Arthur Schopenhauer (1788 – 1860) – ein deutscher Buddha

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Zum 150. Todestag

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(Arthur Schopenhauer - Bild mit 11.000 Mosaiksteinen an der Hauswand der "Kulturkneipe Odyssee" in Frankfurt Weberstr. 77 Foto: Bildungswirt)

Wirklich erinnern heißt vor allem innehalten. Schauen, was ist. Arthur Schopenhauer, ein deutscher Geistesblitz der besonderen Art, ein Tausendsassa, ein scharfsinniger Quer- und Vordenker mit unermesslicher Strahlkraft über Generationen hätte unsere heutige 'Höher-weiter-schneller-ex-und- hopp-Infakt-Gesellschaft' wahrscheinlich so kommentiert: „Was den leidigen Alltagsköpfen, von denen die Welt vollgepfropft ist, eigentlich abgeht, sind zwei naheverwandte Fähigkeiten, nämlich die, zu urteilen, und die, eigene Gedanken zu haben.” “Weil die Leute, statt des Besten aller Zeiten, immer nur das Neueste lesen, bleiben die Schriftsteller im engen Kreise der zirkulierenden Ideen, und das Zeitalter verschlammt immer tiefer in seinem eigenen Dreck.“

Der radikale Kulturpessimist geißelte einen naiven Fortschrittsoptimismus, den Aberglauben an die heilende Rationalität. Dem vernünftig-gerechten Menschengeschlecht sprach er jede Überlegenheit über das Tier ab. Die vorherrschende „Hegelei“ um 1800 (der Staat als verkörperte Vernunft) waren für ihn Philosophie des absoluten Unsinns, Windbeutelei, Scharlatanerie. Er fand zu Lebzeiten kaum Gehör, es gab keine Ehrung, keine Wertschätzung, die Zeit war noch nicht reif für seine revolutionären, bisweilen „postmodernen“ Hauptgedanken mit großer Denkverwandtschaft zu asiatischen Weisheitslehren. Den „Wille zum Leben“ erkannte er als alles durchwirkendes Weltprinzip, als sinnfreie Energie- und Triebnatur des Seins. Leben heißt vor allem Leiden und – auf Menschen bezogen - Unwissenheit als Ursache des blinden Immerweiter. Zu diesem Willen des Lebendigen (Pflanze, Tier, Mensch) kann man sich bejahend oder verneinend verhalten. Die Verneinung des Willens ist bei Schopenhauer bewusster Verzicht, Entsagung und dadurch Überwindung des Leidens. Das irdische Wollen und Streben produzieren immer weitere Leiden und führen in keiner Weise zur dauerhaften Befriedigung menschlicher Bedürfnisse bzw. zur Glückseligkeit. Entfesselter Lebenshunger verschärft geradezu die individuellen und inzwischen im Weltmaßstab unabweisbaren Kollektivprobleme.

In der „Erbärmlichkeit der Zeitvertreibe“ scheint es heute mehr den je keine Grenzen zu geben. Sie sollen Langweile und innere Hohlheit verdrängen. „Hauptsächlich aus dieser inneren Leerheit entspringt die Sucht nach Gesellschaft, Zerstreuung, Vergnügen und Luxus jeder Art, welche viele zur Verschwendung und dann zum Elende führt. Vor diesem Elende bewahrt nichts so sicher, als der innere Reichtum, der Reichtum des Geistes.“ Für Schopenhauer war immer eindeutig:
„Die Wahrheit ist keine Hure, die sich Denen an den Hals wirft, welche ihrer nicht begehren: Vielmehr ist sie eine so spröde Schöne, daß selbst, wer ihr Alles opfert, noch nicht ihrer Gunst gewiß seyn darf.“ Hingegen geißelte er Beliebigkeit, Mittelmäßigkeit, Stumpfheit und Käuflichkeit des geistigen Elite: ...“die gute, nahrhafte Universitätsphilosophie, welche, mit hundert Absichten und tausend Rücksichten belastet, behutsam ihres Weges daherlaviert kommt, indem sie allezeit die Furcht des Herrn, den Willen des Ministeriums, die Satzungen der Landeskirche, die Wünsche des Verlegers, den Zuspruch d er Studenten, die gute Freundschaft der Kollegen, den Gang der Tagespolitik, die momentane Richtung des Publikums und was noch Alles vor Augen hat?“ - was soll man davon ernsthaft und heiter erwarten können?

Zum damit im Einklang stehenden, von Staatswegen angestrebtem Erziehungsprozess führt Schopenhauer analytisch aus: "Sogar an Abrichtungsfähigkeit übertrifft der Mensch alle Tiere. Die Moslems sind abgerichtet, fünfmal des Tages, das Gesicht gegen Mekka gerichtet, zu beten und tun es unverbrüchlich. Christen sind abgerichtet, bei gewissen Gelegenheiten ein Kreuz zu schlagen, sich zu verneigen u.dgl.; wie denn überhaupt die Religion das rechte Meisterstück der Abrichtung ist, nämlich die Abrichtung der Denkfähigkeit; daher man bekanntlich nicht früh genug damit anfangen kann. Es gibt keine Absurdität, die so handgreiflich wäre, dass man sie nicht allen Menschen fest in den Kopf setzen könnte, wenn man nur schon vor ihrem sechsten Jahre anfinge, sie ihnen einzuprägen, indem man unablässig und mit feierlichem Ernst sie ihnen vorsagte. Denn wie die Abrichtung der Tiere, so gelingt auch die des Menschen nur in früher Jugend vollkommen." Die eigene Denkfähigkeit der Subjekte, der abwägend ausgereifte Eigensinn mit aller Sensibilität zur Spiritualität , um das Ganze zu fassen und zu erfahren, genau dies soll gesellschaftlich obrigkeitsstaatlich unterbunden werden. Sage keiner Schopenhauer sei nicht brandaktuell – gestern, heute, morgen.
Schopenhauer steht für ein Denken aus eigener Kraft, wahrhaftig und klarsichtig wie ein Buddha. Ob er das Nirvana erreicht hat, das wissen wir nicht, das bleibt sein Geheimnis. Ein Weiser war er zweifelsfrei. Der große Philosoph starb am 21. September 1860, weitgehend unbemerkt, in Frankfurt am Main.

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Schopenhauers Hauptwerk: Die Welt als Wille und Vorstellung (1818)
Zum Einstieg empfohlen: Parerga und Paralipomena (1851) Vereinzelte, jedoch systematisch geordnete Gedanken über vielerlei Gegenstände.
Biografisches und Spurensuche in Frankfurt

19:34 04.09.2010
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Geschrieben von

Bildungswirt

Ahasver, Bildungsexperte, Wissenschaftscoach, Müßiggänger, Dada-Musiker mit Blasmusikausflügen
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