Bundesweit Abiturprüfungen in der Dunkelkammer?

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Das schriftliche Abitur 2009 ist in allen deutschen Bundesländern als landesspezifisches „Zentralabitur“ – trotz einiger Pannen - abgeschlossen. Von Seiten der Abiturienten wurden 10% Inspiration und 90% Transpiration gegeben, die ansteckenden Angstschweißperlen auf der Oberlippe eingerechnet.

Wichtige Fragen für die nächsten Abituranwärter der Klasse 12 und die Eltern bleiben offen:
1. Was passiert mit den schriftlichen Prüfungsaufgaben?
2. Werden sie zeitnah und kostenfrei im Internet veröffentlicht?
3. Oder werden sie klammheimlich von Kultusministerien an private Verlage zu Dumpingpreisen verkauft wie 2007 und 2008?
4. Wo werden die besten Präsentationen als lehrreiches Anschauungsmaterial kostenfrei veröffentlicht?

Nehmen wir an, dass ein junger unerschrockener Abiturient ins Netz tief eindringt und sich richtig schlau machen will. Sein Ziel: angemessene Abiturvorbereitung, bundesweite Transparenz und Überblick zu den gestellten Erwartungen. Oder sagen wir es allgemeiner:
Von einem der auszog, professionelle Suchmaschinen bediente, Abiture (Abiturkonzeptionen, Abituraufgaben und Abiturlösungen) suchte, Vergleiche anstellte und das Fürchten lernte.
Was ist sein Ergebnis? Welcher Service wird ihm geboten? Was ist los in der Bildungsrepublik Deutschland?
Das vorläufige Urteil: ein grauer Daten-Flickenteppich mit großen schwarzen Löchern; jedes Land kocht lauwarm sein eigene Wassersuppe. Von einer seriösen, öffentlichen Dokumentation der Abituraufgaben in allen Fächern kann nicht gesprochen werden. Einzelne Appetithäppchen, ansonsten verschlossene Türen. Bei näherer Betrachtung entpuppen sich die Art und Weise der „Dokumentation“als selbstherrliche Willkürentscheidung oder kosmische Zufallsvariable. Die technische Präsentation ist überwiegend hausbacken, von klarer Navigation und dem Anspruch auf Benutzerfreundlichkeit weit entfernt. (Da hätte eine Gruppe junger unabhängiger Computerprofis, die technologische und ästhetische Möglichkeiten des Web 2.0 kennen, ein breites Betätigungsfeld.)

Politisch stellt sich die Frage, wer ist verantwortlich?
Von München bis Flensburg und Berlin wird täglich das hohe Lied der „Bildung“ gesungen, wird lückenlose Transparenz der Leistungen gefordert und ein Heer von Empirikern beschäftigt, neues Datenmaterial zum Zustand von 'Bildung und Schule' zutage zu fördern.
Welche Partei - CDU, Linke, FDP, Grüne, SPD - engagiert sich besonders in Fragen einer gerechte Bildungspolitik? Wer sorgt für Transparenz und Aufklärung? Was leisten die Landesregierungen, was leistet die Opposition?
Drei Unterstellungen für eine gründliche Prüfung der Lage werden meinerseits getroffen:
1. Dass es um die bestmögliche Bildung und Ausbildung der Schülerinnen und Schüler geht; dies beinhaltet auch eine optimale Prüfungsvorbereitung und die Bereitstellung der erforderlichen Mittel im öffentlichen Schulwesen
2. Dass der „zwanglose Zwang des besseren Arguments“ grundsätzlich gilt, also Lernfähigkeit und Lernbereitschaft im Dialog gegeben sind und gemeinsam um die sinnvollste Lösung gerungen wird
3. Dass das ökonomische Prinzip grundsätzlich gilt, d.h. dass sich einfachere, effizientere und kostengünstigere Verfahren gegenüber umständlicheren und kostenintensiveren durchsetzen.

Zur näheren Illustration nehmen wir das Beispiel Hessen:
Das Thema Abitur verkauft beschäftigt alle Bildungsinteressierten jetzt schon ein volles Jahr, da bisher im Kultusministerium keine sinnvolle Lösung gefunden wurde, im Gegenteil. Was ist der neueste Stand?
Die Fraktion DIE LINKE hat am 06.April 2009 eine “Große Anfrage betreffend Verkauf der Rechte am Landesabitur” in den hesssichen Landtag eingebracht. Sie schreiben als Problemaufriss:
“Im Oktober 2008 hatte sich die Fraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN mit einer Kleinen Anfrage betreffend der Zugänglichkeit zu zentralen Prüfungsaufgaben (Drucks. 17/522) an die Landesregierung gewandt. Die Antworten derselben liegen inzwischen vor, sind jedoch zum einen reichlich unbefriedigend und zeugen zum anderen von einem naiv-fragwürdigen Umgang mit der einschlägigen Rechtsmaterie. So behauptet der ehemalige Kultusminister Banzer (CDU) beispielsweise, die Abituraufgaben könnten durch das Ministerium nicht im Internet veröffentlicht werden, weil sie Zitate von urheberrechtlich geschützten Werken enthielten, deren allgemeine Zugänglichmachung durch § 53 des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (Urhebergesetz, UrhG) verboten sei. Deshalb sei die Veröffentlichung aller Prüfungsaufgaben unmöglich. Diese Aussage hält einer juristischen Prüfung keineswegs stand und ist bezüglich ihres Wahrheitsgehaltes als falsch anzusehen. Dies ist insbesondere vor dem Hintergrund, dass das Land Hessen 2 bis 2,5 Mio. € pro Jahr für die Erstellung zentraler Prüfungsaufgaben ausgibt, hiernach jedoch lediglich “für die Bereitstellung der verwendeten Abituraufgaben eines Jahres eine Verwaltungskostenpauschale in Höhe von 100 € pro Aufgabenset (3 Aufgaben)” von den entsprechenden Verlagen erhält, nicht akzeptabel: Das Land hat aus dem Verkauf eines Wertes in Höhe von 2 bis 2,5 Mio. € im Jahr 2007 4.400 € und im Jahr 2008 5.700 € eingenommen - und diesen somit mit jeweils durchschnittlich rund 99,8 v.H. “Verlust” verkauft.”
Dann folgen 22 konkrete Fragen an die Landesregierung (vgl. Große Anfrage). Man darf auf die Antworten gespannt sein. Die bisherige Position der CDU-Alleinregierung wird nicht zu halten sein.

Es bleibt die berechtigte, seit vielen Monaten bekannte Forderung:
“Für alle hessischen Schülerinnen und Schüler wird gewährleistet:
Kostenfreier Zugang zu allen zentralen Prüfungsaufgaben (mit Lösungshinweisen!) via Internet. Dies gilt für die gymnasiale Oberstufe genauso wie für den Haupt- und Realschulbereich.”

Gespannt kann man sein, was jetzt die FDP tut. Die neue Ministerin Dorothea Henzler (FDP) hat es in der Hand, die 100 Tage Schonzeit/Eingewöhnungszeit im Amt laufen am Freitag dieser Woche ab. Lösungsoptionen liegen vorbereitet auf dem Tisch. Es fehlt nur noch der politische Wille.
Der Streit hat bundespolitische Bedeutung, da in keinem Bundesland bisher eine wirklich gute Lösung der Transparenz von verbrauchten Abituraufgaben im Interesse aller Bildungsbeteiligten gefunden wurde.

Weitere Links zur Thematik:

www.bildungswirt.de/2009/01/16/712

www.bildungswirt.de/2008/11/10/192

www.lehrerfreund.de/in/schule/1s/abituraufgaben-bildungswirt-interview

17:37 12.05.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Bildungswirt

Ahasver, Bildungsexperte, Wissenschaftscoach, Müßiggänger, Dada-Musiker mit Blasmusikausflügen
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