilometer Streckennetz, die 166 Bahnhöfe und die 15 betriebenen Linien ( Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/S-Bahn_Berlin ), verkommen immer mehr.

Vermutungen, dass das Zugunglück auf eine uralte Weiche zurück zu führen ist, verstärken nur das Gefühl der Unsicherheit.
Anstatt die Gewinnabführung, die auch noch steuerlich alimentiert wird, 2009 mit rund 232 Millionen Euro Beihilfemitteln vom Land Berlin, weiter auszubauen, sollten diese Gewinne besser in dringend notwendige Maßnahmen zur Erhöhung der technischen Sicherheit, der Pünktlichkeit und der Modernisierung des Wagenparks investiert werden.
Fast 400 Millionen Fahrgäste im Jahr dürfen dies bei ständig steigenden Fahrpreisen ohne Zweifel erwarten.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

rolf netzmann

life is illusion, adventure, challenge...but not a dream
Schreiber 0 Leser 1
rolf netzmann

Kommentare 1