Mercedes statt Bunker

Tagebucheintrag 3 Überall ist Krise. Trotzdem ist unser Autor mit einem Campingbus drei Monate durch unseren alten Kontinent gefahren, neugierig auf einen Alltag jenseits von Schulden

27. Mai 2011

Mein letzter Bericht endete mit unserem Bus in der Werkstatt. Die zwei Tage, die wir auf die Reparatur warten mussten, haben wir in Cavtat verbracht, südlich von Dubrovnik, hoffend und bangend. Alles wurde gut, wenn man von der Rechnung absieht. Jetzt fährt der Bus wirklich wie neu.

Wir fahren weiter nach Süden, nach Montenegro. Endlich mal wieder richtige Grenzen mit den dazugehörigen Schikanen, kennt man ja sonst gar nicht mehr. Wir sollen erst mal 30 € „ecological tax“ bezahlen, dazu noch 15 €, weil wir keine grüne Versicherungskarte haben, dabei hat mir die Tante bei der Autoversicherung erklärt, die brauche man in Europa nicht mehr. Trotz tapferer Gegenwehr in Form von Dummstellen und Rumdiskutieren kommen wir da leider nicht drumherum.

Montenegro ist ein kleines Bergvolk mit nur 625.000 Einwohnern, touristisch noch vergleichsweise unerschlossen. Haupteinnahmequelle ist (oder war zumindest) der Zigarettenschmuggel, immerhin ist der damals amtierende Präsident Ende der Neunziger höchstpersönlich vom italienischen Zoll als Beschuldigter in Sachen Zigarettenschmuggel verfolgt worden. Zigaretten sind auch heute noch verblüffend billig, 14 € für eine Stange Gauloises, ganz normal am Kiosk. Zahlungsmittel in Montenegro ist der Euro, obwohl das Land nicht Mitglied der Eurozone ist. Wie das funktioniert, weiß ich auch nicht. Wir fahren weiter die Adria entlang, zuerst nach Kotor, einem entzückenden kleinen Städtchen in einer großen Bucht, mit einer angenehmen Altstadt ohne den ganzen Touristennepp wie in Kroatien. Wir stellen uns mit dem Bus ans Wasser, an einer langgezogenen Strandpromenade mit vielen schönen alten Häusern, Kirchen, stilvollen Kneipen und stellen uns vor, hier mal einen „normalen“ Urlaub zu verbringen, weil alles noch so schön authentisch wirkt, ohne Hotels und Touristen. Damit das so bleibt, mache ich an dieser Stelle ausdrücklich keine Werbung für einen Montenegro-Urlaub! Bisher hatten wir übrigens noch nie Probleme, uns mit unserem Bus irgendwo hinzustellen, wurden nie vertrieben, verwarnt o.ä., was sicher auch daran liegt, dass der Bus so sympathisch unprätentiös wirkt und kein protziges Wohnmobil ist. In Montenegro sind die Menschen allerdings auch auffallend zurückhaltend, kaum einer schaut mal zu uns hin, geschweige denn, dass man angesprochen oder wenigstens misstrauisch beäugt würde – es interessiert sich schlicht niemand für einen, wir könnten wahrscheinlich mitten auf einer Kreuzung campen. Das ist gleichermaßen angenehm wie irritierend.

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Bucht von Kotor, Montenegro

Unser positiver Eindruck hinsichtlich der fehlenden Touristenmassen wird am nächsten Morgen etwas gedämpft, als wir in der Bucht gleich drei Kreuzfahrtschiffe ankern sehen, und wir möchten uns nicht vorstellen, was sich gerade in der niedlichen kleinen Altstadt abspielt, die wir gestern noch so authentisch unberührt fanden.

Die Jogginghosendichte hat übrigens mit Überschreiten der Grenze dramatisch abgenommen, die Menschen (Frauen) sind sehr viel eleganter und westlicher gekleidet, zumindest im Norden. Je weiter wir nach Süden fahren, desto mehr macht sich der albanische Einfluss bemerkbar, es wird deutlich unwirtlicher. Zuerst verbringen wir aber noch zwei Tage in Petrovac, einem Urlaubsort am Meer, in dem die gehobene Mittelschicht Montenegros und Russlands Urlaub macht. Wir stehen und schlafen auf einem Parkplatz unter alten Olivenbäumen, zum Duschen erweisen sich die Strandduschen als sehr nützlich, wenn die auch nur kaltes Wasser haben.

Die südlichste Stadt Montenegros, Ulcinj, ist schließlich schon sehr morgenländisch geprägt, ca. 70 % Albaner leben hier. Damit dürfte die Stadt die einzige moslemische sein, in der mit Euro gezahlt wird. Vorherrschend sind chinesischer Plunder in den Läden, hässliche Fastfood-Restaurants und komische, zusammengewürfelte Nicht-Architektur. Man fühlt sich schon sehr weit weg von Europa, dabei sind wir immer noch im ehemaligen Jugoslawien! Wenn man sich das zusammendenkt, von Ljubljana im Norden bis Ulcinj ganz im Süden, fragt man sich, wie dieses Gemisch überhaupt achtzig Jahre als ein Staat funktioniert hat.

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Tirana, Albanien

Endlich kreuzen wir die Grenze nach Albanien. Freundlicher Empfang am Grenzübergang, keine Schikanen. Das Reisebüro der DDR warb in seinem Prospekt von 1958 folgendermaßen für das Land: „Wir weisen ausdrücklich darauf hin, dass bei diesen Reisen keinerlei Komfort erwartet werden kann. Die landschaftliche Schönheit, der ideale Sandstrand und die Großartigkeit der imposanten Bergwelt müssen hier für die Teilnehmer ausschlaggebend sein.“

Was als erstes auffällt, ist die verblüffende Mercedes-Dichte! Tatsächlich scheinen mindestens 60-70 % aller Autos Mercedesse zu sein, von uralt bis niegelnagelneu. Man darf wohl schon von Obsession sprechen, wenn in einem armen Land jeder, der was auf sich hält, Mercedes fährt. Ob manche von denen geklaut sind, kann man freilich nicht sagen, man sieht auf jeden Fall oft Autos, die noch das deutsche Kennzeichen haben. Auch sonst ist der Fahrzeugpark beeindruckend, eine Menge großer Schlitten und Geländewagen auf den Straßen, es scheint also nicht alles schlecht und das Auto das ultimative Statussymbol zu sein. Auf der Straße nach Tirana ergibt sich folgender Rhythmus: ca. alle 500 m eine Autowäsche (per Hand), alle 1000 m eine Tankstelle (keine Übertreibung!) und alle 2 km ein Autoschrottplatz. Dazwischen ein verwirrender und grotesker Mix aus Kleinhandel, Eseln, halbfertigen oder schon wieder zerfallenden Betonklötzen, glitzernden Raststätten und Glaspalästen nebst mondän wirken sollenden Möbelhäusern und Gartenzwergverkaufseinrichtungen (wobei hier Gips-Esel sehr beliebt sind, die links und rechts einen Tragekorb haben, in den man z.B. Kakteen pflanzen kann). Schön ist das nicht, aber sehr interessant. Tirana löst dann zuerst einen kleinen Kulturschock aus. Wer mal Indien erleben, aber nicht extra hinfliegen möchte, sollte hierher kommen. Ich fühle mich wirklich oft an Indien erinnert, wenn auch in der europäisierten Light-Variante. Damit tut man Tirana aber wahrscheinlich unrecht, denn man entdeckt schnell Struktur im Chaos. Als Autofahrer sollte man auf jeden Fall angstfrei sein, was ich zum Glück bin. Wenn´s eng wird – noch mal Gas geben!

Der Lonely Planet hat Albanien 2011 zur neuen Top-Destination erklärt. Das lässt Schlimmes befürchten, denn noch ist es sehr ursprünglich und man sieht kaum Touristen. Aber man spürt förmlich, wie es vibriert, wie ein wilder und ungezügelter Kapitalismus die Verhältnisse umkrempelt. Eine ehrgeizige Mittelschicht, die über Geld verfügt und das auch zeigt, besetzt zunehmend das Terrain und man fühlt förmlich deren Rütteln am Tor nach Europa. Noch gibt es weder H&M noch Mc Donalds, was verwundert, denn Kaufkraft scheint genug vorhanden und auch der Drang nach Westen. Das alles trifft zumindest auf den Ballungsraum Tirana zu. Fährt man übers Land, bietet sich schon ein anderes Bild.

Zuerst fahren wir aber nach Durrës, einer Hafenstadt, die laut Reiseführer der Alptraum am Meer sein soll, zubetoniert und dreckig – genau das richtige also für mich auf Motivsuche. Was wir jedoch finden, ist ein kilometerlanger Strand, an den sich zwar in der Tat hässliche Apartmentblocks reihen, der ansonsten aber freundlich und voller Leben ist, mit unzähligen Kleinhändlern, fussballspielenden Jugendlichen, vornehm gekleideten Alten und einem sehr pittoresken Ambiente. Die Apartmentblocks stehen um diese Jahreszeit zum großen Teil leer. Eine Legende besagt, dass die erheblichen Gewinne aus dem Schmuggel durch den Kosovo in diese Immobilien investiert wurden. Wir bleiben für eine Nacht in einem der Hotels am Strand. Am nächsten Morgen zeigen sich die Tücken des albanischen Alltags, es gibt weder Wasser noch Strom, wir können uns nicht mal die Hände waschen. Überhaupt ist der Alltag mühselig, die Infrastruktur schlecht, die Landstraßen eine Katastrophe (und das ist noch freundlich formuliert). Mit Kreditkarte kann man nirgends bezahlen (was ich auf der ganzen Welt noch nicht erlebt habe), Bargeld zu bekommen ist auch nicht einfach. Aber die Menschen sind überwältigend warmherzig und gastfreundlich, und das ist kein Arm-aber-herzlich-Klischee. Bei der Fahrt übers Land werden wir überall freundlich begrüßt und umsorgt, wobei wir als Deutsche besonders beliebt sind.

Von den berühmt-berüchtigten 700.000 Ein-Mann-Bunkern, mit denen Enver Hoxha einst das Land überziehen ließ, sieht man kaum noch etwas, dafür bleibt die Mercedes-Dichte konstant, wobei die Armut auf dem Land sicherlich Dritte-Welt-Niveau hat. Interessanter Widerspruch. Eigentlich war der Plan, durch die albanischen Berge zum Ohrid-See in Mazedonien zu fahren; angesichts der Straßenverhältnisse verzichten wir aber dankend darauf, denn wir wollen mit unserem sensiblen Fahrzeug nicht auf einer albanischen Bergstraße liegenbleiben. Obwohl: auch auf den Landstraßen reiht sich Autowerkstatt an Tankstelle an Autowäsche. Man darf sagen, dass Dienstleistungen rund ums Auto offenkundig der entscheidende Wirtschaftsfaktor in Albanien sind. In dem Zusammenhang machen dann natürlich auch die kaputten Straßen Sinn – erzeugen sie doch eine stetige Nachfrage nach Reparaturdienstleistungen.

Eine Woche Albanien reicht dann aber für´s erste. Den „idealen Sandstrand“ von 1958 haben wir nicht (mehr) gefunden, in die „imposante Bergwelt“ haben wir uns mit unserem Bus nicht getraut, Komfort gar nicht erst erwartet. Trotzdem nehme ich mir vor, wiederzukommen und das Land intensiver zu erkunden, denn was ich gesehen habe, hat mich neugierig auf mehr gemacht.

Wir stehen nun am Scheideweg, welchen Weg wir einschlagen. Nach längerer Debatte, in der Schlagworte wie „Flair“, „gutes Essen“ etc. fallen, ist die Richtungsentscheidung getroffen, wir werden uns gen Westeuropa wenden und nach Italien fahren. Von Vlorë im Süden aus wollen wir eigentlich mit der Fähre nach Brindisi übersetzen, aber auch das scheint nicht so einfach zu sein. In den letzten Tagen oder Wochen ist gar keine Fähre gefahren, uns wird erzählt, dass die von der Regierung nach Libyen geschickt wurde, um albanische Gastarbeiter aus dem Kriegsgebiet heimzuholen. Morgen soll evtl. eine kommen, aber ganz sicher übermorgen... Wenn wir Pech haben, müssen wir nach Durrës zurück und von dort fahren. Meine Begleiterin blickt bereits sehnsüchtig über das Meer und hofft, dass uns bald eine Fähre abholt...

Mal sehen, was uns in Berlusconi-Italien erwartet.

Bis dann, sagt Frank, bis dann!

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Frank Schirrmeister hat die Ostkreuz-Schule für Fotografie absolviert und lebt in Berlin. Mehr zu seiner Arbeit finden sie hier

Hier geht es zu den weiteren Tagebucheinträgen der Europareise:

Mein Europa - ein Reisetagebuch

(Prolog)

Europa mit Unterbrechung

(Eintrag 1)

Die unausrottbare Dominanz der Jogginghose

(Eintrag 2)

Der Wedding Italiens

(Eintrag 4)

Schon wieder Bunker

(Eintrag 5)

Der Weg zurück

(Eintrag 6)

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Ihre Freitag-Redaktion

12:00 24.08.2012
Geschrieben von

Frank Schirrmeister | Beyond Crisis

Frank Schirrmeister ist mit einem Campingbus drei Monate durch Europa gefahren, neugierig auf einen Alltag jenseits von Schulden und Rettungsschirmen
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Beyond Crisis

Ausgabe 24/2021

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