nazis raus--- nur wohin

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Nazis raus, diesen Ruf hören wir immer wieder. Auf allen Konzertmitschnitten der Toten Hosen, auf Demos gegen rechte Gewalt oder angesprüht an Häuserwände. Nur, wohin sollen die Nazis verschwinden?
Es gibt in Deutschland eine Vielzahl an Initiativen gegen Nazis, staatlich unterstützte Ausssteigerprogramme, Konzerte linker Bands, Jugendarbeit auf lokaler Ebene, Fussballvereine unternehmen viel , um keine Nazis in ihren Stadien zu erleben.
Nazis raus, ein Ruf, der mir zu kurz greift. Was bezeichnet er, die rechten Schläger in Bomberjacken und Springerstiefeln, die " linke Zecken", jagen und krankenhausreif prügeln?
Der alltägliche Nazismus sitzt doch längst schon in der Mitte der Gesellschaft.
Dass diese Bundesrepublik auch von Nazis aufgebaut wurde, kann heute keiner mehr bestreiten. Der Bundesnachrichtendienst entstand aus der Organisation Gehlen, Reinhard Gehlen war General bei den " Fremden Heeren Ost" der Nazi-Aufklärung. Hans Globke diente als deutscher Beamter treu unter Hitler und Adenauer und verwies immer darauf , dass er nie NSDAP-Mitglied war. Dass er misstrauisch beäugt wurde von den Nazis und sie seine Fähigkeiten schätzten, ihn als Mensch aber für unzuverlässig hielten, das verschweigt er. Und dass mit Hans Filbinger ein Mann, der noch im April 1945 als Marinerichter Todesurteile gegen Befehlsverweigerer aussprach, Ministerpräsident werden konnte , zeigt, dass dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte nie aufgearbeite wurde.
Übrigens , die NDPD, die Nationaldemokratische Partei Deutschlands, eine der DDR-Blockparteien, wurde als
politische Heimat für Mitläufer des Nazi Regimes gegründet, um diese politisch in das DDR-System zu integrieren.

Nazis raus, es klingt gut und ist notwendig, nur dazu bedarf es mehr als nur dieses Rufes. Immer wieder ist es
rechten Parteien gelungen, bei Wahlen so viele Stimmen zu erhalten, dass sie es in Landtage schafften, die Republikaner in Baden-Würtemberg, die DVU in Bremen, Sachsen Anhalt und Brandenburg, die NPD in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern, wo sie heute noch in Fraktionsstärke vertreten sind . Von den 12 Berliner BVV
sitzen in einem Drittel, also in 4, Verordnete rechter Parteien, 3 x NPD, einmal Republikaner.
Diese Fraktionen erhalten, ganz legal, Geld vom Staat für ihre Arbeit, die Parteien erhalten Wahlkampfkostenrückerstattung nach geltenden Gesetzen. Damit unterstützt der Staat, gezwungenermassen, die Verbreitung rechten Gedankengutes.
Nur, solange es genug Wähler gibt, die ihr Kreuz bei diesen Parteien machen, sie in Parlamente hieven und für salonfähig halten, sind wir von Nazis raus weit entfernt. Und dieser Zustand verdeutlicht, dass rechtes Gedankengut längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist und es nicht nur die dumpfen Schläger sind, die es symbolisieren. In der ersten NPD-Fraktion des Sächsischen Landtages sassen ein Fahrlehrer, ein Kaufmann, ein Verleger.... alles intelligente Menschen, sollte man meinen. Holger Apfel, dem damaligen Fraktionschef, war eine gewisse Eloquenz nicht abzusprechen.
Ich behaupte immer noch, dass, wenn es in Deutschland einen charismatischen Politiker gäbe, der das zersplitterte rechte Lager einen könnte wie ein Jörg Haider in Österreich, der Sprung über die 5% Hürde bei der nächsten Bundestagwahl kein Problem wäre, das Potential ist vorhandenn
Nazis raus..... also wie? Die vielen ehrenamtlichen Initiativen gegen rechte Strukturen, das alltägliche Eintreten
gegen Rassismus, von jedem von uns, das ist eine Grundlage.
Dass die Politik gefordert ist, in Deutschland Rahmenbedingungen zu schaffen, die es jedem ermöglichen, menschenwürdig zu leben, ist eine andere. Die Anfälligkeit für rechte Parolen hat etwas mit der eigenen Lebenssituation zu tun, darauf hat die NSDAP in der Zeit der weltweiten Wirtschaftskrise ab 1929 gesetzt, in dieser Zeit hatte sie ein starkes Wachstum und schuf die Grundlagen dafür, dass sie 1933 stärkste Partei im Deutschen Reichstag werden konnte.
Nun verläuft Geschichte nie linear und eine Wiederholung des Geschehenen ist nahezu ausgeschlossen, nur
gibt es immer wieder partielle Paralellen.
"Der Schoss ist fruchtbar noch...." der Brecht`sche Ausspruch ist immer noch hochaktuell.
Achten wir alle darauf, jeden Tag, auf Arbeit , im öffentlichen Raum, im Freundeskreis, dass rechtes, menschenverachtendes, rassistisches Gedankengut keinen Platz und kein Forum hat.
Nazis raus ist eben ein tagtäglicher Prozess, der viel im kleinen passieren muss. So wie Nazis sich anpassen, in der Kleidung, im Auftreten, müssen wir ebenfalls flexibel sein .
In diesem Sinne, KEIN FUSSBREIT DEN NAZIS.

10:40 14.03.2010
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Geschrieben von

rolf netzmann

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rolf netzmann

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