Als Black Magic Woman erwachte

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Als Black Magic Woman erwachte
Es ist alles wie immer. Der weiche Ohrensessel von Großmutter Ananda steht seit 20 Jahren am selben Platz, die mittlere Öse des schweren blauen Vorhangs fehlt immer noch, Nachbars stolzer Hahn kündigt durch sein dreimaliges Krähen den frühen Morgen an, im Spiegel funkelt der allererste Sonnenstrahl durch das weit geöffnete Fenster und sie liegt splitternackt mit halbgeöffneten Augen im Bett, ein zerknülltes Laken neben ihr.

Und doch ist alles ganz anders: klar, lichtdurchflutet, ein zur Ruhe gekommener Geist. Ihr Ohr hatte göttliche Choräle vernommen, ohne dass ein einziger Ton nur im Ansatz geformt wurde, selbst das zarte Wiehern des hölzernen Pferdes fügte sich ein wie das stockende Wasser. Übermächtige Orgien, dionysossche Räusche und Ekstasen waren es eben nicht, auch kein niederwerfendes Requiem des Todes, sondern alles durchwirkende Sinfonien, Zauberflöten, himmlische Streicher, Passionen einer weltumspannenden Klangharmonie mit kosmischem Echo - irgendwo zwischen Bach-Beethoven-Boulez-Busoni; dahinfließende Energieströme mit eingestreuten Akkordgewittern, auch disharmonische Melodietöne wie schwebende Zitronenfalter ins Ganze integriert, jenseits aller Dualitäten, selbst Diesseits und Jenseits aufgelöst, verschmolzen zu einem einzigen Punkt des EWIGEN JETZT.

Eine Wirklichkeit stand in ihrem reglosen und doch lächelnden Gesicht, die nicht in Begriffsmumien zu beschreiben ist. Alle logischen Verstümmelungen und Vermessungen der Welt waren aufgehoben, klassische Denkformen abgestreift. Selbst differenziertere Denkvariationen des Rhizoms hatten die zahllosen Synapsenfeuerungen der Interaktivität weit hinter sich gelassen. Alles bisherige Wissen, alle Subjekt-Objekt-Konstellationen waren überwunden. Es wehte eine göttliche Erfahrung noch vor dem Big Bang, das Jetzt des „Es werde Licht“. Es flutete die erfasste Allgegenwärtigkeit in allen Sinnen, ein höchstes Bewusstsein, das nichts besitzt und alles hat. Sie hörte selbst den Ton des Neuschneefalls am Kilimandscharo und vernahm ein leichtes Beben der vulkanischen Urgewalt.

Leichtfüßig schwingt sie sich aus ihrem Bett, hüllt sich in ihr großes buntes Indientuch, ein Erbstück ihrer Großmutter, gleitet lautlos die Wendeltreppe hinab in ihr geliebtes öffentliches Wohnzimmer. Punkt 7 Uhr öffnet sie als erste im Viertel wie immer, als sei nichts geschehen.
Sie bleibt für die anderen die sexappealgeladene Kneipenmama, gute Seele und Objekt der Begierde zugleich, das weiß sie. Sie verkörpert einen konkreten guten Ort, ein blühendes Kleinod für Einheimische und Durchreisende, keine ferne synthetische Utopie von verschrobenen Weltverbesserern. Der frisch aufgebrühte Kaffee duftet durch den noch menschenleeren und doch aufgeladenen Raum. „Jeder Morgen ist ein guter Morgen“, steht auf ihrem ganz besonderen Gesicht der afrikanischen Wonne.
Es scheint als lächelt sie der Welt ins kosmische Auge, das rhythmisch ewig swingt. Heilige Töne sind noch in ihrem krausen Kopf, als sie in dezenter Heiterkeit die erste Bestellung des Tages entgegennimmt.

Anmerkung: Vergleiche ganz unterschiedlicher Art zum Text „Als Black Magic Woman mir das Leben rettete“ sind möglich. Diese entspringen der Phantasie des Lesers, sind vorwiegend seine Konstruktion. Der Autor bejaht und verneint solche Zusammenhänge, unterstreicht das Sowohl- als –auch und behauptet das Weder-noch.

21:24 26.08.2009
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Geschrieben von

Bildungswirt

Ahasver, Bildungsexperte, Wissenschaftscoach, Müßiggänger, Dada-Musiker mit Blasmusikausflügen
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meisterfalk | Community
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