Schon wieder Bunker

Tagebucheintrag 5 Überall ist Krise. Trotzdem ist unser Autor mit einem Campingbus drei Monate durch unseren alten Kontinent gefahren, neugierig auf einen Alltag jenseits von Schulden

15. Juli 2011

Nun also La France. Zuerst, noch von Italien aus, machen wir einen Tagesausflug nach Monte Carlo, Monaco. Möchte gern mal dieses Reichenghetto aus der Nähe betrachten. Meine Begleiterin langweilt es schnell und auch mich leitet eher ethnologisches Interesse an dieser Spezies "Reiche", als das ich bewundernd den Ferraris nachgucken würde, die dort tatsächlich die Straßen auf und ab fahren und von den Touristen eifrig geknipst werden. Stattdessen halte ich Ausschau nach Boris Becker, aber der muss vor der Hitze geflohen sein, die schwer über allem lastet. Im Hafen die üblichen Riesenyachten, dazwischen Männer mit Poloshirts und teuren Schuhen - und überall Bilder von Stephanie und/oder Fürst Rainier. Sogar studieren kann man in Monaco, an der International University. Wie wär´s z.B. mit einem Master in "Luxury Goods & Services" oder "Luxury Retail Management"? Kann man doch immer mal gebrauchen.

Nizza und Cannes lassen wir leider doch aus, aber erstens hat nun die Urlaubssaison begonnen und ist alles entsprechend überfüllt, zweitens sind wir ein bisschen Mittelmeer-müde, sind wir doch bisher fast ausschließlich an selbigem entlanggefahren. Auch auf meinen Filmen ist inzwischen vermutlich ein Übermaß an maritimen Motiven vertreten, ich wollte ja aber keine Meeresreportage machen. Deshalb also lieber landeinwärts Richtung Provence, die Zeit drängt auch.

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Avignon, Frankreich

In Frankreich kann man eigentlich überall problemlos mit dem Bus stehen, was sicherlich an der wesentlich geringeren Bevölkerungsdichte liegt. Endlich finden wir auch mal ruhige (!) und schöne Plätzchen in verträumten Orten zum Übernachten, in Italien eher schwierig. Dass die Dörfer und Städte von erheblichem Liebreiz sind, dürfte bekannt sein, darüber brauche ich mich nicht auszulassen. Im Kontrast dazu die riesigen Vorstadt-Shopping Malls und die übergroße Präsenz von Reklame im Straßenbild. Fast wie bei uns eigentlich, aber Italien war diesbezüglich eine optische Erholung - kaum Werbung und die großen Supermärkte musste man regelrecht suchen. In Avignon haben wir wiedermal eine unfreiwillige Zwangspause, weil der Bus gerade an einem Sonnabend schlappmacht und wir bis Montag warten müssen, um eine Werkstatt zu konsultieren. Diesmal aber ohne Abschleppen. Es hat sich ein Muster herausgeschält, wir haben bereits Routine. Nun ja, schön isses schon, wenn dann der Motor wieder aufheult - danach allerdings wir wegen der Rechnung! Irgendwann nach Avignon beschließen wir, kein Geld mehr für Werkstätten auszugeben und uns damit abzufinden, dass der Motor halt nicht in Ordnung ist und mit nur drei Zylindern fährt. Geht ja auch, und solange wir zurück bis nach Berlin kommen, soll´s uns recht sein.

Kurz vor Lyon wird uns das Navi geklaut. Ziemlich frech knackt jemand früh halb acht die Autotür, während wir noch schlafen (es aber schon taghell ist und wir uns inmitten eines Wohngebietes befinden), und trotz sofortigen Geschreis und Aus-dem-Bett-springen schafft es der Unhold irgendwie, unser Navi herauszuholen, zum Glück nicht meine Fototasche!!! Wir sind wohl ein bisschen unvorsichtig geworden. Schade, in Zukunft werden wir öfter Campingplätze aufsuchen, die in Frankreich aber auch nicht teuer sind, nur langweilig und spießig. Das subjektive Sicherheitsgefühl leidet enorm nach solch einem Vorfall, auch wenn mir klar ist, das die Nähe von Lyon (Banlieu!) eine Rolle spielte.

In Lyon bleiben wir ein paar Tage, um die Fete de la Musique zu erleben. Das ist gar nicht einfach, zum einen, weil es in Strömen regnet und die Fete buchstäblich ins Wasser fällt, zum anderen ist es erstaunlicherweise fast unmöglich, ein Hotelzimmer unter 100 Euro zu bekommen. Ich klappere so gut wie alle Hotels ab, alle sind belegt, nirgends ein Zimmer zu bekommen. Hab ich noch nie erlebt sowas, scheint aber der Normalfall in der Woche zu sein. Es gibt auch keinerlei Hostels, wer also eine gute Geschäftsidee sucht, nur zu! Wahrscheinlich verhindern aber die hohen Mieten solcherlei Unternehmungen, deshalb ist ja auch sonst alles so wahnsinnig teuer. Lyon ist sehr schön, es macht Spaß, die Geschäfte und deren Auslagen anzuschauen (jenseits der üblichen Fußgängerzone), weil alles so furchtbar geschmackvoll und edel ist und von verfeinerter Lebensart spricht. Ganz wie man sich Frankreich eben vorstellt. Irgendwie finde ich aber auch, dass das Klischee vom arroganten Franzosen seine Berechtigung hat. Obwohl, Arroganz ist es nicht - eher so eine Art Schnippigkeit. Sie wirken immer etwas hochmütig, als ob sie beleidigt sind oder ihr ästhetisches Empfinden verletzt ist, wenn man z.B. kein formvollendetes Französisch spricht. Vielleicht liegt es aber auch an der Sprachmelodie, dass man diesen Eindruck hat.

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Atomkraftwerk nahe Montelimar, Frankreich

Nach Lyon fahren wir quer durchs Land Richtung Loire/Normandie. Viel zu berichten gibt es da nicht, ehrlich gesagt finde ich das Binnenland etwas langweilig. Selbstverständlich eine sehr gepflegte und kulturvolle Langeweile! Die Dörfer sind hübsch, die Städtchen auch, die Landschaft erst recht, aber das war´s auch schon. Uns beschleicht öfter der Gedanke, dass es vielleicht reizvoller und abenteuerlicher gewesen wäre, weiter die Osteuropa-Tour zu machen, aber irgendwann wollte ich eben auch mal Westeuropa kennenlernen, bevor der Sprit so teuer wird, dass man solche Touren gar nicht mehr machen kann. Aber Westeuropa erinnert mich schon des öfteren an das sprichwörtliche "Alte Europa". Zwar nicht im Rumsfeldschen Sinne, aber als Metapher für eine Kulturregion, die ihren Zenit möglicherweise überschritten hat, weil einfach alles perfekt und fertig ist, und die keine Überraschungen mehr birgt, taugt die Formel vielleicht doch. In Osteuropa hätten wir uns aber wahrscheinlich bald nach der Harmonie und Schönheit des Alten, Gewachsenen gesehnt. In Albanien war es irgendwann so, dass wir uns auf die "Alte Welt" gefreut haben, um mal wieder was anderes als urbane Wüsten zu sehen. Aber diese osteuropäische Dynamik - die findet man im Westen kaum noch. Mir fehlen auch etwas die menschlichen Begegnungen, die wir dort hatten und sicherlich noch gehabt hätten. Im Westen sitzt jeder in seinem teuren, tresorartigen Wohnmobil für sich und hat Angst um seinen Besitz.

Auch die Loire-Schlösser sind hübsch, indeed, aber ich freue mich nun schon wieder auf das Meer, diesmal die geliebte Nordsee. In der Normandie, kurz vor der Halbinsel Cotentin, treffen wir wieder auf Wasser. D-Day-Gebiet, als alter Historiker will ich doch mal ein paar Bunker besichtigen. Die Landung der Alliierten im Juni 1944 spielt in der Normandie immer noch eine überragende Rolle, sowohl im kollektiven Gedächtnis als auch als Touristenmagnet. Die Strände sind gesäumt mit Gedenkstätten und Museen, die touristische Vermarktungsmaschinerie läuft auf Hochtouren, nur dass hier eben der Krieg bzw. eine blutige Schlacht als Touristenevent herhalten muss. Wirkt ein bisschen verstörend, wenn diese übliche kleine Bimmelbahn (die es mittlerweile offenbar europaweit in jeden Ort geschafft hat, wo es Touristen gibt) mit vergnügungssüchtigen Ausflüglern an Bord an Panzern und Bunkern vorbeiknattert. Aber vielleicht sieht so auch der Frieden aus und sollte man eher froh über diese Tatsache sein?

Von nun an bewegen wir uns immer entlang des Meeres, wo es doch am schönsten ist. Sommeridylle pur, auch der Bus knattert fröhlich und qualmt nur etwas stark. Es macht Spaß, in Frankreich Auto zu fahren, da die Infrastruktur gut und das Straßennetz beneidenswert ist. Bezahlt wird das mit den wahrlich unerhörten Autobahngebühren. Angesichts der hervorragenden Landstraßen kann man Autobahnen aber problemlos meiden, umso mehr, wenn man eh im Urlaub ist und Zeit hat.

Erstaunt sind wir über die merklichen Wohlstandsgefälle zwischen verschiedenen Orten an der Küste. Zum einen Ault, ein entrücktes Städtchen mit Meerblick, aber offenkundig sehr verarmt. Viele Häuser stehen leer, die Arbeitslosigkeit scheint hoch und man denkt, in Mecklenburg zu sein. Warum allerdings die leere Hauptstraße mit ihren paar ärmlichen Läden mit Lautsprechern bestückt ist, aus denen am Nachmittag Musik säuselt, habe ich nicht verstanden. Der Gegenentwurf ist Le Touqet-Paris-Plage, ein mondäner Badeort, in dem die Pariser Ferien machen. Der traumhafte Strand ist gesäumt mit gebührenpflichtigen Kinderbespaßungseinrichtungen, an denen gestresste Eltern den Nachwuchs zumindest zeitweise entsorgen können, um shoppen zu gehen oder in der Sonne das edle Erscheinungsbild zu pflegen.

Wir fahren weiter die Küste entlang und bestaunen immer wieder die irrwitzige Idee des Hitlerschen Atlantikwalls, für den über hunderte Kilometer tausende Bunker und Befestigungsanlagen in den Sand geklotzt wurden, nur um innerhalb einiger Tage von den Alliierten überrannt zu werden. Die Überreste sind immer noch allgegenwärtig, je näher wir Calais kommen, desto mehr ist die Küste geradewegs bestückt mit Bunkeranlagen.

Kann sich noch jemand an den Film "Willkommen bei den Sch'tis" erinnern? In dieser Gegend sind wir gerade, Nord-Pas-de-Calais. Die Leute sind tatsächlich so wie im Film, sprechen ein drolliges, kaum verständliches Französisch, sind herzensgut und grundsympathisch. Leider ist nämlich gerade hier unser Keilriemen mal wieder gerissen. Als wir zwei Franzosen nach der nächsten Werkstatt fragen, werden wir geradezu von einer Woge der Hilfsbereitschaft überrollt und sie geben keine Ruhe, bis sie uns am nächsten Morgen höchstpersönlich einen neuen Keilriemen montiert haben. Echt wie im Film!

Bis dann, sagt Frank, bis dann!

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Frank Schirrmeister hat die Ostkreuz-Schule für Fotografie absolviert und lebt in Berlin. Mehr zu seiner Arbeit finden sie hier

Hier geht es zu den weiteren Tagebucheinträgen der Europareise:

Mein Europa - ein Reisetagebuch

(Prolog)

Europa mit Unterbrechung

(Eintrag 1)

Die unausrottbare Dominanz der Jogginghose

(Eintrag 2)

Mercedes statt Bunker

(Eintrag 3)

Der Wedding Italiens

(Eintrag 4)

Der Weg zurück

(Eintrag 6)

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Ihre Freitag-Redaktion

09:00 26.08.2012
Geschrieben von

Frank Schirrmeister | Beyond Crisis

Frank Schirrmeister ist mit einem Campingbus drei Monate durch Europa gefahren, neugierig auf einen Alltag jenseits von Schulden und Rettungsschirmen
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Beyond Crisis

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