Ich bin dann mal weg!

Tod einer Illusion Ein Versuch einer Analyse über das eigene mangelhafte Bestehen in der Community.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Angemeldet am 26.07.2014, Licht ausgemacht am 02.09.2014, nach genau 240 Kommentaren und einem Beitrag (diesem hier, nachgereicht am 03.09.2014), gestartet mit viel Elan, gegangen mit einer bedrückenden Erkenntnis, der Benutzer BILDUNGSFERN. Folgen soll hier aber keine Abrechnung mit der Community, sondern der Versuch eine Analyse, auch der eigenen und vielleicht unerfüllbaren Ansprüche. Es bleibt aber dennoch ein kurzer Querschnitt durch die Gedanken hierzu, nicht um eine ausführliche Ausarbeitung, schon gar nicht mit Anspruch auf Vollständigkeit. Aber was verstört nach etwas mehr als einem Monat, dass man Hals über Kopf die Bildfläche räumt?

Auslöser ist der Ton in der Meinungsführer, jener Vielschreiber also, die ohnehin schon über-präsent sind. Ihr Urteil scheint unfehlbar, ihre Meinung zählt, eben Meinungsführerschaft. Das ist aber kein Phänomen der Community des Freitag (dFC), es ist eines der Online-Kommunikation, sie separiert die Meinungen. Meinung A findet sich in der einen Ecke, Meinung B in einer anderen. Folgt man der Meinungsführerschaft nicht, so muss fast schon Abbitte geleistet werden. In den Leserkommentaren der Frankfurter Rundschau, dort ist das Diskussionsklima auch nicht besser, wird schon mal dazu aufgerufen, einen Schreiber einzunorden, wenn dieser bei seiner Haltung bleibt. Dabei ist es genau diese Meinungsführerschaft, die an anderer Stelle den Vorwurf Zensur oder das Totschlag-Argument Mainstream im Schilde trägt. Jetzt mag noch der Vorwurf Mimose hinzukommen, das stört aber auch nicht weiter.

Die nur zu gerne eingeforderte Pluralität, die Meinungsvielfalt, die dem Vorhandensein einer Meinungsführerschaft entgegensteht, wird verdrängt durch massenhafte Meinungsgleichheit oder den Kampf um eine solche. Die Frankfurter Rundschau, die schon früh und meist erfolglos versuchte, hier lenkend einzugreifen, hat irgendwann dermaßen die Bremse getreten, dass genau der umgekehrte Effekt eintrat. Man begrenzte die Zahl der Zeichen in einem Leserkommentar auf 800. Wie zu erwarten, liefen dadurch aber eher jene Leser aus der Diskussion, die es gewohnt waren, Argumente auszutauschen und zu begründen. Pöbeln und schreien kann man auch in 800 Zeichen, einen Gedankengang erarbeiten nicht. Andere Zeitungen nutzen in ihren Communities ähnliche Beschränkungen, wie etwa Die Zeit (mit 1.500 Zeichen) und die Süddeutsche Zeitung (mit bisher 2.400 Zeichen). Dabei darf nicht aus den Augen gelassen werden, dass auch diese Kommentare letztlich eine Ware sind, ein Gut, dass es zu vermarkten gilt. Veränderungen werden in absehbarer Zeit kommen, nicht nur bei Vorreiter Süddeutsche Zeitung. Aber die wohltuende Verheißung der Möglichkeiten unbegrenzten Schreibens, beliebig langer Kommentare, eigenen Beiträgen wurde dann doch wieder eingeholt von der ernüchternden Erkenntnis, dass dies kein Allheilmittel ist. In der dFC überwiegt einfach nur eine andere Form der Dominanz.

Gerne wird der Vorwurf gemacht, es fehle die Quelle. Meinungsführer, die heimlichen Hausherren, haben damit natürlich kein Problem, sie erschlagen förmlich mit Quellen. Vor der schieren Menge der Links kann man durchaus beeindruckt sein. Aber man muss es nicht! Oft führen diese Quellenangaben ins Nirwana der Selbstreferenzierung oder man landet bei den „alternativen Medien“, die für fast jede auch noch so abwegige Idee einen Artikel bieten. Und diese kommen auch immer professioneller daher, erwecken den Eindruck hoher Seriosität. Erst auf zweiten, manchmal gar erst dritten, Blick offenbart sich der Geist der dahinter steckt. So etwa die auffälligen und in Teilen der dFC gerne zitierten Berichte eines Online-Wirtschaftsblatts, die überraschend freundlich gegenüber Putin auftreten. Erst wenn man den Hauptinvestor in den Online-Verlag identifiziert, der einen großen Teil seines Geschäfts in und mit Russland macht, wird der Grund deutlich. Nur ist der Meinungsführer in der dFC dann schon weiter, hat erneut zwanzig und mehr Quellen genannt. Soll man die wirklich abklopfen, den Aufwand noch einmal betreiben? Nein, die Mühe macht sich kaum jemand.

Die Quellen werden, so ein Trend der letzten Jahre, immer mehr selbst-referenzierend, im Falle der großen Zahl von Luftfahrt- und Militärexperten, die einen bestimmten Ablauf beim Absturz der MH-17 vertreten, ging dies zurück auf einen im Ruhestand befindlichen Lufthansa-Piloten, einen Ruheständler der NVA der DDR und eine Online-Zeitung aus Indien.

Und nun stößt auch der gerne gefeierte Bürgerjournalismus an die gleiche Grenze, jenes Wundermittel gegen die oft unterstellte Gleichschaltung der etablierten Medien. Die wahren Gründe für den merkwürdigen Gleichklang werden aber nicht aufgedeckt, von ihnen wird abgelenkt, kann aber auch hier nicht vertiefend beleuchtet werden. Die Quellenlage im Bürgerjournalismus bleibt oft genau so diffus wie bei anderen Alternativen zum klassischen Journalismus. Übrig bleibt am Ende wohl nur der Drang zur Wahrnehmung durch andere Leser (und Schreiber). Und der lässt sich nur dadurch befriedigen, dass man viel schreibt, laut schreibt und den Weg bahnt für die bekannten Referenzierungen.

Der oft mitschwingende Demokratisierungsanspruch kann in keiner Online-Community geleistet werden, die Online-Kommunikation wird immer ein Mittel der Segregation bleiben, ausgeschlossen sind schon vorab alle Leute, die sich nicht gezielt in Schrift und Wort ausdrücken können. Die Annahme, online würde ein Querschnitt der Bevölkerung repräsentiert, ist ein Märchen. Auch in Zeiten von Facebook und Twitter hat sich hieran nichts geändert. Geändert hat sich nur die Wahrnehmung und Sichtbarkeit dieser Spaltung, denn selbstverständlich kann heute formal jeder die neuen Techniken nutzen, im Zweifel wird das ja auch getan. Eine Teilhabe an gesellschaftlichen Diskursen bedeutet es aber noch lange nicht. Es fällt aber nicht mehr auf, wenn die Teilhabe an diesen Diskursen genau so aussieht wie der Konsum von bebilderten Online-Spielen oder das Teilen von Katzenfotos.

Und selbst jene, die den Zugang zu Information haben und auch intellektuell befähigt sind, ihn zu nutzen, tun dies oftmals nicht. Nutzen das Netz, dem heutigen Hauptzugang zu Informationen, gerne bestenfalls als Abkürzung. Schnelligkeit und Menge gehen vor Gründlichkeit und Reflektieren von Positionen. Das ist aber nicht nur in Communities festzustellen, es betrifft auch den Alltag im politischen Gefüge. Schon auf kommunaler Ebene machen sich elektronische Ratssysteme breit, die Entscheidungsprozesse beschleunigen und rationalisieren. Aber verbessern sie diese Prozesse dadurch auch? Kann das gelingen, wenn es schon in Online-Communities nur unzureichend gelingt, obwohl dort (fast) nur technik-affine Mitglieder zu finden sind? Das sollte eine wichtige Frage sein, die mit Geschrei über die korrupte Politkaste nicht auch nur ansatzweise zu klären ist. Aber in der Internetwelt stehen beide Pole antiproportional gegenüber, immer drängender werden die Antworten auf solche Fragen nötig, immer seltener finden sie Gehör, das Geschrei wird aber um so deutlicher. Vollkommen unbeantwortet bleiben daher Aspekte wie die sinnvolle Darstellung von Bebauungsplänen oder Flächennutzungsplänen auf Tablet-Rechnern. Kann man den Haushalt einer Kommune von 30.000 Einwohnern auf einem solchen Gerät vernünftig lesen, wer kann die eigenen Randnotizen mitlesen?

Eine ganz andere Frage wäre, wie man echte Bürgerbeteiligung jenseits von Online-Petitionen, Empörungsportalen und Wutkommentaren gestalten möchte. Aber mit solchen Fragen wird der Rahmen hier dann endgültig gesprengt, obwohl hieraus eine ganze Beitragsserie zu bestreiten wäre.

Die Vermutungen, die in der Diskussion eines Beitrags geäußert wurden, wo der konkrete Auslöser für den Abschied liegt, gehen am Kern vorbei, denn es gibt nicht den einen Auslöser, es ist mehr eine Gemengelage. Es geht eher um den inflationären Gebrauch von Nazivergleichen, von Wutausbrüchen, von Kaskaden der Empörtheit, die sich allesamt nicht nur stilistisch verbieten sollten, sie führen nur all zu oft die Eindimensionalität des Austauschs im Netz vor Augen. Es ist eben nur zu oft kein Austausch, auch nicht als Austausch gedacht, denn der Austausch würde bedeuten, dass man Antworten und Lösungen erarbeitet. Antworten und Lösungen können aber nur erarbeitet werden, wenn gegensätzliche Ansichten gegenüber gestellt werden. Dabei soll bei aller Kritik nicht verschwiegen werden, dass es solche gelungenen Diskurse auch bei kontroversen Themen gegeben hat und zukünftig auch weiter geben wird. Sie sind aber nicht selbstverständlich. Der Kampf darum, dort wo der Diskurs nicht als Prämisse im Raum stand (und steht), ihn dennoch zu führen, ist zu kraftraubend und lohnt am Ende doch nicht, belohnt wird er ohnehin nicht.

Der Benutzer BILDUNGSFERN hat nun die Segel gestrichen, mit dem letzten Kommentar und diesem Beitrag. Damit ist ein Kapitel abgeschlossen, es muss nicht künstlich am Leben gehalten werden, auch wenn es sicher Themen genug gebe. Der Weggang erfolgt als logische Konsequenz, nicht als Aufruf es nachzumachen und ohne böse Worte, aber mit dem Versuch einer Analyse des Scheiterns im Diskurs, das auch immer mit das eigene Scheitern ist. Und das ist auch gut so!

Die Diskussion unter diesem Beitrag ist offen, wird auch gelesen, alles ganz normal, nur einer diskutiert eben nicht mehr mit. Sie ist offen, damit das Thema Diskurs im Internet diskutiert werden kann, Aufrufe hier zu bleiben oder doch besser zu bleiben wo der Pfeffer wächst, sind unnötig, da die Entscheidung erst einmal gefallen ist. Gut, wenn es zur Diskussion kommt; wenn nicht, dann ist es auch gut.

13:36 03.09.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare 20

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community