BIG Business Crime
03.06.2013 | 09:58 33

"0,1 Prozent – Das Imperium der Milliardäre"

Eine Buchbesprechung von Prof. Hans See, zuerst erschienen in Ausgabe 02/2013 der Vierteljahreszeitschrift BIG Business Crime

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied BIG Business Crime

"0,1 Prozent – Das Imperium der Milliardäre"

Bild: Cover

Hans Jürgen Krysmanski: 0,1 Prozent – Das Imperium der Milliardäre

erschienen im Westend Verlag Frankfurt 2012
288 Seiten, 19,99 €

Ausgangspunkt

Es versteht sich hoffentlich von selbst, dass ich kapitalismuskritische Bücher vor allem (wenn auch nicht nur) unter dem Aspekt rezensiere, ob - und wenn ja, wie? - ihre Autoren die Verbrechen der Wirtschaft bzw. Wirtschaftsbosse (Unternehmer, Anteilseigner, Manager, Aufsichtsratsmitglieder etc.) berücksichtigen. Hans Jürgen Krysmanskis neuestes Werk interessierte mich besonders, weil ich dachte, es sei eines über Milliardäre. Das war mein Ausgangspunkt. Ist es ja irgendwie auch, aber auch wieder nicht. Und da ich dieses Buch dennoch jedem empfehle, der sich für den Imperialismus der Superreichen interessiert, ist diese Rezension etwas länger als üblich ausgefallen. Krysmanskis Buch bietet die beste Gelegenheit, einige Grundsatzfragen zumindest anzudiskutieren, die er durch zahlreiche eigene Hinweise und Zitate aufwirft, aber nicht weiter verfolgt.
Die Frage, wie derart unfassbare Reichtümer in so wenige private Hände geraten konnten, wird in den meisten deutschsprachigen Büchern über Reiche nicht mehr thematisiert. Auch Krysmanski hält sich vornehm zurück. Hier muss man entweder auf das 24. Kapitel des Marx’schen Hauptwerks Das Kapital (Bd.1) zurückgreifen, in dem die "so genannte ursprüngliche Akkumulation" des Kapitals in England als eine gigantische blutige Räuberei geschildert wird, oder man kramt vergessene, nur noch als Titel in Erinnerung gebliebene Bücher wie Steward H. Holbrooks 1954 in deutscher Sprache erschienenes Werk "Die Cäsaren der Wirtschaft" (München) hervor. obgleich es viele auch aktuelle englischsprachige Bücher über die Verbrechen der Wirtschaft gibt.
In seinem 2012 erschienenen Buch hat der renommierte marxistische Soziologe Hans Jürgen Krysmanski, ausgewiesener Klassenanalytiker, Macht-, Elite-, Konflikt- und Friedensforscher die winzige Minderheit von "0,1 Prozent" der Superreichen zum Gegenstand sozialwissenschaftlicher Forschung erhoben. Er setzt damit seine früheren Forschungsarbeiten fort, spitzt sie aber auf die "oberen Zehntausend", wie man sie im analogen Zeitalter noch nannte - zu. Jedenfalls knüpft er mit diesem Buch thematisch an seine 2010 erstmals, inzwischen in 4. Auflage erschienenen "Geschichte der amerikanischen Reichtumsforschung" an. Der damalige Titel: "Hirten und Wölfe – Wie Geld- und Machteliten sich die Welt aneignen". Nach wie vor sehr lesenswert.
Wer erwartet, in diesem neuen Buch mehr über Bill Gates, Warren Buffet und anderer Pop-Stars unter den Megareichen zu erfahren als SPIEGEL, STERN oder FORBES-Magazin verraten, wird enttäuscht. Es geht Krysmanski nämlich nicht wirklich um die Milliardäre, sondern - wie ja auch der Untertitel klar ansagt - um das "Imperium der Milliardäre". Man ahnt natürlich, dass dieses Imperium nicht ein klar umrissenes, irgendwo und irgendwie von anderen vergleichbaren Imperien (sagen wir der Nichtregierungsorganisationen - Jean Ziegler nennt sie "die Widersacher" der neuen Herrscher der Welt - ) abgrenzbares Machtgebilde handeln kann, sondern um ein soziologisches Konstrukt. Obgleich für platte Empirie ein Schattenreich, handelt es sich bei diesem parzellierten Imperium, wie Krysmanski zeigt, durchaus um handfeste, auch differenzierten empirischen Studien zugängliche Eigentumsverhältnisse.

Richistan ist überall

Der materielle Reichtum dieser Superreichen liegt nicht auf Sparkassen, Volksbanken und in Schatztruhen herum. Er besteht aus einklagbaren Rechtstiteln auf Grund und Boden, Grundstücke und Urwälder, Plantagen, realwirtschaftliche Produktionsstätten, Banken, Versicherungen, Hedgefonds, Krankenhausgesellschaften, Kurbetriebe, Reisegesellschaften, Luftflotten, Schiffsflotten, Eisenbahngesellschaften, Autobahnen, Kommunikations- und Medienimperien und sonstigen - auch in Steueroasen angelegten - Vermögenswerten. Zumindest hohen Anteilen daran – und dies weltweit gestreut. Darüber hinaus aber auch aus Kunstsammlungen, Fußballvereinen und anderen lukrativen Werbeträgern. Kurz: Diesen Reichen und Superreichen gehören entscheidende Anteile der gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsmittel unseres blauen Planten. Wenn wundert es also, dass sogar einzelne Clans ganze Staaten und Verfassungssysteme zum Einsturz oder zum Aufstieg verhelfen können?
Dazu kommt, dass die als Neoliberalismus bezeichnete Antikrisenpolitik in Form der systematischen Privatisierung öffentlicher Güter von den Kapitalstrategen weltweit vorangetrieben wird. Zur Verwaltung dieser Imperien sind den Superreichen Heerscharen von Managern, Prokuristen, Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, Rechtsanwälte, Forscher, Steuerberater, Berater, Ghostwriter, Werkschützer, Leibwächter, Bereitschaften und andere Lakaien zu Diensten. Notfalls die staatliche Polizeimaschine und – in letzter Instanz – auch Streitkräfte. Denn die Unternehmen, Villen, Fuhrparks, Yachten und die zum Erhalt und zum Ausbau ihrer Macht und Herrschaft notwendige Infrastruktur, dazu als höchste Rechtsgüter "Ordnung" und "Sicherheit", erfordern eine quasi-hörige Dienstklasse, eine Art Klerus der neoliberalen Weltanschauung.
Nach klassischem bürgerlichem Verständnis verbürgen nach wie vor die Nationalstaaten "Ordnung und Sicherheit", "Law and Order". Insbesondere sind sie letztinstanzliche Garanten des Rechts auf Eigentum und unternehmerischer Betätigungsfreiheit. Aber die Informations- und Wissenssysteme, die das Eigentumsrecht durch institutionalisierte und staatlich garantierte Rechtssicherheit und Vertragstransparenz im Namen einer als repräsentativ ausgegebenen Demokratie – die in Wirklichkeit eine neofeudale Plutokratie ist - garantieren, sind spätestens mit dem Ende der Ost-West-Systemkonkurrenz in beiden Machtsphären der Nachkriegsgeschichte zerfallen. Sie befinden sich seitdem in einen als Globalisierung umschriebenen, aber nach wie vor als Fortsetzung des alten Imperialismus betriebenen Transformationsprozess unter neuen Rahmenbedingungen. Der Umstrukturierungsprozess steht im Zeichen neuer wissenschaftlich-technischer (weiterhin auch militärischer) und sozialpsychologischer Mittel, die in erster Linie den neuesten Digitaltechniken zu verdanken sind.
Aber die Nationalstaaten verschwanden nicht, wovon auch Krysmanski - sich auf den peruanischen Ökonomen Hernando de Soto berufend - erst einmal ausgeht. Doch dann denkt er über diese Annahme hinaus, indem er den bis dahin gültigen Wissensbegriff weiter fasst als den, der den jeweiligen Systemgegnern des Kalten Krieges genügte. Denn wenn der Kapitalismus nun endgültig, bei aller Vielfalt seiner Ausprägungen und Unterschiedlichkeit auf den Entwicklungsstufen seiner Elemente (Arbeiterklasse, Klassenbewusstsein, Organisationsgrad, religiöse und sonstige kulturelle Überformungen, Wahl- und Regierungssysteme) sich als globale Ökonomie durchgesetzt hat, geht es um das "richtige" Verständnis des neu entstandenen oder noch im Entstehen begriffenen Weltsystems, der neuen - noch zu schaffenden - Weltordnung.
Hier wäre interessant gewesen, was Krysmanski zur zentralen These des FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher (ich werde eine Rezension seines Buches "EGO – Das Spiel des Lebens" in der nächsten BIG-Ausgabe veröffentlichen) gesagt hätte, die er - weil das Buch später erschien - noch nicht kennen konnte. Schirrmacher geht nämlich davon aus, dass es die spieltheoretischen Modelle des Kalten Krieges sind, die maßgeblich zum Sieg des Kapitalismus über den Staatssozialismus beitrugen und - dies sein entscheidender Gedanke - nach Ende des Ost-West-Konflikts vor allem von den Hedgefonds benutzt und genutzt werden, eine Art kalten (Finanz-) Wirtschaftskrieg gegen den guten alten Kapitalismus zu führen.
Krysmanski sagt, dass "auch die unspektakulärste Expropriation der Epropriateure…nur möglich (ist) durch die Aneignung aller Daten über den Gang der Dinge und Verhältnisse in der Welt."(S.256f.) Theoretisch - ja partiell auch praktisch - sind demnach alle wissenschaftlich-technischen Möglichkeiten und Ressourcen für eine auf die "Totalität der Probleme" und "der Problemlösungen" ausgerichtete globalwirtschaftliche Planung vorhanden, aber die erforderliche "Interkonnektivität" (also das notwendige Maß der Vernetzung) ist aus Krysmanskis Sicht - "wegen Profitkonkurrenz" (S.260) - nicht gegeben. Vielmehr tobt derzeit ein Kampf um die Kontrolle über die Netze. Hier wäre ein systematischer Ansatzpunkt, die Rolle des nationalen Rechts (auch des Wirtschaftsstrafrechts) und der Verbindlichkeit internationaler Abmachungen (Verträge etc.) bei der Entwicklung des neuen Reichtums zu untersuchen.
In diesem Kampf um Netze und Informationsmonopole spielen die Nationalstaaten noch immer eine zentrale Rolle. Aber sie werden, wo deren Regierungen ihre Kontrollmacht dazu "missbrauchen", Regulierung im Sinne sozialstaatlicher Umverteilungspolitik (man denke an den Kampf gegen den grenzüberschreitenden Steuerbetrug) durchzusetzen, auch gegeneinander ausgespielt. (S.118) Wir wissen nicht, über wie viele nationale Identitäten (Personalausweise) jeder Einzelne dieser megareichen Minderheit verfügt. Aber was Krysmanski über die Verteilung und Bewegung der Milliardäre "im Raum", "dem Planeten als Ganzes" und an Reaktionen auf nationalstaatliche Politiken herausgefunden hat, verweist unübersehbar - vom Standpunkt sozialstaatlich-demokratischer Verteilungspolitik aus gesehen – auf den reaktionären Charakter des Imperiums der Milliardäre, mögen einzelne caritative oder politische Aktivitäten auch noch so progressive Züge zeigen.
In Zeiten des Umbruchs, in denen kapitalismuskritische Friedens- und Demokratiebewegungen trotz - oder wegen - des überwältigenden Einflusses der Reichen und Superreichen auf Parteien, Medien, Gesellschaft weltweit Widerstand organisieren und dort, wo einigermaßen freie Wahlen garantiert sind, jederzeit "falsche Mehrheiten" zustande kommen, also völlig legal radikale Gegner dieser Reichen an die Schalthebel der Macht gelangen können, sind diesen "Vermögenden" die "Staatsgarantien" nicht mehr zuverlässig genug. Das erklärt den globalen Ausbau der Überwachsungssysteme und den damit einhergehenden, die Spekulanten beflügelnden Aufschwung der Sicherheitsindustrie. Andererseits hat die "Demokratisierung" des Internet, dem viele Superreiche ihren Reichtum verdanken, auch zur Stärkung ihrer Widersacher geführt, hat Bewegungen wie Attac, Weltsozialforen und Occupy hervorgebracht, deren Veränderungspotentiale von Kapitalismuskritikern oft weit überschätzt werden und Enttäuschungen hervorrufen.
Wie viel Veränderung Krysmanski diesen oppositionellen Strömungen zutraut, ob sie zu einer ernst zu nehmenden revolutionären Gegenmacht werden könnten, lässt er klugerweise offen. Er versucht jedoch die Frage zu beantworten, was denn diese winzige, aber mächtige Minderheit der Superreichen mit ihrem einmal aufgehäuften Vermögen eigentlich macht. Hier bietet er den oppositionellen Strömungen interessante Übersichten über Zusammenhänge und Einblicke, die sie durchaus radikalisieren könnten. Zwar versucht er – wie andere Reichtumsforscher – auch die Größenordnungen dieser Vermögen zu erfassen. Aber von der üblichen Reichenkritik an zu hohen Gehältern, Boni und Renditen macht er kaum eigenen Gebrauch. Auch die "Gier" wird von ihm – der halt ein guter marxistischer Soziologe ist - nicht wirklich bemüht.
Ebenso lässt er die immer wieder laut werdenden Argumente, dass diese Leute ihr Geld doch in Kapital verwandeln, also in Arbeitsplätze investieren, dass sie Kultur- und Wissenschaftsstiftungen, Think Tanks gründen, Wohlfahrtsveranstaltungen finanzieren und auch ansonsten allerlei Gutes tun, weitgehend außen vor oder zeigt, dass auch diese Aktivitäten der Ausübung und Sicherung von Macht und Herrschaft dienen. Dass Milliardäre das Kapital überwinden, wird zwar von ihm angedacht, aber nicht ernsthaft geglaubt oder vertreten. Mehrfach hebt Krysmanski nämlich hervor, dass diese Minderheit derart abgehoben herrscht, dass sie - anders als die übrigen Reichen - selbst bei schwersten Krisen ruhig schlafen kann. Denn ihre Vermögen sind in einer Breite gestreut und in einer Tiefe abgesichert, dass sie letztendlich nichts zu verlieren und auch sonst nichts zu befürchten hat, es sei denn, der Planet explodiert.
Das Buch handelt also durchaus konkret von den – wie sie früher genannt wurden - "oberen Zehntausend", also von "denen da oben". Doch wird es nur an wenigen Stellen - so über den russischen Oligarchen Jewtuschenkow - persönlich (S.150ff). Ansonsten bilden die Superreichen - so undefinierbar sie auch sind – dennoch eher eine soziologische Größe. Auch Bill Gates, George Soros und all jene, die man zu kennen glaubt, weil sie in der Öffentlichkeit immer wieder erwähnt oder zitiert werden, sind nicht wirklich Thema. Das Buch handelt nicht einmal von einzelnen Wirtschaftsimperien wie Microsoft, EADS, AIG, Sistema, die Bechtel Corporation, General Motors, Großbanken, Versicherungen, Hedgefonds, Siemens und Konsorten, deren Namen irgendwo in Listen zu finden sind. Gegenstand sind "einzig und allein die Superreichen", ein diffuses Kollektiv, das sich von den Reichen durch ihre totale Privatheit unterscheidet und aus "dieser dunklen Zone heraus", die "Imperium der Milliardäre" genannt wird, ihre "unkontrollierte Macht" (trotz wachsenden Widerstands noch immer) weithin ungestört ausüben kann.
Diese dunkle Zone kann natürlich nur indirekt, eher durch soziologische Imagination als mit den üblichen Zähl-, Meß- und Gewichtungstechniken empirischer Sozialforschung erschlossen werden. In Anlehnung an Robert Franks gleichnamiges Buch über die Megareichen nennt Krysmanski deshalb dieses Imperium auch "Richistan".

Richistan und seine Räuber

Krysmanski versichert uns und belegt es auch: "Richistan. Dieses Schattenreich der Milliardäre ist kein Mysterium"(S.83) Aber er gesteht freimütig, dass es "vieles" gibt, "was wir darüber noch nicht wissen". Und da sich, wie er bedauert, "die Sozialwissenschaftler über die hier anzuwendenden Theorien und Forschungsmethoden nicht einig" sind, gestattet er sich "eine experimentierende, tastende und spielerische Annäherung an dieses Phänomen". Er verrät aber auch, dass es noch einen weiteren Grund gibt, seine Kritik nicht mit dem Gestus eines Revolutionärs vorzutragen. Ihm sei schon bei Annäherung an das Thema klar geworden, sagt er, welche "Selbstverteidigungsenergien in diesem Macht- und Herrschaftssystem stecken", die er angesichts einiger konkreter Zahlen in Blogs und Foren zu spüren bekommen habe. Das Buch - so spannend, informativ und konkret es über weite Teile auch ist – bleibt daher insgesamt doch wissenschaftlich abstrakt.
Zwar sagt der Autor unmissverständlich, dass man angesichts der Folgen der neoliberalen Globalisierung nicht mehr "um eine klare, brutale Fassung des Themas Macht und Herrschaft herumkommen" wird, aber die im Text immer wieder fallenden Namen von Milliardären und Konzernen, Think Tanks und anderen Institutionen, die im Dienst der Superreichen stehen, bekannte wie unbekannte, werden nicht - schon gar nicht "brutal" - mit den doch einen ganz wesentlichen Teil der Geschichte des Kapitalismus ausmachenden Wirtschaftsverbrechen in Verbindung gebracht. Nicht einmal indirekt. Krysmanski liefert eingangs eine Liste jener Kapital-Titanen des späten 19. und 20. Jahrhunderts, denen es gelang, unter Missachtung aller humanistischen und demokratischen Errungenschaften, auch der bürgerlichen Verfassungsnormen und der Einzelgesetze, gigantische Wirtschaftsimperien aufzubauen. Und die meisten dieser Namen stehen bis heute für den verwirklichten amerikanischen Traum, der dem Tellerwäscher suggeriert: Auch Du kannst Milliardär werden.
Wer aber - wie ich - schon 1954 das in Deutschland erschienene Buch von Steward H. Holbrook "Cäsaren der Wirtschaft - Die Entstehung der amerikanischen Gelddynastien" gelesen hat, wird überrascht feststellen, dass Krysmanski - wenn er schon darauf verzichtet, die mörderische Entstehung der amerikanischen Kapitalgesellschaften selbst nachzuerzählen - nicht wenigstens auf dieses frühe Standardwerk über die neuen Superreichen, die die USA zu jener Weltmacht werden ließen, die sie zumindest militärisch noch immer ist, verweist. Holbrook hat in diesem Buch die Ambivalenz von Wirtschaftsverbrechen in einer Weise analysiert, die eigentlich kein Reichtumsforscher nach ihm ignorieren kann.
Holbrook hätte Krysmanskis mehrfachen Hinweisen auf räuberische Ausbeutungspraktiken auf jeden Fall empirische Rückendeckung geben können. Darüber hinaus hätte es die Möglichkeit geboten, den historischen Veränderungsprozess zwischen 1954 und 2012 - den Krysmanski durchaus ernst nimmt - zu konkretisieren. Denn in Holbrooks Buch - das aus dem analogen Zeitalter stammt - haben die Tycoons noch ein Gesicht, eine Lebensgeschichte. Sie haben Ehefrauen, Geliebte und Kinder, Freunde und Feinde. Das Buch ist mit Potraitsfotografien sowie Fotos von Wohnpalästen (Außen- und Innenansichten und Bankhäusern, ja sogar mit Bildern Streikender und mit boshaften Karikaturen über die Superreichen) ausgestattet.
Holbrook zeigt auch deren allseits bewunderte Leistungen. Aber er schreckt nicht vor wirklich "brutalen" Äußerungen zurück: "Noch die besten von ihnen", schreibt er einleitend, "arbeiteten bis etwa 1900 mit Methoden, vor denen heute (Anfang der 1950er Jahre, also mitten in der McCarthy-Ära - HS) auch der gewissenloseste Manager zurückschrecken würde, während damals die Amerikaner für solche Manöver keinen härteren Ausdruck hatten als ‚smart’." Noch brutaler: "Und überhaupt hätte wohl gegenwärtig fast jeder unserer Helden bei gerichtlicher Würdigung seiner Unternehmungen gut und gerne hundert Jahre Gefängnis zu erwarten."(S.8f) Und darüber hinaus: Fünfzehn Jahre nach Holbrooks Buch (dessen deutsche Ausgabe den amerikanischen Pioniergeist in das niedergeworfene Deutschland exportieren sollte), im Jahr der ausklingenden Studentenrevolte 1969 und der beginnenden Reformpolitik der Regierung Brandt / Scheel, erschien in der BRD das Buch "Die Reichen und die Superreichen – Macht und Allmacht des Geldes" von Ferdinand Lundberg.
Lundberg hatte schon 1937 ein Buch über Amerikas 60 reichsten Familien (America’s sixty Families) verfasst, dass starken Einfluss auf die US-Sozialpolitik ausübte. Diese wird in Deutschland unter "New Deal" abgehakt.
Das Buch beginnt wie folgt: "The United States of America is owned and controlled by a hierarchy that at its core consists of the 60 richest families of the country, to which at most 90 families of somewhat lesser wealth may be included. These families are the center of the modern industrial oligarchy that controls the United States. They function discretely under a de jure democratic form of government, behind which a de facto government of abolutistic and plutocratic nature has existed since the Civil War." Ein Standardwerk, das nach Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg vom Nazi-Chef der Deutschen Arbeitsfront, Robert Lay, für seine antisemitische Propaganda (nach der die reichen Juden der USA den Zweiten Weltkrieg angezettelt haben) missbraucht und wahrscheinlich deshalb nach 1945 in Deutschland keine Chance hatte, wenigstens zur Kenntnis genommen zu werden.
Doch Lundberg, ein Holbrook auf höherer Stufenleiter, wird von Krysmanski zitiert. Leider nicht, um dessen Erklärung der Dialektik von "Reichtum und Kriminalität" zu reflektieren oder zu rezipieren, sondern um Reichtum und Superreichtum voneinander abzugrenzen (S12). Dass er das Dritte Kapitel des Lundberg-Buches unerwähnt lässt, in dem dieser - eine seltene wissenschaftliche Heldentat - den Zusammenhang von "Kriminalität und Reichtum" thematisiert, hat mich doch sehr überrascht. Lundberg hat nämlich mit seinem Buch über die 60 reichsten Familien der USA auch die Weichen für den Durchbruch einer damals revolutionären Kriminalsoziologie gestellt, mit der der Beginn einer seriösen kapitalismus- bzw. konzernkritischen Wirtschaftskriminologie datiert. Sie wird in Lundbergs von Krysmanski erwähnten Buch - im Kontext der Konzernkritik der späten 60er Jahre - mit Bezug auf den berühmten Wirtschaftskriminologen und Kriminalsoziologen Edwin H. Sutherland ausführlich referiert. Und da Lundberg mit Sutherlands Forschungsergebnissen die Rolle der Kriminalität der Konzerne besonders hervorhebt. ist nicht nachvollziehbar, weshalb Krysmanski, der ja die Konzernpolitik genau beobachtet, diesen Ansatz völlig ignoriert.
Diese Ausblendung ist umso unverständlicher, als Krysmanski sehr wohl weiß, sogar in seinem Buch immer wieder andeutet, dass es auch heute "Mafiamilliardäre" gibt und dass "Raub" (S.59) nicht nur in der von Marx beschriebenen Periode der englischen "so genannten ursprünglichen Akkumulation" (Marx) vorkam, sondern weltweit allgegenwärtig ist. Da der Gesetzesbruch im Wirtschaftsleben nicht nur eine der Grundformen der Kapitalbeschaffung, von Start- und Aufstockungskapital ist, sondern auch im gesamten Verwertungsprozess von der Rohstoff- und Energieversorgung über alle Produktionsstufen bis zum kriminellen Recycling und der kriminellen Entsorgung von Abfallstoffen (Marx spricht von Exkrementen) ein durch keine andere wirtschaftliche Leistung kompensierbarer Wettbewerbsvorteil ist, wäre wenigstens eine Erklärung zu erwarten gewesen, weshalb (insbesondere sich als marxistisch verstehende) Kapitalismuskritik glaubt, der theoretischen Auseinandersetzung mit der kriminellen Seite der Ökonomie aus dem Wege gehen zu dürfen.
Lundberg geht in diesem Punkt sogar weiter als Holbrook. Denn er wagt es, seine Leserinnen und Leser in die Theorie des Kriminalsoziologen und Wirtschaftskriminologen Sutherland (1883-1950) einzuführen, dessen Standardwerk "White Collar Crime" in der McCarthy-Ära in den USA nur gekürzt erscheinen durfte, erstmals 1983 ungekürzt erschien, aber bis heute nicht ins Deutsche übersetzt wurde. Auch Krysmanski - obgleich er in fast jedem Abschnitt seines Buches dazu einschlägige Andeutungen macht oder zitiert - thematisiert die kriminalisierte Seite der Ökonomie nicht. Er untersucht nicht, welche Bedeutung dem kriminell beschafften, verwerteten und abgesicherten Kapital in einer im rechtsstaatlichen, sozialstaatlich-demokratischen Gewand auftretenden Wirtschaftsweise zukommt. Auch nicht ob, und wenn ja, wie Wirtschaftsverbrechen und Wirtschaftskrisen zusammenhängen. Allenfalls wird auf die Wechselwirkung von Wirtschafts- und Demokratiekrisen hingewiesen.
Wie die meisten namhaften marxistischen Sozialwissenschaftler hat auch Krysmanski offensichtlich ein Problem damit, dass die Kritik der politischen Ökonomie des Marxismus bis heute in der von Marx entwickelten Systematik keinen Ort für die räuberische, die kriminalisierte, Seite der Ausbeutung, gefunden hat. Dabei wird doch erfahrungsgemäß jegliche Form der sozialstaatlichen Wirtschaftsregulierung vom New Deal und der "sozialen Marktwirtschaft" bis hin zur rigiden kommunistischen Planwirtschaft (die als Stufen der Regulierung zu verstehen sind und klassenpolitische Auseinandersetzung mit der Rolle der Gesetzgebung und der Rechtsprechung unausweichlich machen), von den Ideologen des Neoliberalismus als Hauptgrund für die Entstehung von Wirtschaftskriminalität genannt. Wirtschaftsverbrechen (einschließlich Steuerkriminalität) werden als Freiheitskämpfe hochstilisiert und gegen den "Steuerverschwender" Staat moralisiert.
Schon Marx und Engels haben der Steuerungskapazität staatlicher Gesetze und ihrer Wirkung auf die Moral- und Marktgesetze nicht die notwendige Beachtung geschenkt, haben sie meist in Vorworte und Anmerkungen verbannt. Marx hat Leserinnen und Leser des "Kapital" mehrfach auf spätere Ausführungen vertröstet, zu denen aber seine Lebenszeit zu kurz gewesen ist. So hat er sich auf das "Naturwüchsige" im Kapitalismus der kapitalistischen Wirtschaftsweise konzentriert, um es so deutlich wie möglich herausarbeiten und seiner fundamentalen Kritik unterziehen zu können. Nimmt man die Kapitalismuskritik so, wie sie sich in den Köpfen der Theoretiker der Arbeiterbewegung verfestigt hat, ist es durchaus richtig, dass der Kapitalismus auch ohne Wirtschaftskriminelle eine Gefahr für den Sozialstaat, ja selbst für die kapitalistischen Demokratien ist. Daher glauben ja so viele Linke, das Problem der kriminellen Ökonomie sei eines des Systems und des Systemerhalts.
Doch Krysmanski, und daher betrachte ich ihn - trotz der hier kritisierten Theoriedefizite - als einen Verbündeten, geht einen Schritt weiter, obgleich er daraus (noch?) nicht die notwendigen Konsequenzen zieht, wenn er schreibt: "Die Davos-Klasse ist trotz der guten Manieren und Maßanzüge ihrer Mitglieder räuberisch."(S. 101) Dass er nirgends auch nur andeutet, der ganze Kapitalismus sei kriminell, daher erübrige sich dieses Thema, macht mir Hoffnung. Was mich jedoch überrascht hat, dass er glaubt betonen zu müssen, längst nicht alle der so genannten Offshore-Vermögen seien mit "illegaler Steuerhinterziehung" (S.82) zu erklären.
Natürlich nicht: Schon vor fast zwei Jahrzehnten haben Banken, sogar die öffentlich-rechtliche Helaba, in Zeitungs-Anzeigen den Reichen ihre Hilfe angeboten, ihr Geld "legal" (und dennoch am Fiskus vorbei) in die Schweiz, nach Liechtenstein oder in andere Offshore-Zentren zu schaffen. Und in diesem - wenn man von der hier hervorgehobenen Schwachstelle und einigen anderen absieht - äußerst lehrreichen, anregenden und auch für die Diskussion des Problems der kriminellen Ökonomie sehr wichtigen Buch - finden sich ja genügend Hinweise, wie dieses "Imperium der Milliardäre" die öffentliche Meinung, die Wissenschaften, Medien, Parteien, Wahlen, Gesetzgebung und Rechtsprechung, Regierungen, ja auch die gesamte Staatsbürokratie einschließlich der Justiz. beeinflussen. Dieses Problem ist aus meiner Sicht der harte und wahre Kern des Buches.
Krysmanski zeigt, auch ohne es ausdrücklich zu thematisieren, dass, wer über eine derart imperiale Privatmacht wie die Superreichen verfügt, theoretisch und praktisch gar keine Verbrechen begehen muss. Ein Superreicher hat die Freiheit, die Superspezialisten ganzer Anwaltskanzleien, die Think Tanks, ehrgeizige Universitätsprofessoren, die engen Connections zur Politik, zur Staatsbürokratie als Teile seiner bereicherungspolitischen Projektplanung einzusetzen und die möglicherweise sozial- und umweltschädlichen Praktiken zu umgehen oder vorher legalisieren zu lassen. Viele Verbrechen finden daher heute auf gesetzlicher Grundlage oder im rechtsfreien Raum statt. Diese fast schon zur Binsenweisheit heruntergekommene Erkenntnis wäre allein schon Grund genug, sich als Linker, zumal als marxistischer Sozialwissenschaftler, mit der kriminellen Ökonomie, das heißt den Verbrechen des BIG Business zu befassen. Und sei es nur, um herauszufinden, mit welchen Methoden heute Gesetze für Reiche und Superreiche gemacht, abgeschafft (dereguliert) oder von höchsten Gerichten zugunsten der großen Bereicherungspraktiker ausgelegt werden. Wer dies für überflüssig hält, kann auch alle übrigen Versuche, eine bessere Welt zu schaffen oder die "Schöpfung" zu bewahren, unterlassen.

Über Hans Jürgen Krysmanski:

Hans-Jürgen Krysmanski (*27. Oktober1935 in Berlin) ist ein deutscher Soziologe. Er ist emeritierter Professor für Soziologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Krysmanski schloss ein Studium der Soziologie,
Geschichte, Psychologie und Philosophie an der Freien Universität Berlin, der Universität Graz, der Universität Wien, der Universität Hamburg und der Universität Münster 1961 als Dr. phil. mit einer Dissertation über utopisches Denken als Methode ab. Als Assistent von Helmut Schelsky habilitierte er sich 1967 ebendort mit der Arbeit Soziales System und Wissenschaft. Nach einer Tätigkeit als Gastprofessor der Universidad Nacional in Bogotá, Kolumbien, wurde er 1971 zum ordentlichen Professor und Direktor des Instituts für Soziologie an der Universität Münster berufen. 2001 wurde er entpflichtet, lehrt und forscht dort jedoch weiterhin und hat 2012 das Buch 0,1 % – Das Imperium der Milliardäre veröffentlicht. Von 1976 bis 1991 war er Mitglied des Präsidiums des Weltfriedensrats und des Steering Committee der World Federation of Scientific Workers. Er ist Mitglied beim Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, des Wissenschaftlichen Beirats von Attac sowie der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Seine Forschungsgebiete sind: Wissenschaftssoziologie. Klassenanalyse, Friedens- und Konfliktforschung, Mediensoziologie und Power Structure Research. Er ist Autor mehrerer TV-Programme (Spiegel TV, NDR) mit dem Versuch, soziologische Kompetenz in die mediale Verarbeitung politischer Themen einzubringen. Von 1996 bis 2001 koordinierte er European Popular Science (EPS), ein Forschungsprojekt der Europäischen Kommission.
Quelle: Wikipedia

Zum Autoren Prof. Hans See:

Hans See (* 26.07.1934) ist Politwissenschaftler und Wirtschaftskriminologe. Der ehemalige Professor an .der Fachhochschule Frankfurt am Main (1976 bis 1999) ist Gründungsmitglied und Ehrenvorsitzender von Business Crime Control e.V.

BIG Business Crime ist eine Dreimonatszeitschrift des gemeinnützigen Vereins Business Crime Control e.V.
Herausgeber: Business Crime Control e.V., vertreten durch den Vorstand Erich Schöndorf, Stephan Hessler, Wolf Wetzel, Wolfgang Patzner, Hildegard Waltemate
Mitherausgeber: Jürgen Roth, Hans See, Manfred Such, Otmar Wassermann, Jean Ziegler
Verantwortliche Redakteurin: Victoria Knopp
Redakteure: Hans See, Gerd Bedszent, Reiner Diederich, Stephan Hessler
An dieser Stelle veröffentlichen wir ausgewählte Artikel aus der Zeitschrift BIG Business Crime online.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (33)

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Ehemaliger Nutzer 03.06.2013 | 11:56

Die 0,1% kommen nur dann zustande, wenn man den oberen Teil der Vermögens(multi-)millionäre und der Einkommens(multi-)millionäre des jeweilige Landes mit in die Rechnung einbezieht. In Deutschland gibt es ca. einhundert $-(Multi-)Milliardäre, ca. achthunderttausend $-Vermögens(multi-)millionäre und ca. siebzehntausend Einkommens(multi-)millionäre. Das macht so ungefähr 1% der Bevölkerung aus. Nimmt man davon jetzt 10% (ca. 80000 Personen) kommt man auf die 0,1% der Gesamtbevölkerung.

Setzt man hingegen die ca. einhundert $-(Multi)milliardäre ins Verhältnis zu den Vermögens- und Einkommens(multi-)millionären, kommt man auf einen Anteil von ca. 0,01%. Bezieht man da wieder den oberen Teil der Vermögens- und Einkommensmultimillionäre mit ein, kommt man auf die sprichwörtlichen oberen Zehntausend, die die Gesellschaft aufgrund ihrer wirtschaftlichen Macht und ihrer Entscheidungen beherrschen.

Zum gemächlichen Erkunden, wie das in Deutschland alles so wurde, wie es ist, mag man die antiquarisch erhältlichen Bücher Bernt Engelmanns lesen.

Bastian84 03.06.2013 | 18:34

"Und da ich dieses Buch dennoch jedem empfehle, der sich für den Imperialismus der Superreichen interessiert, ist diese Rezension etwas länger als üblich ausgefallen."

"In den Imperialismustheorien treffen sich Ökonomismus und moralisierende Kritik. Sie taugen nicht dazu, den weltweiten Kapitalismus zu analysieren. von michael heinrich Was nun? Taugt der Begriff des Imperialismus noch für eine Kritik des globalisierten Kapitalismus? Wer heute die Erschließung des Weltmarktes erklären will, könne sich jedenfalls nicht mehr auf Lenins Thesen berufen, meint Martin Krauss (13/02). Für Alexander Schudy war der »Imperialismus« schon immer ein politischer Kampfbegriff und keine analytische Kategorie (14/02)." http://www.rote-ruhr-uni.com/cms/Radikale-Kurzschlusse.html

"Auffaellig ist zunaechst, dass im Anti-lmperialismus davon ausgegangen wird, alles Elend in der sogenannten "Dritten Welt" sei zurueckzufuehren auf einen Verursacher, welcher es bewusst und mit boeser Absicht produziert und aufrechterhaelt. Dieses finstere Subjekt soll nun der "Imperialismus" sein. Wenn Linke also vom "Imperialismus" reden, dann ist mit diesem Begriff weder, wie bei Lenin, ein bestimmtes "Stadium" in der Entwicklung des Kapitalismus noch, wie eine lexikalische Definition uns lehrt, Expansions- und Machtstreben, also eine Eigenschaft von Staaten gemeint. Vielmehr ist "Imperialismus" der Name fuer ein weltweit handelndes Subjekt, das zwar als bewusst und selbstbewusst handelndes auf der Weltbuehne auftritt, als solches aber merkwuerdig blass und unbestimmt bleibt und somit greifbar nur an seinen Erscheinungsformen ist: skrupellosen Multis, fiesen Bankern, finsteren counterinsurgency-Strategen, stiernackigen Militaers, gegen welche Schurken dann auch anti-imperialistischerseits mit grosser moralischer Verve zu Felde gezogen wird und welche, zusammenaddiert, das Subjekt "Imperialismus" ergeben." http://www.glasnost.de/autoren/blumen/antiim.html

"Die Globale Elite (manchmal auf Elite abgekürzt, oder auch globalists, brotherhood) ist ein verbreitetes Feindbild vieler moderner Verschwörungstheorien. Diese vermeintliche internationale Gruppe, zu der willkürlich führende Personen aus der Politik und Wirtschaft gezählt werden, spielt die Rolle des Antagonisten und Erzfeindes. Charakterliche Eigenschaften, Ideale, Werte und Absichten, die der globalen Elite axiomatisch unterstellt werden, bilden für den Verschwörungstheoretiker eine selbstverständliche Grundlage für die von der Elite organisierten Verschwörungen." http://psiram.com/ge/index.php/Globale_Elite

"Nach klassischem bürgerlichem Verständnis verbürgen nach wie vor die Nationalstaaten "Ordnung und Sicherheit", "Law and Order". Insbesondere sind sie letztinstanzliche Garanten des Rechts auf Eigentum und unternehmerischer Betätigungsfreiheit."

Das stimmt ja auch, es braucht einen Rechtsstaat, der das Eigentum des Milliardärs so schützt, wie das des Obdachlosen.

Der bürgerliche Staat ist keine "neofeudale Plutokratie", sondern eben der bürgerliche Staat:

"[...] Sind Regierungen von einzelnen Kapitalfraktionen abhängig, dann setzen sie deren Partikularinteressen durch, aber nicht das Interesse des Gesamtkapitals [also z.B. einer möglichst großen gesamtwirtschaftlichen Kapitalakkumulation]. Dementsprechend werden solche Abhängigkeiten, Einflussnahmen und korrupten Beziehungen auch in der bürgerlichen Öffentlichkeit skandalisiert.

Die Abhängigkeit zwischen Staat und Kapital ist struktureller Art. Ohne akkumulierendes Kapital sieht sich jede Regierung mit sinkenden Steuerein­nahmen und steigenden Kosten für die wachsende Zahl von Arbeitslosen konfrontiert. Deshalb wird sie auch alles daran setzen, dass es »unserer Wirtschaft« gut geht. Staat und Regierung müssen den einzelnen Unternehmen und Kapitalfraktionen gegenüber unabhängig sein, um das kapitalistische Gesamtinteresse und die besten Wege zu seiner Durchsetzung bestimmen zu können. [...]

Die staatliche Politik muss aber nicht nur einen Mittelweg zwischen den divergierenden Interessen der unterschiedlichen Kapitalfraktionen finden. Als ideeller Gesamtkapitalist muss der Staat nicht nur das kapitalistische Gesamtinteresse be­stim­men und durchsetzen, die entsprechenden Maßnahmen müssen gegenüber der Mehrheit der [wählenden!] Bevölkerung auch legitimiert werden. Ein funktio­nie­render Kapitalismus ist auf eine zumindest passive Zustimmung derjenigen angewiesen, die letzten Endes die Zeche zahlen müssen. Fehlt die­ses vielleicht auch widerwillige Sichfügen, dann bleibt nur noch die massenhafte staatliche Repres­­sion, und die ist für das Kapital auf Dauer jedenfalls geschäftsschädigend.." http://jungle-world.com/artikel/2009/02/32408.html

"Um die Stimmen der Wähler wird bekanntlich geworben - wie in der Marktwirtschaft um den Kunden. Der Kunde aber, als angeworbener Käufer einer Ware, ist politökonomisch immer Mittel, nie Zweck. [...] Selbst ein Apologet der kapitalistischen Produktions- und Distibutionsweise käme sich lächerlich vor, sähe er im Ziel der Werbung (im Adressaten auf dem Markt) den Zweck des Produzierens. [...] Der Wähler ist nach der in der Verfassungsnorm gegossenen Wirklichkeit als Stimme nur Mittel zur Machtverteilung und Machtgewinnung der Parteien. Derart gerinnt das Wahlrecht - doch zur baren Münze." http://de.scribd.com/doc/80497387/Johannes-Agnoli-Von-der-Kritischen-Politologie-zur-Kritik-der-Politik

Und Grigat zu Agnoli ergänzend:

"Das Parlament ist für Agnoli eine spezielle Form der Repräsentation von Herrschaft, die mittels des Wahlaktes die Illusion der Selbstbestimmung der Beherrschten aufrechterhält. Zur Wahrnehmung dieser Funktion bedarf es der Präsenz der tatsächlichen gesellschaftlichen Macht im Parlament, nicht aber unbedingt der tatsächlichen Macht des Parlaments.

Das Parlament spielt bei der Transformation von Herrschaftskonflikten in Führungskonflikte eine entscheidende Rolle. Der Herrschaftskonflikt findet zwischen zwei antagonistischen Gruppen statt, die sich ausschließende Ziele verfolgen. Agnoli hat hierbei in erster Linie den Konflikt zwischen Arbeit und Kapital im Auge, der für ihn - in diesem Punkt eher einem traditionalistischen Marx-Verständnis folgend - in seiner ursprünglichen Konstitution einen über das System hinausweisenden Widerspruch darstellt.

Ein Führungskonflikt hingegen wird systemimmanent ausgetragen. Es handelt sich um die Konkurrenz verschiedener Führungseliten. Ein wesentliches Element der Transformation der Demokratie in einen autoritären Staat rechtsstaatlichen Typs ist also die Transformation des aus dem Widerspruch von Arbeit und Kapital entstehenden Herrschaftskonflikts in einen Führungskonflikt, bei dem es inhaltlich nur mehr um die Konkurrenz um die beste Betreuung des Widerspruchs von Kapital und Arbeit geht.

Den Wahlakt analysiert Agnoli in unmittelbarer Anlehnung an die Kategorien aus der Werttheorie. Die Wähler und Wählerinnen sehen sich selbst als bewusste Verbraucher und Verbraucherinnen von auf dem Markt angebotenen politischen Gütern, »die von den Konsumenten selbst als Gebrauchswerte verstanden werden, während in Wirklichkeit diese Güter durchaus reale Tauschwerte darstellen. Sie werden auf dem Machtmarkt als Tauschwerte realisiert, um die in den Wahlkampf investierte politische Machtposition profitabel zu machen.« (2) Die Wahl des Parlaments ist zentrales Moment der Legitimation von Herrschaft. Mit der Vollziehung des Wahlaktes akzeptieren die Wählerinnen und Wähler die Herrschaft über sich, weil sie der Illusion nachhängen, sie gegebenenfalls auf demselben Wege abschaffen zu können." http://jungle-world.com/artikel/2000/06/28465.html

"Sie befinden sich seitdem in einen als Globalisierung umschriebenen, aber nach wie vor als Fortsetzung des alten Imperialismus betriebenen Transformationsprozess unter neuen Rahmenbedingungen."

Die Globaliseriung ist nichts neues. Sie wurde schon zu Marxens Lebzeiten recht exakt als beschreibung der damiligen Gegenwart beschrieben. Vor den ersten Weltkrieg war der Anteil des Außernhandels am BIP bereits größer, als in den 90er Jahren. Vgl. auch https://www.freitag.de/autoren/bastian84/globalisierung


"der neuen - noch zu schaffenden - Weltordnung."

Diesen Unsinn sollt man nicht unter dem Label Marxismus verkaufen. Bitte die NWO-Spinner nicht noch anheizen:

"Neue Weltordnung (NWO, new world order) ist eine Verschwörungstheorie, nach der es Geheimorganisationen gibt, die nach der Beherrschung der gesamten Welt auf Grundlage einer Neuen Weltordnung streben. Obwohl es keinerlei Beweise für die Existenz derartiger Bestrebungen und/oder Organisationen gibt, ist diese Verschwörungstheorie in esoterischen, braun-esoterischen, fundamentalchristlichen und in rechtsextremen Kreisen populär.

[...]

Die Neue Weltordnung wird heute von verschiedenen Verschwörungstheoretikern wie Alice Bailey, Des Griffin, David Icke oder Alex Jones als das Ziel einer kleinen, aber machtvollen Geheimelite (Globale Elite) gesehen, die Welt zu beherrschen. Der Sitz dieser Elite wird manchmal im Pentagon, bei der CIA oder der UNO ausgemacht. Auch werden die Bilderberg-Konferenz, der Council on Foreign Relations oder die Trilaterale Kommission ins Gespräch gebracht.

Die Theorien um eine Neue Weltordnung erfreuen sich in den USA wie in Europa vor allem in rechtsextremen Kreisen großer Beliebtheit. In den USA sind die Bürgerwehren und Milizen Sammelpunkte für Anhänger dieser Verschwörungstheorie. Diese Vereinigungen erkennen die Rechtmäßigkeit der Zentralregierung in Washington nicht an und vertreten häufig rassistisches und antisemitisches Gedankengut. Timothy McVeigh, der am 19. April 1995 einen Sprengstoffanschlag auf ein Regierungsgebäude in Oklahoma durchführte, bei dem 168 Menschen starben, war Mitglied einer solchen Miliz. Er begründete die Tat später mit seinem Kampf gegen die Neue Weltordnung.[2] In Deutschland hat vor allem der rechtsextreme Schriftsteller Jan Udo Holey zur Verbreitung der Idee einer bevorstehenden Weltregierung, deren Ziel die Versklavung der gesamten Menschheit sei, beigetragen. Im Internet haben sich inzwischen die von Alex Jones betriebenen Webseiten "Infowars.com" und "PrisonPlanet.tv" sowie deren deutscher Ableger "Infokrieg.tv" etabliert.

Über die Art oder Zusammensetzung dieser hier gemeinten Elite gehen die Ansichten weit auseinander. Einerseits wird vermutet, es handele sich um einflussreiche (jüdische) Bankiers und Öl-Familien wie die Rockefellers oder Rothschilds, andererseits aber werden Freimaurer, Illuminaten oder Reptiloide genannt. Besonders im rechtsesoterischen und im rassistischen Bereich werden die Urheber der NWO im Zionismus und einer jüdischen Hochfinanz der so genannten amerikanischen Ostküste gesucht. Von dort ist es dann nicht weit zu einer angeblichen Verschwörung eines Weltjudentums.

Da im Rahmen der NWO-Theorien auch völlig abwegige Hypothesen problemlos möglich sind, werden Verschwörungstheorien oder so genannte schwarze bzw. graue Nachrichten um Chemtrails, erfundene Viren, HIV/AIDS-Leugnung, Aids als menschengemachte Krankheit oder angeblich weltweit koordinierte Bevölkerungsreduktionsprogramme verbreitet." http://psiram.com/ge/index.php/Neue_Weltordnung

"Schirrmacher geht nämlich davon aus, dass es die spieltheoretischen Modelle des Kalten Krieges sind, die maßgeblich zum Sieg des Kapitalismus über den Staatssozialismus beitrugen und - dies sein entscheidender Gedanke - nach Ende des Ost-West-Konflikts vor allem von den Hedgefonds benutzt und genutzt werden, eine Art kalten (Finanz-) Wirtschaftskrieg gegen den guten alten Kapitalismus zu führen."

Äh ja. Hedgefonds gegen den guten alten Kapitalismus. Das kann auch nur Anhängern einer ultimativ verkürzten Kapitalismuskrtik wie Schirrmacher einfallen. Soll das eine Krisenanalyse sein?

"Die Tätigkeit der Banken müsse wieder auf ihre "ursprüngliche" Aufgabe, die Verwaltung von Spareinlagen und die Kreditvergabe für die Wirtschaft zurückgeführt werden. Die Banken müssten wieder eine "dienende Rolle" gegenüber der "Realwirtschaft" einnehmen. Kapitalmarktbezogene Geschäfte müssten von dem Kreditgeschäft zumindest getrennt und teilweise auch unterbunden werden. Das elaborierteste Programm zur Reform des Bankensektors aus dieser Perspektive findet sich gegenwärtig in dem Diskussionspapier "Den Bankensektor neu ordnen - und mit der Vergesellschaftung beginnen" des Arbeitskreises Wirtschaft, Finanzen, Steuern, Energie und Umwelt der Bundestagsfraktion der Partei DIE LINKE.

Diese Auffassungen werden von Teilen der radikalen Linken vehement abgelehnt. Sie sehen in der Fixierung auf den Finanzsektor und die Zirkulationssphäre eine verkürzte Kapitalismuskritik. Die gegenwärtige Krise sei nicht als Finanzmarktkrise, sondern als Überakkumulationskrise zu begreifen. (1) Das Problem sei nicht ein vermeintlicher Finanzmarktkapitalismus, sondern die kapitalistische Produktionsweise als solche. Die Zirkulationssphäre und der Finanzsektor seien der Produktionssphäre nachgeordnet. Es sei verfehlt, einzelne Akteure wie die Banken für die strukturellen Probleme des Kapitalismus, wie die immer wiederkehrenden Krisen, verantwortlich zu machen.

Beide Positionen, die hier nur ganz kurz skizziert bzw. karikaturhaft dargestellt werden konnten, sind nicht unproblematisch. Beide umfassen sowohl richtige als auch falsche Aspekte. Richtig ist, dass die kapitalistische Produktionsweise als solche aufgrund ihrer immanenten Widersprüche immer wieder Krisen hervorruft. Richtig ist allerdings auch, dass die einzelnen konkreten Krisen jeweils konkrete Erklärungen erfordern. So hängen die Krise des Fordismus in den 1970er Jahren und die jüngste Krise mit entgegengesetzten Entwicklungen des Kräfteverhältnisses zwischen Kapital und Arbeiterklasse zusammen. In den späten 1960er und frühen 1970er Jahren gab es einen Aufschwung der Kämpfe von ArbeiterInnen, die zu einer steigenden Lohnquote und einem Fall der Profitrate beitrugen. Seit Mitte der 1970er Jahre verschoben sich die Kräfteverhältnisse jedoch zu Ungunsten der Lohnabhängigen." http://www.akweb.de/ak_s/ak553/36.htm

"In Zeiten des Umbruchs, in denen kapitalismuskritische Friedens- und Demokratiebewegungen trotz - oder wegen - des überwältigenden Einflusses der Reichen und Superreichen auf Parteien, Medien, Gesellschaft weltweit Widerstand organisieren und dort, wo einigermaßen freie Wahlen garantiert sind, jederzeit "falsche Mehrheiten" zustande kommen, also völlig legal radikale Gegner dieser Reichen an die Schalthebel der Macht gelangen können, sind diesen "Vermögenden" die "Staatsgarantien" nicht mehr zuverlässig genug. Das erklärt den globalen Ausbau der Überwachsungssysteme und den damit einhergehenden, die Spekulanten beflügelnden Aufschwung der Sicherheitsindustrie."

Der globale Ausbau der Sicherheitssysteme und damit der Aufschung der Sicherheitsindustrie kommt zustande durch die Nachfrage, die gewählte Regierungen erzeugen. Da dürften eine ganze Menge Einflussfaktoren eine Rolle spielen, daher sollte man nicht nur die Reichen und Superreichen verantwortlich machen.

Z.B. versucht die CDU augenscheinlic auch, durch Polizeigewalt Wahlkampf zu machen, weil es im konservertiven Wählerpotential starke heimliche Sympathien geben dürfte, dass "die Linken mal eins auf den Deckel bekommen". Vgl. auch https://www.freitag.de/autoren/bastian84/wahlkampf-mit-polizeiknueppel

Die Links-Rechts-Forschung hat aufgezeigt, dass Konservative oft sehr änglich sind. Weite Teile der Bevölkerung sind rassistisch, auch denen gefällt es, wenn für "ihre Sicherheit gesorgt" wird. Vgl. auch https://www.freitag.de/autoren/bastian84/gute-mitte-boese-nazis-unfaehige-behoerden

"Auch die "Gier" wird von ihm – der halt ein guter marxistischer Soziologe ist - nicht wirklich bemüht."

Na, immerhin.

"Gegenstand sind "einzig und allein die Superreichen", ein diffuses Kollektiv, das sich von den Reichen durch ihre totale Privatheit unterscheidet und aus "dieser dunklen Zone heraus", die "Imperium der Milliardäre" genannt wird, ihre "unkontrollierte Macht" (trotz wachsenden Widerstands noch immer) weithin ungestört ausüben kann."

Über die Dialektik der Aufkläerung:

"Das Ziel, das die Propaganda verfolgt und erreichen will, wird nicht klar benannt. Vielmehr geht es darum, von „Großem“ oder „Mächtigem“ zu sprechen, was die Zuhörer beeindruckt, ohne dass sie dies weiter hinterfragen.

Ein grundlegendes Element faschistischer Propaganda liegt darin, keine Texte zu veröffentlichen, aus denen man die Gesinnung erschließen könnte, denn so würden sie angreifbar.

Eine faschistische Rede ist stark auf bildhafte Darstellung ausgelegt. Der Redner versucht, ein möglichst einheitliches, klares Bild vom „Feind“ zu schaffen und zum Zuhörer zu transportieren. Ob dieses Bild der Wirklichkeit entspricht oder nicht, spielt eine extrem untergeordnete Rolle. Damit die Rede „spannend“ bleibt und die Aufmerksamkeit der Zuhörerschaft nicht verloren geht, werden gezielt bestimmte Schlagworte eingesetzt, die den Menschen immer wieder ins Bewusstsein rufen, worum es geht und wogegen man sich wehren muss. Diese Schlagworte bleiben im Unterbewusstsein hängen und haben einen hohen Erinnerungswert.

Faschistische Propaganda ist immer sehr genau geplant und durchdacht. Man setzt psychologische Mittel und Tricks gezielt und bewusst ein.

[...]

Ein weiterer entscheidender Punkt ist, dass Dinge nur angedeutet bzw. angeschnitten, aber nicht komplett enthüllt werden. Der Redner spricht z.B. von „dunklen Mächten“, ohne jedoch festzulegen, wer oder was die dunklen Mächte eigentlich sind. Man geht also davon aus, dass die Zuhörer wissen (oder erahnen), was gemeint ist. Auf Seiten der Zuhörerschaft entsteht hingegen das Gefühl, sie gehörten zu einer eingeweihten In-Group, weil sie die unklaren Äußerungen des Redners verstehen und wissen, was gemeint ist. Man vermittelt das Gefühl der Zusammengehörigkeit, da man die Fakten nicht gezielt ansprechen muss, sondern jeder weiß, was gemeint ist." http://deu.anarchopedia.org/Dialektik_der_Aufkl%C3%A4rung

"Sie wird in Lundbergs von Krysmanski erwähnten Buch - im Kontext der Konzernkritik der späten 60er Jahre - mit Bezug auf den berühmten Wirtschaftskriminologen und Kriminalsoziologen Edwin H. Sutherland ausführlich referiert. Und da Lundberg mit Sutherlands Forschungsergebnissen die Rolle der Kriminalität der Konzerne besonders hervorhebt. ist nicht nachvollziehbar, weshalb Krysmanski, der ja die Konzernpolitik genau beobachtet, diesen Ansatz völlig ignoriert.

Diese Ausblendung ist umso unverständlicher, als Krysmanski sehr wohl weiß, sogar in seinem Buch immer wieder andeutet, dass es auch heute "Mafiamilliardäre" gibt und dass "Raub" (S.59) nicht nur in der von Marx beschriebenen Periode der englischen "so genannten ursprünglichen Akkumulation" (Marx) vorkam, sondern weltweit allgegenwärtig ist. Da der Gesetzesbruch im Wirtschaftsleben nicht nur eine der Grundformen der Kapitalbeschaffung, von Start- und Aufstockungskapital ist, sondern auch im gesamten Verwertungsprozess von der Rohstoff- und Energieversorgung über alle Produktionsstufen bis zum kriminellen Recycling und der kriminellen Entsorgung von Abfallstoffen (Marx spricht von Exkrementen) ein durch keine andere wirtschaftliche Leistung kompensierbarer Wettbewerbsvorteil ist, wäre wenigstens eine Erklärung zu erwarten gewesen, weshalb (insbesondere sich als marxistisch verstehende) Kapitalismuskritik glaubt, der theoretischen Auseinandersetzung mit der kriminellen Seite der Ökonomie aus dem Wege gehen zu dürfen."

Da macht das Buch anscheinend eine Sache richtig, und dann wird das auch noch kritisiert:

"

Insbesondere die Personifizierung des Kapitalismus führt oft zu diesen Strukturellen Ähnlichkeiten. Im traditionellen Bewegungsmarxismus wird nicht versucht, "die kapitalistische Gesellschaft in ihrer Totalität zu bestimmen und aufzuheben, sondern lediglich ein Moment innerhalb dieser Konstellation vertreten das in antagonistischem Widerspruch zur Gesellschaft steht und dem zu "seinem Recht" verholfen werden soll. Die Kategorie Wert, die das Kapitalverhältnis konstituiert, bleibt außerhalb jeder kritischen Betrachtung und erscheint lediglich in der Figur des Mehrwerts, der vom Kapitalisten bzw. der Kapitalistin einbehalten wird, also als grundsätzlich positive Kategorie, die es sich anzueignen gilt."

Es wird also nicht primär der Kapitalismus bekämpft, sondern die Kapitalisten. In diesem Weltbild steht einer "bösen" KapitalistInnenklasse eine "gute" ArbeiterInnenklasse gegenüber und es genügt, wenn die ArbeiterInnenklasse der KapitalistInnenklasse das Kapital und die Produktionsmittel entreißt. In der konkreten politischen Arbeit dieser Gruppierungen heißt das dann, daß es genügt sich auf die Seite der ArbeiterInnenklasse zu stellen und ihr zu ihrem Recht zu verhelfen.

Wiederum wird nur die Sphäre der Zirkulation und nicht jene der Produktion hinterfragt, Kapitalismus nur als "Verteilungsproblem" wahrgenommen in dem einige "bösartige Reiche" den "armen Ausgebeuteten" ihren gerechten Lohn vorenthalten. Dieselbe Argumentationsweise findet sich aber nicht nur in der klassischen Linken, sondern auch in einer Reihe von KonzernbekämpferInnen aller Art. Da wird etwa Mc Donals als Einzelfeindbild bekämpft gegen das Kundgebungen und Demonstrationen organisiert werden. Niemand kommt auf die Idee, daß Mc Donalds nur die erfolgreichere Variante von Schnitzelhaus Pizza Hut und dem Würstelstand um die Ecke darstellt.

Daß das Unrecht nicht Systemcharakter ist, sondern Namen und Adresse hätte - der Kapitalismus also nichts anderes wäre als eine Verschwörung bösartiger Reicher - ist ein alter Mythos breiter Teile der Linken." http://www.trend.infopartisan.net/trd0101/t120101.html

" Viele Verbrechen finden daher heute auf gesetzlicher Grundlage oder im rechtsfreien Raum statt. Diese fast schon zur Binsenweisheit heruntergekommene Erkenntnis wäre allein schon Grund genug, sich als Linker, zumal als marxistischer Sozialwissenschaftler, mit der kriminellen Ökonomie, das heißt den Verbrechen des BIG Business zu befassen."

Dann sind es aber keine Verbrechen, sondern moralisch verwerfliche Handlungen. Einer ernstzunehmenden Kapitalismuskrtik geht es aber sowieso nicht um individuelle Verfehlungen einzelner Kapitalisten, ob legal oder illegal, sondern um den Kapitalismus. Ganz im Gegenteil: Das Heraumreiten auf bürgerlichen Moral- und Rechtsvorstellungen kommt einer Affirmation derselben gleich.

iDog 04.06.2013 | 09:51

"Denn ganz wie der absolute Dualismus von Geist und Natur ist der von subjektiver und objektiver Vernunft bloß ein Schein, obgleich ein notwendiger.[…]

Sowohl die Getrenntheit als auch die wechselseitige Verbundenheit der beiden Begriffe muß verstanden werden. Die Idee der Selbsterhaltung, das Prinzip, das die subjektive Vernunft zum Wahnsinn treibt, ist zugleich die Idee, die die objektive Vernunft vor demselben Schicksal bewahren kann. Auf die konkrete Wirklichkeit angewandt, bedeutet dies, dnur eine Definition der objektiven Ziele der Gesellschaft, die den Zweck der Selbsterhaltung des Subjekts einschließt, die Achtung vor dem individuellen Leben, es verdient, objektiv genannt zu wer­den. Das bewußte oder unbewußte Motiv, das die Formulie­rung der Systeme der objektiven Vernunft auslöste, war das Bewtsein der Ohnmacht der subjektiven Vernunft im Hin­blick auf ihr eigenes Ziel der Selbsterhaltung. Diese metaphy­sischen Systeme drücken in teilweise mythologischer Form die Einsicht aus, daß Selbsterhaltung nur in einer überindividuel­len Ordnung erreicht werden kann, das heißt durch gesellschaftliche Solidarität.

Wollte man von einer Krankheit sprechen, welche die Ver­nunft befällt, so sollte diese Krankheit nicht so verstanden wer­den, als hätte sie die Vernunft in irgendeinem historischen Augenblick heimgesucht, sondern als untrennbar vom Wesen der Vernunft in der Zivilisation, wie wir sie bis jetzt gekannt haben. Die Krankheit der Vernunft gründet in ihrem Ursprung, dem Verlangen des Menschen, die Natur zu beherrschen, und die "Genesung" hängt von der Einsicht in das Wesen der ursprünglichen Krankheit ab, nicht von einer Kur der spätesten Symptome. Die wahre Kritik der Vernunft wird notwendigerweise die tiefsten Schichten der Zivilisation aufdecken und ihre frü­heste Geschichte erforschen. Seit der Zeit, da die Vernunft das Instrument der Beherrschung der menschlichen und außer­ menschlichen Natur durch den Menschen wurde - das heißt seit ihren frühesten Anfangen -, ist ihre eigene Intention, die Wahrheit zu entdecken, vereitelt worden. Das ist gerade auf die Tatsache zurückzuführen, daß sie die Natur zum bloßen Objekt machte und daß es ihr mißlang, die Spur ihrer selbst in solcher Objektivierung zu entdecken, in den Begriffen der Materie und Dinge nicht weniger als in denen der Götter und des Geistes. Man könnte sagen, daß der kollektive Wahnsinn, der heute um sich greift, von den Konzentrationslagern bis zu den scheinbar höchst harmlosen Wirkungen der Massenkultur, im Keim schon in der primitiven Objektivation vorhanden war, indes ersten Menschen kalkulierender Betrachtung der Welt als Beute. Paranoia, der Wahnsinn, der logisch konstruierte Theo­rien zur Verfolgung entwirft, ist nicht nur eine Parodie auf die Vernunft, sondern ist irgendwie in jeder Form von Vernunft gegenrtig, die im bloßen Verfolgen von Zielen besteht.

So geht die Verrücktheit der Vernunft weit über die offen­ kundigen Mißbildungen hinaus, die sie heute charakterisieren. Vernunft kann ihre Vernünftigkeit nur durch Reflexion auf die Krankheit der Welt verwirklichen, wie sie durch den Menschen produziert und reproduziert wird; in solcher Selbstkritik wird Vernunft zugleich sich selbst treu bleiben, indem sie am Prinzip der Wahrheit festhält, das wir allein der Vernunft verdanken, und sich an kein sonstiges Motiv wendet. Die Unterjochung der Natur wird in Unterjochung des Menschen zurückschlagen und umgekehrt, solange der Mensch seine eigene Vernunft und den grundlegenden Prozeß nicht versteht, durch den er den Antagonismus geschaffen hat und aufrechterhält, der sich an­ schickt, ihn zu vernichten. Vernunft kann nur dadurch mehr sein als Natur, daß sie sich ihre "Natürlichkeit"- die in ihrer Tendenz zur Herrschaft besteht - konkret bewußt macht, die nämliche Tendenz, die sie paradoxerweise der Natur entfrem­det. Damit wird sie, indem sie ein Instrument der Versöhnung ist, zugleich mehr sein als ein Instrument. Die Änderungen der Richtung, die Fortschritte und Rückschläge bei diesem Bemü­hen reflektieren die Entwicklung der Definition von Philoso­phie.

Die Möglichkeit einer Selbstkritik der Vernunft setzt erstens voraus, daß der Antagonismus von Vernunft und Natur in eine akute und verhängnisvolle Phase eingetreten ist, und zweitens, daß auf dieser Stufe vollendeter Entfremdung die Idee der Wahrheit noch zugänglich ist.

Die Fesselung der Gedanken und Aktionen des Menschen durch die Formen eines höchst entwickelten Industrialismus, der Verfall der Idee des Individuums unter der Einwirkung der allumfassenden Maschinerie der Massenkultur schaffen die Vorbedingungen für die Emanzipation der Vernunft. Zu allen Zeiten hat das Gute die Spuren der Unterdrückung gezeigt, der es entsprang. So ist die Idee der Menschenwürde aus der Er­fahrung der barbarischen Herrschaftsformen erwachsen. …"

( Max Horkheimer -1947 : Zur Kritik der instrumentellen Vernunft - S. 194-96) ... hervorhebungen von mir

Bastian84 04.06.2013 | 10:15

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"Soziologe über Blockupy-Protest„Ohne Druck wird sich nichts ändern“

Die gesellschaftlichen Missstände sind unübersehbar geworden, sagt der Soziologe Michael Hartmann. Doch bislang fehle der Protestbewegung noch die breite Basis." https://www.taz.de/Soziologe-ueber-Blockupy-Protest/!117305/

Ein guter Leserkommentar dazu von Materialismus Alter:

"Dieses Interview ist mal wieder ein trauriges Dokument des Zustands der Linken.

Der Slogan "wir sind die 99%" ist kein Verdienst - im Gegenteil. Er war deshalb so ein Hit, weil er die alten, gefährlichen Ressentiments bedient, die schon seit jeher eine wirkliche Diskussion über den Kapitalismus verhindert haben.

"Wir" das ist - mal wieder - das Volk. Dieses vermeintlich gute, rechtschaffene Kollektiv, mit gemeinsamen Interessen. Die implizierten "1%", das sind die gierigen Banker, die Reichen... und die seien an der Krise schuld.

Es bleibt das Geheimnis des Herrn Hartmann, wo das emanzipatorische Potential darin liegen soll, wenn jetzt wieder "Völker" sich als von elitären "Blutsaugern" ausgebeutet fühlen und für die Krisen des Kapitalismus wieder einmal keine Erklärungen gesucht werden, sondern nur noch Schuldige.

Die Behauptung, dass die sozialen und ökonomischen Verwerfungen, die der Kapitalismus mit größter regelmäßigkeit produziert, die Schuld irgendwelcher mysteriöser Eliten seien, ist keine Kritik an diesem System: Im Gegenteil - Sie impliziert stets die Behauptung, der Kapitalismus sei eigentlich super - nur die bösen Reichen machen ihn uns kaputt.

Zum Glück gab es bei den Blockupy Protesten auch vernünftige Menschen, mit Transparenten auf denen stand: "Die Krise heißt Kapitalismus". Wer sich für Kapitalismuskritik interessiert, die nicht das mörderische Ressentiment von der Volksgemeinschaft bedient, der informiere sich bei der Gruppe "Ums Ganze..."."

An einer anderen Stelle in der Taz sieht mensch mal wieder, wohin der Verschwörungsunfug führen kann:

"von Antifant:

Klasse, wieder einmal schaffen es eine Handvoll Totschläger - als Agent Provacateurs vom BRD Unstaat gezielt eingesetzt - eine friedliche Demo gegen Raubkapitalismus und Eurofaschismus von innen zu sprengen. Echt arm, dass es weder die friedliche Mehrheit der Protestbewegung noch die die Organisatoren der Gendamerie fertiggbringen, diesen braunen Mob der Antifa-Totschläger gemeinsam zu isolieren. Checkt Ihr es einfach nicht, dass es nur zusammen Hand in Hand geht zwischen antikapitalistischen Demonstranten und der vom BRD-Unstaat gefickten Gendarmen, die von den Faschos aus Kanzleramt und EZB geradezu gegeneinander aufgewiegelt und verheizt werden? Wenn wir BRD-Raubkapitalismus und Eurofaschismus und die Macht der Großkonzerne wirklich sprengen wollen, checkt es einfach, müssen wir Armee und Polizei mit ins Boot holen gegen den GEMEINSAMEN Feind! Deshalb - haut weg den braunen "Schwarzen Block" der Merkel-$A!"

"von Melli:

@ Antifant
Querfront Nazi oder was?
Der Begriff Antifant wird komischerweise primär von Nazis verwendet.."

"von @Melli:

Die sogenannten "Truther", Verschwörungsideologen um Infowars und Co. glauben, der Schwarze Block sei eine Polizei-Verschwörung


http://www.youtube.com/watch?v=XcDkmjheYMo


http://infowars.wordpress.com/category/der-schwarze-block/


Übrigens:


"Intellektuellen-Dresscode: Der schwarze Block

Von Anne Haeming

Es ist der Einheitslook der Intellektuellen und aller, die sich dafür halten: Schwarz kleidet sich, wer seinen Kopf für Wichtigeres braucht. Ein amüsantes Buch enträtselt nun den Dresscode - mit Hilfe prominenter Architekten."

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/intellektuellen-dresscode-der-schwarze-block-a-597993.html "

iDog 04.06.2013 | 10:44

lieber TLACUACHE, ich weis ja , dass du recht hast , aber wenn jemand die Existenz einer herrschenden Elite im Kapitalismus bestreitet, dann weis er doch nicht nicht mal warum er Blogs sammelt.

Aussagen wie diese hier zeigen das Elend am deutlichsten: "Es wird also nicht primär der Kapitalismus bekämpft, sondern die Kapitalisten." Das ist in etwa. Als wenn man in einer Monarchie sagen würde, um diese erfolgreich zu bekämpfen, müsse man den König aber bitte aussen vor lassen. Er hat also offensichtlich nicht verstanden, dass jemand der sich ein Eigenheim auf Kredit bauen muss, eben kein Kapitalist ist, sonderen sich von genau diesem noch weiter abhängig macht. Oh ja wir sind alle Kapitalisten, weil wir gezwungenermaßen im Kapitalismus leben. Wer zwingt uns aber? Niemand - klare Sache. Die Kapitalisten heissen tatsächlich NIEMAND , genau wie Odysseus bei den Zyklpen. :-))

iDog 04.06.2013 | 12:59

.... bei Monarchien hat man es bisweilen so gemacht. Es ist allerdings beim Kapitalismus nicht sehr zielführend und nicht mal nötig : Enteignung bzw. Entmachtung würde reichen und ist auch wesentlich humaner. Leider würden sie als Terrosrist weggesperrt , wenn sie es versuchten. Da reichen schon geringere Aktivitäten - siehe aktuell Bradley Manning ... oder die Blockupy Demo...you name it

... und ansonsten : wer es nicht nötig hat, also nicht durch den Kapitalismus und die, die ihn mit ihrer wirtschaftlichen Macht aufrechterhalten, gezwungen ist "lebendiges Kapital" zu sein , wird es auch nicht sein. Dies allerdings trifft nur auf die zu die reichlich über nicht lebendiges Kapital verfügen. Den riesigen Rest beissen die Hunde und sie müssen mitheulen im Kapitalismus, ob sie wollen oder nicht und verfügen leider nicht über die freie Entscheidung über ihren Status als "lebendiges Kapital". Skalven eben

Interssant wäre mal die Frage nach Ihrer Strategie, wie man denn den Kapitalismus bekämpfen kann, wenn man nicht die Macht der Kapitalisten selbst angreift, die Macht derer also, welche dafür sorgen, dass Kapitalismus trotz der allgemein bekannten irrationalen Implikationen weiter praktiziert wird.

Da bin ich sehr gespann, denn sie wollen mir ja sicher nicht erzähen , dass man einfach nur die Linken wähelen bräuchte und alles wird gut.

Bastian84 04.06.2013 | 14:17

Gerade "reingekommen"

Vielleicht verstehen sie "meine" Kapitalismuskritik dann besser:

"[...]

Nachdem vor einigen Wochen bereits das Nachrichtenmagazin Der Spiegel unter dem Titel Raubtiere ohne Ketten reißerisch über das Psychopathen-Buch des englischen Psychologen Kevin Dutton berichtet hat, hat nun auch 3SAT am 3. Juni 2013 in seiner Sendung Kulturzeit ein Interview mit Kevin Dutton gezeigt, in dem er ausführlich auf die „Vorbildfunktion der Psychopathen“ einging. Diese seien durchsetzungsfähig, könnten sich auf das Wesentliche konzentrierten und handelten sehr überlegt. Von diesen Charaktereigenschaften könnten wir alle im Alltag profitieren. Für Psychopathen sei wegen ihrer weitgehenden Angstfreiheit „alles möglich“ und sie besäßen eine „unbekümmerte Rücksichtslosigkeit“. Eine „bisschen Psychopathie“ käme uns allen zu Gute, Psychopathie wirke als „Karriere-Turbo“.

Das gelte allerdings nur für eine gewisse Kategorie unter den Psychopathen, nämlich die „funktionierenden Psychopathen“. Wenn man unintelligent, aggressiv und psychopathisch sei und dazu noch in der Unterschicht aufwachse, werde man Schutzgeldeintreiber oder Schläger und lande über kurz oder lang im Gefängnis. „Wenn Sie psychopathisch, intelligent und brutal sind und in guten Verhältnissen aufgewachsen sind, dann stehen Ihnen alle noch so exotischen Berufe offen.“ Noch einmal wies Dutton darauf hin, dass man bei einer groß angelegten Untersuchung in Großbritannien herausgefunden habe, dass die meisten Psychopathen unter den Firmenbossen zu finden seien, gefolgt von Anwälten, Journalisten und Chirurgen. Die Gesellschaft profitiere von erfolgreichen Psychopathen. Er, Dutton, habe den Eindruck, „dass unsere heutige Gesellschaft zunehmend psychopathisch wird.“ Eine groß angelegte Untersuchung unter amerikanischen Studenten habe ergeben, dass Empathie und Mitgefühl sich in den letzten Jahrzehnten – forciert in den letzten zehn Jahren – dramatisch zurückgebildet hätten, während die Werte für Narzissmus „durch die Decke“ gingen.

All das trägt dieser Kevin Dutton so nüchtern vor, als ginge es um eine Studie über die Freizeit- und Essgewohnheiten englischer Mittelschichtsfrauen. Die akademische Psychologie verschwendet keinen Gedanken an die Strukturvorgaben und Funktionsimperative der kapitalistischen Wirtschaft. Sie ist auf dem gesellschaftlichen Auge blind und versucht deshalb, wie Peter Brückner bemerkte, „den Stand der Gestirne bei bereichsweise bedecktem Himmel zu bestimmen“. Sie kann und will nicht erkennen, dass die beschriebenen Phänomene eine Begleiterscheinung des neuen kapitalistischen Zeitalters darstellen. Der Psychopath ist der vollends kapitalistische Mensch, ein reines Waren- und Geldsubjekt, dem die äußere soziale Kälte zur zweiten inneren Natur geworden ist. Dutton interpretiert und hinterfragt die angesprochenen Entwicklungen nicht, sondern schildert sie wie Naturprozesse, die er beobachtet und gemessen hat.

[...]

Unsereiner nimmt schaudernd zur Kenntnis, dass die vom Kapitalismus auf seiner gegenwärtigen Entwicklungsstufe vorangetriebenen Flexibilisierungs- und Mobilisierungsprozesse auf der Innenseite der Subjekte einen Schwund all der Eigenschaften mit sich bringen, die wir bis dato für die eigentlich menschlichen angesehen haben. Alles, was diesen Psychopathen das Fortkommen unter den Bedingungen des flexiblen Kapitalismus erschwert, wird wie Ballast abgeworfen. Zurück bleibt jene „unbekümmerte Rücksichtslosigkeit“, von der Kevin Dutton bewundernd spricht, als handele es sich geradezu um eine neue Kardinaltugend."

Bastian84 04.06.2013 | 16:00

Nö, nicht veräppeln. Ich wollte (wieder) darauf hinweisen, dass Kapitalismus die Menschen verändert. In keine "schöne" Richtung. Das Sein in kapitalistischn Vergesellschaftung macht Kapitalistisches Bewusstsein. Also mitunter Psychopathen, die dann noch mit allen Mitteln poistivistischer von der Totalität abesehender Wissenschaft verherrlicht werden, die dem selben Wahnsinn entspringt:

"Nachdem derartige vorbereitende Übungen von selbst die völlige Nichtigkeit der der anfänglichen Philosophie [...] eigenen unklaren und willkürlichen Erklärunen bewiesen haben, verzichtet der menschliche Geist fortan auf absolute Forschungen, wie sie nur in siner Kindheit angemessen waren, und beschränkt seine Bemühungen auf das von da sich rasch entwickelnde Gebiet der echten Beobachtung, der einzig möglichen Grundlage der wirklich erreichbaren und unseren tatsächlichen Bedürfnissen entsprechenden weise angemessenen Erkenntnisse" Comte, z.n. http://www.math.uni-hamburg.de/home/ortlieb/ZahlMediumFetischInternet.pdf

Im konkreten Fall ist die "echte Beobachtung" steht die Tatsache, das Menschen sich zu Psychopathen entwickeln, die "tatsächlichen Bedürfnisse" sind das Standhalten eben der kapitalistische Alltag, also dem "alltäglichen Wahnisinn" und die "tolle" Erkenntnis ist, dass als Psychopathen mit dem alltäglichen Wahnsinn besser klar kommen.
"Absolute Forschung" dagegen ist verpönt: Also z.B. die Frage zu stellen, ob nicht die kapitalistische Gesellschaft den Psychopathen hervorbringt oder ob wir überhauptn Psychopathen sein wollen.

Strategie? Ich habe es schon gesagt: Kritik am Kapitalismus. Die muss erstmal von vielen Menschen geteilt werden.

iDog 04.06.2013 | 16:16

"Kritik am Kapitalismus. Die muss erstmal von vielen Menschen geteilt werden." ... das ist doch keine Strategie, ich bitte Sie. Kapitalismuskritik gibt es seit es Kapitalismus gibt. Und ?

.. haben sie mal überlegt , dass Sie auf einer vorwiegend linken Plattform Kapitalismuskritik betreiben wollen? Eulen nach Athen ... ? ... und dann haben sie auch noch an jeder Art der existierenden Kapitalismuskritik etwas auszusetzen. Sehr bizarr ...

Bastian84 05.06.2013 | 19:57

"Das ist in etwa. Als wenn man in einer Monarchie sagen würde, um diese erfolgreich zu bekämpfen, müsse man den König aber bitte aussen vor lassen."

Nochmal, wer soll denn der König sein?

Gibt es den denn im bürgerlichen Staat überhaupt?

Dazu, und dazu dass sie an andere Stelle "Stamokap" sagten:

"Das Bürgertum hatte bestimmte Interessen (Freiheit der Person und des Eigentums, politische Mitwirkung), die es gegen die Feudalherren durchsetzen musste. Die Formen, in der das Bürgertum an die Macht kam, waren verschieden. Aber: Der Staat wurde von der Kirche, dem Grundeigentum und der Zufälligkeit der königlichen Erbfolge getrennt (4), die Privilegien und Sonderrechte von Städten, Ständen, Zünften usw. durch ein Recht ersetzt. Diejenigen, die den bürgerlichen Staat aufbauten (Amerika), durchsetzten (Niederlande, England, Frankreich) oder maulende Nutznießer seiner Durchsetzung (Deutschland) waren, hatten ein Interesse an Kalkulierbarkeit staatlichen Handelns. Gesetze schränken die InhaberInnen staatlicher Gewalt ein, sie verpflichten auf die Allgemeingültigkeit staatlichen Handelns, verbieten Sondergesetze gegen bestimmte Personen. Historisch gesehen ist die Idee der unveräußerlichen Menschenrechte, die jeder weißen männliche Bürger eines Nationalstaates(5) von Gott oder der Natur haben sollte, eine Idee des Bürgertums.

“We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable rights, that among these are life, liberty and the pursuit of happiness.”(6)

Damit nicht schon wieder die Warenladung nach Nizza im letzten Moment beschlagnahmt wird, weil die Mätresse des Kurgrafen die Sachen lieber selber haben will, will das Bürgertum den Rechtstaat. In Amerika: Damit das Recht nicht dem Cowboy mit dem schnelleren Colt überlassen bleibt (Der Großteil aller wirklich guten Western zieht daraus seine ganze Spannung). Denn Rechtssicherheit und Kalkulierbarkeit von staatlichem Handeln sind gut für Handel und Wandel, notwendige Voraussetzung für sichere Investitionen.

“Der Verfassungsstaat will vor allem ein Rechtsstaat sein: ein Staat, welcher ganz im Zeichen des Rechts steht, dessen oberster Wille nicht Rex, sondern Lex heißt; ein Gemeinwesen, wo die Beziehungen der Einzelnen nicht nur unter sich, sondern vor allem zur Staatsgewalt durch Rechtssätze bestimmt sind, wo es also auch beim Regiertwerden nach Recht und Gesetz und nicht nach dem tel est notre plaisir der regierenden Person abgeht.” (7)

Das diejenigen, die neben dem Bürgertum unter die Bezeichnung “Dritter Stand” fielen, ebenso an der Abschaffung der Adelsherrschaft interessiert waren, um überleben zu können, heißt eben nicht, dass sie im bürgerlichen Staat tatsächlich ein Mittel für ihre Bedürfnisse hatten.

Der moderne bürgerliche Staat ist eine bürokratische Gewaltmaschinerie, die ausgestattet mit dem Machtmonopol, das sich auf Polizei und Militär stützt, die Verhältnisse in einem bestimmten abgegrenzten Gebiet durch Verwaltung und Justiz regelt. Der Wille des Staates beansprucht Suprematie(8) in seinem Gebiet – er wird formuliert im Konflikt der unterschiedlichen Fraktionen des Staatsapparates.

[...]

Der bürgerliche Staat macht alle Menschen vor dem Gesetz gleich – und sorgt damit und mit der Garantie des Privateigentums für den Weiterbestand der Ungleichheit. Er kennt keinen Adel und keinen König, abstrahiert von allen Unterschieden, die er nicht selbst unmittelbar herstellt (Kinder, AusländerInnen, Soldaten, Beamte usw.) Er verbietet Reichen wie Armen unter Brücken zu nächtigen und erlaubt Millionären und SozialhilfeempfängerInnen, Aktien zu kaufen. Jede Tellerwäscherin kann Millionärin werden, jede Millionärin Tellerwäscherin. Das heißt ganz klassisch, er erzeugt durch abstrakte Gleichheit konkrete Ungleichheit.

Das will vielen nicht recht in den Kopf: Denn ungleich sind die Menschen der bürgerlichen Gesellschaft ja ganz offensichtlich. Also vermuten sie Bevorzugung und Privilegien und begreifen den Unterschied zwischen feudaler und bürgerlicher Herrschaft nicht. Aus der Gleichheit, die der Staatpraktiziert, machen sie ein Ideal, das der Staat / die Bourgeoisie oderwerauchimmer verraten habe und das es zu verwirklichen gelte, während die Freiheit allgemein gelobt wird, ihre ungemütlichen Konsequenzen aber als Fehler gelten.

Die Justiz des bürgerlichen Staates ist in diesem Sinne Klassenjustiz: Nicht weil die Kapitalisten immer Recht bekommen und die ArbeiterInnen vor Gericht keine Sonne sehen(10), sondern weil das Recht des bürgerlichen Staates so eingerichtet ist, dass die eine Klasse was davon hat und die andere nicht.

Die bürgerliche Gesellschaft, die aus lauter Freien und Gleichen besteht, beruht auf der privaten Verfügungsgewalt über den Großteil des gesellschaftlichen Reichtums und setzt die Menschen in Konkurrenz zueinander. Sie zwingt also zur Verfolgung der eigenen Interessen auf Kosten anderer. Damit die Konkurrenz nicht mit Pulver und Blei, sondern ordentlich und auf dem Markt abgewickelt wird, muss jemand her, der sie begrenzt. Denn es tobt der berühmte “Krieg aller gegen alle”, weil der Mensch dem Menschen bekanntlich ein Wolf ist, was in der bürgerlichen Gesellschaft wahr ist. Darum braucht sie eine Macht, die die Konkurrenz begrenzt, die alle Konkurrenten zwingt, unter Achtung der Person und des Eigentums anderer die Konkurrenz abzuwickeln – eben damit Privateigentum und Konkurrenz erhalten bleiben. “Weil die Mitglieder der kapitalistischen Gesellschaft in der Verfolgung ihres individuellen Nutzens die Schädigung der anderen betreiben, sind sie auf eine Macht angewiesen, die getrennt vom ökonomischen Leben die Anerkennung von Eigentum und Person garantiert”(11) Also: Damit der Laden nicht gegen den Baum läuft, braucht ‘die Gesellschaft’ den bürgerlichen Staat.

[...]

Die Behauptung ist also, dass“die Anerkennung der Menschenrechte durch den modernen Staat keinen anderen Sinn hat als die Anerkennung der Sklaverei durch den antiken Staat”. (14) Sie sind also nichts dem Staat mühsam Abgetrotztes, sondern die notwendige Bedingung seiner Existenz als bürgerlich-demokratischer Staat. Sie sind das Innenverhältnis, dass der Staat zwischen sich und seinen Bürger für den Normalfall festlegt; die Art und Weise wie er den Konflikt zwischen privatem und allgemeinem Interesse austrägt.

[...]

Aus seiner Funktion heraus hat der bürgerlich-demokratische Staat ein abstraktes Interesse daran, dass sein eigenes Handeln rechtsförmig geschieht. Er hat aber auch konkrete Interessen (Autobahnen bauen, Steuern kriegen, Leute einsperren), die manchmal an seinem abstrakten Interesse scheitern (darf Leute doch nicht enteignen, kann nix beweisen).

Die Rechtsabteilung des bürgerlichen Staates gliedert sich in Deutschland in drei Dezernate. Die eine sorgt für Streitigkeiten zwischen den BürgerInnen (Zivilrecht), die nächste exekutiert das staatliche Interesse am Wohlverhalten (Strafrecht) und die dritte überwacht das staatliche Handeln auf seines Gesetzes- und Verfassungskonformität (Verwaltungsrecht mit dem krönenden Verfassungsrecht). Dieses dritte Dezernat ist die Garantie dafür, dass der Staat bei der Verfolgung seiner konkreten nicht sein abstraktes Interesse verletzt; er ist der selbst umgebundene Maulkorb des Staates – was nicht heißen soll, dass der Rechtsstaat nicht auch schon heute kraftvoll zubeißen kann (Metaphern sind eben nur Metaphern). Gleichzeitig ist die Rechtswegegarantie und das ‘dritte Dezernat’ auch die Garantie dafür, dass die InhaberInnen staatlicher Gewalt mit ihrem Handeln nicht ihr Interesse als Privatsubjekte verfolgen, also dem ekligen Nachbarn die Baugenehmigung verweigern, Tante Guste den lukrativen Staatsauftrag zuschanzen und für jeden Stempel erst mal Provision sehen wollen. Dergleichen Zustände sind nämlich unerquicklich und jucken den Staat durchaus – auch wenn das Korruptionsgeschrei im Großen und Ganzen lächerlich ist.

[...]

Nicht jedem nutzen die Grundrechte was. Die “Unverletzlichkeit der Wohnung” hat noch keine/n Obdachlose/n davor bewahrt, von Bullen oder Schwarzen Sheriffs eingesackt (und verprügelt) zu werden. Als Sozialhilfeempfänger/in nützt einem die Reise- und Bewegungsfreiheit auch nicht so furchtbar viel, für Arbeitslose ist das Koalitionsrecht eine ziemlich unspannende Sache.

In diesen Grundrechten stecken allerdings auch ein paar handfeste Zumutungen: Das Recht auf Koalitionsfreiheit Art.9 (3) hat das Lohnsystem, das Recht auf KDV Art.4 (3) das Militär zur Voraussetzung(16), und das alte oder neue Recht auf Asyl (Art 16 bzw. 16a), besagt ja, dass ohne einen für den Staat triftigen Grund eine/r ohne deutschen Pass in Deutschland nix zu suchen hat. (17) Zusätzlich das Recht auf Eigentum (Art. 14), das dafür sorgt, dass die einen ihre Arbeitskraft verkaufen und andere sie aufkaufen. Dann gibt es im Grundrechtskatalog auch die richtigen Gemeinheiten: Den Schutz von Ehe und Familie (Art. 6), die Schulpflicht (Art. 7), die Wehr- und Dienstpflicht (Art 12a) und die Einschränkung von Grundrechten (17a). Wo’s langgeht hat der Staat in Art. 18 (Verwirkung von Grundrechten) klargezogen: Wenn mal jemand die “Abwehrrechte gegen den Staat” zu dem benutzt, wozu sie angeblich da sind, nämlich zum Abwehren, kann es durchaus sein, dass er/sie sie als “Staatsfeind” wieder aberkannt bekommt.

[...]

Die BürgerInnen des bürgerlichen Staates sind zwei Menschen gleichzeitig: Sie sind auf der einen Seite Citoyens, Staatsbürger, auf der anderen Seite Bourgeoises, Privatsubjekte. Als solche wollen sie entgegengesetztes.

Der Staatsbürger ist für den Staat, weil die von diesem eingerichteten Verhältnisse ohne ihn verdammt ungemütlich wären. Der Staat ermöglicht die Konkurrenz durch ihre Beschränkung, darum halten so viele ihn für ihr Mittel. Das Privatsubjekt will (weil’s muss) soviel Reichtum wie möglich anhäufen, und empfindet die Gesetze, die ihm den Respekt von Person und Eigentum anderer abverlangen, als Beschränkung.

Insoweit ist der bürgerliche Staat der verselbständigte abstrakt freie Willeseiner BürgerInnen: Sie können ihren freien Willen nur ausleben, weil der Staat ihm Grenzen setzt. “Seines Vorteils wegen will der Bürger das Recht, das ihm zugleich als Beschränkung entgegentritt; mit seinem Nutzen muss er zugleich also auch seinen Verzicht wollen: Moral. Er rechtfertigt seine Unterwerfung unter die Gewalt, die ihm schadet, mit dem Ideal dieser Gewalt und ergänzt dem ihm auferlegten Zwang durch seine Tugend.” (18)

Der bürgerliche Staat kann das nur, weil er über der Gesellschaft steht, mit keinem besonderen Interesse von Gesellschaftsmitgliedern identisch ist – und wo er in der Lage ist, seinen Willen auch durchzusetzen.

[...]

Er wird dies umsomehr, als dass eine florierende Wirtschaft nicht nur Voraussetzung, sondern auch ein notwendiger Bestandteil nationalen Erfolgs ist: Ohne eine eigene Industrie lässt sich z.B. kein Krieg führen, je größer die Abhängigkeit von den Produkten anderer Nationalökonomien ist, umso problematischer sind Differenzen mit den jeweiligen Staatsmächten etc. Aber auch: Arbeitslosigkeit und Unzufriedenheit sorgen – zumindest klassisch – für eine gewisse Instabilität, d.h. eine Einschränkung der Möglichkeiten einer Regierung. (Gegenläufige Tendenz ist freilich, dass im Falle eines Krieges, die Staatsbürger sich brav hinter ihrer Regierung versammeln und keine Parteien mehr kennen, was zumindest beim Falkland-Krieg bei beiden Kriegsparteien eine Rolle gespielt hat.)

Hat also ein Staat das Eigentum an Produktionsmitteln – das er durch seine Gesetze und Gewalt garantiert – anerkannt, muss er die Notwendigkeiten, die sich daraus ergeben, als Sachzwänge zur Kenntnisse nehmen. Und das heißt die Interessen des Kapitals vorrangig zu bedienen. Ob er das nun will oder nicht. (Meistens will der bürgerliche Staat das aber sowieso.)

Dies ist die Erklärung, warum der bürgerliche Staat der Staat des Kapitals ist. Nicht, weil die Bourgeoisie in allen Staatsfunktionen sitzt, denn das ist erstens gar nicht wahr und würde zweitens bedeuten, dass mensch nur ein paar ArbeiterInnen wählen muss, damit der Staat sich in einen Pfadfinderverein voll Güte und Liebe für das Menschengeschlecht verwandelt. So passiert es ja bekanntlich, sobald Sozialdemokraten den Staat lenken.

Auch nicht, weil die Politiker alle bestochen wurden. Das haben die meisten Kapitalisten nämlich höchstens dann nötig, wenn sie eine tatsächliche Interessenkollision mit dem Staat haben. Das passiert selten, weil die Ökonomie Mittel des Staates ist, wie sich auch die Kapitale des Staates als Mittel bedienen, wenn es denn geht. Auch dass angeblich “die Macht der Monopole mit der Macht des Staates verschmolzen ist im Interesse höchster Monopolprofite und der Absicherung der Herrschaft des Finanzkapitals” [STAMOKAP-Theorie] (20), ist weder richtig, noch die Erklärung. Die Internationalisierung des Kapitals lässt die Vorstellung, die nationale Staatsführung und das Monopolkapital (buuh, wie gruselig) seien verschmolzen, eher absurd wirken. Und dass die Politiker allesamt Beraterverträge haben, und der BDI und der BDA genau so wie die Kirchen, Gewerkschaften, und der Schrebergartenverband ihren Senf zu den Gesetzesvorlagen geben, von denen sie glauben, dass sie sie angehen, und zudem im seltensten Fall Sozialismus wollen, ist keine Erklärung. Weil die Kapitalinteressen Teil des Staatsinteresses sind, bedient der Staat sie, nicht aus Schwäche, nicht aus Korruption, und nicht aus Langeweile. Und darum ist die ‘Lobby-Arbeit’ des Kapitals so ungleich erfolgreicher, als die des Zentralrats der Roma und Sinti.

[...]

Die Sorge um das Staatsmaterial, ohne das weder Staat noch Kapitalismus gehen, hat ihn zu einigen Leistungen gebracht: Wo Eltern ihre Kinder als Reichtumsquelle benutzen wollen, schaltet er die Fürsorge ein und schickt sie notfalls ins Waisenhaus. Damit Eltern und Kapitalisten gar nicht erst auf die Idee kommen, verbietet er erstens Kinderarbeit und richtet zweitens die Schule als Pflichtanstalt ein. Die wiederum qualifiziert die angehenden Staatsbürger für den zukünftigen Dienst am fremden Reichtum bzw. am Staat und sortiert schon mal vor, wer was in Zukunft gewisslich nicht wird.

Er sorgt dafür, dass es ein funktionierendes Verkehrs- und Nachrichtenwesen(21) gibt, dass die Wissenschaft auch getrennt von den speziellen Interessen der Unternehmen getrieben wird und dass es eine ausreichende Anzahl von Leuten gibt, die können, was von den Kapitalisten so nachgefragt wird.

Als Sozialstaat erhält er die industrielle Reservearmee am Leben, gibt aber durch seine Verwaltung der Armut allen einen guten Grund, lieber malochen zu gehen.

[...]

All seine Leistungen in der Gewährleistung von Konkurrenz und Ausbeutung erscheinen als Schutz der Leute vor dem Profitprinzip, das als verwerflich zu betrachten alle frühzeitig gelernt haben. Darum dichten ihm linke Staatsbürger gerne eine Menge Aufgaben an (in Sachen Minderheiten, Wale, Frauen, Blumen), die eigentlich wenig mit dem zu tun haben, wozu er da ist. SozialistInnen und KommunistInnen würden ihn gerne in eine Arbeiterbeglückungsanstalt verwandeln, Sozialdemokraten haben ihn – nach ihrer eigenen Meinung – schon in eine solche verwandelt, was Konservative, Kapital und Krise jetzt wieder kaputt machen.

Wiederum andere entdecken in ihm den Sachwalter der Ideale: Gerade weil die Bourgeoisie “den heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt” und “alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet” (22) hat, will sie den Staat als Agent von Volk und Vaterland sehen. Die “Kälte des Subjekts” (Adorno) weckt bei manchen die Sehnsucht nach dem heimeligen Lagerfeuer der Nation, nach gestrengen Landesvätern (Familie!) und einem Staat, mit dem mensch sich auch wirklich identifizieren kann und Idealen, wie sie die Jugend ja heute nicht mehr hat! Gemeinschaft und Werte stehen auch in der Demokratie hoch im Kurs, während Individualismus und Interessen ein bisschen verpönt sind.

[...]

Demokraten wollen dabei den Kompromiss der verschiedenen Gruppen, die da die Gesellschaft bilden. Im heiteren Konfligieren der verschiedenen Interessen kommt zum Schluss der große Kompromiss heraus, den alle (oder fast alle) mittragen. Dazu muss der Staat verschiedene Interessengruppen hin und wieder ermahnen, auch ans Gemeinwohl zu denken. Die Stabilität einer solchen Ordnung, die sich auf die Zustimmung der BürgerInnen gründet und darum auf sie verlassen kann, gilt allenthalben als unschlagbares Argument. Armut und Elend gelten als schlechte Grundlage einer solchen anspruchsvollen Regierungsform, wo alle sowohl ihr eigenes, als auch das allgemeine Interesse im Auge haben müssen. Soviel Verantwortung ist für manchen Hungerleider zuviel, die Wahl von sozialdemokratischen Nationalisten insbesondere in Lateinamerika und Afrika galt in der Zeit des Kalten Krieges als Zeichen demokratischer Unreife.

Da Freiheit wichtiger ist als Demokratie (Friedrich Hayek) kümmerten sich CIA, BND oder die GIs um das Problem. “Ich weiß nicht, warum wir zusehen sollen, wie ein Staat kommunistisch wird, nur weil die Bevölkerung verrückt spielt”, wie der damalige US-Außenminister Henry Kissinger 1971 so richtig bemerkte. Staaten, die sich – mit oder ohne Zustimmung ihrer Bevölkerung – ganz vom Privateigentum verabschiedeten und ihr Glück in einerStaatswirtschaft (die sich zumeist “Sozialismus” nannte) suchten, sagte der freie Westen noch ganz anders den Kampf an.

Allerdings ruft die bürgerliche Demokratie immer wieder besorgte KritikerInnen auf den Plan. Sind die BürgerInnen mündig genug? Ist das politische Personal in der Lage, “unpopuläre Entscheidungen” zu treffen? Ist eine Führung, die von der Zustimmung ihrer Gefolgschaft abhängig ist, nicht immer zu schwach? Parteien werden des öfteren – ganz zu unrecht – als VertreterInnen von bösen, bösen Einzelinteressen ausgemacht, PolitikerInnen wollen wiedergewählt werden, und machen darum ganz verantwortungslose Sachen!

Faschistische Kritik an der Demokratie im Namen der Demokratie ist ein Dauerbrenner. Wobei es dann schon schwierig wird, eine solche Kritik von einem Eintreten für eine andere Sorte politischer Herrschaft noch zu unterscheiden.

Rätsel: Wer hat das gesagt?
“Wir haben es satt, in einer Raffgesellschaft zu leben, in der Korruption nicht mehr die Ausnahme ist und in der sich allzu vieles nur ums Geldverdienen dreht. Es gibt Wichtigeres im Leben des Einzelnen wie auch im Leben der Nation.”

Und das?
“Der Staat ist kein Mittel zu gegenseitigen Begaunerei”.(24)

Faschisten ziehen aus dieser Kritik ihre harschen Konsequenzen: Die Nationenkonkurrenz ist ein Krieg, darum ist der Ausnahmezustand der Normalzustand. Wahlen und Parteien sind schädlich und gehören ebenso abgeschafft wie der Klassenkampf. Da der Staat die “Zusammenfassung physisch und psychisch gleichartiger Lebewesen” (Adolf Hitler), kommen Differenzen zwischen besonderem und allgemeinen Interesse nur durch schädlichen Individualismus und mangelnde Opferbereitschaft zustande: Du bist nichts, Dein Volk ist alles.

Die Konkurrenz um den gesellschaftlichen Reichtum wird Staatsdienst, der Bourgeois wird in den Citoyen aufgelöst. Auch das Kapital wird an die Kandare genommen, was diesem finanziell nicht schlecht bekommen ist… Auf Verfassung und Grundrechte ist dabei geschissen, weil eine Volksgemeinschaft derartiges nicht braucht: Der Führer schützt das Recht. Auch wenn sich weiterhin alles durch Gesetze vollzieht, sieht es mit der Kontrolle eher dünn aus.

Fußnoten
1 Gerade die absolutistischen Fürsten förderten so das Bürgertum (in Frankreich und im Hl. Römischen Reich Deutscher Nation); die beiden Prototypen der kapitalistischen Entwicklung im 16. und 17. Jhdt., England und die Niederlande, zeichnen sich aber gerade durch das Fehlen einer absolutistischen Fürstengewalt aus. Inwieweit diese Länder durch ihre Politik die kapitalistische Durchdringung des Rests der Welt starteten und bestimmte Politik der noch feudal-bürokratischen Staaten erzwangen – das ist hier nicht zu untersuchen.
2 feudal-bürokratisch werden in diesem Text einfach alle Staaten genannt, die die Übergangsform vom mittelalterlichen Feudalstaat zum bürgerlichen Staat bilden: Adel, König und Kirche sind noch mit der Staatsmacht real verbunden, die Bürokratie hat ein starkes Gewicht, die kapitalistische Entwicklung wird durch den Staat zwar gefördert, aber auch begrenzt, um dem Bürgertum nicht zuviel Macht einzuräumen. Eigentlich ist diese Übergangsform noch in verschiedene Typen aufzuspalten und der Begriff “feudal-bürokratisch” zu unscharf.
3 in dieser moralischen Kritik am Adel als faul und verschwendungssüchtig, wie sie sich z.B. auch im Märchen Drosselbart findet, und auch in den Schriften vom Vorabend der französischen Revolution, hat der bürgerliche Arbeitsmythos seine Grundlage.
4 bzw. diese wurde bedeutungslos, weil die Krone nur noch repräsentative Aufgaben bekam.
5 das war gemeint, wenn von “Menschen” die Rede war.
6 Declaration of Independence, zit. n. The book of great american documents, hrsg. von Vincent Wilson, Maryland 1993. “Wir halten folgenden Wahrheiten für keines weiteren Beweises bedürftig: Dass alle Menschen gleich geschaffen sind, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, dass darunter sind, Leben, Freiheit und das Streben nach Glück”.
7 Deutsches Staatsrecht in der Enzyklopädie von Holßendorf-Kohler Bd. II, 1904. S. 593. zit. n. Schmitt, Carl: Nationalsozialismus und Rechtsstaat. In: Juristische Wochenschrift Heft 12/13, 24/31.3.1934, S.715.
8 umfassende Geltung, Vorherrschaft.
9 ob sie wollen oder nicht.
10 derartig ständische Überbleibsel gibt’s auch, dazu seien unter anderem selbstkritische Diskussion auf dem vorletzten Deutschen Richtertag in Erinnerung gebracht, die die Ungleichbehandlung von ärmeren und reicheren Angeklagten problematisierten, oder die bürgerliche Norm der “geordneten Lebensverhältnisse”, die dann eine günstige Sozialprognose und Bewährungsstrafen nach sich ziehen.
11 Der bürgerliche Staat. [Die Staatsanalyse der MG], München: Resultate – Verlag 1980.
12 Verhältnis von Staat und Religionsgemeinschaften zu einander.
13 Plebiszit: Volksabstimmung.
14 Marx/Engels: Die heilige Familie. MEW Band 2, S.120.
15 als die Bundesbahn noch Staatsbesitz war…
16 Ironischerweise haben die Macher des GG das Recht auf KDV hineingeschrieben, bevor es eine deutsche Armee gab. War dies weise Vorausschau – oder ging es, wie viele PolitologInnen vermuten, auch bei diesem relativ menschenfreundlichen Artikel nur darum, deutsche Soldaten vor dem Dienst in alliierten Heeren zu ‘schützen’?
17 triftiger Grund sind: Sportler/in oder Wissenschaftler/in sein, Bürger/in eines befreundeten Landes sein (EU), Kapital haben oder Dienst als Soldat einer befreundeten Armee hier zu tun. Konjunkturabhängig ist eben die Infragestellung der Souveränität eines anderen Staates durch Asylgewährung oder die Verwendung als sogenannte/r “Gastarbeiter(in)”.
18 Der bürgerliche Staat. [Die Staatsanalyse der MG]. Resultate Nr. 3, S.27.
19 Kant, Immanuel: Metaphysische Anfangsgründe der Rechtslehre. In: Rechtslehre. Schriften zur Rechtsphilosophie. Berlin (DDR): Akademie-Verlag 1988, S.133.
20 Grundwissen für junge Sozialisten [Schulungsbuch der SDAJ]. Dortmund: Weltkreis-Verlag 1980, S.145.
21 Zu einigen Zeiten und an einigen Orten hat er das selbst betrieben. Aber seine Garantie der Existenz dieser Notwendigkeiten beißt sich gar nicht mit profitabler Privatverwaltung. Denn auch weiterhin muss die Post jedem die Briefe bringen und die Telekom jedem ein Telefon geben. Und auf Fernsehen und Rundfunk passt der Kanzler ganz persönlich auf.
22 Marx/Engels: Manifest der kommunistischen Partei, MEW Band 4, Berlin (DDR): Dietz 1972, S. 465.
23 je nach Parteibuch und politischer Weltanschauung.
24 Das erste Zitat ist aus “Weil das Land sich ändern muss” von Helmut Schmidt, Gräfin Dönhoff, Edzard Reuter et al. Das andere ist vom Staatsoberhaupt des Deutschen Reichs von 1934 – 45 in seinem Früh-, Erst- und Einzelwerk “Mein Kampf” sinngemäß geschrieben worden." http://adhduesseldorf.blogsport.eu/von-anderen/junge-linke-der-burgerliche-staat-eine-einfuhrung/

Zu der Aussage dass jeder Reich werden könne, noch die Eränzung von Volker Pispers: "Jeder, aber nicht alle auf einmal"...

Bastian84 05.06.2013 | 20:08

Da fällt mir noch einer ein, der wohl hätte Bänker werden müssen:

"Marx selber hat den Begriff "Kapitalismus" in seinen Werken selten benutzt, stattdessen spricht er von "kapitalistischer Produktionsweise". Nach Marx wird im Kapitalismus die Produktionsweise durch das "Kapital" bestimmt. Das Kapital kann viele Formen annehmen: Geld, Produktionsmittel, Land, Immobilien, Waren etc. Nach Marx durchläuft es typischerweise die Formen Geld - Ware - (mehr) Geld (als Formel: G-W-G', wobei G' einen größeren Wert darstellt als G). Kapital ist nach Marx "sich selbst verwertender ( = sich vergrößender) Wert". Die Anwender des Kapitals (Kapitalisten oder Manager) produzieren Waren, die mehr wert sind als die zu ihrer Herstellung verausgabten Produktionsmittel (Arbeitskraft, Maschinen, Rohstoff). Der in der Produktionsphäre erzielte "Mehrwert" muss sich in der "Zirkulationsphäre" durch den Verkauf der produzierten Waren realisieren. Der Mehrwert wird ausschließlich von den Arbeitern geschaffen. Da sie dafür keine Gegenleistung erhalten, nennt Marx dies Ausbeutung, häufig verwendet er dafür auch den englischen Begriff "Exploitation". Die Mehrwertproduktion setzt voraus, dass es Arbeiter gibt, die ohne Besitz von Produktionsmitteln oder alternativen Subsistenzmitteln (z.B. eigens erzeugten Lebensmittel) gezwungen sind, ihre Arbeitskraft an die kapitalistischen Produktionsmittelbesitzer zu verkaufen. Dadurch entsteht die spezifische Spaltung der Gesellschaft in "Kapitalisten" und "Arbeiterklasse". Allerdings ist der "Kapitalist" nur eine Bezeichnung für eine Funktion im Produktionsprozess (Marx spricht von "Charaktermaske"). Wie er im Vorwort zum "Kapital" ausführt, handeln die einzelnen Kapitalisten nur als "Personifikationen ökonomischer Kategorien"." http://de.wikipedia.org/wiki/Kapitalismus

"

Zwar mag ein konkreter Geldbesitzer noch andere Zwecke verfolgen als nur die Kapitalverwertung, dann aber agiert er nicht mehr ausschließlich als ”Kapitalist”. Dass der einzelne Kapitalist beständig versucht, seinen Gewinn zu vergrößern, liegt nicht in irgendwelchen psychischen Eigenschaften begründet, wie etwa ”Gier”, es handelt sich vielmehr um ein durch den Konkurrenzkampf der Kapitalisten erzwungenes Verhalten. Der einzelne Kapitalist, sofern er Kapitalist bleiben will, benötigt den wachsenden Gewinn nicht etwa für einen wachsenden persönlichen Konsum, der bei großen Kapitalien nur einen winzigen Bruchteil des Gewinns ausmacht, sondern vor allem, um seine Produktionsanlagen zu modernisieren bzw. neue Produkte zu produzieren, wenn es nach den alten keine Nachfrage mehr gibt. Verzichtet er auf Modernisierung oder Veränderung, wird er bald vor dem Bankrott stehen. (siehe Zwangsgesetze der Konkurrenz)


Im Laufe der Zeit änderte sich einiges an der äußeren Erscheinungsform des Kapitalisten. Der ”freie Unternehmer” des 19. Jahrhunderts, der ”sein” Unternehmen leitete und nicht selten eine Familiendynastie begründete, wurde im 20. Jahrhundert zumindest in den Großunternehmen weitgehend durch den ”Manager” ersetzt, der oft nur ein kleineres Aktienpaket des von ihm geführten Unternehmens besitzt. Kapitalist im Marxschen Sinne, also Personifikation des Kapitals sind sie jedoch beide: Sie verwenden eine Wertsumme als Kapital.


Wenn der Kapitalist nur die Logik des Kapitals ausführt, dann ist auch nicht er, sondern das Kapital, der sich verwertende Wert, ”Subjekt”. Marx spricht in diesem Zusammenhang vom Kapital als ”automatischem Subjekt” (MEW 23, S. 169), was das Widersinnige deutlich macht: Einerseits ist das Kapital ein Automat, etwas Lebloses, andererseits als ”Subjekt” das Bestimmende des ganzen Prozesses.

Karl Marx selbst schrieb im “Vorwort zur ersten Auflage” seines Buches “Das Kapital”, Band I:

“Zur Vermeidung von Missverständnissen ein Wort. Die Gestalten von Kapitalist und Grundeigentümer zeichne ich keineswegs in rosigem Licht. Aber es handelt sich hier um die Personen nur, soweit sie die Personifikation ökonomischer Kategorien sind, Träger von bestimmten Klassenverhältnissen und Interessen. Weniger als jeder andere kann mein Standpunkt, der die Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformation als einen naturgeschichtlichen Prozess auffasst, den einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, so sehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag.” (MEW 23, S. 16)"

http://deu.anarchopedia.org/Kapitalist

Bastian84 05.06.2013 | 23:19

".. haben sie mal überlegt , dass Sie auf einer vorwiegend linken Plattform Kapitalismuskritik betreiben wollen?"

Wer geselschaftliche Probleme personalisiert, ist nicht links!

"und dann haben sie auch noch an jeder Art der existierenden Kapitalismuskritik etwas auszusetzen."

Nö, habe ich nicht. Siehe z.B. https://www.freitag.de/autoren/big-business-crime/0-1-prozent-2013-das-imperium-der-milliardaere#1370455734477798

An verkürzter Kapitalismuskritik habe ich allerdings einiges auszusetzen. Ein Beispiel verkürzter Kapitalismuskritik:

"1.1 Kapitalismusdefinition des Marxismus

Durch die von Karl Marx aufgestellte Wirtschaftstheorie wurden ganzen Generationen der Einblick in die tatsächlichen Verhältnisse und Vorgänge des kapitalistischen Systems, vor allem geldpolitisch, vernebelt. Kritisieren Marxisten den Kapitalismus, dann denken sie zuallererst an Unternehmen, welche die Arbeitnehmer ausbeuten würden. Sie verschweigen hierbei jedoch, dass auch die Betriebe unter Druck stehen – nämlich hinsichtlich des Geldes. Günter Hannich beschreibt die Problematik wie folgt:

„Im Durschnitt arbeiten heute die großen Unternehmer in Deutschland mit über 80 Prozent Fremdkapital, also geliehenem Geld, die mittelständische Industrie mit über 90 Prozent und Kleinunternehmen sogar mit nahezu 99 Prozent. Für dieses gebliehene Kapital müssen Zinsen an die Geldgeber abgeführt werden. Wenn nun der Absatz stockt, dann stecken die Firmen schnell in der Klemme, da die Zinslast immer weniger zu tragen ist. Dieser Druck wird an die Arbeitnehmer in Form von Entlassungen und Lohnkürzungen bzw. Arbeitszeitverlängerungen weitergegeben. Die Unternehmer als Alleinschuldige bei der Kapitalismusdiskussion hinzustellen, greift danach viel zu kurz.” [1]

Der Marxismus blendet die geldpolitischen Verhältnisse im Hintergrund völlig aus und verschweigt die wirkliche Abhängigkeit aller vom Geldbesitz, der über Zins und Zinseszins ein leistungsloses Einkommen bezieht – und zwar zu Lasten von Unternehmen, Arbeitern und Angestellten, also der gesamten Volkswirtschaft Der Marxismus lenkt den Blick von den wahren Kapitalisten, den Finanzkonzernen und Großbankiers mit ihren anonymen Kapitalgebern ab und schürt den unbegründeten Hass der Massen auf die unersetzbaren Leistungselemente jeder Wirtschaft, den schöpferischen und verantwortungsvollen Unternehmer (nicht zu verwechseln mit Managern, den Kettenhunden der Hochfinanz).

Die „Enteignung der Enteigner“, wie der Marxismus seinen Kampf gegen das freie Unternehmertum in eine griffige Parole gegossen hat, trifft schlicht die Falschen. Die Enteigner sind nicht Fabrikanten und Unternehmer, sondern Kapitalgeber, welche volkswirtschaftlich Produktivität über Zins und Zinseszins abschöpfen und hierdurch die Massen nach und nach tatsächlich enteignen. Auf der Jagd nach der höchsten Rendite und der größten Dividendenausschüttung pressen die Handlanger und Helfershelfer der Hochfinanz – die Manager – durch Lohndrückerei und schlechtes Arbeitsbedingungen auch noch das Letzte aus der Belegschaft eines Unternehmens heraus.

Wo der verantwortungsvolle Unternehmer durch den Manager verdrängt wird, dort allein findet die Ausbeutung tatsächlich in der Produktionssphäre statt!

Die marxistische „Mehrwerttheorie“ ist ohnehin eine glatte Verdrehung der Tatsachen und völlig wertlose Wortakrobatik. Denn nicht der Umstand, dass der Unternehmer aus der Produktivität des Unternehmens den Unternehmergewinn einbehält ist die Ursache von Ausbeutung, sondern die Tatsache, dass über Zins und Zinseszins das Kapital zu bedienen ist.

[1] Hannich, Günther: Das sollten Sie unbedingt wissen. Kapitalismuskritik und Geldsystem, in: Humanwirtschaft, Ausgabe Juli/August 2005, Nürnberg" http://hochfinanz.wordpress.com/kapitalismus/kapitalismusdefinition-des-marxismus/

"1.1 Kapitalismusdefinition des Marxismus

Durch die von Karl Marx aufgestellte Wirtschaftstheorie wurden ganzen Generationen der Einblick in die tatsächlichen Verhältnisse und Vorgänge des kapitalistischen Systems, vor allem geldpolitisch, vernebelt. Kritisieren Marxisten den Kapitalismus, dann denken sie zuallererst an Unternehmen, welche die Arbeitnehmer ausbeuten würden. Sie verschweigen hierbei jedoch, dass auch die Betriebe unter Druck stehen – nämlich hinsichtlich des Geldes. Günter Hannich beschreibt die Problematik wie folgt:

„Im Durschnitt arbeiten heute die großen Unternehmer in Deutschland mit über 80 Prozent Fremdkapital, also geliehenem Geld, die mittelständische Industrie mit über 90 Prozent und Kleinunternehmen sogar mit nahezu 99 Prozent. Für dieses gebliehene Kapital müssen Zinsen an die Geldgeber abgeführt werden. Wenn nun der Absatz stockt, dann stecken die Firmen schnell in der Klemme, da die Zinslast immer weniger zu tragen ist. Dieser Druck wird an die Arbeitnehmer in Form von Entlassungen und Lohnkürzungen bzw. Arbeitszeitverlängerungen weitergegeben. Die Unternehmer als Alleinschuldige bei der Kapitalismusdiskussion hinzustellen, greift danach viel zu kurz.” [1]

Der Marxismus blendet die geldpolitischen Verhältnisse im Hintergrund völlig aus und verschweigt die wirkliche Abhängigkeit aller vom Geldbesitz, der über Zins und Zinseszins ein leistungsloses Einkommen bezieht – und zwar zu Lasten von Unternehmen, Arbeitern und Angestellten, also der gesamten Volkswirtschaft Der Marxismus lenkt den Blick von den wahren Kapitalisten, den Finanzkonzernen und Großbankiers mit ihren anonymen Kapitalgebern ab und schürt den unbegründeten Hass der Massen auf die unersetzbaren Leistungselemente jeder Wirtschaft, den schöpferischen und verantwortungsvollen Unternehmer (nicht zu verwechseln mit Managern, den Kettenhunden der Hochfinanz).

Die „Enteignung der Enteigner“, wie der Marxismus seinen Kampf gegen das freie Unternehmertum in eine griffige Parole gegossen hat, trifft schlicht die Falschen. Die Enteigner sind nicht Fabrikanten und Unternehmer, sondern Kapitalgeber, welche volkswirtschaftlich Produktivität über Zins und Zinseszins abschöpfen und hierdurch die Massen nach und nach tatsächlich enteignen. Auf der Jagd nach der höchsten Rendite und der größten Dividendenausschüttung pressen die Handlanger und Helfershelfer der Hochfinanz – die Manager – durch Lohndrückerei und schlechtes Arbeitsbedingungen auch noch das Letzte aus der Belegschaft eines Unternehmens heraus.

Wo der verantwortungsvolle Unternehmer durch den Manager verdrängt wird, dort allein findet die Ausbeutung tatsächlich in der Produktionssphäre statt!

Die marxistische „Mehrwerttheorie“ ist ohnehin eine glatte Verdrehung der Tatsachen und völlig wertlose Wortakrobatik. Denn nicht der Umstand, dass der Unternehmer aus der Produktivität des Unternehmens den Unternehmergewinn einbehält ist die Ursache von Ausbeutung, sondern die Tatsache, dass über Zins und Zinseszins das Kapital zu bedienen ist.

[1] Hannich, Günther: Das sollten Sie unbedingt wissen. Kapitalismuskritik und Geldsystem, in: Humanwirtschaft, Ausgabe Juli/August 2005, Nürnberg" http://hochfinanz.wordpress.com/kapitalismus/kapitalismusdefinition-des-marxismus/

Ein anderes, sehr ähnliches Beispiel verkürzter Kapitalismuskritik:

"10. Erste Pflicht jeden Staatsbürgers muß sein, geistig oder körperlich zu schaffen. Die Tätigkeit des Einzelnen darf nicht gegen die Interessen der Allgemeinheit verstoßen, sondern muß im Rahmen des gesamten und zum Nutzen aller erfolgen.

Daher fordern wir:

11. Abschaffung des arbeits- und mühelosen Einkommens.

Brechung der Zinsknechtschaft!

12. Im Hinblick auf die ungeheuren Opfer an Gut und Blut, die jeder Krieg vom Volke fordert, muß die persönliche Bereicherung durch den Krieg als Verbrechen am Volke bezeichnet werden. Wir fordern daher restlose Einziehung aller Kriegsgewinne.

[...]

18. Wir fordern den rücksichtslosen Kampf gegen diejenigen, die durch ihre Tätigkeit das Gemein-Interesse schädigen. Gemeine Volksverbrecher, Wucherer, Schieber usw. sind mit dem Tode zu bestrafen, ohne Rücksichtnahme auf Konfession und Rasse." 25-Punkte-Programm der NSDAP, z.n. http://www.documentarchiv.de/wr/1920/nsdap-programm.html

dazu:

"Die Forderung nach „Brechung der Zinsknechtschaft“ geht maßgeblich auf Gottfried Feder zurück, der 1919 den Deutschen Kampfbund zur Brechung der Zinsknechtschaft gründete und im selben Jahr sein Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft veröffentlichte. Inhalt seiner Forderungen war jedoch nicht, wie oft vermutet wird, ein Verbot, Zinsen zu erheben, sondern zahlreiche geforderte Veränderungen in der staatlichen Wirtschaftspolitik. Eine Hauptkritik Feders war die Zahlung von Zinsen durch den Staat an Inhaber von staatlichen Wertpapieren/Schatzbriefen.

[...]

Feder galt bis zur Machtergreifung Hitlers als wichtiger Wirtschaftstheoretiker der NSDAP, seine Veröffentlichungen werden in Adolf HitlersMein Kampf lobend erwähnt.[3] Feders wirtschaftspolitische Vorstellungen fanden 1920 Eingang in das 25-Punkte-Programm der NSDAP. Unter Punkt 11 wurden hier die „Abschaffung des arbeits- und mühelosen Einkommens, Brechung der Zinsknechtschaft“ gefordert. Im „Kleinen ABC des Nationalsozialisten“, das 1925 von Joseph Goebbels verfasst wurde, wurde neben der Zinsknechtschaft auch dem „schaffenden Staatskapital“ als „unmittelbar schaffendes, produktives Kapital“, gemeint ist offensichtlich auch das private Kapital, das „Börsenkapital“ als „kein schaffendes, sondern ein schmarotzerisch-raffendes Kapital“ gegenübergestellt.[4] In Mein Kampf unterscheidet Hitler unter Berufung auf Feder „die beiden Kapitals-Arten“, des „reinen Kapitals als letztes Ergebnis der schaffenden Arbeit“ und einem „Kapital, dessen Existenz ausschließlich auf Spekulation“ beruht.[5]

[...]

Der Begriff „Brechung der Zinsknechtschaft“ ist heute in keinem Parteiprogramm mehr zu finden. Die zugrundeliegende Diskussion wird heute unter dem Begriff „Zinskritik“ geführt." http://de.wikipedia.org/wiki/Brechung_der_Zinsknechtschaft

und:

"

Im 19. Jahrhundert wollte der Anarchist und Frühsozialist Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865) den Kapitalismus abschaffen, zugunsten einer „wirklichen Marktwirtschaft“ mit Äquivalententausch. Proudhon sah in der Herrschaft des Zinses das größte Übel des Kapitalismus. Gäbe es das zinstragende Kapital nicht mehr, so dachte Proudhon, dann gäbe es auch keinen Kapitalismus mehr. Deshalb wollte er ein nicht verleih- und verzinsbares „Arbeitsgeld“ einführen. Die entsprechende Abschaffung des Zinses hatte antisemitische Vorstellungen zur Konsequenz, die Proudhon in seinen Texten zur »Tauschbank« beschrieb. 1849 versuchte Proudhon mit der Gründung einer „Volksbank“, mit zinslosen Krediten, sein Reformprogramm in die Praxis umzusetzen. Proudhon‘s Antisemitismus sah in den Juden die wichtigste Quelle für das Unglück der Nation. Sein Rassismus kam zudem in der Beschreibung Schwarzer als minderwertige Rasse zum Ausdruck. Proudhon hatte großen Einfluss auf Georges Sorel, den Vordenker des Syndikalismus. Auf Sorel wiederum beriefen sich viele Intellektuelle des Leninismus als auch des revolutionären Syndikalismus, von denen einige zum Faschismus übertraten. Auf die Frage, welchem von seinen Lehrmeistern er am meisten verdanke, nannte der ehemalige Sozialist Benito Mussolini, Sorel.

Gottfried Feder (1883-1941), Wortführer der NSDAP Wirtschaftpolitik, schrieb 1927 deren 25 Punkte Grundsatzprogramm, welches bis 1945 Gültigkeit hatte. In dieser Schrift steht auszugsweise: „Die Wirtschaft, ob groß oder klein, Schwerindustrie oder Kleingewerbetreibender, kennen nur ein Ziel: „Profit“, sie haben nur eine Sehnsucht: „Kredit“, nur eine Aufwallung: die „gegen die Steuern“, nur eine Furcht und namenlose Hochachtung: die „vor den Banken“ und nur ein überlegenes Achselzucken über die nationalsozialistischen Forderung der „Brechung der Zinsknechtschaft“. Die NSDAP unterschied zwischen gutem „schaffenden und bösem raffenden Kapital“. Das böse „raffende Kapital“ war bei der NSDAP das „internationale Finanzjudentum“

Die Gewerkschaft Verdi, teilweise offenbar immer noch mit Proudhon verbunden, hat vor einigen Jahren eine Broschüre herausgegeben,Finanzkapitalismus, Geldgier in Reinkultur!Darin geht es um Hedgefonds und andere „Heuschrecken“. Quintessenz dieser Broschüre ist letztendlich die Unterscheidung von gutem „schaffenden Kapital“ und bösem „raffendem Kapital“. Das böse „raffende Kapital“ ist demnach der internationale Finanzkapitalismus. Die Verschmelzung von Produktionskapital und Finanzkapital ist offenbar noch nicht jedem bei Verdi bewusst. Zeev Sternhell schreibt in seinem Buch, „Die Entstehung der Faschistischen Ideologie: “Die Wurzeln des Faschismus liegen in der radikalen Linken am Beginn des 20. Jahrhunderts. Dessen führende Theoretiker waren ganz überwiegend „rechte Leute von links“, die aus dem revolutionären Syndikalismus hervorgegangen waren.“ Durch den Bruch mit der Marxschen Ökonomie, der Gleichsetzung des revolutionären Subjekts mit der Nation, gaben, die erwähnten Frühsozialisten mit ihren Theorien Anknüpfungspunkte für eine rechte Ideologie (Faschismus, Nationalsozialismus, Antisemitismus), die leider von vielen, auch innerhalb der Linken, kritiklos angenommen wird.

aus: Proudhon, Gesell, Feder, Marx und die regressive Kapitalismuskritik" http://thinktankboy.wordpress.com/f-rubriken/f-rubrik-regressive-kapitalismuskritik/