Die unausrottbare Dominanz der Jogginghose

Tagebucheintrag 2 Überall ist Krise. Trotzdem ist unser Autor mit einem Campingbus drei Monate durch unseren alten Kontinent gefahren, neugierig auf einen Alltag jenseits von Schulden

18. Mai 2011

Mein letzter Bericht endete damit, dass wir unseren Bus in Ljubljana übers Wochenende in der Werkstatt lassen mussten. Das hat uns ungeplant zwei schöne Tage in einem Hotel beschert. Am Montag den Bus wieder abgeholt. War tatsächlich nur Keilriemen und Kühlerschlauch zu wechseln, trotzdem 83,75 €, deutsche Preise. Überhaupt wirkt Slowenien, als wäre es schon immer ein westeuropäisches Land gewesen, nicht vorstellbar, dass es mal zu Jugoslawien gehörte.

Wie auch Kroatien, unser nächstes Ziel. Der Kontrast ist immens, wie wir gleich nach der Grenze bemerken. Schroffer, hässlicher, osteuropäischer als Slowenien. Fahrtziel ist die Adria, um endlich mal ans Meer zu kommen. Schön warm ist es inzwischen, nur das Wasser fehlt noch. Die Straße schlängelt sich endlos durch die Berge, bis man endlich von weitem das Blau des Meeres sieht. Was man nicht sieht, aber zunehmend hört, ist ein Geräusch von unterm Auto, was ich zuerst tapfer ignoriere. Nachdem wir auf die Insel Krk gefahren sind, ein hübsches Plätzchen am Wasser gefunden haben und ich tapfer ins noch recht kalte Wasser gestiegen bin, schaue ich doch mal nach, warum der Wagen klingt wie ein mittlerer Panzer. Na klar, der Auspuff. Durchgerostet und ein Riss im Rohr. Ich erinnere mich sofort an meinen alten kleinen Renault, den ich mal hatte, als mir beim Fahren mitten auf der Karl-Marx-Allee der Auspuff abfiel, weil durchgerostet... Also wieder Werkstatt, dringend! Am Abend treffen wir eine Frau aus Blankenfelde bei Berlin, die einen Kroaten geheiratet hat, jetzt hier lebt und mal mit ein paar Berlinern schwatzen will. Nutze die Gelegenheit, um nach einer Werkstatt zu fragen, worauf sie ihren Mann schickt, der mir eine empfiehlt und gleich noch ein paar Zeilen an den Betreiber schreibt, was uns vermutlich vor Touristenabzocke bewahrt. Geht dann auch alles gut, 20 € für Auspuff schweißen. Jetzt kann unserm Bus nichts mehr passieren!?!

Die folgenden Tage entlang der Adria. Blaues Meer und Landschaft, soweit o.k. Aber die kroatische Küste kriegt von uns leider nur eine 3. Vielleicht bin ich einfach übersättigt mit Osteuropa, war ja die letzten Jahre häufig dort unterwegs. Im Moment geht mir dieses Improvisierte und die Geschmacklosigkeit auf die Nerven und meiner Begleiterin fehlt das „Flair“. Die Küste soll ja laut Reiseführer noch recht ursprünglich sein, der muss aber arg veraltet sein, denn wir sehen das Gegenteil: jedes Fleckchen vollgebaut mit „Apartmani“ und hässlichen Häusern, jede Wiese wird als „Auto Camp“ vermarktet. Überall wird gehämmert und gemalert, man bereitet sich auf den Ansturm der Touristen vor, noch herrscht aber Ruhe vor dem Sturm. Leider gibt es nur wenig gewachsene Kulturlandschaft, sondern fast nur in Beton gegossene Scheußlichkeiten aus den letzten Jahren. Zwar keine großen Hotelanlagen, sondern kleine Privathäuser, die aber in solch großer Zahl allerorten entstehen, dass ich eine hübsche Immobilienblase sich anbahnen sehe, zumal der Preisvorteil gegenüber dem teuren Italien fast weggefallen ist und damit kaum noch Grund besteht, die kroatische der italienischen Adria aus Kostengründen vorzuziehen. Vorbei sind die Zeiten, als Osteuropa noch eine preiswerte Destination war. Kroatien ist teuer, die Butter z.B. kostet das Doppelte wie in Deutschland!

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Dubrovnik, Kroatien

Ästhetische Ausnahme sind die paar wirklich alten Städte entlang der Küste, wie Zadar, die sich allerdings stets bemühen, in ihrer Altstadt „westlichen Standards“ zu entsprechen, was in Osteuropa aber eben oft wie Talmi wirkt. Das in der Überschrift angedeutete Vorherrschen von Jogginghosenträgern ist im Übrigen wohl tatsächlich eins der rätselhaftesten Erscheinungen des ehemaligen Ostblocks.

Unsere Pannenserie reißt leider (noch) nicht ab. An einem Regentag fängt plötzlich die Motorleistung an, abzunehmen, wir kommen kaum voran. Aus Angst, mitten auf der Straße liegenzubleiben, suchen wir uns die nächste Ecke am Wegesrand und übernachten dort. Mit Regen und Sturm zusammen ist das eine traurige Nacht, auch weil ich das Schlimmste befürchte. Am nächsten Morgen ist der Motor nicht besser geworden, also wieder den Automobilclub angerufen und Pannenhilfe bestellt. Diagnose vor Ort nicht möglich, also erneut Abschleppen. Dieser heutige Tag/Abend ist der bisherige emotionale Tiefpunkt, da die Befürchtung im Raum steht, dass wir wieder nach Hause müssen, weil Bus kaputt, Motorschaden o.ä. Wir trösten uns mit einem guten Essen nebst viel Wein und genießen abends tieftraurig den Sonnenuntergang über der Adria mit Blick auf Dubrovnik, wo der Abschleppwagen leider nur durchfuhr. Ist aber gleichzeitig unser romantischster Abend! Am nächsten Tag erfahren wir, dass nur die Benzinpumpe kaputt sei, dauere aber noch bis morgen. So bleibt uns die Gelegenheit, Dubrovnik zu besichtigen, das Venedig Kroatiens, zumindest besucherzahlenmäßig.

Unser Bus wird hoffentlich also morgen wieder fahrbereit sein, damit wir weiter nach Albanien fahren können. Darauf bin ich sehr gespannt, eigentlich wollte ich schon meinen Geburtstag dort verbringen, das wird nun leider nichts.

Bis dann, sagt Frank, bis dann!

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Frank Schirrmeister hat die Ostkreuz-Schule für Fotografie absolviert und lebt in Berlin. Mehr zu seiner Arbeit finden sie hier

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Mein Europa - ein Reisetagebuch

(Prolog)

Europa mit Unterbrechung

(Eintrag 1)

Mercedes statt Bunker

(Eintrag 3)

Der Wedding Italiens

(Eintrag 4)

Schon wieder Bunker

(Eintrag 5)

Der Weg zurück

(Eintrag 6)

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Ihre Freitag-Redaktion

12:00 23.08.2012
Geschrieben von

Frank Schirrmeister | Beyond Crisis

Frank Schirrmeister ist mit einem Campingbus drei Monate durch Europa gefahren, neugierig auf einen Alltag jenseits von Schulden und Rettungsschirmen
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Beyond Crisis

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