Der Wedding Italiens

Tagebucheintrag 4 Überall ist Krise. Trotzdem ist unser Autor mit einem Campingbus drei Monate durch unseren alten Kontinent gefahren, neugierig auf einen Alltag jenseits von Schulden

19. Juni 2011

Mein letzter Bericht endete mit der Hoffnung auf eine Fähre nach Italien. Die fährt dann tatsächlich am übernächsten Tag, das Ticket finde ich mit knapp 200 € für fünf Stunden Überfahrt recht teuer. Nach stundenlangem Warten im Hafen in glühender Hitze sitzen wir schließlich auf einem fast 50 Jahre alten Seelenverkäufer, bis oben voll mit albanischen Arbeitsmigranten auf dem Weg nach Brindisi. Das ist eine nette Hafenstadt, in der wir auf der entzückenden Seepromenade unsere "Rückkehr in die Zivilisation" feiern. Auffällig sind sofort die vergleichsweise ärmlichen Autos! Wir erinnern uns - in Albanien fuhr fast jeder Mercedes, jetzt sind wir auf einmal von Fiat Unos und Pandas umgeben. Aber dass die Autos nicht mehr so protzig sind, hat gar nichts zu sagen, wie wir bald feststellen.

Unser Ziel für die nächsten Tage ist es erst einmal, einen schönen Platz am Meer, am besten in einem kleinen romantischen Fischerdörfchen, zu finden, um dort einige Tage zu entspannen, denn Albanien war schon anstrengend. Also am Meer entlang, Mittelitalien, grobe Richtung Kampanien, Neapel... Um es kurz zu machen, das sprichwörtliche romantische Fischerdörfchen (Caprifischer!) suchen wir bis heute vergebens. Alle Strände, die wir in der ersten Woche entlangfahren, sind sogar ausgesprochen hässlich, zugebaut, dreckig, nirgends ein nettes Plätzchen. Ist wohl die falsche Gegend. Die Badestrände sind meist in bewirtschaftete Abschnitte unterteilt, die "Lido" heißen. Klingt schöner, als es ist, wir sind auf jeden Fall sehr ernüchtert, zumal sich einfach kein schönes Plätzchen finden lässt, auf dem man ungestört stehen kann. Das erweist sich in der Folge überhaupt als das größte Problem. Alle, die uns vor Italien gewarnt haben, hatten Recht! Das Hauptproblem ist, dass die Italiener nicht nur Autonarren, sondern regelrecht besessen vom Autofahren sind, dagegen sind selbst die Deutschen Waisenknaben. Praktisch jeder fährt Auto oder Moped, und zwar ausschließlich! ÖPNV gibt es nur rudimentär, die Züge, obwohl billig, fahren selten, unregelmäßig und sind leer. Selbst abends fährt man spazieren, anstatt zu laufen. Fahrräder habe ich im Alltag gar keine gesehen. Das alles führt dazu, dass praktisch jeder freie Platz mit Autos zugestellt ist. Im Ergebnis ist das Parken streng reguliert, damit das Ganze überhaupt funktioniert. Solche Regulierungswut habe ich den Italienern gar nicht zugetraut. Jeder Fleck, auf den ein Auto passt, ist mit Schildern versehen, entweder Verbots- oder Gebührenschildern, wobei die Parkgebühren auch schon mal fünf Euro pro Stunde betragen können. Das macht es an beliebten Orten so gut wie unmöglich, sich mit dem Bus hinzustellen, und man muss es entweder verbotenerweise tun oder an entlegenen Nebenschauplätzen campieren. Im Laufe der Zeit relativiert sich dieser erste negative Eindruck immerhin etwas, nachdem wir den Bogen raus haben, wo man suchen muss und dass es die Italiener letztlich nicht kümmert, wo man steht, solange man niemanden stört.

http://img84.imageshack.us/img84/5720/01onlineo.jpg

Am Strand von Riva Trigoso, Italien

Durch den enormen Verkehr habe ich Italien auch als sehr lautes Land abgespeichert. In jedem Winkel lärmen die Motoren, am schlimmsten ist es auf den engen Küstenstraßen der Amalfiküste. Dort brüllt und tobt der Verkehr, die Busse verkeilen sich auf den Serpentinen, es herrscht endloser Stau. Dabei ist noch nicht mal Hochsaison, sondern Anfang Juni. Unglücklicherweise reißt auf ebensolcher Küstenstraße erneut unser Keilriemen. Was an sich eine harmlose Sache ist, gerät dort zu einer nerven- und zeitraubenden Angelegenheit, die einen ganzen Tag dauert, mich 70 € Taxigebühren kostet und wieder einmal mit Abschleppen endet. Ansonsten hält unser Bus ganz gut durch, er verbraucht nur Unmengen Öl und wir haben etwas Angst vor seiner Unberechenbarkeit. Ach ja, Zündkerzen mussten wir neulich noch mal wechseln. Dafür wurden uns ungerührt 40 € abgeknöpft!

Dass Italien teuer ist, weiß man ja, aber die Unverhältnismäßigkeit nervt doch manchmal. Das macht es auch schwer für uns, mit dem Land warm zu werden. Auf der einen Seite: ja, Italien ist wundervoll. 3.000 Jahre Geschichte, das vollendete Stilbewusstsein, die alten verwinkelten Städtchen, Palazzi, die Architektur aus allen Epochen, der unglaubliche Reichtum an Kunstschätzen mit der Patina der Jahrhunderte in allen Winkeln des Landes. Dazu das Essen! Die atemberaubende Vielfalt im Supermarkt, die Köstlichkeiten aus dem Meer, die Lust der Italiener am Schönen und Verfeinerten, die hochentwickelte Lebensart. Das ist sehr beeindruckend. Interessant finde ich auch die weitgehende Abwesenheit der uns zur Gewohnheit gewordenen riesigen Supermärkte und Ketten und des damit standardisierten, industrialisierten Angebots. Hier kauft man tatsächlich im Tante-Emma-Laden ein, mit all seiner Individualität. Das ist vielleicht das Schlüsselwort. Es scheint, die Italiener haben sich nicht dem globalisierten Einheitsbrei ergeben, sonder pflegen ihre individuelle, kleinteilige Lebensart mit ihrer unüberschaubaren Vielfalt an manufakturartig hergestellten Produkten, obwohl die natürlich viel teurer sind als Lidl und Co. Gibt übrigens kaum Discounter hier. Allein das Brot! Allerdings muss ich sagen, dass das Brot bisher überall vorzüglich war. Außerhalb Deutschlands habe ich nirgends so etwas wie einen Backshop gesehen, wo die tiefgefrorenen Teiglinge aus China aufgebacken werden, und als Fan guter Backwaren muss ich wieder einmal den Niedergang der Backkultur in Deutschland beklagen.

Auf der anderen Seite gewinnt man schnell den Eindruck, dass die Italiener sich selbst ganz gut genügen. Willkommen (wie in Albanien!) fühlt man sich nicht gerade, wenn man kein Ölscheich ist. Nicht nur die hohen Preise und fehlenden Möglichkeiten, mit dem Bus irgendwo zu stehen, tragen dazu bei, dass man sich geradezu abgewiesen fühlt, sondern auch ein gewisses Desinteresse. Wenn man jemanden anspricht, kriegt man freundliche Auskunft, ansonsten interessiert sich niemand für einen. Ich glaube, wir sind in ganz Italien noch nicht einmal etwas gefragt worden. Selbst die Betreiber eines "Lidos", die uns einladen, an ihrem Strand zu stehen und zwei Tage zu übernachten und denen wir zum Dank eine Flasche Grappa schenken, fragen uns beim gemeinsamen Trinken nicht einmal, woher wir kommen oder sonst irgendetwas. Sehr irritierend finde ich auch, dass fast niemand Englisch spricht, selbst die jungen Leute nicht, und wenn, dann nur bruchstückhaft. Es gibt auch kaum Internetcafés.

Sicher, mit ihrer reichen Geschichte haben die Italiener es nicht nötig, um Besucher zu buhlen (was ja auch seine angenehmen Seiten hat, z.B. wird man an touristischen Orten nur wenig von Neppern, Schleppern etc. belästigt), aber ein bisschen mehr Interesse an Fremden dürfte schon sein. So sind wir ein wenig zwiegespalten; Italien ist eine Erholung für die Sinne (außer für´s Ohr), voller Schönheit und Lebensqualität. Und doch, wenn wir an die Herzlichkeit und Gastfreundlichkeit der Albaner zurückdenken, die sich über jeden Besucher in ihrem wüsten Land freuen, wissen wir nicht, was wir mehr schätzen sollen. Ein entscheidender Unterschied zu Osteuropa ist auch, dass man dort immer noch das Gefühl hat, etwas Neues zu entdecken, eine unbekannte Welt zu bereisen, eine Empfindung, die ich in Italien nicht mehr habe, obwohl ich noch nie länger hier war. Ist "Westeuropa" als Kulturraum letztendlich vielleicht doch zu sehr "Alte Welt"?

Erwähnen muss ich noch, dass mir Neapel am besten gefallen hat von den Städten, in denen wir waren. Eine rauhe, lärmende, dreckige Stadt, aber voller Leben in ihren riesigen Mietskasernenquartieren. Habe mich stundenlang durch die engen Gassen treiben lassen und war sehr angetan von der urbanen Quirligkeit, den kleinen Manufakturen, den Hinterhofpizzabäckern und den italienischen Mammas auf der Straße. Meine Begleiterin hat den Begriff vom „Wedding Italiens“ geprägt, den ich sehr treffend finde. Die Müllberge in Neapel gibt es übrigens wirklich, ich habe sie gesehen, finde es aber unfair, die Stadt darauf zu reduzieren, weil sie soviel mehr zu bieten hat. Natürlich habe ich in Italien auch Ausschau gehalten nach berlusconischen Krankheitssymptomen, aber als Tourist und Durchreisendem ergibt sich freilich kein schlüssiges Bild.

Gerade sind wir in der Nähe von Genua, also auf dem direkten Weg nach Frankreich. Bis in die Bretagne nach Brest werden wir es wohl nicht mehr schaffen, denn die Zeit verfliegt und bisher haben wir ziemlich gebummelt. Hoffentlich klappt´s noch mit der Normandie. Aber erst mal nach Monte Carlo, Nizza, Cannes...!

Bis dann, sagt Frank, bis dann!

Zur Übersichtsseite der Tagebucheinträge

Frank Schirrmeister hat die Ostkreuz-Schule für Fotografie absolviert und lebt in Berlin. Mehr zu seiner Arbeit finden sie hier

Hier geht es zu den weiteren Tagebucheinträgen der Europareise:

Mein Europa - ein Reisetagebuch

(Prolog)

Europa mit Unterbrechung

(Eintrag 1)

Die unausrottbare Dominanz der Jogginghose

(Eintrag 2)

Mercedes statt Bunker

(Eintrag 3)

Schon wieder Bunker

(Eintrag 5)

Der Weg zurück

(Eintrag 6)

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

09:00 25.08.2012
Geschrieben von

Frank Schirrmeister | Beyond Crisis

Frank Schirrmeister ist mit einem Campingbus drei Monate durch Europa gefahren, neugierig auf einen Alltag jenseits von Schulden und Rettungsschirmen
Schreiber 0 Leser 0
Beyond Crisis

Ausgabe 24/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare