Tradition zahlt keine Rechnungen.

linke Medien wie Medienvielfalt zum ökonomischen Kollaps führen kann
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Tradition zahlt keine Rechnungen. Diesen Satz las ich vor wenigen Tagen im Zusammenhang mit der Insolvenz des Hamburger Universum-Boxstalls.
Doch es trift auch auf Printmedien zu. Das in den letzten Tagen prägnanteste Beispiel ist sicherlich die "Frankfurter Rundschau".
Es ist eine Unart, ausgelesene Zeitungen einfach in der S-Bahn liegen zu lassen. Auf jedem Bahnhof stehen Papierkörbe, in denen sie umweltgerecht entsorgt werden können. Heute früh lag auf den Sitzen mir gegenüber auch eine zusammengefaltete Zeitung. Neugierig nahm ich sie in die Hand. Es war die "Junge Welt", ein Blatt mit ebenfalls langer Tradition. Gegründet 1947, war sie jahrzehntelang eine der meistgelesenen überregionalen Tageszeitungen im untergangenen Deutschland.
Ich blätterte ein wenig darin, las Artikel an und einige auch komplett durch. Richtig spannend wurde es aber erst auf der Rückseite. Auch der "JW" steht das Wasser buchstäblich bis zum Hals.
Nun sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für linke Printmedien nicht die besten. Kurz nach seiner Berufung zum Chefredakteur des "Neuen Deutschland" gab Tom Strohschneider dem Berliner "Tagesspiegel" ein Interview. Als er darauf angesprochen wurde, dass das "ND" seine Journalisten unter Tarif bezahlt, gab er dies unumwunden zu und führte die wirtschaftlichen Probleme seiner Zeitung als Begründung an.
Auch die "JW" bezahlt ihre wenigen fest angestellten Mitarbeiter untertariflich. Doch sie bekommt, so war in der Wochenendausgabe zu lesen, Unterstützung aus dem breit gefächerten linken Spektrum. Gewerkschaftsgruppen und linke Clubs wollen Probeabos verschenken und die Zeitung für sich abonnieren. Künstler veranstalten Konzerte, deren Reinerlös der "JW" zufließen soll.
Ich entsorgte die alte Ausgabe ordentlich im Papierkorb. Auf meinem weiteren Weg überlegte ich, wieviele linke Printmedien ich in Deutschland kenne. "ND", JW", deren Abspaltung "Jungle World", dazu die taz, "ak", "konkret" und der irgendwie auch linke "Freitag" fielen mir auf Anhieb ein.
Und ich erinnerte mich, dass ich in der entsorgten Ausgabe der "JW" auch ein Inserat für ein Abo des "ND" gsehen hatte, genau so wie im "Freitag". Die linken Medien werben also in den Blättern der Konkurrenz für sich.
Und sie konkurrieren trotz unterschiedlicher Ausrichtung um Leser aus dem weit differenzierten linken Lager.
Nun bietet Vielfalt immer auch die Möglichkeit der sachlichen Auseinandersetzung um Themen. Wolfgang Brauer, linkes Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses, schrieb vor kurzem, dass es Linke gibt, die die "JW" aus Prinzip nicht lesen. Ja, manchen ist sie tatsächlich zu radikal.
Ich frage mich nur, ob linke Medienvielfalt wirklich bis zum Exodus von Zeitungen führen muss. Die Rahmenbedingungen werden auch in den nächsten Jahren nicht deutlich besser werden. Und die Trennung von "JW" - Redakteuren von ihrem Blatt sowie die Gründung der "Jungle World" vor einigen Jahren hat die wirtschaftlichen Bedingungen für beide Zeitungen auch nicht verbessert.
Wenn Vielfalt bis zum ökonomischen Kollaps getrieben wird, wird sie bald nicht mehr existieren.
22:15 26.11.2012
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Geschrieben von

rolf netzmann

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rolf netzmann

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