Plastikmüll in den Weltmeeren

Plastikmüll in den Meeren Plastikmüll in den Weltmeeren. Die große Gefahr
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Plastikmüll in den Weltmeeren
Foto: Christopher Furlong/Getty Images

Die große Gefahr Plastikmüll in den Weltmeeren

Ingrid Ahrens-Scalidis (aus: BIG Ausgaben 2/2017)

Im Unterschied zum Menschen hinterlassen Tiere und Pflanzen nur Stoffwechselprodukte und Nahrungsreste, die sich organisch abbauen und den natürlichen Kreislauf schließen. Der Mensch aber greift unaufhörlich und rücksichtslos in diesen Kreislauf ein und zerstört mit brachialer Gewalt unaufhaltsam den Zyklus des Lebens.

Wir alle haben die schrecklichen Bilder vor Augen. Seevögel, die sich in Plastikschnüren verheddern, Delphine, verfangen in Fischernetzen, vermüllte Strände, die nur dort, wo sich Touristen aufhalten, schön sauber gehalten werden. Hinzu kommen vielerorts Plastikansammlungen in unseren Meeren, die sogenannten Müllstrudel oder auch Plastikkontinente. Plastik ist mittlerweile überall in den Ozeanen zu finden. Auf Hawaii entdeckten Forscher eine neue Gesteinsart: „Plastiglomerat“. Neben Lava und Sand besteht die Schmelze vor allem aus Plastikresten. Selbst eingefroren im Meereis der Arktis sowie in den Korallenriffen und an den Stränden der Tropen hat sich der Plastikmüll abgelagert.

Wo immer wir auch hinreisen: unser Müll ist schon da. In Mägen von Meeresschildkröten hat man Angelhaken, Gummi, Aluminium, Folien, Teer, Taue und Schnüre gefunden. Sie verfangen sich in Sechser-Pack-Ringen oder ersticken bei dem Versuch, Plastiktüten zu verzehren, da sie diese mit ihrer Lieblingsspeise, den Quallen, verwechseln. Auch Robben verwechseln Plastikteile mit Nahrung, verschlucken sie und verhungern mit vollem Magen, da Kunststoff nicht verdaut werden kann.

Wissenschaftler entdeckten, dass die Mageninhalte gestrandeter Wale und Delphine Müllkippen glichen. Darüber hinaus reichern Wale im Laufe ihres Lebens viele Gifte in ihrem Fettgewebe an. Diese verursachen Krebs, verringern die Fruchtbarkeit oder stören generell den Hormonhaushalt der Tiere. Der Verzehr von Walfleisch gilt heute als hochgradig ungesund, was aber einige wenige Nationen nicht davon abhält, auch heute noch skrupellos Jagd auf diese wunderbaren Tiere zu machen.

Angefangen von Plastiktüten bis hin zu ausgedienten Fischernetzen stellt jede Art von Müll, den der Mensch achtlos ins Meer wirft, somit eine große Gefahr dar. Aber auch Mikroplastik kann für Fische, Krabben und andere Lebewesen, die Plastikpartikel mit Nahrung verwechseln, lebensbedrohlich sein. Auch Muscheln und andere Krusten- und Schalentiere sind leider betroffen. Sie filtern ihre Nahrung aus dem Wasser. Sowohl in Miesmuscheln von der Nordseeküste als auch in Austern von der französischen Atlantikküste wurde Mikroplastik gefunden.

Von Tieren, die bereits Plastik aufgenommen haben, wird das Mikroplastik an andere Fressfeinde weitergegeben und landet irgendwann dann auch auf unserem Teller. Mit Lösungen können bisher weder Politik, Wirtschaft noch Forschung aufwarten. Einer Studie zufolge weisen nicht weniger als 63 Prozent der untersuchten Nordseegarnelen Plastikfasern, Plastikgranulat oder Folienreste auf. Plastikmüll ist somit bereits tief in den Lebensraum Meer vorgedrungen.

Vermutlich haben Menschen ihren Unrat schon immer in die Flüsse und ins Meer gekippt. Schwapp – aus den Augen aus dem Sinn. Doch während organischer Abfall schnell wieder abgebaut wird, belastet unser mit Giften angereicherter moderner Müll die Meere über Jahrhunderte. Und es wird immer mehr, denn Plastik verrottet nicht. Eine robuste Plastikflasche braucht schätzungsweise 450 Jahre, um abgebaut zu werden.

Unser Müll richtet somit in den Ozeanen verheerende Schäden an. Meeresmüll ist jeder beständige, hergestellte oder verarbeitete Feststoff, der in Küsten- und Meeresgewässern weggeworfen, entsorgt oder hinterlassen wird. Dieser Müll besteht aus Elementen, die vom Menschen gemacht oder genutzt wurden und bewusst weggeworfen oder unabsichtlich ins Meer und an den Stränden verloren gingen, einschließlich der Materialien, die vom Land durch Flüsse, Entwässerung, Kanalisation oder durch Wind, Sturmfluten oder Hochwasser in die Meeresumwelt gelangen.

Plastikmüll stammt weltweit zu 80 Prozent vom Land und wird zu 20 Prozent direkt auf See erzeugt. Die Hauptverursacher sind zwar China, Indonesien, Philippinen, Vietnam, Sri Lanka, Thailand, Ägypten, Malaysia, Nigeria und Bangladesch, aber Plastikmüll im Meer ist ein globales Umweltproblem. Unsere Meere verkommen zu Plastikendlagern. Dies birgt nicht nur Gefahren für zahlreiche Meerestiere. Die Kunststoffpartikel samt Giftfracht landen spätestens über die Nahrungskette wieder beim Verursacher.

Plastiktüten sind das klassische Symbol für die Vermüllung der Meere. Leider ist bei vielen Verbrauchern der schnelle Griff zur Plastiktüte an der Kasse, selbst wenn sie mittlerweile 10-20 Cent kostet, immer noch normal. Auch am Obst- und Gemüseregal greift man schnell mal zur Tüte. Gerade diese dünnen Plastiktüten jedoch können bei unsachgemäßer Entsorgung leicht vom Wind in die Flüsse oder Meere geweht werden oder in Bäumen hängen bleiben, wo sie zur Gefahr der Vögel werden.

Die Politik hat das Problem des Plastikmülls erkannt, doch bei der konsequenten gesetzlichen Lösung hapert es. Die EU verlangt, den Jahresverbrauch bis 2025 auf unter 40 Tüten pro Kopf zu reduzieren. Ambitioniert ist das nun gerade nicht. Und wie steht die Bundesregierung dem gegenüber? Sie setzt blauäugig auf eine freiwillige Verpflichtung von Handel und Verbraucher. Dabei hat Irland bereits gezeigt wie es geht: Dort hat man innerhalb von wenigen Monaten den Jahresverbrauch pro Kopf von 328 Plastiktüten auf 18 Tüten, das heißt um 95 Prozent gesenkt und zwar, indem man die Abgabegebühr einer Plastiktüte auf 44 Cent angehoben hat.

Exemplarisch für unsere Ex- und Hopp-Gesellschaft ist das Essen und Trinken auf der Straße. Anstatt sich eines kurzen Kaffee-Genusses im Sitzen vor einem Café hinzugeben, eilen wir mit einem Plastikbecher in der Hand von A nach B. Pro Stunde werden auf diese Weise in Deutschland 320.000 Coffee-To-Go-Becher benutzt. Das sind fast drei Milliarden Becher im Jahr. Der Durchschnittsbecher hat eine Lebensdauer von rund 15 Minuten, ehe er dann achtlos weggeworfen wird. Die Herstellung dieser Becher verursacht in Deutschland jährlich CO2-Emissionen von etwa 83.000 Tonnen. Hinzu kommen noch rund 28.000 Tonnen CO2 für die Herstellung der Deckel.

Erwähnt sei in diesem Zusammenhang, dass der durchschnittliche Fußabdruck eines Deutschen einschließlich der Treibhausgase bei etwa 11 Tonnen Kohlendioxid liegt. Der international angestrebte und für das Klima noch verträgliche Kohlenstoffdioxid-Ausstoß liegt bei 2,5 Tonnen pro Kopf und Jahr. Hier besteht also dringender Handlungsbedarf, denn dass die Konzerne hier tätig werden, ist, wie ja aus der Vergangenheit bereits bekannt, äußerst unwahrscheinlich.

Die Top-Fünf der Müllfunde an unseren Stränden sind: Zigarettenstummel (jedes Jahr kommen rd. 4,5 Billionen Kippen hinzu), Verpackungen, Flaschendeckel, Seile und Netze. Die Abbaugeschwindigkeit vor allem der Kunststoffe ist abhängig von der Wassertemperatur, mechanischen Einwirkungen wie z.B. Wellenschlag oder Aufschlagen auf Küstenfelsen sowie der Einwirkung von ultravioletter Strahlung der Sonne und den Zersetzungsprozessen durch Bakterien.

Bis zu 13 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle kommen jährlich allein von Land hinzu. Gemäß Schätzungen haben sich dort bereits mindestens 150 Millionen Tonnen angesammelt. Strömungen in den Ozeanen tragen das Plastik rund um die Welt, bis es in riesigen Müllstrudeln zirkuliert. Die größte Müllhalde der Welt, der sogenannte „Great Pacific Garbage Patch“, befindet sich im Norden des Pazifischen Ozeans. Zwischen Hawaii, dem nordamerikanischen Festland und Asien wirbeln Millionen Tonnen von Plastikmüll herum. Dieser große Müllstrudel wurde 1997 entdeckt und hat die Größe von Mitteleuropa. Weltweit gibt es mindestens fünf weitere Müllstrudel und zwar im Nord- und Süd-Pazifik, im Nord- und Süd-Atlantik und im südlichen Indischen Ozean.

Das Bewusstsein des Menschen für seine Umwelt scheint durch die sogenannte Zivilisation auf der Strecke geblieben zu sein. Der Konsumzwang wird immer stärker. Die permanente Berieselung durch Werbung vermittelt der Konsumgesellschaft das Gefühl, immer mehr kaufen und besitzen zu müssen, um nicht abgehängt zu werden.

Aber was ist das eigentlich für ein Stoff, der unser Leben bestimmt und so viel Müll verursacht? Plastik ist ein einfacher und billiger Stoff, der in jede beliebige Form gebracht werden kann. Plastik ist ein Nebenprodukt der Benzinherstellung. Sein Grundstoff ist Erdöl. Durch Zugabe von chemischen Zusatzstoffen entstehen verschieden Kunststoffarten. Sogenannte „Weichmacher“ machen das Plastik beispielsweise flexibel, Flammschutzmittel sorgen dafür, dass es nicht brennen kann. Viele dieser chemischen Zusatzstoffe sind aber für die Umwelt giftig und können in die Luft entweichen. Selbst am Nordpol wurden sie bereits nachgewiesen. Manche dieser chemischen Gifte können bei Menschen und Tieren schweren Schaden anrichten. So wirken Weichmacher beispielsweise wie Hormone und können die Fruchtbarkeit vermindern. Daher werden sie auch Scheinhormone genannt. So haben Forscher bei Fischen und Meeresamphibien bereits schwere Missbildungen an den Fortpflanzungsorganen entdeckt, die auf Weichmacher zurückzuführen sind.

Während Länder wie die USA, Kanada und England Mikroplastik bereits verboten haben oder diesbezügliche Verbotsverfahren in der Umsetzung sind, setzen Deutschland, Österreich und die Schweiz allein auf die Selbstverpflichtung der Industrie und lehnt auch weiterhin eine gesetzliche Regelung ab. Diese freiwillige Selbstverpflichtung funktioniert aber nicht, da jedes Unternehmen Mikroplastik anders definiert und somit unterschiedliche Fristen anstrebt. Dabei ist Mikroplastik in Kosmetik und Reinigungsmitteln überflüssig und ersetzbar. Dieses primäre Mikroplastik aus den Produkten zu verbannen, wäre der erste und einfachste Schritt weniger Plastik in die Weltmeere zu schwemmen.

Eine exemplarische Darstellung zur Abbaugeschwindigkeit einiger Produkte des täglichen Lebens zeigt die Unverhältnismäßigkeit zwischen der Verwendung von Kunststoffen durch den Menschen und deren bleibende Schäden in der Umwelt:

- Plastiktüten: 1-20 Jahre (Nutzungsdauer durchschnittlich 25 Minuten!!!!)

- Weißblechdosen, aufgeschäumte Plastikbecher: 50 Jahre

- Aluminiumdosen: 200-500 Jahre

- Sixpack-Ringe: 400 Jahre

- Einwegwindeln, Plastikflaschen: 450 Jahre

- Angelschnüre: 600 Jahre

Bei einem „weiter so“ könnte im Jahr 2050 dreimal mehr Plastik im Meer schwimmen als Fische. Um sich diese Zeiträume besser vorstellen zu können, vergegenwärtigen wir uns doch einmal, dass vor 450 Jahren der italienische Wissenschaftler Galileo Galilei lebte, der zum großen Erstaunen der Kirchenoberhäupter behauptete, dass die Erde rund sei. Wäre, wie damals unbestritten, die Erde eine Scheibe, so hätten wir mit Plastikflaschen kein Problem, da sie ja irgendwann einfach über den Rand der Scheibe ins Nichts gefallen wären. Doch inzwischen wissen wir, dass die Erde eine Kugel ist und die Plastikflaschen Jahrhunderte lang durchs Meer treiben. Erst nach 450 Jahren ist von diesen Flaschen nichts mehr übrig. Trotz dieser Erkenntnis sind allein in Deutschland jährlich mindestens 800 Millionen Plastikflaschen im Umlauf.

Sehr großen Schaden können wir aber auch beim alltäglichen Duschen anrichten. Fangen wir doch mal im Badezimmer an. Wir benutzen Shampoo und Duschmittel aus Plastikflaschen und entsorgen sie. Häufig landen sie auf diese Weise dann im Meer und zersetzen sich irgendwann unter dem Einfluss von Wellenbewegungen und UV-Strahlen in winzige kleine Plastikteilchen. Diese werden auch sekundäres Plastik genannt, da die Partikel ursprünglich nicht als Mikroplastik hergestellt wurden, sondern als Behältnisse für beispielsweise Shampoo oder andere Flüssigkeiten. Leider halten viele Fische und Vögel auch diese Partikel für Nahrung und fressen sie.

Aber damit nicht genug. Nein, viele Hersteller verwenden immer noch kleine Plastikkügelchen bei der Herstellung von Shampoo, Bodylotions, Duschgels, Peelings mit Mikroperlen, Deodorants, Zahnpasta mit Reinigungskristallen und Lippenstift. Da in diesem Fall die Plastikteilchen oder auch Granulate genau für diesen Zweck hergestellt werden, bezeichnet man diese Partikel als primäres Mikroplastik. Wir reiben uns also schon während des Waschens Mikroplastik auf die Haut oder zwischen die Zähne, das dann über unsere Wasserleitungen ins Abwasser und auf diese Weise in unsere Flüsse, Seen und Meere gelangt, da es zu klein ist, um von Kläranlagen herausgefiltert zu werden. Auch andere winzige Teilchen, wie zum Beispiel Bestandteile von Fleece-Pullovern, bei denen 1.900 Fasern pro Waschgang herausgeschwemmt werden, gelangen über unsere Haushaltsabwässer direkt in die Umwelt. Das Problem: Mikroplastik ist nicht nur ein Fremdkörper mit giftigen Zusatzstoffen. An den Partikeln sammeln sich auch Umweltschadstoffe in teils sehr hoher Konzentration an.

Ein einheitliches „plastikfrei“-Gütesiegel gibt es leider nicht. Im Gegenteil; die Industrie verarbeitet, selbst bei einer Kennzeichnung „Ohne Mikroplastik“ hunderte von Kunststoff-Varianten in Kosmetikprodukte und Reiniger, denn jeder Hersteller hat seine eigene Definition von Mikroplastik. Also, selbst wenn sich keine Mikroperlen aus Polyethylen in den Produkten befinden, werden trotzdem viele Kunststoffe eingesetzt. Garantiert frei von künstlichen Inhaltsstoffen ist lediglich zertifizierte Naturkosmetik, die man übrigens auch selbst herstellen kann. Greenpeace hat hier einige Anregungen unter www.greenpeace.de/kosmetik-selbermachen zusammengestellt.

Bis ein umfassendes Verbot von Mikroplastik in Kosmetika in Kraft tritt, bleibt den Verbrauchern die sich Plastik weder auf ihrer Haut noch in der Umwelt wünschen nur eine konsequente Reduzierung und Vermeidung von Plastik. Bei Kosmetika fängt das mit dem Studium der Inhaltsstoffe bzw. dem Scannen des Barcodes an.

Kosmetikprodukte können vor dem Kauf einfach mit der Codecheck App gescannt werden. So kann binnen von Sekunden festgestellt werden, ob ein Kosmetikprodukt frei von Mikroplastik ist. Aufgrund der Vielzahl von Kunststoffen, die sich hinter Buchstabenkürzeln verstecken, hier die wichtigsten Stoffe mit Beispielen aus dem Alltag:

E-HD, PE-MD (Polyethylen, hohe & mittlere Dichte) Spielzeug, Milchflaschen, Tupperware Getränkekästen, Rohre

PVC (Polyvinylchlorid) Abflussrohre, Fensterprofile, Bodenbeläge, Dichtungen, Schläuche, Kunstleder, Spielzeug

PUR (Polyurethan) Textilfaser Elastan, Schaumstoffe für Matratzen, Autositze, Sitzmöbel, Küchenschwämme

PET (Polyethylenterephthalat) Getränkeflaschen, Verpackungen für Lebensmittel und Kosmetika, Gehäuse/Teile von Haushaltsgeräten, Computer, Sicherheitsgurte, Maschinenbauteile, medizinische Implantate wie Gefäßprothesen

PS (Polystyrol) Gehäuse, Schalter, Verpackungen, Plastikgeschirr, Joghurt-becher

PS-E (Styropor) Verpackungsmaterial, Kühlboxen, Isolierungen

PTFE (Polytetrafluorethylen, Teflon) Beschichtung von Pfannen/Töpfen

ABS (Acetyl-ButylStyrol) Spielzeug

PA (Polyamid, Nylon) Seidenstrumpfhosen, Fallschirme

PES (Polyester) Fasern für Textilien, Folien, Saiten für Tennisschläger, Lebensmittelverpackungen, CDs

PP (Polypropylen) Lebensmittelverpackungen, Tüten, Einwegbecher, Klebebänder, Haushaltsgeräte, Teppiche, Kunstrasen

PE-LD, PE-LLD (Polyethylen, niedrige Dichte) Tüten, Folien, Verpackungen

PC (Polykarbonat) Babyflaschen, Mikrowellengeschirr

Plastik finden wir überall. Selbst rund um die arktische Inselgruppe Spitzbergen fanden Aktivisten von Greenpeace bereits Fischernetze, Bojen und weiteren Plastikmüll aus der Fischfangindustrie. Hier ist unschwer zu erkennen, welche Verantwortung auch die Berufsfischerei bei der Vermüllung der Meere trägt. Über Bord gegangene Geisternetze und andere Fischereirückstände machen circa zehn Prozent des Plastikmülls im Meer aus. Stellnetze zum Beispiel, die in über 1.000 Meter Tiefe ausgebracht werden, gehen leicht verloren oder werden klammheimlich im Meer entsorgt, da die Entsorgung an Land kostenpflichtig ist.

Erschreckend ist hier besonders, dass sich in diesen Netzen Fische und andere Meereslebewesen verheddern und qualvoll sterben. Das Netz sinkt dann auf den Meeresboden ab und nach der Verwesung der Fische stellt es sich erneut auf; es fischt also permanent weiter. Dies ist eine Verschwendung von Ressourcen.

Auch Plastikschnüre können Seevögeln zum Verhängnis werden. Für Hochseevögel ist Helgoland der einzige deutsche Brutplatz. Jedes Jahr kommen hunderte von Basstölpeln auf die Hochseeinsel, um auf dem 47 Meter hohen Felsen aus rotem Buntsandstein (genannt Lange Anna) ihre Nester zu bauen. Leider bestehen ihre Nester häufig vor allem aus Plastikmüll, der seit Jahrzehnten durch die Meere dümpelt und dann von den Vögeln aufgepickt wird. Besonders gern verwenden die schneeweißen Vögel bunte Plastikfäden.

Hierbei handelt es sich um Polyethylfäden aus der industriellen Fischerei, den sogenannten Dolly Ropes. Diese Scheuerschutzmatten hängen unter den schweren Grundschleppnetzen und schützen diese vor vorzeitigem Abrieb. Dabei reißen natürlich immer wieder einzelne Fäden ab und treiben dann Jahrhunderte frei durchs Meer. Somit sorgt allein die europäische Fischerei jährlich für hunderte Tonnen zusätzlichem Plastikmüll im Meer.

Der Weg zu einem bewussten Konsumverhalten ist leider immer noch sehr lang. Während viele Menschen inzwischen bewusst darauf achten, was sie essen, steckt das Verständnis über die Verpackungen der Lebensmittel noch in den Kinderschuhen.

Lebensmittelmärkte sind zwar teilweise schon dazu übergegangen, anstelle von Plastiktüten Papiertüten anzubieten, aber ist dies wirklich die richtige Alternative? Für eine konventionelle Papiertüte wird fast doppelt so viel Energie benötigt. Zudem verbraucht die Herstellung von Papiertüten mehr Wasser, mehr Rohstoffe und es wird mehr Kohlendioxid erzeugt. Ein weiterer Nachteil, der sowohl für Plastik- als auch Papiertüten zutrifft ist, dass sie nur ein einziges Mal verwendet werden, falls der Konsument nicht darauf achtet, sie vielleicht noch ein weiteres Mal zu verwenden.

Es gibt jedoch in unserer Gesellschaft auch findige Unternehmen, die sich Gedanken machen, wie sie Plastikprodukte aus Erdöl ersetzen können. Beispielsweise gibt es Kunststoff, der aus Mais, geschroteten Kernen, Kartoffeln und Zuckerrüben gewonnen wird und sich somit gut kompostieren lässt. Hier fallen dann auch weitaus weniger Treibhausgase an. Leider zersetzt sich Bio-Plastik jedoch nur in speziellen Kompostieranlagen, die es in Deutschland bisher aber noch nicht gibt.

Dabei besteht bereits seit zehn Jahren die Forderung an Wirtschaft und Politik, dass Produkte möglichst lange halten, reparierbar sind und vollständig recycelt werden müssen. Doch obwohl dieses Cradle-to-Cradle, „Von der Wiege zur Wiege“-Konzept einen Ansatz bietet, bewegt sich von Seiten der Wirtschaft hier kaum etwas. Die Politik muss endlich Gesetze schaffen, die Innovationen zur Plastikvermeidung und eine echte Kreislaufwirtschaft vorantreiben. Ein Gesetz mit einem eindeutigen Verbot von Plastiktüten und Mikroplastik in Kosmetika wäre ein erster Schritt.

Greenpeace hat eine Checkliste zur Plastikvermeidung im Alltag erstellt. Diese beinhaltet folgende sechs Punkte:

Verantwortung tragen: Korb oder Stoffbeutel statt Plastiktüte

Flasche in der Tasche: Wiederverwendbare Trinkflasche statt Plastikflasche

Plastik abschminken: Kosmetika auf Inhaltsstoffe checken und Produkte mit Mikroplastik vermeiden (dieses verbirgt sich zum Beispiel hinter Polyethylen, Polypropylen oder Nylon)

Es geht sich auch ohne gut: Coffee-To-Go mit Plastikdeckel muss nicht sein – lieber Zeit nehmen und aus der Tasse genießen

Zugreifen: Bei Aufräumaktionen an Ufern mitmachen, damit der Plastikmüll nicht im Meer landet.

Die Vermüllung der Meere geht uns alle an

In die Pflicht zu nehmen sind daher:

1. Unternehmen der Maritimen Wirtschaft einschließlich der Fischerei

2. Chemische Industrie und Plastikindustrie, die wirklich biologisch abbaubare Materialen entwickeln müssen

3. Groß- und Einzelhandel. Ziel: Verpackung vermindern und durch biologisch abbaubare Materialien ersetzen

4. Verbraucher (wir Alle): Kritisch sein in der Auswahl und dem Kauf von Produkten

5. Bürger und Wähler (wir Alle) müssen Druck auf Unternehmen, Handel und Politik machen

6. Politik, d.h. EU-Kommission, Bundesregierung hier besonders das Wirtschaftsministerium, weil die Unternehmen sich sonst nicht in die Pflicht genommen fühlen!!

Wie kann die Politik darauf hinwirken?

Politik muss überall ansetzen, denn auch alltägliche „kleine Sünden“ können zu Problemen mit weltweiter Dynamik werden. Die Wirtschafts- und Forschungspolitik sowie auch die Verkehrs- und Fischereipolitik müssen Verantwortung übernehmen. Da auch die Handels- und Verpackungsketten heute global sind, ist auch auf diesem Gebiet ein Umdenken erforderlich.

Der Schutz der Meere muss Bestandteil aller Politik werden, das heißt, der Umweltschutz muss globale Wirkung entfalten und darf nicht an Landesgrenzen enden.

Das allerwichtigste ist jedoch, dass die Umweltpolitik endlich über der Wirtschafts- und Handelspolitik stehen muss!!

Unsere Forderung an die Bundesumweltministerin Barbara Hendricks lautet daher:

Bitte veranlassen Sie ein Verbot, damit in Deutschland Kunststoffe aus Kosmetik und anderen Verbrauchsgütern nicht mehr in die Abwässer, Flüsse und Meere gelangen. Großbritannien hat bereits ein Verbot von Mikroplastik angekündigt.

Bundestag verabschiedet neues Verpackungsgesetz

Am 30. März 2017 verabschiedete der Bundestag nun das neue Verpackungsgesetz. Das Ziel des neuen Gesetzes ist es, durch die Ausweitung der Pfandpflicht und eine Förderung von Mehrwegverpackungen mehr Abfall zu recyceln als bisher. Es ist einfach ein Skandal und eine grobe Täuschung der Verbraucher, dass bis dato fast die Hälfte der von ihnen gelben Sack oder in der gelben Tonne gesammelten Verpackungsabfälle immer noch in der Müllverbrennungsanlage landen.

Jetzt werden den Verwertern also Recyclingquoten vorgeschrieben, die bis zum Jahr 2022 je nach Material auf bis zu 90 Prozent steigen. Auf die ursprünglich geplante flächendeckende Einführung einer Wertstofftonne wird allerdings verzichtet. Stattdessen gibt es zahlreiche Einzelregelungen: So müssen Geschäfte am Regal auszeichnen, wo Mehrweg-Flaschen stehen. Außerdem wird die Pfandpflicht auch auf Produkte ausgeweitet, die bisher pfandfrei waren. Hierzu zählen Frucht- und Gemüsenektar mit Kohlensäure und Mischgetränke mit einem Molke-Anteil von mindestens 50 Prozent. Einen Großteil der Organisation übernimmt eine neue „Zentrale Stelle“, die die Wirtschaft selbst organisiert und finanziert. Dies stößt bei Abgeordneten der Opposition auf erhebliche Kritik. Sie bezweifeln, dass die Maßnahmen tatsächlich zu einem verstärkten Recycling führen.

Ingrid Ahrens-Scalidis ist ehrenamtliche Mitarbeiterin bei Greenpeace und Expertin für das Themengebiet Meere in Frankfurt am Main. Im Rahmen der von Business Crime Control und der KunstGesellschaft in Frankfurt am Main veranstalteten Matineen hat sie im Februar 2017 über die Gefahren von Plastikmüll referiert und diskutiert.

11:09 08.06.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

BIG Business Crime

BIG Business Crime ist eine Drei-Monats-Zeitschrift des Vereins Business Crime Control e.V. Hier veröffentlichen wir ausgewählte Artikel online.
BIG Business Crime

Kommentare