Dauertherapie als moderne Lebensform

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Der materielle Wohlstand in den westlichen Ländern ist in den Augen der milliardenfach Armen und Unterernährten auf diesem Planeten märchenhaft, gigantisch – das gelebte vollkommene Schlaraffenland der anderen. Doch diese ANDEREN, diese wohlgenährten äußerlich Gesunden, sowohl in der fitten Variante der Körperbewussten als auch in der fetten Big-Mac-Version, haben anscheinend ein unüberschaubares Problem mit Krebsqualitäten: wuchernde Depressionen - mal eruptiv, mal leise kriechend - Tiefenängste ums eigene Ego, Albträume wegen ihrer wankenden Selbstverwirklichungsprogramme. Sie leiden verstärkt unter dem Richard-Kimble-Syndrom: immer auf der Flucht vor dem Ego-Stillstand, gierig greifend nach der neuesten Therapie, die Heilung verspricht oder dem aller neuesten Guru mit der unmittelbaren Lichterkenntnis, um die eigene kleine, bisweilen eingebildete stockdunkle Finsternis aufzuhellen. Das angeschlagene Ich kreist um sich, findet keinen Ausweg mehr, ist aber bereit, im Zweifel um die ganze Welt zu reisen, wenn nur im Ansatz harmonische Lichtenergie verheißen und etwas Wärme zuteil wird. Neue „Identität“ soll gefunden werden; wenigstens das Haut-Ich, die vielschichtige Berührung mit anderen Menschen, will zu seinem Recht kommen.

So reisen die Sinnsucher bevorzugt nach Goa, insbesondere in die (ehemaligen) Hippiebastionen auf der Süd-Nord-Linie Agonda über Anjuna bis Arambol. Die Rahmenbedingungen sind ideal: jeden Tag Sonnenschein, warmes weiches Meer, wunderbarer Sandstrand, soweit das Auge reicht, Spottpreise für Unterkunft und Verpflegung, dazu ein Jahrmarkt an Therapieangeboten und gleichzeitig ein Jahrmarkt der Eitelkeiten. Joga, von Hatha- bis Lachyoga, Meditationen und Massagen in allen Variationen, Ayurveda-Kuren, spirituelle Wunderheiler, Psychologen mit kosmischen Energiequellen, Schamanen mit ritueller Geisterbeschwörung, ausgeklügelte Horoskop-Deutungen, Kartenleger, Handleser, Satsangs zu allem und nichts, Ausdruckstanz, Pantomime, Akrobatik, Sunset-Trommeln, Mantra-Singen, Musikworkshops, spontanes Malen und Theater, weltreligiöse Inspirationen... und immer wieder spontane wunderbare Feste neben der organisierten Partyszene. Alle wollen den Grau-in-grau-Tönen der aggressiv stumpfsinnigen Megamaschine des Westens entfliehen (wenigstens für 6 Wochen, lieber 6 Monate), sind aktiv bereit, ein buntes, vielfältiges, experimentelles Leben zu gestalten. Die sog. „fertige Persönlichkeit“, die in Stein gemeißelte Sterilität westlicher Illusionsprogramme, wird durchschaut (zumindest deren Schieflage gefühlt) und ad acta gelegt. Gracyness ist dagegen die flexible Goa-Konvention. Man will die eigene geistige Transformation ausloten ganz getreu dem Gandhi-Wort: „Lasst uns selbst die Veränderung sein, die wir in der Welt sehen wollen.“ Das essenzielle Begriffs-Setting lautet: love, freedom, peace, happiness, energy, mind, spirit, body, soul, feel it, be it, absolutly in the moment! Angestrebt ist die wachsende Fähigkeit zur Innenschau, eine kontemplative Gelassenheit, eine erwachte Präsenz der vollen Bewusstheit.

Im Zenit steht die Liebe – zu sich selbst, zu anderen Menschen, zur Mitwelt, zur Natur. Liebe heißt mit wachem Herzen fühlen. Liebe wachsen lassen ist somit nichts anderes als Herzgeist kultivieren. Das ultimative Maß wäre: denken-fühlen-erfassen als organische Einheit jenseits aller Dualitäten, selbst Diesseits und Jenseits aufgelöst, verschmolzen zu einem einzigen Punkt des EWIGEN JETZT: Menschen wie schwebende Zitronenfalter ins Ganze integriert. Alle logischen Verstümmelungen und Vermessungen der Welt wären dann aufgehoben, klassische Denkformen abgestreift. Letztes Ziel ist die erfasste Allgegenwärtigkeit in allen Sinnen, ein höchstes Bewusstsein, das nichts besitzt und alles hat. Die Eule der Minerva fliegt in Goa permanent, braucht keine Dämmerung. Mit den Lessingschen grünen Gläsern und der eigenen Self-fullfilling-Prophecy kann man beobachten, wie die WAHRHEIT ins spezifische Auge springt. Die Dioptrienzahl ist allerdings nicht eindeutig geklärt.

Dennoch wissen viele unausgesprochen und illusionsbewusst, dass dies ein langer und anstrengender Weg ist (dies kann kaum ohne langjährige Meditation und bewussten Umbau der eigenen neuronalen Hirnprozesse realisiert werden), zumindest in diesem einen kurzen Leben. Einige begnügen sich auch deshalb ganz offen mit „Soul-shoping and Party-hopping“, scheren sich einen Teufel um bewusstseinstrübende Geistesgifte wie Gier, Genusssucht, Missgunst, Stolz, Eifersucht, Eitelkeit, Unwissenheit, Macht. Sie genießen geradezu ihre zur Schau gestellte Dekadenz. Diese Minderheit wird aber von der Mehrheit nicht bekämpft, sondern einfach als anhaftende unproduktive Form ignoriert. Der eigne innere Friede ist wichtiger als ein wie auch immer gearteter gegnerischer Kampf. Liebe und Mitgefühl sind und bleiben für die Mehrheit die Grundlage wirklichen Glücks, deshalb genießt gerade das Haut-Ich diese herausgehobene Bedeutung – nirgends gibt es soviel herzliche Umarmung und Berührung – ein wirklich sozialer und personaler Fortschritt im Vergleich zur heimischen Mumien-Kälte. Es gibt eine Bereitschaft das eigene Ego in Frage zu stellen, man will bisweilen ganz bewusst Kind sein, neu spielen und ausprobieren. Die gültige flexible Konvention des „deep in the moment“ motiviert geradezu. Will man darin, eben eingeengt, nicht nur ein abgezocktes Narrenschiff erblicken und damit die eigene geschundene Seele des Workaholics beruhigen, so kann die spontan organisierte Dauertherapie positiv als permanente Revolution des ganzen Ich, als untrennbare Einheit von innen und außen, gedeutet werden. Why not?

Arambol/Goa, 23. Januar 2011

Maico

(In bester Erinnerung und spontaner Zuneigung: Regina, Harald, Kay, Karla, Mario, Jupp, Elscha, Zou Zou, Anja, Christina, Roland, Ute, Pundyam, Ostein, Juri, Jose, John, Eva, Lionheart, Horst, Christi und viele mehr)

16:02 23.01.2011
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Geschrieben von

Bildungswirt

Bildungsexperte, Wissenschaftscoach, Müßiggänger, Dada-Musiker mit Blasmusikausflügen,
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