Das Vermächtnis des Hugo Chavez

von Jean Ziegler Ein Beitrag aus der Zeitschrift BIG Business Crime 02/2013
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Er redete nicht gerne darüber. Nur einmal, in einer Nacht im Jahr 2006 im Präsidentenpalast von Miraflores kam Hugo Chavez Fria auf den "Caracazo" zu sprechen, jene Tage im Februar 1989, als ganze Quartiere der Hauptstadt in Flammen standen und sich das Volk der Ärmsten gegen das Diktat des Weltwährungsfonds erhob. Der WWF hatte Venezuela ein neues sogenanntes Strukturanpassungsprogramm verordnet. Die Preise für Grundnahrungsmittel waren innerhalb Wochenfrist um durchschnittlich 30 Prozent gestiegen. Die total korrupte WWF- und Wallstreet-hörige sozialdemokratische Regierung (Accion Democratica) von Carlos Andres Perez rief die Armee. In der nachfolgenden blutigen Repression starben über 3000 Menschen.

Im Büro des Präsidenten, auf den Holzstühlen aus seiner Heimatstadt Barinas in den Llanos, der weiten Steppe im Westen des Landes, die Chavez sich hatte installieren lassen, saßen neben ihm sein Bruder Adan, sein Schulfreund Jesus Arnaldo Perez – heute Botschafter in Paris – der Wirtschaftsminister und ich. Keiner wagte die Frage: War der damals 24jährige Leutnant Chavez unter den Repressions-Truppen? Ganz sicher war aber: "Caracazo" bedeutete das Schlüsselerlebnis für den jungen Offizier, Sohn bitterarmer Eltern – sein Vater war ein nur unregelmäßig bezahlter Dorfschullehrer aus Sabaneta, nahe bei Barinas.

1992 scheiterte ein Militärputsch, geführt von Chavez, gegen Carlos Andres Perez.

1994 wurde Chavez amnestiert.

1999 gewann er die Präsidentschaftswahl. Bis zu seinem Tod gewann er weitere sechs Wahlen und zwei Verfassungsreferenden – mit immer größerer Stimmenzahl. In diesen vierzehn Jahren veränderte er gemeinsam mit seiner kleinen Avantgarde aus nationalistischen Offizieren, Gewerkschaftern, Intellektuellen – Männer und Frauen – Venezuela von Grund auf. In den Elendsvierteln der Großstädte, wo über die Hälfte der Bevölkerung lebte, verschwanden Unterernährung, Mangelkrankheiten, Analphabetismus, das verseuchte Wasser.

Eine radikale Bodenreform befreite die landlosen Landarbeiter, verjagte die Latifundistas und steigerte die autochthone Nahrungsmittelproduktion. 1999 kostete ein Barrel venezuelanischen Erdöls die Konzerne 7 Dollar, heute beinahe 100 Dollar. Zusammen mit den Algeriern und den Norwegern machte Chavez aus der OPEC (Organisation der Erdölproduzierenden Ländern), die vormals total von den USA und ihren saudi-arabischen Lakaien dominiert war, eine Kampforganisation zum Wohle erdölbesitzender Staaten. Venezuela verfügt nach Saudi-Arabien über die zweitgrößten Erdölreserven der Welt.

Vor allem: Chavez gab seinem Volk sein historisches Gedächtnis und damit seine Würde zurück. Sein Vorbild war Simon Bolivar, der Kreole aus Caracas, der Lateinamerika mit Waffengewalt von der spanischen Kolonialherrschaft befreite. Ich erinnere mich an meinen ersten Besuch in Miraflores: "La spada de Bolivar" sagte Chavez, als er mir, dem Glaskasten entnommen, feierlich für ein paar Sekunden das Schwert des Libertador auf die ausgestreckten Arme legte.

Bolivar starb im Jahr 1830, nur 47jährig, in einer erbärmlichen Fischerhütte im karibischen Dorf Santa Marta. Sein Traum von der kontinentalen Einheit Südamerikas war zerschlagen. Geldgierige kreolische Oligarchien zerstückelten die "Gran Columbia", den vom Kolonialjoch befreiten Kontinent. Bolivar starb. Von den befreiten Völkern vergessen. Droht Hugo Chavez dasselbe Schicksal? Keineswegs. Er hinterlässt der Nachwelt nicht nur die Erinnerung an heroische Schlachten, sondern eine ganze Reihe solider kontintal-amerikanischer Institutionen, welche den Traum der Einheit, der Befeiung aus dem sozialen Elend, konkretisieren:

ALBA, der neun progressistische Staaten umfassende gemeinsame Markt; Petrocaribe, ein Versorgungsnetz armer lateinamerikanischer Staaten mit verbilligtem venezolanischen Erdöl; teleSUR, die kontinentale Fernsehanstalt; CELAC, der embryonale Staatenbund der fortschrittlichen Staaten Lateinamerikas.

Dem nordamerikanischen Imperialismus, der seit 200 Jahren den Kontinent verwüstet, stehen heute unumstößliche Schranken der Unabhängigkeit entgegen. Schranken, geschaffen von Hugo Chavez und seinen Verbündeten in Kuba, Ecuador, Bolivien und anderen Ländern. Sie versprechen dem geplagten, ausgebluteten Lateinamerika eine Zukunft in Würde und Souveränität.

Jean Ziegler (* 19. April 1934) ist ein Schweizer Soziologe, Politiker und Sachbuch- und Romanautor. Von 1967 bis zu seiner Abwahl 1983 und erneut von 1987 bis 1999 war er Genfer Abgeordneter im Nationalrat für die Sozialdemokratische Partei. Von 2000 bis 2008 war er UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung – zuerst im Auftrag der Menschenrechtskommission, dann des Menschenrechtsrats – sowie Mitglied der UN-Task Force für humanitäre Hilfe im Irak. 2008 wurde Ziegler in den Beratenden Ausschuss des Menschenrechtsrats gewählt. Er ist ausserdem im Beirat der Bürger- und Menschenrechtsorganisation Business Crime Control.
Ziegler gilt als einer der bekanntesten Globalisierungskritiker. Wegen der häufig mit drastischen Worten geäußerten Kritik an Politikern, Unternehmen, Banken und Finanzakteuren in seinen Sachbüchern wurde Ziegler vielfach verklagt. Seine Schulden aus verlorenen Prozessen belaufen sich auf mehrere Millionen Euro, weshalb er nach eigener Aussage insolvent ist.
(Quelle: Wikipedia)

BIG Business Crime ist eine Dreimonatszeitschrift des gemeinnützigen Vereins Business Crime Control e.V.
Herausgeber: Business Crime Control e.V., vertreten durch den Vorstand Erich Schöndorf, Stephan Hessler, Wolf Wetzel, Wolfgang Patzner, Hildegard Waltemate
Mitherausgeber: Jürgen Roth, Hans See, Manfred Such, Otmar Wassermann, Jean Ziegler
Verantwortliche Redakteurin: Victoria Knopp
Redakteure: Hans See, Gerd Bedszent, Reiner Diederich, Stephan Hessler

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10:11 18.05.2013
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BIG Business Crime

BIG Business Crime ist eine Drei-Monats-Zeitschrift des Vereins Business Crime Control e.V. Seit Ende 2018 online unter: big.businesscrime.de
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