Wider die Gewalt

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Vorspann: Als ich 1992/93 an der Uni Magdeburg Soziologie lehrte, fielen mir 3 junge Männer in den Seminaren auf. Dies zum einen wegen ihres Outfits, aber auch wegen ihrem kritischen Intellekt – was damals wie heute bei Studenten nicht weit verbreitet ist. Bald stellte sich heraus, dass sie zur autonomen Szene Magdeburgs gehörten. Wir unterhielten uns oft und ich bekam auch Gelegenheit, sie in ihrem besetzten Haus zu besuchen. Die Besetzung wurde seitens der Stadt geduldet und trotz gelegentlicher Reibereien war das Verhältnis zur Polizei ein sachliches. Auch deshalb, weil der Störenfried für beide Seiten die rechtsradikale Szene in Magdeburg-Olvenstedt war. Gewalt war für diese Studenten – und sie hatten in der damaligen autonomen Szene Magdeburgs Führungsrollen inne – nur letztes Mittel zum Zweck.

Gegenwart: Heute habe ich mir selbst ein Bild verschafft über die Proteste der „linken“ und autonomen Szene in Berlin anlässlich der Räumung des Hauses Liebigstraße 14.

Zunächst fiel mir das riesige Polizeiaufgebot ins Auge. Dann wurde ich aber durch Trommelklänge zum Frankfurter Tor gelenkt. Dort hatten sich Betroffene – wenn denn welche dabei waren – und Sympathisanten versammelt, um mit Sprechchören ihren Protest herauszuschreien. Dass Autofahrer die Besetzung des Platzes nicht begrüßten, scherte die zumeist jugendlichen Protestierer nicht. Einige Zeit später – dann schon in Höhe des Humana- Kaufhauses – wurde der erste Polenböller gezündet. Ein Aufschrei „Jetzt geht’s los, jetzt geht’s los“. Und es begann eine Art Ermüdungstaktik. Ein Teil der Demonstranten stürmte in eine Richtung; Polizei hinterher. Dann ein anderer Block in eine andere Richtung, wieder Polizei hinterher. Erstaunlich – für mich, denn ich kannte dies weder von Anti-Hartz IV – Demos noch von Anti-Nazi-Demos – war das massenhafte Fotografieren und Filmen. Zeitweise hatte ich den Eindruck, beide Seiten filmten sich gegenseitig. Vermutlich stimmt dieser Eindruck. Wobei ich heute gelernt habe, wie polizeianklagende „Beweise“ entstehen – Provokateure vorschicken und warten, bis diese von Polizisten angefasst (!) werden. Dann sofort klicken. Und mit der Zeit heizte sich die Stimmung auf. An der Kreuzung Frankfurter Allee/Niederbarnimstraße dann die erste verbale Eskalation. Weder ich noch die meisten Anwesenden konnten den anlassgebenden Tatverlauf einsehen – dennoch erscholl massenhaft der Ruf „Mörder“, der sich fortsetzte in „Ganz Berlin hasst die Polizei“. Ich gestehe, mir reichte es dann.

Ich habe verständlicherweise keine Einzelbefragungen der Protestierer durchgeführt, kann mich also nur auf Vor-Ort-Bebachtung stützen. Dass der Großteil der Demonstranten nicht vorrangig aus Sympathie mit der Bewohnerschaft von Liebig 14 gekommen war, sondern die Auseinandersetzung mit der Polizei suchte, war offensichtlich. Ebenso, dass viele angereist waren. „Keine Gewalt“ – wer dies nur von der Polizei fordert, um sich selbst nicht daran zu halten, hat meine Sympathie verspielt. Im Gegenteil, ich muss der Zurückhaltung der Polizei – die ja auch die Interessen der Geschäftsinhaber, Autofahrer, kurz der Allgemeinheit zu schützen hat – bewundern. Betrachte ich dagegen die Krawalltouristen, die sich mit dem Prädikat „linksautonom“ versehen – wie hat sich doch diese Szene kriminalisiert. Und das Denken abgeschaltet hat.

Fazit. Martin Luther hat die Schrift „Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern“ verfasst (gegen die Bauernaufstände, insofern noch politisch nachvollziehbare Ziele). In Anlehnung hätte ich meinen Beitrag auch titulieren können „Wider den kriminellen Mob“.

11:42 02.02.2011
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Geschrieben von

Nietzsche 2011

kritisch denkender Ostdeutscher; zur Wendezeit bürgerbewegt; seitdem "Lebenskünstler"
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