Fremde Natur

Umweltschutz Viele tausend Menschen gehen für die Zukunft des Planeten auf die Straße. Eine beeindruckende Klimaschutzbewegung ist entstanden. Der Naturschutz kommt dabei zu kurz.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Mein Leben in der Natur

Ich bin in den 1970er Jahren in einem Dorf im Hunsrück aufgewachsen. Wir sind nie verreist. Das Geld fehlte. Meine freie Zeit verbrachte ich im Wald und auf den Feldern: Beobachtend, träumend, wandernd oder radfahrend. Es faszinierte mich, wie in einem großen Ameisenhaufen scheinbar jedes Tierchen wusste, wo es hinzulaufen hatte und wie aus einem scheinbar chaotischen Gewimmel ein geordnetes „Staatswesen“ entsteht. Schon als Kind hat mich die Natur, das perfekte Ineinandergreifen von Habitaten, begeistert. Ich hatte eine große Bibliothek von Pflanzen-, Vogel- und Insektenbestimmungsbüchern. Natürlich wurde ich Mitglied im NABU, trug im Frühling die wandernden Kröten über die Straße, zählte die Gartenvögel und bestimmte Käfer- und Schmetterlingsarten. Jedes Straßenbauprojekt und Neubaugebiet quälte mich: Wieder so viele Opfer und wieder ein Stück freie Landschaft weniger.

Im Erdkundeunterricht lernten wir, wie wichtig der Regenwald für das Klima ist, dass Wälder immer mehr abgeholzt werden und wie dies die Erosion begünstigt und zum Klimawandel beiträgt. Die Grenzen des Wachstums waren damals schon deutlich. Ich bekam Angst um die Natur, die die Grundlage von allem ist. Als Erstwählerin wählte ich die Grünen, die damals erstmalig antraten.

Verkehrte Welt

Wenn ich heute bei Simmern auf den so genannten„Traumschleifen“ wandere, sehe ich auf ein riesenhaftes Industriegebiet. Kein Hügel ohne monsterhafte, wedelnde Windkraftanlagen. Breite Schneisen wurden mit schwerem Gerät in den z.T. unberührten Waldboden geschlagen. Bäume, darunter auch alte Buchen, liegen zerstückelt am Wegesrand. Eine verwüstete Landschaft!- Der Blick meiner Jugendzeit über ein schier endloses Meer grüner Hügel ist dahin. Das, was ich nie für möglich gehalten habe, ist eingetreten: Eine komplette Landschaft wurde in wenigen Jahren ausgelöscht.

Wo sind BUND, wo sind die Grünen um diesen Naturfrevel zu beenden? – Sie sind ganz vorne, diese Industrialisierung als Umweltschutzmaßnahme zu feiern. Die Menschen, die vor Ort gegen die Zerstörung der Kulturlandschaft und die Entwertung ihrer Häuser protestieren, werden als Klimaleugner beschimpft und die zerstörte Landschaft in religiöser Verklärung als „Gelobtes Land“ gefeiert.

Die Argumente für diese Industrialisierung eines ganzen Landstrichs sind schnell aufgezählt: Der Klimawandel ist so gravierend, dass keine Rücksicht auf Natur und Landschaft genommen werden kann. Die „ starke Veränderung der Landschaft“ und die Einschränkungen des Artenschutzes werden als notwendiges Übel in der „Klimakrise“ propagiert. Vorbei die Zeiten, in denen Natur-, Landschafts- und Klimaschutz zusammengedacht wurden! Während die Windkraftbranche zunächst noch ein wenig Rücksicht gegenüber seltenen Arten vorspiegelte, hat man hinter den Kulissen das Umweltministerium dazu gebracht, den Artenschutz deutlich aufzuweichen, um mehr Windräder auch in Naturschutzgebiete bauen zu können. Schon jetzt stehen mehr als 6000 Anlagen in Schutzgebieten. Und es sollen mehr werden.

Schöne neue Welt der „Energielandschaften“

Es ist die Zeit des grünen Kapitalismus angebrochen, in der „Natur“ und „Landschaft“ Anachronismen sind. In einem offenen Brief des Geschäftsführers einer Windkraftfirma an den Staatssekretär im Bundesamt für Naturschutz, liest sich das so: „Die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) (…) fordert, dass bei der Planung von Windparks stärker die Auswirkungen auf das Landschaftsbild und das Landschaftserleben berücksichtigt werden müsse. Naturnah wirkende Landschaften müssten ohne technische Überprägung erhalten bleiben. Die Grundsatzfrage, ob wir als Industriegesellschaft die Energiewende wollen mit allen Konsequenzen oder ob wir mit dem BfN zurückwollen zur Landschaftsromantik ohne technischen Energieverbrauch, ist längst entschieden. Wir können nicht bei jeder Bauleitplanung oder jedem BImSchG-Verfahren diese Frage wieder ernsthaft in den Raum stellen. Dass dieser romantisierende Zugang zu Natur und Landschaft direkte Konsequenzen hat, ist klar zu belegen.“

Hier bestätigt ein Vertreter der Windkraftbranche, was der Naturschützer Wolfgang Epple in einer leider vergriffenen Denkschrift aufgeschrieben hat: „Windkraft und Naturschutz sind nicht vereinbar“. Die heutigen Vertreter der grünen Bewegung kümmert das wenig: Unlängst trat der BUND-Vorsitzende auf einer Seite einer Windkraftfirma für einen „entfesselten“ Ausbau der Windkraft ein. Verflechtungen mit der Branche seien aber keine vorhanden. Die ehemalige grüne Spitzenpolitikerin Simone Peter wechselte ohne jede Karenzzeit in die Windkraftbranche. Seitdem feiert sie jeden riesigen Windpark als „Augenweide“.

Eine Industrieeuphorie auf Kosten von Landschaft und Natur ist entstanden. Von Energielandschaften wird geschwärmt, in denen in riesigen Monokulturen aus Mais und Raps die immer größer werdenden Windkraftanlagen Ökostrom produzieren Durch diese wundervolle „Klimalandschaft“ fahren glückliche Familien mit ihren Elektroautos. So die neue grüne Vision!

Natürlich wissen auch die „Energiewender“, dass wir Insekten und andere Tiere brauchen. Deshalb sollen zwischen den Energielandschaften kleine Inseln von Wildnis entstehen, Naturmuseen, die für Menschen weitgehend gesperrt werden. Die Frage ist nur, wie die „Klimaschützer“ den zahlreichen Tieren, die noch in ganz normalen Wäldern und Kulturlandschaften leben, klar machen, dass sie nun in museale Reservate umzuziehen haben. Und wo sollen die Menschen noch in Kontakt mit der lebendigen Natur kommen und wie sollen junge Menschen ein Empfinden dafür entwickeln?- Was einem fremd ist, das schützt man nicht. Naturschutz kann nur nachhaltig werden, wenn auch ein emotionaler Kontakt zur Natur besteht. Dieser wird aber durch Folgen der Energiewende massiv erschwert. Zu Industriegebieten kann keine emotionale Bindung entstehen.

Und was ist mit den noch verbliebenen echten Naturschützern und „Landschaftsromantikern“. Auch für diese gibt es in der wunderbaren neuen Welt des Klimaschutzes eine Lösung: Sie werden nach einem Vorschlag des „Berlin-Instituts“ in urbane Bereiche umgesiedelt. Dann stören sie weder die Wildnis noch den Windkraftausbau. Sie leben ja ohnehin in peripheren Gegenden ohne kulturelles Angebot. Natur an sich ist für die Klimaschützer ja eher ein notwendiges Übel. Man wird die paar Tiere durch den „Klimaschutz“ schon so nebenbei mitretten.

Die Natur als Hindernis auf dem Weg zur Weltrettung

„Übertriebener Artenschutz“ gilt als DAS Hindernis auf dem Weg zur vollendeten Energiewende. Die Branche fordert eine „sachbezogene“ Auslegung des Artenschutzes. Im Klartext heißt das: Artenschutz nur dort, wo wir ohnehin nicht bauen. Dabei zeichnete der UN-Artenschutzbericht ein verheerendes Bild von einer schwindenden biologischen Vielfalt. Er legt eine massive Verstärkung des Artenschutzes nahe. Mit dem Artensterben werden unsere Lebensgrundlagen zerstört. Davon kommt im Klimaretter-Land Nr. 1 absolut nichts an. Da wird einfach behauptet, die Energiewende trüge zum Artenschutz bei. Dabei muss man bedenken, dass der Einfluss der deutschen Klimaschutzbemühungen im Weltmaßstab eher gering ist, also auf diesem Wege keine einzige vom Klimawandel betroffene Art gerettet werden kann. Demgegenüber steht eine großflächige Zerstörung von Lebensräumen und Habitaten. Trotz des Versuches der medialen Unterdrückung gelangen immer mehr Studien an die Öffentlichkeit, die die ökologischen Folgen der Energiewende beleuchten. Die Artenschutzbilanz der Energiewende ist deutlich im negativen Bereich. Dies leuchtet jedem ein, der auch nur ökologische Grundkenntnisse besitzt.

Die Natur und seltene Tierarten sind die natürlichen Feinde der „Energiewende“. So häufen sich die Fälle von getöteten seltenen Greifvögeln wie dem Seeadler und dem Rotmilan in Windkraftplangebieten. Die Vögel werden im günstigsten Fall nur durch Zerstörung ihrer Nistbäume und Lärm vergrämt. In einigen Fällen werden aber auch Horste zerstört und Brutvögel direkt getötet, wenn sie einem Projekt im Wege stehen. In diesem Zusammenhang muten Bezeichnungen wie „Naturstrom“ eher zynisch an.

Naturentfremdung

Naturerleben ist für heutige Jugendliche keine Selbstverständlichkeit mehr. Ihr Leben spielt sich nicht wie meines damals in Wald und Flur ab, sondern in den sozialen Medien. Sie reisen mehr und denken global. Sie wollen nicht irgendwelche grünschimmernden Laufkäfer oder Wiesenpieper vor dem Aussterben retten, sondern die ganze Welt. Ihnen tun die ölverschmierten Meeresvögel Leid, die im Internet gezeigt werden und der Eisbär auf seiner schmelzenden Eisscholle. Die 250 000 Fledermäuse, die jährlich durch direkte Kollisionen oder Barotrauma an Windkraftanlagen zu Tode kommen, lassen sie kalt. Die Zerstörung von immer mehr Lebensräumen direkt vor ihrer Haustür wird kaum als Verlust wahrgenommen.

Wer die ganze Welt retten will, verliert am Ende den Kontakt zu dem, was unseren Planeten ausmacht: Das Zusammenwirken zerbrechlicher, komplizierter Ökosysteme. Und diese kommen manchmal ganz klein und unscheinbar daher, wie ein verwilderter Garten mit Brennnesseln, der Wirtspflanze des schönen Tagpfauenauges. Habitate können überall entstehen, wo etwas wächst. Die Vorstellung, einfach zu planen, wo Natur sein darf und wo Energie produziert wird, ignoriert die Gesetzmäßigkeiten der Natur. Es ist ein neuer, diesmal grün angestrichener, Größenwahn.

Was wir brauchen ist eine sensible Achtsamkeit gegenüber der Natur, deren Teil wir sind. Wir müssen begreifen, dass Konsum weder Sinn noch Lebenszweck des Daseins sein kann. Ständiges Wachstum und Nachhaltigkeit passen nicht zusammen. Und wir müssen unseren Kindern die Natur wieder näher bringen. Nur durch ein Zusammenspiel von Arten-, Landschafts- und Klimaschutz kann dieser Planet gerettet werden.

Umweltschutz ist mehr und weitaus komplexer als der Kohleausstieg, auf den die „Weltenrettung“ verengt wird. Es geht um den Fortbestand unserer Lebensgrundlagen. Bleibt die leider geringe Hoffnung, dass die jungen Aktivist*innen der Fridays-for Future-Bewegung“ am Ende wieder zusammendenken, was zusammengehört.

15:09 24.07.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Bibliofiline

Ich interessiere mich für Bildung, Literatur, Politik, Philosophie.
Bibliofiline

Kommentare 9