Der Weg zurück

Tagebucheintrag 6 Überall ist Krise. Trotzdem ist unser Autor mit einem Campingbus drei Monate durch unseren alten Kontinent gefahren, neugierig auf einen Alltag jenseits von Schulden

25. Juli 2011

Unsere Rundreise beginnt sich zu vollenden; wir fahren, immer der Küstenlinie folgend, nach Osten und freuen uns schon auf die belgischen Fritten. Aber noch sind wir in Frankreichs Norden, wo es jedoch auch schon flämisch zu werden beginnt. Der Charakter der Landschaft ändert sich merklich, flaches Land, sogar Windmühlen sieht man hier und dort. Vorher machen wir noch einen spontanen Zwischenstopp in Calais. Eigentlich ist das nur eine Stadt zum Durchfahren, da im Krieg fast völlig zerstört. Der Wiederaufbau vollzog sich nach dem uns sattsam bekannten Muster – quadratisch, praktisch, nur eben nicht gut bzw. schön. Aber es ist Sonntag, der städtische Strand groß und weit, und des Volks Getümmel verlockt uns doch dazu, eine Nacht zu bleiben. Es macht Spaß, sich mit der Menschenmenge treiben zu lassen, die sich auf der Strandpromenade den sonntäglichen Amüsements hingibt. Fritten gibt’s bereits hier, und auch die komischen großen Wasserbälle, in die ein Kind gesteckt wird, auf dass es ganz verzückt übers Wasser laufen möge. Die meisten Kinder gucken aber eher irritiert aus dem Ball heraus.

Auf die angekündigte Monstertruck-Show am nächsten Tag verzichten wir und nehmen landeinwärts Kurs auf Ypern in Belgien. Auf Wunsch des Historikers im Team sollen die Schlachtfelder und Gedenkstätten des 1. Weltkriegs besichtigt werden, die sich in und um Ypern konzentrieren. Als erstes fällt auf, wie unerwartet hübsch die Stadt ist mit ihrem großen Markt, den alten flämischen Häusern aus Backstein, den engen Straßen. Und das trotz der beinahe kompletten Zerstörung nach vierjährigem Trommelfeuer. Offenbar kamen die Ideen des Reformwohnungsbaus und der Bauhaus-Moderne nicht oder zu spät bis nach Belgien, um den Wiederaufbau in den zwanziger Jahren entscheidend zu beeinflussen – was der Stadt wohl gut getan hat. Im Stadtmuseum mit seiner Ausstellung über die Schlachten des Weltkriegs versuchen wir, den Segnungen der modernen Museumsdidaktik etwas abzugewinnen. Ständig muss man irgendwelche Knöpfe drücken, Bildschirme anschauen, durch nachgebaute Schützengräben laufen und im Hintergrund verbreitet ein unheilvolles Grollen von Granatfeuer authentisches Flair.

Verblüffend finde ich immer wieder, welchen großen Stellenwert das Gedenken an den 1.WK im kollektiven Gedächtnis hat. In und um Ypern mag das nachvollziehbar sein, ist doch hier jedes Fleckchen Erde und die Landschaft noch heute vom langjährigen Grabenkrieg geprägt. Aber auch in Frankreich und besonders England gehört die Erinnerung an diesen Krieg bis heute zum identitätsstiftenden Ritual. Verblüffend ist das im Vergleich mit Deutschland, wo der 1.WK ja kaum eine Rolle in der Gedenkkultur spielt und alles überlagert ist vom Dritten Reich. In Ypern gibt es neben vielen anderen eine Gedenkstätte der Briten in Form eines riesigen Triumphbogens, an der seit 80 Jahren allabendlich eine Zeremonie zum Gedenken an die Toten des Commonwealth stattfindet. Zu meiner Überraschung ist diese Zeremonie am Menin Gate Memorial offenbar ein Pflichtprogramm für alle britischen Schüler auf Klassenfahrt sowie zahlreiche Touristen, es ist proppenvoll. Unter Trompetengeschmetter legen die Schulklassen ihre Kränze nieder, nationale Ergriffenheit breitet sich aus, nach zwanzig Minuten dürfen die Handys dann wieder eingeschaltet werden.

Ansonsten ist Belgien eine herbe Ernüchterung. Nachdem wir uns an die italienische und französische Lebensart, wie sie sich vor allem im Essen ausdrückt, gewöhnt hatten, sind wir jetzt wieder mit Lidl & Co. konfrontiert, andere Supermärkte scheint es auf dem Land gar nicht zu geben. Zudem ist die Landschaft trist und flach, die Dörfer hässlich, das Land mit Autobahnen durchzogen. Zu allem Überfluss fängt es an zu regnen. Abschiedsstimmung vom Urlaub macht sich breit und die belgische Küste kann auch nichts mehr retten. Kilometer für Kilometer, eigentlich die gesamte Küste entlang, reihen sich riesige Apartmentblocks mit dem dazugehörigen betonierten Hinterland. Gruselig, wir kürzen das Ganze ab und fahren nach Antwerpen, um vor der Heimfahrt noch mal etwas Schönes zu sehen. Inzwischen müssen wir alle paar hundert Kilometer die Zündkerzen wechseln bzw. reinigen, in die Großstadt trauen wir uns mit dem Bus erst gar nicht, da bei Stop-and-Go-Verkehr der Motor schnell heiß wird. Aber am Stadtrand Antwerpens gibt es einen kleinen Zeltplatz, von dem man aus zu Fuß durch einen 1.700 m langen Fußgängertunnel unter der Schelde hindurch in die Innenstadt laufen kann, wo es sich angenehm flanieren lässt. Nicht Frankreich, aber immerhin.

Nach 8.000 km sind wir schließlich am Ende unserer Reise angelangt, es bleiben lediglich noch ein paar Tage auf der Autobahn zurück nach Berlin. Es regnet, der Zwischenstopp für eine Brocken-Besteigung fällt aus wegen der für einen Sommer arktischen Temperaturen, der Zündkerzen sind genug gewechselt... Und schon leuchtet der Himmel über Berlin uns verheißungsvoll entgegen.

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Frank Schirrmeister hat die Ostkreuz-Schule für Fotografie absolviert und lebt in Berlin. Mehr zu seiner Arbeit finden sie hier

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Mein Europa - ein Reisetagebuch

(Prolog)

Europa mit Unterbrechung

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Die unausrottbare Dominanz der Jogginghose

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Mercedes statt Bunker

(Eintrag 3)

Der Wedding Italiens

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Schon wieder Bunker

(Eintrag 5)

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12:00 27.08.2012
Geschrieben von

Frank Schirrmeister | Beyond Crisis

Frank Schirrmeister ist mit einem Campingbus drei Monate durch Europa gefahren, neugierig auf einen Alltag jenseits von Schulden und Rettungsschirmen
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Beyond Crisis

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