Bildungspolitik – ab im Gänsemarsch

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Bildungspolitik, Bildung, Bildungsgerechtigkeit, Chancengleichheit, werden große Themen in der „Wahlkampfarena 2009“ sein, trotz aller Überschattungen durch die aktuelle Wirtschafts- und Finanzkrise. Bei der Fülle von pädagogischem Geblubber und betriebswirtschaftlich geschwängertem Neusprech - in Form von Input-Output-Ressourcen-Optimierungsprozessen in Test-Standardisierungs-Evaluationsprozeduren - eines „Förderns und Forderns“der gepeinigten Schülerobjekte mit Marketing angehefteten Subjektstatus erscheint es ratsam, etwas genauer hinzusehen.In „Bildungspolitik – den Jazz im Blut“ hatte ich die Kreativitätspotenziale von Kindern bis in die Grundschule hinein näher beleuchtet. Im Vergleich dazu sind Ergebnisse und geistige Beweglichkeit der Bildungspolitik eher dürftig. „Bildungspolitik – ab im Gänsemarsch“ kann als Fortsetzung gelesen werden. Auch mit fortschreitenden Schuljahren tragen bildungspolitischen Entscheidungen und schulische Praxen eher zu einer Verschärfung der desaströsen Lage in der Bildungslandschaft bei. Die neue „Bildungskatastrophe“ wäre ein zu diskutierender Befund, die zementierte Viergliedrigkeit des deutschen Schulsystems eine besondere Erscheinungsform.

Nach der vierten Klasse beginnt die große Selektion, die Lebenschancen werden vorprogrammiert, die ›Lernbehinderten‹ abgeschoben, jetzt soll keiner mehr mitgeschleppt werden! Die Sonderschule – im Volksmund das Brettergymnasium – wird mit der neuen Bezeichnung »Förderschule« als besondere pädagogische Errungenschaft für ›Verhaltensauffällige‹ verkauft, die objektiv gesellschaftliche Stigmatisierung gleichzeitig tabuisiert. Noch aber darf die überwiegende Mehrheit der Schüler auf Gesamtschulen und Gymnasien. Immerhin: In den Großstädten besuchen zu Anfang noch ca. 40 bis 50% der Schüler das Gymnasium, doch in dieser Schulform ist Schluss mit lustig, jetzt wird richtig gelernt: voller Stundenplan, schwerer Schulranzen, große Gebäude und zeitaufwendige Hausaufgaben von Anfang an. Die ›Spielwiesen‹ und Wochenpläne der Grundschule sind fast überall abgeschafft, jetzt schlägt ein anderer Takt. Die angeblich ineffektive »Kuschelpädagogik« wird ersetzt durch die angeblich effektive »Instruktionspädagogik« (Ehrlich gesagt, ich habe nie verstanden, was die vielen Gymnasiallehrer und besonders leistungsbetonten Eltern gegen „kuscheln“ haben, einer der elementarsten Bedürfnisse und zärtlichen Tätigkeiten des Menschen).
Hauptsache der Lehrer weiß, wo es langgeht und redet und redet und redet. »Alle sitzen, einer steht und spricht, das nennt man in Deutschland Unterricht!« – so könnte man die Situation zugespitzt zusammenfassen. Der Taktgeber steht vorn, alle anderen im Raum folgen im geistig verordneten Gänsemarsch. Erste Orientierungsschwächen von Kindern und Versuche, gegen den vorgegebenen Rhythmus zu schlagen, werden anfangs noch milde hingenommen, doch dann geht schnell die Geduld zur Neige. Schule als systematisch organisierte Dauerbeschallungsmaschine, Tag für Tag, Woche für Woche, 1200 Stunden das Jahr, hält keiner so leicht aus. Sollte das Kind nicht mitkommen, das Stoffpensum nicht bewältigen, so ist es eben nur bedingt geeignet und braucht bezahlte Nachhilfe oder muss doch in eine niedrigere Schulform wechseln. Über 50% der Gymnasiasten bekommen mehr oder minder regelmäßig bezahlte Nachhilfe – für private Anbieter ein lukratives Geschäft, ein umkämpfter Milliardenmarkt. Das Gymnasium ist davon überzeugt, dass man nur leistungshomogene Lerngruppen effektiv unterrichten kann. Der gleiche Stoff, die gleichen Rituale, das gleiche Lerntempo, zur selben Zeit für alle, so lautet die Spielregel. Alle gehen freiwillig oder gezwungen ins »Prokrustesbett «, das vorgegebene Standardmaß. Wer zu kurz ist, wird lang gezogen, wer zu lang ist, abgeschnitten. Wer gar nicht passt, hat eben Pech gehabt und muss gehen. Für die anderen gilt: Friss dich durch die Berge toten Wissens, sie enden nie, immer neue Stoffmengen kommen hinzu. Fang endlich an, du hast eh keine Chance. Neue Fächer, neue Lehrer, neue Berge. Frag nicht nach dem Sinn, andere haben festgestellt, dass es gut für dich ist. Die Leselust der Schüler fällt rapide, die meisten Pflichtlektüren leisten noch Vorschub, erhöhen die Passivitätsspirale nach unten. Mit den gleichen Pflichtlektüren wurden schon die Lehrer als Schüler selbst drangsaliert, damit die Banausen endlich lernen, was die traditionsreichen Lichtgestalten abendländischer Bildung sind. Die Hausaufgaben werden immer länger, jeder Lehrer hält sein Fach selbstverständlich für das wichtigste. Zur Überlebensstrategie der Schüler gehört: Schreib ab, wo es nur geht, lass dich aber nicht erwischen, Hauptsache, du erfüllst das geforderte Pensum. Die Mehrheit der Schüler hat Angst vor schlechten Noten, im schlimmsten Fall vor dem »Sitzenbleiben«. Sie verspüren am eigenen Leib den Leistungsdruck mit vielfältigen nervösen Störungen. Langsam, ganz langsam, aber todsicher breitet sich das schulische Krebsgeschwür aus: Demotivation, mangelndes Interesse an der Sache, gähnende Langeweile!

Der Lehrer will den Schüler aufs Leben zielgerichtet vorbereiten, ihn qualifizieren (deshalb der ganze Aufwand und Stress für alle Beteiligten), er will natürlich selbstredend nur das Beste, das Allerbeste. Nur genau das bekommt der Lehrer nicht! Das Beste wird mit den Freunden geteilt oder für sich behalten; in der Schule will der Schüler die Langeweile überstehen, die eigene Anstrengung wird dabei auf ein kalkuliertes Minimum herabgekühlt. Man ist erfinderisch, man wird zum Aufspüren immer neuer Nischen der Arbeitsentlastung geradezu gezwungen. Je nach Lehrer wechselt das Interesse, das Engagement, die Fassade, die Art des Mitspielens, das geistige Ausklinken bei einigermaßen regelmäßiger körperlicher Anwesenheit. Mindestens 40% der Stunden werden sinnlos abgesessen, auf die lange Dauer der Schulzeit wird man als Schüler wie ein Profiboxer »hart im Nehmen«. (Sollten Sie Zweifel an der angegebenen Prozentzahl haben, fragen Sie zuerst Ihre Kinder! Dann fragen Sie Lehrer in entspannter Atmosphäre, z.B. in der Kneipe, nach der Zahl der fehlgeschlagenen Unterrichtsstunden! Sollten Sie immer noch Zweifel haben, so besorgen Sie sich neueste wissenschaftliche Studien zur Unwirksamkeit des Unterrichts, z.B. im Fach Mathematik. Bedenken Sie zusätzlich, dass sich empirisch forschende Wissenschaftler ungern festlegen, alles immer hochkomplex sei, heterogen, unübersichtlich, nicht nach allen Seiten abgesichert und deshalb unbedingt weiter geforscht werden müsste. Auf die dann doch veröffentlichten Ergebnisse können Sie in aller Ruhe und Gelassenheit noch mal 10% draufschlagen!).

Was viele Lehrer als Überforderung der Kinder durch hochqualifizierten Unterricht deuten und entsprechend bei Versagen mit schlechten Noten quittieren, ist in Wahrheit strukturelle Unterforderung durch verordnete Passivität des Gehirns. Unser Gehirn ist dafür nicht geschaffen, die Schüler schalten auf Sparflamme. Die lineare Verkündungspädagogik schafft in besonderem Maße die geistige Unterforderung und affektive Unterkühlung und steht im offenen Widerspruch zur Evolutionsgeschichte des Menschen als hocheffizientes, aktives, spielendes, denkendes und emotionsgeladenes Wesen.
Dass angesichts dieser desaströsen Lage der ein oder andere Schüler und einige Eltern zu ›Lehrerhassern‹ werden, aggressiv ausrasten, dem Lehrer buchstäblich auf den Pelz rücken, ist menschlich und verständlich. Meist werden jedoch andere Schlussfolgerungen gezogen: Verdrängung der Notlage, ständig Anpassungsleistung, Verbiegung des wahren Selbst, Täuschungsmanöver, Tauschhandelsmentalität (gute Noten gegen Stillhalten), Aussitzen und Warten auf bessere Zeiten; kurz: Gummirückgrat und Fassadenlächeln. Wer das nicht schafft (oder aufgrund von gut ausgebildetem Eigensinn nicht will), greift zu anderen Mitteln: Alkohol als Droge der schnellen Problembewältigung ist besonders gefragt. Mindestens 500.000 Jugendliche konsumieren regelmäßig Alkohol, davon allein 20.000 sich selbst gefährdende »Koma-Säufer«. Tausende von Kindern beginnen bereits im Alter von 10 Jahren mit dem potenziell todbringenden Rauchen. Jeder dritte Schüler nimmt regelmäßig Schlaf-, Beruhigungs- oder Anregungstabletten: Selbstverletzungen und Selbstmordversuche sind an der Tagesordnung, mehr als 1000 Schüler bringen sich pro Jahr tatsächlich um. Der Deutsche Kinderschutzbund schätzt, dass etwa 25% der jungen Menschen psychisch bzw. psychosomatisch gestört seien. Die Liste selbstaggressiver und zerstörerischer Reaktionen von Kindern und Jugendlichen ließe sich weiter fortsetzen. Das sind eindeutige Hilferufe, SOS-Zeichen von vielen jungen, unerfahrenen Individuen an eine Gesellschaft, deren »herausragende Verantwortungsträger« wiederum von Hörstörungen und »grauem Star« gepeinigt zu sein scheinen.

20:02 02.05.2009
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Geschrieben von

Bildungswirt

Ahasver, Bildungsexperte, Wissenschaftscoach, Müßiggänger, Dada-Musiker mit Blasmusikausflügen
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