Bildungswirt
02.09.2009 | 19:07 84

Der gute Lehrer – ein Phantom? (1)

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Bildungswirt

Vorbemerkung:
Der Artikel Lasst die Schulen los hat in der Community für einigen Wirbel gesorgt; zusätzlich eine moderate Entgegnung Auslese mal ganz anders und eine herbe Kritik Bildung spricht anders: Viele Ideen, Einwände, Fragen, Befürchtungen, Meinungen, Unterstellungen, Ideologiekämpfe. Eh man sich recht versah, war man selbst mitten drin. „Wir wollen alles, und zwar sofort“ (diskutieren) scheiterte aus meiner Sicht und führt zur Frage: wie weiter? Können wir uns thematisch eingrenzen, step by step diskutieren? Die Themenliste ist lang und kann beliebig verlängert werden: u.a.
Bildungstheorien, Hintergrundtheorien, Bildungsphilosophien, Bildungspolitiken, Machtpolitiken, Föderalismusgestrüpp, nationale Bildungsstiftung, Finanzierungsmodelle, Bildungsbudget, Organisationsentwicklung, Lehreraus- und -fortbildung, Didaktik, Methodik, Berufsbeamtentum, Schulrecht, zentrale Prüfungen, Vergleichsarbeiten, Bildungsstandards, Kompetenzmodelle, Schulinspektion (Schul-TÜV),PISA, TIMSS, Demokratie in der Schule - Erwartungen, Visionen, empirische Resultate, "Starke Schulleiter" - zwischen Notwendigkeit und Ideologie, Elternbeteiligung - eine Mär?, Arbeitsweisen der Kultusbürokratie konkret? Bedeutung der KMK? Landesabitur in den einzelnen Bundesländern, Zentralabitur für ganz Deutschland?

Wir reden über eines der wichtigsten gesellschaftspolitischen Themen überhaupt: Ca. 12 Millionen Schülerinnen und Schüler (9,2 Millionen in allgemeinbildenden Schulen und 2,8 Millionen im beruflichen Schulwesen) und etwa 700.000 Lehrerinnen und Lehrer sind Beteiligte, Betroffene, manchmal Leidgeplagte, auch Millionen Eltern. Es zeugt von Interesse und Sensibilität, dass hier im FREITAG die Wogen höher schlagen.

Anspruch:
Alles sollte im FREITAG so dargestellt und entwickelt sein, dass auch ein interessierter Laie mit Durchhaltevermögen folgen, sich mit seinen Fragen und momentanen Standpunkten und subjektiven Erfahrungen einbringen kann - eben nicht ständig ins „Expertenchinesisch“ ausgewichen wird. Hier ein Anfang.

Zum Kern, zum Unterricht, zur alltäglichen Praxis

http://bildungswirt.de/wp-content/uploads/2008/08/lehrer-l-bildungswirt.png

Lehrerrollen zwischen Erwartungen und Visionen

Der gute Lehrer beherrscht mehrere professionelle Rollen: Er ist immer mal wieder Moderator und Entertainer, der angenehme Atmosphären schafft. Einfaches Kriterium: Wenn es in einem Unterricht über längere Zeit nichts zu lachen gibt, läuft etwas total falsch! Die dicke Luft ist dann buchstäblich zu riechen. Vergessen wird in der Schule all zu oft: Der Mensch ist ein emotionales und lachendes Wesen und kein kognitiver Maschinenkrüppel.
Der gute Lehrer ist jedoch kein beliebig vielfältiger Rollenträger, sozusagen der pädagogische Super-Klon, nein, auch er ist ein emotionales Wesen, das sich vorwiegend authentisch zeigt. Schüler haben zudem feine Seismografen für oft peinlich gespielte Rollen. Der „Olymp“ ist die komplexe pädagogische Praxis, ‚Handlungstheorien zwingend notwendige „Niederungen“, nicht umgekehrt.
Der gute Lehrer ist vornehmlich nicht mehr reduzierter Fachexperte (»Wissensvermittler«) mit dem Nürnberger Trichter im Gepäck, sondern vor allem Initiator, Berater und Organisator von neuen Lernkulturen. Wenn es komplexe Aufgabenstellungen auf schwierigem Gebiet erfordern, kann auch alle zwei Monate der pointierte Lehrervortrag (Vorlesungscharakter) zum neuesten Forschungsstand gehalten werden. Der gezielte Lehrervortrag ist eine Methode unter vielen. Aktives Zuhören, Mitschriften und anschließend vertiefende Erörterungen gehören zwingend ab der 7. Klasse ins feste Repertoire. Dennoch bleiben solche Unterrichtsanteile Nebenäste pädagogischer Anstrengung. Die übergeordnete Faustregel heißt: „Hilf mir, damit ich es selbst tun kann.“

Der gute Lehrer ist ein exzellenter Kunsthandwerker mit großer didaktischer Werkzeugkiste und ausgeprägter Fähigkeit zur Selbstreflexion. Er will keine leeren Fässer füllen, sondern Fackeln zünden, anders formuliert: Er will kein Wissen in Schülerköpfe pressen, sondern vielfältige Neugier der lernenden Subjekte erhalten, fördern, ausbauen. Würde und Freiheit der Person sind unantastbar; sie sind Fixpunkte der Selbstentfaltung und Partizipation am gesellschaftlichen Leben, auch aller schulischer Anstrengungen. Der Bildungsprozess des Lernenden ist als Dialektik von Fremd- und Selbstbestimmung zu verstehen. Die Herausbildung der Persönlichkeit als Kern des Bildungsprozesses ist somit ein langwieriger, widerständiger Prozess der Aneignung eines komplexen Selbst- und Weltverständnisses.
Bildung zeigt sich daher in einer umsichtigen, weltoffenen und wertsensiblen Haltung mit geschärftem Bewusstsein. Sie ermöglicht dem Subjekt, das eigene und gesellschaftliche Handeln zu reflektieren und an der Gestaltung der Gesellschaft verantwortungsvoll teilzunehmen. Bildung mündet ein in umfassende Urteilskraft, in sensible Akte der Wahl-Entscheidungen für ein gewolltes Leben. Bildung erschließt, bewahrt und schafft „kulturelles Gedächtnis“, steht zugleich für Tradition und Innovation. Das Subjekt entwickelt im Bildungsprozess die Fähigkeit, eigenständig zu urteilen und zu entscheiden, um nicht von der Deutungsmacht und Interpretationskraft Anderer und heteronomer Mächte maßgeblich abhängig zu sein. Das Subjekt verknüpft und gewichtet damit unterschiedliche Wissensarten – vor allem praktisches Wissen, strukturelles Wissen, Metawissen, Orientierungswissen, sensitives Wissen - zur bewussten Gestaltung von individueller und gesellschaftlicher Lebenspraxis.
Der gute Lehrer hat wie die improvisationsfreudigen Kinder den Jazz im Blut und vermeidet den Gänsemarsch. Der gute Lehrer arbeitet kooperativ mit Kollegen und Eltern zusammen, weiß aber ganz genau, dass er selbst SEINE Arbeit leisten muss. Meisterschaft im komplexen pädagogischen Feld zu erringen, ist ein langwieriger Prozess der Selbstdisziplin und Selbstreflexion. Der gute Lehrer ist zu 40 % Spezialist und zu 60 % Generalist.

Der gute Lehrer unterrichtet wesentlich kein Fach, keinesfalls nach festen Prinzipien, sondern er unterrichtet Schüler. Er lebt vor, macht mit, organisiert, lässt sich auch auf Unkalkulierbares, spontan Entstehendenes ein.
Beim guten Lehrer schwingen als Hintergrundmusik folgende 10 Prüfsteine zur Selbstreflexion und als Praxistest für gelingenden Unterricht mit:
1. wer seinen Unterricht mehrdimensional plant, aber prinzipiell situativ, problem- und personenbezogen offen ist für NEUES
2. wer die Lernenden (im Rahmen ihrer Möglichkeiten) an Planung und Strukturierung des Unterrichts beteiligt und regelmäßig Schülerfeedbacks zu konkreten Einzelstunden durchführt und dokumentiert
3. wer Themen und Inhalte seines Unterrichts auf die Erfahrungen und die Interessen der Lernenden zu beziehen vermag
4. wer sich vom Verlauf des Unterrichts überraschen lassen kann und mit unerwarteten Wendungen (viele gute Einfälle von Schülern) erfolgreich umgehen kann
5. wer seine ›Stofffixiertheit‹ reflektiert überwunden hat
6. wer als Lehrender versteht, warum ein Lernender oft nicht verstehen kann
7. wer Lernende motiviert, sich mit den Grenzen ihres Vorwissens und ihrer Wissensinteressen zu beschäftigen
8. wer Lernenden Mittel und Wege aufzeigt, ihr Lernen selbständiger zu strukturieren und ein unterschiedliches Lerntempo in der Gruppe/beim Einzelnen akzeptiert
9. wer Lernende dazu herausfordert, die Ergebnisse ihrer Lernprozesse selbst zu beurteilen
10. wer es vermeidet, ›abstrakte Autoritäten‹ zur Begründung des Unterrichts heranzuziehen (typische Motivationskiller: »Ich will eigentlich ja auch nicht, aber der Lehrplan, die Bildungsstandards, das Ministerium, die Schulaufsicht … deshalb müssen wir jetzt …«).

Der gute Lehrer – ein Phantom? Keineswegs. Es gibt ihn tausendfach, zehntausendfach, fast in jeder Schule. Dennoch ist er in Deutschland in der Minderheit. Der Kultusbürokratie ist er eher ein Dorn im Auge, schwierig bis unmöglich zu lenken, immer potenziell ein Herz-Ass im Ärmel, sagt man, ganz genau weiß man es nicht. Eine qualifizierte Minderheit guter Schulleiter schätzt ihn, ist bisweilen stolz, ihn an der Schule zu haben. Auf sein Engagement für die Schule, weit über den Unterricht hinaus, können sich Schüler, Kollegen und Eltern verlassen. Der gute Lehrer begreift seinen Beruf weniger als Job, sondern eher als Berufung; er ist in dieser Beziehung traditionell wertkonservativ, gleichzeitig aber offen für vielfältige Innovationen im pädagogisch-didaktischen Feld. Allerdings springt er nicht auf jede neue Sau, die durchs pädagogische Dorf getrieben wird.
Er hält den „starken Schulleiter“, der zugleich neuer effizienter Schulbetriebsmanager und guter Pädagoge sein soll, im Kern für eine Fata Morgana einer abgetrifteten Kultusbürokratie.
„Mehr Demokratie wagen“, ist durchaus sein Credo; das gilt aber nicht nur für Lehrer, sondern auch für Schüler. Allerspätestens ab Klasse 10 sollte es Schülerparlamente geben, die wirklich etwas zu sagen und zu entscheiden haben. Demokratie muss in der Schule gelebt werden, geübt werden oder sie ist nicht.
Das alles wären aber wieder neue Handlungsfelder und bedeuten neue Common-Sense-Verhandlungen - ein wachsendes Rhizom gelebter Interaktivität von Bildungsprozessen in einer modernen Schulkultur.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (84)

Achtermann 02.09.2009 | 23:39

# Bildungswirt

Das ist schön geschrieben. So kann man sich den Schulalltag vorstellen. Es wäre sicher motivierend, auf Schüler zu treffen, die über Bildung ihre Persönlichkeit entfalten wollen. Und der Lehrer nimmt die Rolle des Geburtshelfers ein, des Mäeutikers, der den im Menschen angelegten Bildungsschatz nach sokratischer Manier hebt.

Ein Problem ist: Sokrates’ Schüler waren gierig nach Wissen und Bildung. Die realen Kinder und Jugendlichen sind von den täglichen Scheinereignissen, die in den einschlägigen Massenmedien produziert und immer wieder reproduziert werden, für Persönlichkeitsbildung in Humboldt’schem Sinn wenig empfänglich. Wahrscheinlich wirst Du darauf antworten, es mache den „guten Lehrer“ aus, diese Widerstände zu überwinden. Da bin ich nicht so optimistisch wie Du: Wenn ich meinen Kindern bei den Hausaufgaben mal über die Schulter schaue, vernehme ich meistens ein Stöhnen, oft auch ein Schimpfen über diesen oder jenen Pädagogen. Sie wollen nicht einsehen, weshalb sie sich diesen Stoff reinziehen sollen. Sie mühen sich in der Schule oft von Stunde zu Stunde, haben mitunter sechs verschiedene Lehrer am Vormittag und sollen sich auf die Eigentümlichkeiten eines jeden einstellen. Fast eine Unmöglichkeit. Deshalb, meine ich, ist der „gute Lehrer“ nicht von dem System zu trennen, in dem er seine Rolle meistern soll.

Du beschreibst eher eine Großbürger- denn eine Mittelstandsbildungssituation. Die findet sich in speziellen Schulen, die Eintritt kosten. In nicht wenigen öffentlichen Schulen trifft man auf Schüler, die im häuslichen Umfeld nicht mal Grundverhaltensweisen kennengelernt haben, die darauf abzielen, den Mitmenschen zu respektieren und dessen körperliche Unversehrtheit zu gewährleisten. Ichbezogenheit und übersteigertes Selbstwertgefühl paaren sich nicht selten mit einer riesigen Erwartung, ständig unterhalten zu werden – auch in der Lehranstalt. Ich befürchte, da ist auch der „gute Lehrer“ eher machtlos – oder er muss erschöpft sich in die Frühpension begeben.

h.yuren 03.09.2009 | 01:38

nach der theorie die praxis. um die schöne insel der guten lehrer das meer der rahmenbedingungen, unter denen schule/bildungsarbeit stattfindet.
gute lehrer/innen gibt es wirklich. das weiß wohl jede/r aus eigener schulerfahrung. sie aber in ein schema zu pressen, fällt schwer; denn immer spielen die umstände eine ganz entscheidende rolle. vielleicht schreibt jede/r mal auf, wie das bild des guten lehrers aus eigener anschauung aussieht. das wäre sicherlich kein einheitliches bild; aber doch womöglich bildender und klarer als eine sammlung von begriffen.

Chryselers 03.09.2009 | 12:54

Hallo BW,

(Hoffentlich ist die Nicht-Beta-Fassung dieses Diskutiersystems komfortabler, enthält vielleicht ua die Möglichkeit, mit Mausklick zu zitieren, um dann am Text zu kommentieren...)

Ich nehme erstmal zwei Aussagen:

"Der gute Lehrer ist vornehmlich nicht mehr reduzierter Fachexperte (»Wissensvermittler«) mit dem Nürnberger Trichter im Gepäck, sondern vor allem Initiator, Berater und Organisator von neuen Lernkulturen."

Da stimmt was in der Formulierung nicht, denn "neue Lernkulturen" können ja gar nicht gemeint sein, denn die finden Lehrer und Schüler in einer bestimmten Schule in einem bestimmten Fach immer schon vor und können sie begrenzt variieren. Gemeint sind wohl "Lernsituationen", die der Lehrer neu finden soll, Lernsituationen für Schüler, die aus sich heraus so anregend sind, dass der Lehrer meist daneben stehen kann, ab und zu gefragt wird, kurz Auskunft gibt, und dann zum nächsten Tisch geht. Der Lehrer zieht die Schüler nicht mehr quer durch den Stoff, gar gegen deren Willen.

Dazu fällt mir ein, was mir kürzlich ein Didaktik-Prof erzählte, der einstmals auch das Hohe Lied von Handlungsorientierung und Rollenspiel intonierte, er erzählte von seinem Erdkundelehrer. Wenn ein neues Land dran kam, ließ er den Atlaus aufschlagen, die Karte hin am Ständer, schaut Euch mal Frankreich an, und malte dann die Umrisse, die Flüsse, die Gebirge und die Städte an die Tafel, keine Erarbeitung, er ganz allein. Die Schüler durften die Namen dazu aus dem Atlas holen. Dann übertrugen sie die Zeichnung in ihr Heft und holten nach einen vorgegebenen Schema, wie heißt die Hauptstadt, wieviele Einwohner, wichtige Angaben aus dem Erdkunde-Buch. Dann wurden noch ein paar Besonderheiten des Landes behandelt und bald ging es zum nächsten Land. So das ganze Jahr über. Ab und zu ein Test, den immer alle bestanden.

Früher dachte der Prof immer, welch schlichter/schlechter Unterricht: Null Handlungsorientierung, Null Problemorientierung, kein Erarbeitungsmuster, nur Reproduktion. Jetzt fragt er sich, ob das stimmt. Dieser Lehrer hat dafür gesorgt, dass die Schüler nicht nur Kenntnisse haben, sondern auch, dass diese Kenntnisse eine Struktur haben, die Welt hat eine Ordnung, fallen in den Nachrichten geografische Ausdrücke, dann ist alles präsent, was sein muss. Dieses Wissen ist ausbaubar, weil es feste Knotenpunkte hat.

Nun wäre es sicher gräuslich, wenn jeder Unterricht in jeder Stunde so abliefe. Aber dieser Unterricht ist für jeden Schüler eine sichere Bank im Tagesablauf, Dienstag dritte Stunde, Geo bei Herrn xyz, da weiß man, was man hat, keine Aufregung und anschließend weiß man mehr.

Das spricht nicht gegen einen Unterricht der anregenden Lernsituationen. Wagenschein de.wikipedia.org/wiki/Martin_Wagenschein, der diesen Unterricht bis zur Perfektion entwickelt und gezeigt hat, hat andererseits die Notwendigkeit des Unterricht des großen Überblicks immer wieder betont. Man hätte Wagenschein nicht an seiner Seite, wenn man jeden Unterricht zur anregenden Lernsituation hin, die der Schüler möglichst selbst meistern soll, auflösen würde. Hier ist vielmehr über Vielfalt nachzudenken.

"Der gute Lehrer ist ein exzellenter Kunsthandwerker mit großer didaktischer Werkzeugkiste und ausgeprägter Fähigkeit zur Selbstreflexion."

Ich habe nun nichts gegen didaktisches Kunsthandwerk, in ich habe ja dessen Entwicklung für den Politikunterricht in meiner Diss beschrieben, für das allgemeine Interesse aller Fächer findet man das hier www.hep-verlag.ch/course/view.php?id=993, nur ist gegenstandsangemessenes Kunsthandwerk eben am Gegenstand zu entwickeln und das ist ein mühseliges jahrelanges Geschäft und nicht virtuos aus der Situation zu machen. Es bedarf langer Einübung und kann im Massenberuf Lehrer das Hineinwachsen in den Beruf fördern. Das Ziel kann bei bis zu 30 Stunden Unterricht in der Woche dann aber nicht das gekonnte Kunstwerk in jeder Stunde sein, sondern vielmehr die Routine "So läuft das ordentlich". Nicht Dauer-Reflexion, sondern Entlastung wäre die Aufgabe des Handwerks.

(Zum Bildungsbegriff später.)

HL

krobra 03.09.2009 | 15:40

>Deshalb ... ist der "gute Lehrer" nicht von dem System zu trennen, in dem er seine Rolle meistern soll.
Dem stimme ich zu, auch wenn diese These selbst-verständlich nicht nur für Lehrer Gültigkeit beanspruchen kann. Tant mieux, umso besser!
Es geht also a u c h um die Systemfrage - und damit um das politisch-rechtlich Elementare.
Wer stellt denn die Systemfrage? CDU/CSU und FDP zweifellos nicht, die SPD wohl auch nicht. Die anderen Parteien: eher selten. Ausnahme: die Linkspartei, die aber in weiten Teilen der Bevölkerung anscheinend auf Ablehnung bzw. offene Feindseligkeit stößt. Ein Beispiel:
Leserbrief Neue Rhein-Zeitung von heute (2.9.09, S. 2):
"WAHLNACHLESE
Die Linken? Ne, die braucht kein Mensch. Diese Blender, die alles und jeden in diesem Land aufhetzen und Propaganda betreiben. Das Einzige, was Gysi und Lafontaine wollen, ist Rache. sie instrumentalisieren die Partei für ihren Zug." (E-Mail von sinnek)

Und noch ein Beispiel (a.a.O., ebd.):
"Wer die Linke wählt, wählt Massenarbeitslosigkeit und sterbende Unternehmen. Oder haben sie eine Antwort gefunden, wie die Linke jährlich 100 Milliarden Euro Zusatzausgaben finanzieren will? Oder die 500 Euro Grundeinkommen für jeden? Wo kommt das Geld her? Soziale Leistungen kann man nur von Geld erbringen, das auch erwirtschaftet wird. Wer aber nur auf die eindrischt, die das Geld erwirtschaften, der verhindert, dass überhaupt Geld zum Ausgeben da ist!
P. Hagendorn, per E-Mail"

Es würde mich interessieren, wie viele Wähler/innen sooo denken. Woher diese Kritik stammt, dürfte klar sein: aus der alten, offenbar nie endültig vergammelten Mottenkiste des Anti-Kommunismus und des Kalten Krieges. Für Oskar L. wäre das sicher "ein gefundenes Fressen", für mich nicht.
Der ernste Hintergrund: Ohne Linkspartei kein Linksbündnis, ohne Linksbündnis keine Alternative zum herrschenden Bildungschaos! Wir brauchen keine anti-sozialistische Polemik, sondern eine wahrhaft sozialistische Neue Schule, wofür gute Ansätze, z.B. mit den Gesamtschul-Modellen und -Realisierungen, durchaus auch in diesem unserem Lande vorhanden sind. Ergo: Keineswegs "nur eine Utopie"! Eher "das Einfache, das schwer zu machen ist" (Bertolt).
In diesem Sinne!
krobra

Chryselers 03.09.2009 | 16:33

Zum Bildungsbegriff:

Alles gut und richtig, was Du da schreibst, nur zwei Rückfragen:

1. Ich sehe diese Bildung als Prozess und Resultat nicht mit Deiner Vorstellung von Unterricht verkoppelt, das eine folgt nicht aus dem anderen. Urteilsfähigkeit setzt Kenntnis von Struktur und Dynamik des Gegenstandes voraus, über den da geurteilt werden soll. Wie aber kommt die Struktur in das Subjekt? Wie erabeitet sich das Subjekt die Struktur? Wie kommt es zur kategorialen Erschließung? Doch nur dann, wenn der Lehrer in seinem Setting dafür sorgt, dass der Gegenstand vom Schüler kategorial erschlossen werden kann. Damit aber bekommt er eine andere Stellung im Lerngeschehen als (nur) die Moderators, nämlich die des Lern-Regisseurs. Es gibt nämlich keine Gewähr dafür, dass der Schüler in bloßer Begegnung mit dem Gegenstand schon weiß, was er da soll. Der Lehrer zeigt dem Schüler die Welt, bei Comenius gibt es da ein Bild, wie der Lehrer den Schüler bei der Hand nimmt und in die Weite der Landschaft zeigt. Gebildet ist, wem gezeigt wurde und wer sich zeigen ließ. Und dann diesen Vorgang reflexiv einholte. (Also im Kern eine andere Vorstellung von Unterricht als in Deinem Text, um jenes zu erreichen, was Du erreichen willst. Oder nicht?)

2. Bildung "ermöglicht dem Subjekt, das eigene und gesellschaftliche Handeln zu reflektieren und an der Gestaltung der Gesellschaft verantwortungsvoll teilzunehmen. Bildung mündet ein in umfassende Urteilskraft, in sensible Akte der Wahl-Entscheidungen für ein gewolltes Leben. Bildung erschließt, bewahrt und schafft „kulturelles Gedächtnis“, steht zugleich für Tradition und Innovation."

Was heißt nun "verantwortungsvoll", "sensibel", wer will da für welches gewollte Leben? Da deutest Du was, da ist ein Mehr, aber das wird nicht klar. "Verantwortungsvoll" kann Einordnung meinen in jenes Spiel, in das uns die Gesellschaft gesetzt hat, kann aber auch meinen, an einem Ziel festzuhalten, das seit den Griechen und der Aufklärung, auch das neue Jerusalem, die Stadt auf dem Berge versprochen ist, das immer wieder in die Nähe kommt, aber auch immer wieder wegrutscht, zum Wegrutschen gebracht wird. Wie wird bei dieser Alternative die Tradition ausgesucht, die man sich gebildet einverleibt? Ist es die Tradition, die den Überschuss brachte, der sich immer wieder meldet im Verlangen nach einem anderen Leben für alle, oder ist es die Tradition derer, die immer zugeschnürt haben? Welche Gegenstände? Wie sollen sie ausgewählt werden? Und: Wie kommen sie in den Unterricht? Das schließt dann wieder an das Bedenken in 1 an, ob Deine Vorstellungen von Unterricht und von Bildung denn überhaupt zusammenpassen.

So, ich denk, das ist erstmal genug;-))

HL

Bildungswirt 03.09.2009 | 20:31

@ alle
Als Autor will ich mich sukzessiv in die Diskussion einbringen, damit genügend "Raum" für viele Mitdiskutanten ist - eigene Textinterpretationen vorzunehmen, eigene Erfahrungen einzubringen etc. (vgl. Anspruch)
Blogger Chryseler hat ja auf ganz unterschiedlichen Ebenen einiges beigesteuert. Ich sehe, es wird schwierig. Community - "bitte übernehmen Sie".
Gruß BW

Bildungswirt 03.09.2009 | 20:38

Na, das fängst ja gut an.Ich will auf der gleichen Ebene antworten. Apropos "Drehwurm" und "bedüselt im Kopf" wundere ich mich in ganz anderer Richtung:
Schule als systematisch organisierte Dauerbeschallungsmaschine, Tag für Tag, Woche für Woche, 1200 Stunden das Jahr, hält keiner so leicht aus. Warum sind eigentlich nicht mehr Schüler davon taub?
Hauptsache der Lehrer weiß, wo es langgeht und redet und redet und redet. »Alle sitzen, einer steht und spricht, das nennt man in Deutschland Unterricht!« – so könnte man die Situation zugespitzt zusammenfassen. Der Taktgeber steht vorn, alle anderen im Raum folgen im geistig verordneten Gänsemarsch. Erste Orientierungsschwächen von Kindern und Versuche, gegen den vorgegebenen Rhythmus zu schlagen, werden anfangs noch milde hingenommen, doch dann geht schnell die Geduld zur Neige. Näheres hier:
www.freitag.de/community/blogs/bildungswirt/bildungspolitik--ab-im-gaensemarsch/?searchterm=G%C3%A4nsemarsch
Gruß BW

Cassandra 03.09.2009 | 21:07

Versteh ich nicht. Wieso "bedüselt"?

Ich hatte in meiner Schulkarriere genau eine Lehrerin wie oben beschrieben. Nach deren Unterricht konnte ich mich noch weniger mit dem Passiv-Unterricht ihrer KollegInnen abfinden. Ich habe mir mehr als einmal gewünscht, dass alle LehrerInnen sich selbst so gut kennen - und dass sie (auch aus diesem Grund) nur das im Unterricht machen, was sie selbst begeistert und zum Nachdenken anregt.
(Das ist für mich übrigens auch ein Punkt, der in Teilen gegen das Zentralabitur spricht. Den Kreativen wird hier die Themen-Auswahl weiter eingeschränkt, wenn sie z.B. im Deutschunterricht eine gewisse Lektüreliste abhaken müssen.)

Gute LehrerInnen bringen auch die (politische) Weltlage ihrer Klasse nahe, wenn das gerade aktuell ist (BWs Flexibilität), egal, ob sie Sozialkunde unterrichten oder auch nicht. Damit erhält der abstrakte, in seiner "Schonwelt Schule" gefangen gehaltene Unterricht einen Sinn für die SchülerInnen, die vor allem Menschen sind und auch in dieser Welt außerhalb der Schule leben wollen, wieso verbindet man nicht beides?
- Das dürfte für beide Seiten erklecklicher sein.

LehrerInnen mit Jahr für Jahr exakt gleichen Arbeitsblättern und beinahe auswendig gelerntem Text dagegen können mir nicht erzählen, dass sie selbst auch noch lernen. Der Unterricht ist in keinem Fall von Austausch, mehr von Passivität geprägt. Der Grundgedanke dahinter ist wahrscheinlich der, dass nur die Schülerschaft lernen "soll", nicht die Lehrperson.

Bildungswirt 03.09.2009 | 21:46

Hallo h.yuren,
über die "Rahmenbedingungen" und "Umstände" können wir gerne reden, aber später, siehe Vorbemerkung. Vorweg nur soviel: Selbstverständlich ist das gesamte Bildungssystem unterfinanziert, nur darum geht es jetzt nicht.

"eine sammlung von begriffen."
- kannst du mich nicht meinen, bei mir geht es doch nicht um Begriffsdefinitionen oder ähnliches.

'"vielleicht schreibt jede/r mal auf, wie das bild des guten lehrers aus eigener anschauung aussieht."
- gerne, nur zu!
Gruß BW

Bildungswirt 03.09.2009 | 21:53

Hallo Korbra
"Es geht also a u c h um die Systemfrage - und damit um das politisch-rechtlich Elementare.
Wer stellt denn die Systemfrage? CDU/CSU und FDP zweifellos nicht, die SPD wohl auch nicht. Die anderen Parteien: eher selten. Ausnahme: die Linkspartei, die aber in weiten Teilen der Bevölkerung anscheinend auf Ablehnung bzw. offene Feindseligkeit stößt."

Wenn es ans Grundsätzliche geht, schwingt selbstverständlich die "Systemfrage" mit. Du stellt, wenn ich dich richtig verstanden habe, nicht nur für Bildungssystem, sondern gleich die Systemfrage als Gesellschaftsfrage. Alles okay, können wir auch diskutieren, nur nicht jetzt, siehe Vorbemerkung. Das läuft uns nicht weg: weder heute , noch morgen, noch übermorgen wird von irgendjemand von Relevanz die "Systemfrage" gestellt.
Was wolltest du zum Kern "guter Lehrer" sagen?
Gruß BW

Bildungswirt 03.09.2009 | 22:01

Hallo Achtermann,
selbstverständlich sind im Rahmen der "Persönlichkeitsbildung" ganz unterschiedlich "Sozialisationsagenturen" am Werk, inklusive vieler Widersprüche.
"Wenn ich meinen Kindern bei den Hausaufgaben mal über die Schulter schaue, vernehme ich meistens ein Stöhnen, oft auch ein Schimpfen über diesen oder jenen Pädagogen. Sie wollen nicht einsehen, weshalb sie sich diesen Stoff reinziehen sollen. Sie mühen sich in der Schule oft von Stunde zu Stunde, haben mitunter sechs verschiedene Lehrer am Vormittag und sollen sich auf die Eigentümlichkeiten eines jeden einstellen. Fast eine Unmöglichkeit"
Die schulische Paranoia breitet sich aus, schon mal was von "Bulimielernen" gehört? Das ist nicht nur eine "Systemfrage", die verbeamteten Lehrer haben deutlich größere Spielräume, als sie wirklich nutzen.

"Du beschreibst eher eine Großbürger- denn eine Mittelstandsbildungssituation. Die findet sich in speziellen Schulen, die Eintritt kosten."
Nein, mir geht es in erster Linie um eine qualitative Verbesserung des öffentlichen Schulsystems. Der gute Lehrer ist dabei die zentrale Figur, ohne ihn läuft fast nichts.

"Burn out" , erschöpft in die Frühpension, trifft unterproportional den guten und engagierten Lehrer.
Gruß BW

Bildungswirt 03.09.2009 | 22:08

Fürwahr, eine wichtige Frage. Mir geht es um einen Richtungswechsel in der Pädagogik, im alltäglichen Unterricht und in der von den Subjekten gestalteten Schulkultur. (nicht nur im Uniseminar) Selbstverständlich geht es hier nicht um 50.000 oder 100.000 oder ... gute Lehrer.
Die große Pensionierungwelle steht bevor, da sollte man schon etwas gründlich nachdenken, wohin man will. Ob das in den Kultusministerien verstanden wird?
Gruß BW

Bildungswirt 03.09.2009 | 22:16

Hy Chryseler,
im Original bei mir heißt es:
"Der gute Lehrer unterrichtet wesentlich kein Fach, keinesfalls nach festen Prinzipien, sondern er unterrichtet Schüler. Er lebt vor, macht mit, organisiert, lässt sich auch auf Unkalkulierbares, spontan Entstehendenes ein."
Die Pointe ist, dass er Schüler in ihrem Lernprozess unterstützt, und zwar zweitrangig, ob im Fachunterricht, freier Arbeit, fächerübergreifenden Projekten, Schulkulturgestaltung etc....
Einige Lehrer haben diese Pointe überhaupt nicht verstanden. Selbst "ihr" sog. Fach schrumpft zu "Unterricht" nach Lehrbuch, S. 23 bis 27 - ach, "wo waren wir denn letzte Stunden stehengeblieben?" Ja, genau, da gehts lang, S. 30 bis 33.
Gruß BW

Chryselers 03.09.2009 | 22:25

An BW:

Deinen zweiten Satz kannst Du problemlos mit dem ersten in meiner Fassung verbinden.

Mit einer einschränkenden Bemerkung allerdings: Das Unkalkulierbar ist allemal eines, das im Kontext erwartet werden kann, je erfahrener der Lehrer, desto weniger unerwartet ist es für ihn. Darin liegt das Lernen des Lehrers.

Und Deine Pointe trifft nicht: Der Lehrer unterrichtet immer einen bestimmten Gegenstand.

(Ich lese gerade Prange, Bauformen des Unterrichts, den Abschnitt über das didaktische Dreieck...)

HL

HL

Chryselers 03.09.2009 | 22:32

BW: Diesen Richtungswechsel gab es schon mal, als in den 70ern eine neue Generation von Lehrern in die Schule strömte, oft auch in neuer Richtung selbst am Studienseminar ausgebildet. Und just deren Pensionierung siehst Du als Chance, es möge so werden, wofür die zu Pensionierenden sich einst rackerten. Einst.

Und dann verschwand das irgendwie. Wie ja irgendwie die Lust des Erstklässlers auf den Unterricht schwindet, irgendwann, so fast immer.

Woraus folgt, dass der Appell zu einem neuen Verständnis wohl nicht so fürchterlich weit führen wird....

Und nun können wir darüber reden, wie es mal sein soll, wenn die Welt eine bessere ist, oder wie man jetzt das Handwerk macht, damit Bildung werde und der Lehrer überleben möge.

Das sind schon zwei verschiedene Dinge, da redet man leicht aneinander vorbei.

HL

Bildungswirt 03.09.2009 | 23:19

An Chryseler,
"Mit einer einschränkenden Bemerkung allerdings: Das Unkalkulierbar ist allemal eines, das im Kontext erwartet werden kann, je erfahrener der Lehrer, desto weniger unerwartet ist es für ihn. Darin liegt das Lernen des Lehrers."
Schön wärs. Dann sind wir doch nah beieinander?

"Und Deine Pointe trifft nicht: Der Lehrer unterrichtet immer einen bestimmten Gegenstand."
Das hatte ich nicht gesagt, bitte lesen.
Gegenstände sind aber nicht nur nach Fachprinzipien geordnet, ja, viele sperren sich gerade in eine Fachsystematik eingeordnet zu werden. Immer wieder greift der Lehrer daneben.

Und: Manchmal unterrichtet der Lehrer überhaupt keinen Gegenstand, er staunt, was die SChüler inzwischen alles selbst können, neu entwickeln und überlegt, wie es weitergehen könte.

"(Ich lese gerade Prange, Bauformen des Unterrichts, den Abschnitt über das didaktische Dreieck...)"
Gut, ich lese gerade "Unendlicher Spass"

Gruß BW

PS. Zu "didaktisches Kunsthandwerk" und zum "Bildungsbegriff" bekommst du noch Antwort. Will aber warten, ob jemand anders ...

Chryselers 03.09.2009 | 23:24

"Und: Manchmal unterrichtet der Lehrer überhaupt keinen Gegenstand, er staunt, was die SChüler inzwischen alles selbst können, neu entwickeln und überlegt, wie es weitergehen könte."

Und auch dann hat der Lehrer den Gegenstand in den Unterricht gebracht, er "unterrichtet" ihn, auch wenn er dazu gerade nichts sagt, er ist ja Teil des Settings, dass der Lehrer eingerichtet hat.

HL

Bildungswirt 03.09.2009 | 23:30

Über die 70er Jahre und den Aufbruch nach Picht "Bildungskatastrophe (1965) gäbe es sicher viel zu diskutieren (gibt ein paar Meter Literatur, das meiste inzwischen uninteressant)

"Wie ja irgendwie die Lust des Erstklässlers auf den Unterricht schwindet, irgendwann, so fast immer."
Woran das wohl liegt?

"Woraus folgt, dass der Appell zu einem neuen Verständnis wohl nicht so fürchterlich weit führen wird...." - das werden wir sehen, einiges tut sich, da fragt niemand mehr, ob es der Behörde oder xy passt.

"wie man jetzt das Handwerk macht, damit Bildung werde und der Lehrer überleben möge."
In der Tat: übers Kunsthandwerk sollten wir reden, das war meine Absicht. Sicher ist, dass ein guter Lehrer niemals auf "Fitnesscoach" reduziert werden kann.Das wäre ein pädagogischer Homunculus.
Gruß BW

Bildungswirt 03.09.2009 | 23:40

"Und auch dann hat der Lehrer den Gegenstand in den Unterricht gebracht, er "unterrichtet" ihn, auch wenn er dazu gerade nichts sagt, er ist ja Teil des Settings, dass der Lehrer eingerichtet hat."

Wenn du willst und das so weit spannst, einverstanden. Bei mir haben SChüler immer auch Eigenes eingebracht (vgl. Prüfstein 1), das hatte ich nicht "unterrichtet". Die Kunst besteht darin, den Faden sinnvoll weiterzuspinnen ...

Chryseler, ich mach mal ne Pause, sollen mal andere ran, damit es schwerpunktmäßig nicht nur ein Zwiegespräch wird. Die Community soll sich doch auch mal anstrengen oder?
Bildung heißt immer auch mit "Widerständen kämpfen".

Chryselers 04.09.2009 | 01:27

BW: Dass die Schüler was sagen, was man nicht unterrichtet hat, kommt in den Fächern, in denen das (Vor-)Wissen der Schüler geklärt werden soll, ihnen selbst klar werden soll, früher nannte man das die "hermeneutischen Fächer", ja ständig vor. Ist ja sogar der Sinn der Sache, denn sonst könnte dieses Vorwissen nicht vom Lehrer thematisiert werden, ohne dass er es expliziert kennen würde, er weiß von diesem Wissen nur, dass es dieses Wissen gibt, ohne dass er es konkret kennt.

Dass ist doch nichts Neues. Die Politikdidaktik der 50er und der 60er wusste das. Und wenn die das wussten, wussten das die anderen auch.

HL

Chryselers 04.09.2009 | 01:30

BW: Dass die Schüler was sagen, was man nicht unterrichtet hat, kommt in den Fächern, in denen das (Vor-)Wissen der Schüler geklärt werden soll, ihnen selbst klar werden soll, früher nannte man das die "hermeneutischen Fächer", ja ständig vor. Ist ja sogar der Sinn der Sache, denn sonst könnte dieses Vorwissen nicht vom Lehrer thematisiert werden, ohne dass er es expliziert kennen würde, er weiß von diesem Wissen nur, dass es dieses Wissen gibt, ohne dass er es konkret kennt.

Dass ist doch nichts Neues. Die Politikdidaktik der 50er und der 60er wusste das. Und wenn die das wussten, wussten das die anderen auch.

HL

(Hoffentlich jetzt an der richtigen Stelle.)

krobra 04.09.2009 | 03:02

Bildungswirt stellte mir am 3.9.09 die Frage, was ich "zum Kern >guter Lehrer sagen" wollte. Daher nun dieses: In einem chaotischen Bildungssystem kann es gute Lehrer ebenso wenig geben wie ein richtiges Leben im falschen. Dsher meine Forderung nach einer Neuen Gemeinschaftsschule für alle, für die es z.B. in den Gesamtschulen, soweit sie wirklich reformpädagogisch arbeiten, bereits gute Vorbilder gibt. Leider ist die Gesamtschule fast allen konservativen und liberalen Bildungspolitikern ein Dorn im Auge. Sie wollen lieber das u.a. durch die "Kulturhoheit" der einzelnen Bundesländer verursachte Chaos perpetuieren und die Gesamtschule am liebsten abschaffen. Daher meine weitere Folgerung: Politisch erreichbar ist eine Neuorientierung im Sinne einer Neuen Gemeinschaftsschule zweifellos nur durch ein neues Linksbündnis, das leider bisher noch mehr oder weniger utopisch (auch im Blochschen Sinne!) zu sein scheint.
krobra

Thyara 04.09.2009 | 10:21

Der gute Lehrer... Ja, ich muss sagen, ich hatte in meiner Schullaufbahn das Glück ein paar wirklich gute Lehrer dabei zu haben. Besonders ausschlaggebend war dabei wohl die persönliche Komponente. Sie hatten immer den einen oder anderen Spruch auf Lager und auch mal 5 Minuten mit den Schülern herumgealbert, anstatt hart auf dem Unterrichtsthema zu beharren. Einer hatte sogar eine ganz feine, sarkastische Ader drauf, mit der er sogar die Querschläger immer wieder zum Unterricht zurückführen konnte. Sie waren zwar die Lehrkörper, doch haben sie es dennoch geschafft, den Schülern den Lernstoff auf einer Ebene zu vermitteln, nicht à la Ich Chef - Du nix ;-)

Ich habe allerdings auch andere Lehrer erlebt... Stur, unbelehrbar, total überarbeitet und gestresst, ständig Kopfschmerzen, furchtbar schnell reizbar und zu allem Überfluss auch noch: Keine Ahnung von Computer-bezogenem Englisch als fachliche Englischlehrerin.

Columbus 04.09.2009 | 16:58

Lieber Bildungswirt,

Die Schulen,sind Deutschlands größte Tendenzbetriebe neben denen, die die beiden christlichen Kirchen betreiben. Allerdings sind der einzige Betrieb dieser Art, der eine Zwangsmitgliedschaft vorsieht und trotzdem von seiner prinzipiellen Freiheit in der Lehre und einer Offenheit für jedes Kind leben soll.

Sie, geschätzter Bildungswirt, sind fast immer knapp unter 100% und ich staune, wie schnell Sie für jegliches aufgegriffen Feld ein Feuerwerk an Ideen und Vorstellungen abliefern. Das ist in meinen Augen wirklich bewundernswert.

Allerdings fallen mir, dem mittelmäßig begabten, relativ unflexiblen und schon etwas angegrauten, vielleicht sogar altbacken, gewordenen Vater, solche Sätze auf, wie: "Der gute Lehrer beherrscht mehrere professionelle Rollen." (...) "Der gute Lehrer ist ein exzellenter Kunsthandwerker mit großer didaktischer Werkzeugkiste und ausgeprägter Fähigkeit zur Selbstreflexion."

So sehr ich ja das Rhizomatische schätze, so sehr sehe ich aber auch, dass Ihr gespickter Forderungskatalog für den "guten Lehrer",Ihre virtuelle Stellen- und Positionsbeschreibung, leicht überfordernd wirken könnte. Denn wie alle großen Institutionen und Organisationen lebt die Schule viel eher davon, wie gut Alle miteinander lernen, die geringe Flexibilität, das je unterschiedliche emotionale und fachliche Gerüst, manchmal sogar die erschreckende Abwesenheit von Kreativität, Dynamik, Introspektionsfähigkeit und Engagement des je Anderen anzunehmen und trotzdem daraus eine annehmbare und aktive, reizvolle und motivierende Arbeits-, Erziehungs- und Lernwelt zu machen.

Das ist nicht leicht und wird derzeit vor allem durch den falschen Ansatz der frühen Differenzierung, durch die unterschiedlichen Schularten und Besoldungssysteme, durch externe Faktoren die auf die Schule aus primär gesellschaftspolitischen Gründen und einen kaum ausrottbaren Glauben an hochstrukturierte Effizienzvorgaben und Evaluierungen, an zentrale Steuerung, und häufig auch durch Kürzungen bei der Schulzeit, verhindert. Zudem gibt es einfach zu wenig Geld für die Lehre und zu wenig Förderung für bildungsferne Familien. - Da ist Deutschland ja mittlerweile auf dem Niveau der Limbo-Staaten der dritten Welt angelangt, in denen praktisch nur noch die Kinder der extrem kleinen reichen Oberschicht gute Bedingungen geboten bekommen. - Über die letzten Sachverhalte dürfte es kaum noch Streit geben, denn selbst die naturgemäß ungern konkret werdenden Parteien schreiben es alle in ihre Programme und halten mittlerweile Reden dazu.

In der Schule treffen Lehrerpersönlichkeiten und deren Motive aufeinander, die weiter kaum auseinander liegen könnten. Es gibt den strikten Fachlehrer,es gibt den Menschen mit Gespür für Gruppendynamik, es gibt die beständigen Dauersprudler. Einige stecken in der Schule, weil an der Uni kein Platz war, andere sind geborene Lehrer. Wieder andere hüten ihre Prätention "gut" zu sein wie einen zu verbergenden Goldschatz und andere sind es in Wirklichkeit nicht.

Sie treffen auf Schüler, die emotional und intellektuell ganz ähnliche Strategien entwickeln, um mit der Schule klar zu kommen. Auf ähnlich großer Breite, nur mit weniger Wissen und weniger Lebenserfahrung, vielleicht auch mit weniger weiter und weiser Voraussicht, was das für die Zukunft bedeutet.

Was möchte ich klar machen? Lehrer können, jedenfalls die große Mehrheit, so wenig wie ich oder viele andere Menschen, mehrere Berufsrollen und Rollenverständnisse nebeneinander und miteinander professionell ausfüllen.

Es geht nicht, weil viele es emotional und/oder wissensmäßig nicht schaffen. Es geht nicht, weil es Hybris wäre und dann oftmals Ausweis großer Entfremdung. Es geht nicht, weil das Multitasking sowohl für Schüler und auch für Lehrer eine beständige Überforderung mit sich bringt. - Überforderungen in Rollen, die man gar nicht kongruent ausfüllen kann, führen zu schwerwiegenden sozialen und psychologischen Verwerfungen und zu erheblichem Stress und der wird in aller Regel in der Schule nach unten, an die Schwächeren, in diesem Falle an die Schüler, seltener an die Eltern oder an Kollegen weiter gegeben.

Ein Physiklehrer oder Musiklehrer, der sich fachlich nicht kompetent fühlen kann, der muss schon so viel seiner geistigen Energie dafür aufbrauchen, dies nicht allzu sichtbar werden zu lassen. Ein Mensch der nicht witzig und mehrdimensional reden kann oder möchte, der wird unter Druck, dies tun zu müssen, nicht besser, sondern schlechter. - Ich will nur andeuten, dass feste Strukturen der Insitution und klare Regeln gerade dort notwendig sind, wo so große Unterschiede im Rollenverständnis und im persönlichen Werdegang ein Hauptrolle spielen. Die feste Struktur sichert, dass Kollegien nicht übereinander her fallen, weil man so unterschiedlich akademisch gebildet, wie unterschiedlich in der Herkunft und in den Werten orientiert ist und doch eine gemeinsame Verantwortung in der Institution Schule trägt. Ich will nur sagen, lieber Bildungswirt, Sie müssen, nein, wir müssen, bei allen Überlegungen zur Schule, -wir Alle sind ja Experten oder bilden es uns zumindest ein-, vielleicht doch eher von einem durschnittlich begabten und durchschnittlich motivierten und durchschnittlich menschenfreundlichen Menschen ausgehen.

Die "Penne" in Deutschland ist oftmals nicht so schlecht wie ihre Ruf und vielerorts geht es wohl eher darum, über qualifizierte Ganztagsangebote und eine Wiedererweckung des "Schullebens", ich beobachte z.B. bei meinen Kindern, dass sogar Gymnasien Schülerzeitungen einstellten, Theater-AGs auflösen oder keine Neuen gründen oder Experimentalunterrricht in der Physik und Chemie wegstreichen, nur um dem G8 Rechnnung zu tragen, den Lebensort Schule wieder her zu stellen.

Die größte Sünde scheint mir jedoch, die enorme soziale Segregation, die wir seit fast zwei Jahrzehnten als gottgegeben hinnehmen und nicht verstehen, dass damit ganze Generationen kluger und intelligenter Menschen ohne Chance bleiben.

Liebe Grüße
Christoph Leusch

Calvin 04.09.2009 | 20:27

Tja, Anspruch und Wirklichkeit...
Die Lehrer sind an einem sehr heiklen Punkt in der Gesellschaft positioniert und könnten als Seismografen für gesellschaftliche Veränderungen dienen.
Könnten...
Bei den Ansprüchen, die du in deinem Beitrag aufstellst, frage ich mich allen ernstes, ob das für eine Person machbar ist.
An Lehrer werden von viel zu vielen Seiten viel zu viele Ansprüche herangetragen.
Er ist kein emotionales Auffangbecken (auch wenn das viele glauben) und er hat auch nicht die Aufgabe, Erziehungsdefizite von Zuhause auszugleichen.
Entscheidend ist zudem, wer wo was für ein Lehrer ist. Das kann schonmal ein, nicht nur psychisch, brutaler Job sein.
Da werden Lehrern oft zu wenige Mittel an die Hand gegeben, siech einer veränderten Situation anzupassen.

Lehrer haben meiner Meinung nach drei Aufgaben: Wissensvermittlung, Bildung (Das, was über Informationen hinaus geht) und Erziehung (Die Flächenbrände, die in vielen Haushalten entstehen zu löschen, ist definitiv nicht ihre Aufgabe).
Es ist ein Angebot, dass an die Schüler gemacht wird, etwas zu lernen und etwas aus seinem Leben zu vermitteln.
Das entscheidende Kriterium, was 9/10 meiner Lehrer allerdings vermissen ließen: Motivation!!
A:"Warum sind sie Lehrer geworden?"
B:"Sicherer Job, viel Urlaub."
Sauber, du wirst meine Kinder nicht unterrichten...
In Deutschland denken viele Lehrer immer noch so, in Kombination mit einer knöchernen Bildungspolitik ist die Bildungskatastrophe fast schon vorprogrammiert.
Na und?
Wenn man sich anschaut, was Kinder und Jugendliche sich aneignen können, wenn sie Spaß an etwas entwickeln und über Internetpornographie hinausblicken, dann entstehen da große Potentiale außerhalb des Bildungsbetriebes. Dieser Urdeutsche Drang, alles Verwalten, Planen und Steuern zu müssen und die damit einhergehende Vernichtung von Kreativität und Freude am Lernen dürfte ebenfalls erheblichen Schaden anrichten.

Denken wir uns nun noch das Verhältnis zwischen 1/10 - 1/5 motivierte Lehrer an den öffentlichen Schulen dazu, dann können wir uns Denken, warum der Unterricht die Qualität hat, die er hat.

In diesem Umfeld gedeihen dann private Schulen, die sich ihre Lehrer aussuchen und die den "angenehmen" Effekt haben, dass Problemfamilien ihren Kindern den Zugang gar nicht bezahlen können.

Bin gespannt, wann wir in Deutschland den ersten Amoklauf von Lehrerseite zu bestaunen haben.

mklingma 05.09.2009 | 00:30

Meinen Dank an Bildungswirt für die Einrichtung dieses Bildungsblogs und für den anregenden Impuls-Aufsatz zum Bild des guten Lehrers. Das Thema beschäftigt mich, wie ich an anderer Stelle schon gesagt habe, da ich selbst als Lehrer am Gymnasium tätig bin.
Ich finde es gut, vom Bild des Lehrers auszugehen, denn im alltäglichen Unterricht und damit in der Begegnung von Lehrern und Schülern konstituiert sich Schule. Ich möchte nun versuchen das Bild des Lehrers, um einen weiteren Aspekt zu erweitern. Ich gehe dabei weniger von pädagogischen Forschungsergebnissen aus als von Erfahrungen und meiner Auseinandersetzung damit.
Wenn wir also das Bild des guten Lehrers in etwa in der Weise ausgestalten wollen, wie es von Bildungswirt vorgestellt und von Chryselers, Columbus und anderen ergänzt worden ist, dann fehlt mir dabei aber immer noch ein zentraler Aspekt. Das hat zu tun mit der emotionalen Zuwendung des Lehrers zu seinen Schülern. Die damit verbundene Forderung nach Einfühlungsvermögen auf Seiten des Lehrers, weist erstaunlich viele Fallstricke auf, und diese hängen mit den widersprüchlichen Rollen zusammen, die an den Lehrer / die Lehrerin herangetragen werden.

Wenn in Klassenkonferenzen bzw. Notenkonferenzen über schwache Schüler gesprochen wird, und es wird gesagt, diese seien dumm oder faul, so könnte man solche pauschalen Urteile auf einen offenkundigen Mangel an Einfühlungsvermögen bzw. der Bereitschaft dazu zurückführen; allerdings sind solche Dispositionen auf Seiten der Lehrkräfte natürlich nicht die Ursache im Sinne individueller Charakterdeformationen, sonst wären sie wohl weniger weit verbreitet.
Beispiel: Eine sechste Klasse schreibt eine Arbeit, der Schnitt liegt unterhalb von ausreichend und der verantwortliche Lehrer äußert sich gegenüber der Klassenlehrerin, die Klasse könne einfach nichts.

Hier geht es offensichtlich um die Unfähigkeit, sich mit Ursachen für schlechte Leistungen produktiv auseinander zu setzen und man könnte nun achselzuckend konstatieren: Keine guten Lehrer, dabei sollte man sich aber darüber im Klaren sein, dass man damit demselben Verhaltensmuster folgt, Schuld in Form von Zuschreibung negativer Eigenschaften zuzuweisen.
Ich möchte auf ein Dilemma hinweisen in dem sich an unseren staatlichen Schulen alle, auch die „guten Lehrer“ zwangsläufig befinden und mit dem sie, wenn überhaupt, nur dann einigermaßen souverän umgehen können, wenn sie sich dessen voll bewusst sind.
1.Lehrer sollen Schülern nicht nur etwas beibringen, sie sollen sie für einen Stoff interessieren, sollen ihre Kreativität wecken und fördern.
2.Lehrer vergeben Zertifikate und aus denen setzen sich Versetzungs- und Abschlusszeugnisse zusammen.
In der ersten Rolle des Förderers ist Empathie notwendig und gefragt; in der zweiten richtenden Rolle des Beurteilenden Sachlichkeit und Objektivität.
Daraus ergeben sich reale Widersprüche: Wenn ein Schüler in Kernfächern wie Sprachen oder Mathematik, elementare Anforderungen nicht erfüllt, so kann er auch im Gymnasium in den unteren Klassen eine Lese-Rechtschreib-Schwäche (L-R-S) oder eine Dyskalkulie (Rechenschwäche) bescheinigt bekommen. Unabhängig davon ist vorgesehen, dass ihm die Arbeiten (Diktate, Klausuren) so wie jedem anderen vorgelegt werden und seine Leistungen werden dann – abhängig von den jeweiligen Bundesländern – unterschiedlich gewichtet. SchülerInnen, die aus Gründen ihrer mentalen Organisation (s.o.) oder aufgrund anderer Ursachen den Anschluss in einem Fach nicht halten, werden in jeder Klassenarbeit und bei jedem Test mit ihrem Versagen konfontiert und Lehrer, die sich nach den Regeln richten, sehen sich außerstande ihnen diese völlig kontraproduktive nervtötende Erfahrung zu ersparen – z. B. durch individuell angepasste Arbeiten, durch angepasste Hilfestellungen (Abschreiben statt Diktat).

Diese Widersprüche betreffen aber nicht nur die lernschwachen Schüler, sondern man sich auf den Standpunkt stellen, dass Klausuren grundsätzlich, das Lernen eher behindern. Dafür lassen sich viele Argumente anführen, z.B. dass Fehler nicht zeitnah richtig gestellt werden können.

Nachdem ich diese Problematik angedeutet habe, möchte ich also hier auch die These in den Raum stellen, dass diese Zwiespalt in der Lehrerrolle zwischen Helfer und Richter mit dafür verantwortlich ist, dass es LehrerInnen schwer fällt, SchülerInnen mitfühlend und einfühlsam zu begenen, ein menschliches Interesse an ihnen zum Ausdruck zu bringen. Sie ziehen sich auf die Rolle eines Stoffvermittlers zurück, gleichzeitig sehen sie sich jederzeit in der Rolle des Fordernden, die Schüler wiederum erleben sich als unter äußerem Druck zum Lernen gezwungen, womit die Bedingungen für ein produktives Lernklima – für innere Motivation auf Seiten der Schüler dramatisch verschlechtert werden. Statt aufgefangen und mitgenommen zu werden, machen Schüler die Erfahrung, für ihr „Versagen“ verantwortlich gemacht und im schlimmsten Fall verspottet zu werden. Lehrer wiederum fühlen sich nicht selten persönlich angegriffen, wenn Schüler ihnen selbst und ihrem Stoffvermittlungsangebot mit Desinteresse und offen gezeigter Ablehnung begegenen.

Aus diesem Zwiespalt gibt es keinen leichten Ausweg. Freie Schulen, Walldorf-, Montessorischulen und andere zeigen vielfach Alternativen und es ist eine denkbare Möglichkeit, diese Diskussion öffentlich zu führen und gleichzeitig die freien Schulen zu stärken, um Druck auf das staatliche Schulwesen auszuüben, sein kontraproduktives Lernszenario zu überprüfen.

Natürlich haben Lehrer die Möglichkeit, ein solches widersprüchlichen Rollenkonzept individuell aufzulösen. Lehrer können sich erstaunlich viele Freiheiten nehmen, nicht nur im negativen Sinne. Allerdings ist das Verlangen nach Scheinobjektivität, wie es sich in unserem nicht nur schulischen Pfüfungs(un)wesen widerspiegelt, Ausdruck des kulturellen Niveaus, auf dem sich unsere Gesellschaft befindet, dessen sollte man sich auch bewusst sein.

Bildungswirt 05.09.2009 | 19:33

Och, der olle Herbart, sieh mal an. Wie du sicher gemerkt hast, habe ich mich mit Namen von sog. großen Pädagogen und Links aufs Textmeer der Pädagogik/Didaktik extrem zurückgehalten. Das hat was mit der Darstellung (vgl. "Anspruch" in der Vorbemerkung)und der Öffnung der Diskussion für alle zu tun, eben keine Expertokratie.

Du bleibst mir zu stark im Nebel. Konkret, Butter bei die Fisch - was passt nicht an den 10 Prüfsteinen? "Lesbarkeit der Welt" (schönen Gruß von B.)
Gruß MM

Bildungswirt 05.09.2009 | 19:56

Lieber Thyara,
"ich hatte in meiner Schullaufbahn das Glück ein paar wirklich gute Lehrer dabei zu haben." Klar, die gibts und hat es immer gegeben. Lehrer sind zentrale Sozialisationsinstanzen. Wir brauchen jedoch deutlich mehr davon.

"Sie hatten immer den einen oder anderen Spruch auf Lager und auch mal 5 Minuten mit den Schülern herumgealbert, anstatt hart auf dem Unterrichtsthema zu beharren." Muss sein.Deshalb ist der Einstieg in meinen Artikel bewusst so gewählt:
Der gute Lehrer beherrscht mehrere professionelle Rollen: Er ist immer mal wieder Moderator und Entertainer, der angenehme Atmosphären schafft. Einfaches Kriterium: Wenn es in einem Unterricht über längere Zeit nichts zu lachen gibt, läuft etwas total falsch! Die dicke Luft ist dann buchstäblich zu riechen. Vergessen wird in der Schule all zu oft: Der Mensch ist ein emotionales und lachendes Wesen und kein kognitiver Maschinenkrüppel.
Gruß BW

Bildungswirt 05.09.2009 | 19:59

@alle
Mehrere Diskutanten haben längere Argumentations-Kommentare geschrieben. Da dauern die Antworten noch, da ich mich auch noch an anderen Debatten innerhalb und ausserhalb des Freitag beteilige. Antworten gibts aber. Sollte ich mal etwas vergessen, einfach erinnern.
Schön wäre es aber auch, wenn auf lange Argumentationen andere direkt einsteigen würden. Die Community kann das. Auf geht's.

Chryselers 05.09.2009 | 22:43

@BW: Ach, wenn wir wollen, dass der Schüler nach der Unterrichtseinheit schlauer sein soll als vorher und das auch noch aussprechen und anwenden können soll, dann sind wir alle Herbart. Das mehr oder minder geordnete Vorwissen des Schülers, die Klarheit des Systems, das der Schüler kennenlernen soll, und mit dem er Anschluss findet an das, was in der Gesellschaft dazu gesagt wird. Ein früher Gedanke an Standards. Das kann man bei ihm vielleicht lernen, schon damit keiner auf den Gedanke kommt, Standards oder SchulTÜVs seien reformpädagogisch.

Ich frag ja nur nach einfachen Dingen. Ich finde zB nicht in den Thesen, dass ein guter Lehrer den Gegenstand, der dran ist, auf eine zeitliche Schiene setzen kann, dass er den Unterricht deshalb in Schritte gliedern kann, dass er gut erklären kann, dass er bei einiger Erfahrung weiß, an welcher Stelle eine Irritation, ein Verständnisknoten auftritt, dass er ihn so inszenieren kann, dass dieser erstens gemerkt, zweitens aufgelöst wird. Und dass er zeigen kann, wie über eine Sache so gesprochen wird, dass die Schüler anschlussfähig außerhalb der Welt mitreden kann.

Es sind diese grundlegenden Dinge, die ich in den 10 Punkten vermisse. Nein, das ist falsch, in Punkt 3 etwa ist sowas drin, aber das alles wird nicht aus den Elementen von Unterricht abgeleitet, die erscheinen vielmehr als etwas, das eigentlich nicht sein soll, da ist eine Entschuldigung im Subtext, aber man kann das auch anderes händeln, mit etwas Sorgfalt und etwas Show, wird versprochen. (=Die "Sprüche" hier in einem Beitrag: Unterricht ist, wofür man sich entschuldigen muss, was deshalb bunt einzupacken ist.)

Man kann das alles akzeptieren, was da steht, aber es fehlt das Fundament: Was ist denn Unterricht an sich und überhaupt? Und was ist da die Aufgabe des Lehrer an sich und überhaupt, die des Schülers, und wie ist der Gegenstand in verschieden anschlussfähiges Wissen etc. zu transformieren? Erst darin eingeordnet haben diese Ansagen ihren Platz.

Und was die Häupter der pädagogischen Wissenschaften angeht und das NameDropping: Es gibt in Sachen Schule zig Öffentlichkeiten, es wäre gut, wenn die einen wüssten, dass es die anderen auch gibt und sie, wenn sie denn was sagen wollen, was die anderen mitbekommen sollen, sie deren andere Muster schon mal so im Umriss kennen. Dann kann man in mehreren Öffentlichkeiten auftreten.

Ein bestimmter Journalist hier etwa, der kann das nicht. Und das versaut alles.

HL

Bildungswirt 05.09.2009 | 23:42

Lieber Chryselers,
wollte für heute SChluss machen, da kommt noch dein jüngster Kommentar rein. Da du sehr viel reinpackst, heute eine erste Antwort,morgen gehts weiter.

Vorab an alle: Chryselers fragte : "wie und mit welchem Resultat ein methodisch so bestimmter Unterricht den Schülern und -innen die Welt lesbar macht."
Daraufhin mein Insider - "Lesbarkeit der Welt, schönen Gruß von B."
Damit keine Mißverständnisse aufkommen, gemeint war nicht Bert Brecht, sondern Hans Blumenberg, Die Lesbarkeit der Welt. Ein wunderbares Buch, empfehle ich Pädagogen wie philosophisch Interessierten.Blumenberg war ein sehr kluger Zeitgenosse bei dem auch ein großer Schuss Weisheit durchscheint,bis heute und noch in 30 Jahren.
Lesbarkeit der Welt kann man gerade nicht auf Methodisches zurückführen, das bedarf neuer Lernkulturen und Schulkulturen, die erkämpft werden müssen (oder sie gibt es nicht).

"Hans Blumenberg ist in seinem berühmten Buch "Die Lesbarkeit der Welt" ja nicht an der offenkundigen Lesbarkeit von Texten interessiert, sondern vorzugsweise an der Lesbarkeit all dessen, was gerade nicht Text im engeren Sinne ist. Blumenberg ist interessiert an der restlichen Welt, an dem Welt-Teil, der unendlich viel größer ist als die unmittelbar als Text präsente Welt. Das "Buch der Welt" interessiert ihn als taugliche Metapher."
Toller Aufsatz zur Thematik von Bernd Scheffer
www.medienobservationen.lmu.de/artikel/kunst/lesbarkeit.html

"Und was die Häupter der pädagogischen Wissenschaften angeht und das NameDropping: Es gibt in Sachen Schule zig Öffentlichkeiten, es wäre gut, wenn die einen wüssten, dass es die anderen auch gibt und sie, wenn sie denn was sagen wollen, was die anderen mitbekommen sollen, sie deren andere Muster schon mal so im Umriss kennen. Dann kann man in mehreren Öffentlichkeiten auftreten."
Zustimmung. Ein Grund, warum ich gar nicht gern pädagogische Literatur empfehle, da das meist dürftige Kost ist, zum Teil so naiv, dass man erschrickt, zum Teil solch ein Methodenkasperle, was die SChüler nur raffinierter an der Nas' herumführt...(Gäbe es viel zu sagen)
Dazu die Literatur um PISA, TIMSS, Bildungsstandards KMK - das ernährt vor allem die Verfasser, erzeugt neue Gutachten und Forschungsaufträge, erzeugt ein Scheinbeweglichkeit und eine Überhöhung von empirischer Unterrichtsforschung.(Bertelsmann spielt hier eine Vorreiterrolle, von der SPD in NRW Mitte der 90er Jahre angeheuert) An den Schulen kommt bisher wenig an.Vielleicht gut so? Bisher viel Gerede in Fachzeitschriften, pädagogischen Kongressen/Fachtagungen/Parteinahen Veranstaltungen - man ist unter sich.(In späteren Blog-Beiträgen werde ich darauf eingehen)
Viele "Bildungsjournalisten" fallen darauf rein, schreiben die Presserklärungen etwas um, dazu etwas Petersilie, je nach politischer Medienausrichtung.Das wars, mehr können oder auch dürfen sie nicht.

"Ein bestimmter Journalist hier etwa, der kann das nicht. Und das versaut alles."
Du meinst Christian Füller.
Lieber Chyselers, ich schätze dich sehr als Diskussionspartner, doch das ist unfair, der Sache abträglich.VErgleiche seine vielen Artikel mal mit der FAZ oder der FR.
Er versaut alles? Die Community trägt ihren Teil bei. Doch noch ist nichts verloren, allerdings brauchen wir ein Minenabräumdienst.
Soweit, bis morgen
Gruß BW

mklingma 06.09.2009 | 13:19

Chryselers fragte am 05.09.: „Was ist denn Unterricht an sich und überhaupt? Und was ist da die Aufgabe des Lehrer an sich und überhaupt, die des Schülers, und wie ist der Gegenstand in verschieden anschlussfähiges Wissen etc. zu transformieren?“
Ich möchte auch auf diese Fragestellung eingehen, weil auch ich in Bildungswirts Vision des 'guten Lehrers' ein explizites Eingehen auf diese Fragen vermisse.

Guter (!) Unterricht aus meiner Sicht:
1.Guter Unterricht lässt SchülerInnen erfahren, dass ihr Wissen, ihre Kompetenzen, ihr Wahrnehmungsvermögen sich erweitern.
2.Guter Unterricht erweitert die Autonomie der Lernenden.
3.In gutem Unterricht wechseln die Rollen die Lehrenden und Lernenden beständig bzw. sie sind definitionsgemäß nicht festgelegt.
4.Guter Unterricht stellt ein Angebot dar keine Verpflichtung, denn Lernen funktioniert nur aus freiem Willen.

Was ist die Aufgabe des Lehrers dabei?
1.Er oder sie sollte wissen, dass er eine Rolle in einem sozialen Gefüge übernimmt. Er sollte in der Lage sein, die Rolle des Lehrenden und des Lernenden auszufüllen. Er sollte sich nicht zu 100 Prozent mit einer bestimmten Rolle identifizieren und er sollte damit auch eine gewisse innere Distanz zu seiner Rolle wahren. (Das sollte ihn nicht daran hindern, den SchülerInnen seine volle Zuwendung zu schenken.)
2.Er oder sie sollte selbst dem Fach, dem Thema, dem Feld von Wissen, Wahrnehmungsweisen und Fertigkeiten, das er vertritt, innerlich zugewandt sein, um es glaubwürdig vertreten zu können.
3.Er oder sie sollte intuitiv und kognitiv, sinnvollerweise auf der Basis einer pädagogischen und psychologischen Ausbildung, eine Vorstellung haben, welchen Entwicklungsgang SchülerInnen durchlaufen, wie sich das Streben nach Autonomie beim Menschen entwickelt und welche Probleme dabei auftreten können. Diese Kenntnisse liefern ihm die Grundlage, um SchülerInnen in geeigneter Weise mit Wissen, Wahrnehmungsweisen und Fertigkeiten vertraut zu machen.
4.Er oder sie sollte vor allem jedem Menschen, unabhängig von seinem Alter, vollen Respekt entgegenbringen.

Was ist die Aufgabe des Schülers / der Schülerin?
Es ist die Aufgabe jedes Menschen, sein Leben zu meistern, damit er seine Autonomie erweitern und Verantwortung übernehmen kann.

Was ist nicht die Aufgabe des Lehrers?
1.Nach jeder Stunde oder jeder Unterrichtseinheit ein Feedback einzuholen (auszuwerten, mit den SchülerInnen zu besprechen und [für den Vorgesetzten ;-))] zu dokumentieren). Einmal im Jahr reicht auch.
2.Alle möglichen und unmöglichen 'Vorgänge' zu dokumentieren. Da konzentriere er sich besser zunächst auf die Arbeit mit den SchülerInnen und dokumentiere, wenn es seine Zeit zulässt, an langen Winterabenden zwischen Weihnachten und Neujahr.
3.Er oder sie muss nicht zwangsläufig den Schwerpunkt auf detaillierte („mehrdimensionale“) Planung aller Eventualitäten legen, sondern er oder sie kann je nach Fertigkeit auch sehr viel Spontaneität in den Unterricht einbringen. Natürlich auf der Basis solider Kenntnisse.

gweberbv 06.09.2009 | 16:43

Was mir bei den 10 Forderungen an den "guten Lehrer" eindeutig zu kurz kommt: Wie überprüft der Lehrer rgelmäßig den Lernfortschritt der Schüler? Wie führt er diese Prüfung in einer für die Schüler möglichst transparenten Art und Weise durch? Und wie reagiert er frühzeitig auf sich abzeichnende Lücken zwischen Gelerntem und Lernziel?

Doch hoffentlich nicht mit der Abschaffung von Klausuren (oder gar allen Lernkontrollen) wie von "mklingma" in die Diskussion eingebracht. Die Sorge vor dem Versagen in einer solchen Lernkontrolle ist meiner bescheidenden Erfahrung nach - zumindest im Fall von gut erzogenen Vorstadtgymnasiasten - das effektivste Motivationsinstrument für den (in der Regel großen) Teil der Klasse, der sich mit dem aktuellen Lehrstoff nicht aus eigenem Interesse intensiv befasst.

In meiner Schule (Abschluß 2001) war die mangelnde Fähigkeit bzw. Motivation der Lehrer, gegenüber den Schülern klar definierte Lernziele einerseits zu kommunizieren sowie diese später auch zu überprüfen und einzufordern, der Hauptgrund für den dürftigen Lernerfolg des desinteressierten Teils der Schüler (und nahezu jeder Schüler ist zumindest in einigen Fächern nicht am Stoff interessiert).

Chryselers 06.09.2009 | 19:35

@mklingma: Nun bin ich in einer Zwickmühle, ich kann hier schlecht so eine ganze Theorie von Unterricht hinpacken, da bräuchte man schon ein paar Seiten zu, vielleicht gar mehr, andererseits kann ich nun natürlich auch nicht nichts sagen;-))

Ich setze einen Link hin: www.sowi-onlinejournal.de/2004-1/index.html. Dort insbesondere der Text von Berg, auch die anderen Aufsätze.

Vielleicht geht das für den Anfang, aber meinetwegen auch mehr;-))

HL

Bildungswirt 06.09.2009 | 20:29

Ist in den Prüfsteinen 2 und 9 angelegt. Der Fokus dieser veränderten Lernkultur liegt jedoch nicht auf Kontrolle im Sinne von Selektion.
(Schule hat objektiv Selektionsfunktion, vgl. viergliedriges Schulsystem, Kontrollen , Prüfungen. Wer auf neue Lernkulturen setzt, hinterfragt gleichzeitig diese Funktion und setzt im Schwerpunkt auf Integration. Daher meine bildungspolitisch zugespitzte Position: "Das Gymnasium ist die moderne Volksschule.Wir brauchen eine 75%ige Abiturientenquote bis 2020."

Unabhängig davon sind Klausuren/Klassenarbeiten/Vergleichsarbeiten schulrechtlich vorgeschrieben. Da führt kein Weg vorbei. Je souveräner Schüler damit umgehen lernen, um so besser. Wer die Prüfungsrituale durchschaut, hat keine Angst vor Tests.Er entwickelt sogar eine raffinierte Taktik, wie das alles bewerkstelligt wird. Dabei sollte der Lehrer den Schülern helfen, z.B. dadurch, dass er Schülern Aufgabentypen erklärt, um Prüfungen zu antizipieren.
Weiterhin gibt es zentrale Prüfungen wie das Landesabitur in den einzelnen Bundesländern (in 15 von 16 Ländern)
Prüfungen klar - aber "voll im Griff", wird nebenbei erledigt.
Gruß BW

Bildungswirt 06.09.2009 | 20:40

Danke für deinen ausführlichen Kommentar, wir hatten , soweit ich sehe, noch nicht miteinander diskutiert.
Du schreibst:"Das hat zu tun mit der emotionalen Zuwendung des Lehrers zu seinen Schülern. Die damit verbundene Forderung nach Einfühlungsvermögen auf Seiten des Lehrers, weist erstaunlich viele Fallstricke auf, und diese hängen mit den widersprüchlichen Rollen zusammen, die an den Lehrer / die Lehrerin herangetragen werden."
Volle Zustimmung. Der Lehrer kann selbstverständlich nicht alle von mir angeführten Rollen gleich professionell beherrschen und sichtbar machen.DA muss jeder seinen Weg finden. Dennoch, nur Fachexperte sein, ist definitiv zu wenig.Schule ist immer auch eine emotionale Veranstaltung, vgl. auch Prüfstein 6.
Paradoxien werden vom Lehrerprofi(ich nenne ihn gern auch Meister der Pädagogoik)durchschaut und gehändelt. Noten als objektives Selektionsinstrument können ganz unterschiedlich gehändelt werden. DA haben die Lehrer viel größere Spielräume, als sie oft selbst wahrnehmen. (Zur Selbstrefelxion des Lehrers gibt es demnächst einen eigenständigen Beitrag in Korrespondenz mit diesem).
Gruß BW

Bildungswirt 06.09.2009 | 21:14

@chrysekers
Fortsetzung von gestern
Vorweg: Die schriftliche Form in so kleinen Asthmakommentaren ist der mündlichen hoffnungslos unterlegen, umständlich.Wir sollten uns mal treffen. Trotzdem will ich es versuchen.
"Ein früher Gedanke an Standards. Das kann man bei ihm vielleicht lernen, schon damit keiner auf den Gedanke kommt, Standards oder SchulTÜVs seien reformpädagogisch."
Klar den"Standard"-Gedanken gabs immer schon. Was soll, muss die nächste Generation lernen und wie? 2500jährige Bildungs-Schul-und Leidgeschichten. Schul-TÜV wird überschätzt, in seinem Aussagewert sehr begrenzt. Ich verweise darauf, dass Finnland ihn wieder abgeschafft hat. Deutsche Bildungspoltiker wollen sich gern an einem Strohhalm der Kontrolle und Transparenz (dazu braucht man viele Berichte, Daten, Tabellen...) festhalten.Das wird ihnen über ganz verschiedene Gutachten auch von betimmten Wissenschaftlern ständig gepredigt. Manchmal hilfts aber auch der Einzelschule mehr Klarheit über ihre Arbeit zu bekommen, so zumindest einige Aussagen aus der Praxis. Aufwand und Ertrag - um es mal böse betreibswirtschaftlich zu sagen - stimmen nicht.Mit Reformpädagogik hat das wenig zu tun.Auch gibt es DIE Reformpädagogik nicht. Aber Montessori z.B. wäre niemals auf Schul-TÜV gekommen.

"Ich frag ja nur nach einfachen Dingen. Ich finde zB nicht in den Thesen, dass ein guter Lehrer den Gegenstand, der dran ist, auf eine zeitliche Schiene setzen kann, dass er den Unterricht deshalb in Schritte gliedern kann, dass er gut erklären kann, dass er bei einiger Erfahrung weiß, an welcher Stelle eine Irritation, ein Verständnisknoten auftritt, dass er ihn so inszenieren kann, dass dieser erstens gemerkt, zweitens aufgelöst wird."
Chryselers, ich bitte dich, das ist doch drin. Der von mir beschriebene gute Lehrer ist doch keine Nachtkappe.Du solltest die 10 Punkte als ein Ganzes lesen.(Abgesehen davon, habe ich nichts gegen eine Erweiterung, falls du meinst, etwas wäre nicht drin. Mir ging es darum, guten Unterricht auf EINER Seite zu fixieren und die ZENTRALE Stellung des Lehrers zu betonen.

"Und dass er zeigen kann, wie über eine Sache so gesprochen wird, dass die Schüler anschlussfähig außerhalb der Welt mitreden kann."
Ausserhalb der Welt? Meinst du Schulwelt? Anschlussfähigkeit, ein typisch postmoderner oder rhizomatischer Begriff, da rennst du bei mir offene Türen ein.

"Es sind diese grundlegenden Dinge, die ich in den 10 Punkten vermisse. Nein, das ist falsch, in Punkt 3 etwa ist sowas drin, aber das alles wird nicht aus den Elementen von Unterricht abgeleitet,"
Nicht nur in Punkt 3, vgl. das Ganze.
"Aus den Elementen des Unterrichts abgeleitet".
Was meinst du: Ich, Du, Wir, Lerngegenstand, Bezugsrahmen. 25 Beobachtersysteme beobachten sich wechselseitig und basteln an ihrer Wahrnehmung?

Die bei dir immer mitschwingende "Lehrkunst"(u.a. Verweise auf Berg, deinen Doktorvater, selbstverständlich auch Comenius bis zurück zum alten Sokrates, nicht zu vergessen Isokrates...)alles okay, große Sympathie. Nur aufpassen, dass der Lehrer nicht als Allwissender dargestellt wird, wie das schon bei Sokrates nervt.
(Merke, dass wir hier doch in einen Expertendiskurs abrutschen, naja, manchmal muss es eben sein)
Gruß BW

Bildungswirt 06.09.2009 | 21:46

Lieber Christoph,
bei fast allen Punkten, die du zur Empirie (feststellen, was ist, den Menschen in seiner "Unzulänglichkeit" erkennen ..) stimme ich zu als auch bei politischen Sachverhalten wie: Unterfinanzierung von Bildung, enorme soziale Segregation. Änderungen im großen Stil sind hier eine Machtfrage. Einflussreiche Lobbyisten haben ein Interesse daran, dass alles so bleibt.In gekonnter Sonntagsrhetorik wird allerdings immer Verständnis für die beschriebenen Probleme gezeigt.
Einige Einzelpunkte:
G8-Debatte. Hier sind die Politiker einem europäischen Trend gefolgt der SChulzeitverkürzung vorsieht. Sie haben es jedoch versäumt, u.a. gravierend die Stoffmengen zu reduzieren und Leistungsdruck, verbunden mit Kontrollwahn herauszunehmen.

"Lehrer können, jedenfalls die große Mehrheit, so wenig wie ich oder viele andere Menschen, mehrere Berufsrollen und Rollenverständnisse nebeneinander und miteinander professionell ausfüllen."
Wir brauchen die besten Köpfe in der Schule. Da liegt viel Potenzial brach.Um mehrere Rollen professionell zu beherrschen braucht es Zeit, viel Zeit - eine reine Meisterschaft. Mit dem Referandariat ist das nicht getan, Das ist in etwa die Gesellenprüfung.
Wer den Lehrerberuf nur als "Halbtagsjob" ansieht, der als Drittwahl ergriffen hat, ist fehl am Platz. Finnland ist in Fragen der Lehrerauswahl und Eignung deutlich weiter. Die Lehrerfortbildung führt ein kümmeröliches Dasein.
Ernstes Problem:Wie hilft man jungen Leuten bei der Studienwahl?

"Ein Physiklehrer oder Musiklehrer, der sich fachlich nicht kompetent fühlen kann, der muss schon so viel seiner geistigen Energie dafür aufbrauchen, dies nicht allzu sichtbar werden zu lassen."
Das ist hier weniger ein fachliches Problem, sondern ein didaktisches. Selbstverständlich auch eine Frage der Lehrerpersönlichkeit. Wer nicht für Physik oder Musik (deine Beispiele, gilt aber grundsätzlich) nicht begeistern kann - sollte sich ernsthaft die Frage nach einen Berufswechsel stellen.Zeigt er den Willen zur Einstellungsänderung im Sinne einer ungeschminkten Selbstreflexion, ist ihm mehrdimensional (vgl. Prüfsteine) systematisch zu helfen.
Gruß BW

Gruß BW

Bildungswirt 06.09.2009 | 21:53

"Das kann schonmal ein, nicht nur psychisch, brutaler Job sein.
Da werden Lehrern oft zu wenige Mittel an die Hand gegeben, siech einer veränderten Situation anzupassen." Stimmt!
Weniger ist oft mehr, soll meinen: lieber 15 gute Unterrichtsstunden als 30 mittelmäßige und schlechte.
Der "Service" (Unterrichtsmaterialien, Unterrichtseinheiten, Tipps, Beratung) für junge Kollegen, die neu an eine SChule kommen, ist i.d.R.unter aller Sau. Hauptsächlich ein Versäumnis der Schulbürokratie, da zu oft nur Elend verwaltet wird. Hauptssache der Stundenplan ist irgendwie abgedeckt. Für wichtige Kooperationen und Zusatzleistungen ist keine Zeit und kaum Geld vorgesehen.
Gruß BW

Bildungswirt 06.09.2009 | 22:15

Das Megathema kann ich hier nicht in ein paar Kurzkommentaren abhandeln. Ich sehe bei uns mehr Gemeinsames als Trennendes.
Wenn du die Rolle des "Lern-Regisseurs" ins Spiel bringst, gut, warum nicht. Solange du akzeptierst, dass die Schauspieler nicht nach der Pfeife tanzen, gut. Du kanst dur aber nicht einfach den"Moderator" herausgreifen (siehe andere Rollen) und dann sagen: zu wenig.

"Da stimmt was in der Formulierung nicht, denn "neue Lernkulturen" können ja gar nicht gemeint sein, denn die finden Lehrer und Schüler in einer bestimmten Schule in einem bestimmten Fach immer schon vor und können sie begrenzt variieren. Gemeint sind wohl "Lernsituationen", die der Lehrer neu finden soll, Lernsituationen für Schüler, die aus sich heraus so anregend sind, dass der Lehrer meist daneben stehen kann, ab und zu gefragt wird, kurz Auskunft gibt, und dann zum nächsten Tisch geht. Der Lehrer zieht die Schüler nicht mehr quer durch den Stoff, gar gegen deren Willen."
Wenn der Lehrer so von Tisch zu Tisch zieht, hängt das immer von der konkreten Situation ab. Kann befruchtend wirken, aber öfter auch mal hemmend. Vielleicht sollte er mal den Raum verlassen und einen Kaffee trinken. Vieles klappt auch ohne ihn als "Regisseur", wenn er eben eine neue Lernkultur praktiziert.
Die Hierarchie wäre: neue Schulkultur, Lernkultur, Lernsituation. Leider kann durch starre Schulorganisation und Kleinklein von Schulleitung hier viel torpediert werden.

"Es bedarf langer Einübung und kann im Massenberuf Lehrer das Hineinwachsen in den Beruf fördern. Das Ziel kann bei bis zu 30 Stunden Unterricht in der Woche dann aber nicht das gekonnte Kunstwerk in jeder Stunde sein, sondern vielmehr die Routine "So läuft das ordentlich". Nicht Dauer-Reflexion, sondern Entlastung wäre die Aufgabe des Handwerks."

Langer Weg bis zu Meisterschaft, völlig deiner Meinung, auch kann man nicht andauernd nur gute, tolle Stunden halten/organisieren/initiieren...
Deshalb heißt es bei mir auch professionelle Rollen, da ist der Routinebegriff immanent, also auch eine bestimmte Entlastung durch Rituale und habitelle Einstellungen.
Vgl. meinen Text: "Meisterschaft im komplexen pädagogischen Feld zu erringen, ist ein langwieriger Prozess der Selbstdisziplin und Selbstreflexion. Der gute Lehrer ist zu 40 % Spezialist und zu 60 % Generalist."

Übrigens: Bei den 10 Prüfsteinen handelt es sich nicht, wie einige Diskutanten annehmen, um nur Forderungen oder Visionäres, sondern diese beruhen auf langjährige Erfahrungen und Experimente.
Gruß BW

Chryselers 06.09.2009 | 23:30

@BW: Ich nehme nur das mit dem Lehrer, ich habe da ja gar nichts gegen, was Du schreibst, mir gefällt der Gestus nur nicht. Es ist der von Entschuldigung an ein imaginäres Publikum - sorry, eigentlich wissen wir, wie es geht, aber da ist uns was dazwischen gekommen - und des Versprechens - wir werden uns bessern, denn wir wissen ja, wie das geht, was wir besser machen müssen.

Und das mag ja auch alles stimmen und die Forscher des Guten Unterrichts, von Hilbert M. bis xyz, mögen zustimmen: Nur ist er dadurch nicht da. Aber ihn zu machen, das ist die Aufgabe. Und das geht nur konkret.

Und an der Stelle klingt natürlich das durch, was ich in den letzten 10 Jahren gemacht habe. Da bin zu der Meinung gekommen, dass hier das Handwerk, die Kunst konkret entwickelt werden muss. 5 Lehrer machen 5 Jahre lang eine Unterrichtseinheit zum GG für die Sek1. Der eine so und der andere so, sie schauen, wie es die (Gießener) Großmeister des Faches gemacht haben, sie schreiben es auf, sie geben es zum Nachmachen und Verbessern weiter, Rezension und Gespräch. Diese Öffentlichkeit zum Unterricht, viele kleine Öffentlichkeiten, fehlt völlig, es gibt noch nicht mal eine Kultur des Nachmachens. (Da müsste man vielmehr gleich sagen, "kritisches" Nachmachen, als ob es nicht reichte, wenn ein Anfänger mit dem Verstand eines Lerners kopieren kann.)

Dann kann alles, was Du geschrieben hast, als Checkliste dazu kommen, solange nur zugelassen ist, dass der Unterricht die Checkliste kritisiert, dass die Checkliste anschließend umgeschrieben wird.

Aber dieser Weg ist natürlich lang und teuer, da kommt nichts bei raus, mit dem man schnell Eindruck machen kann, obwohl, wenn man sowas gleich nach dem ersten PISA gemacht hätte, man hätte heute schon viel in der Hand, sehr viel, das konkret ändern könnte, samt natürlich vielen Irrläufern, aber das ist unvermeidlich.

Elemente des Unterrichts: Zuerst das Didaktische Dreieck Lehrer-Gegenstand-Schüler/Schüler-Gegenstand-Lehrer/Gegenstand-Schüler-Lehrer und wie immer man es halten mag, dann seine Artikulationsformen, auch die Reformpädagogen hatten sie, dann viele Elemente wie Einstieg, Gespräch, Ergebnis(-sicherung). Prange macht damit den Grundriss des Hauses. Und dann kann eingerichtet werden, auch eine Wand umgesetzt werden. Aber wie man es heut oft liest, und Dein Text ist davon nicht frei, kommt erst die Einrichtung und dann der Grundriss und dann ist mancher - nicht Du hier - auch noch besonders tapfer, wenn man in der Theorie eine Wand einreißt und morgen wird trotzdem wieder zigtausendfach frontal in der Klasse gesprochen, weil man anders nun mal einer Gruppe nicht ansagen kann, wie es weiter geht. Und anschließend gibt es keine brauchbare Lehre von der frontalen Rede im Klassenzimmer, wie es zwar eine Lehre vom guten Verkaufsgespräch gibt, aber keine vom guten Erklären des Dreisatz. Kenne ich jedenfalls nicht.

Noch zur Lehrkunst: Sie ist kein Allheilmittel. Sie will erstmal (nur) bestimmte kulturell wesentliche, abgeschlossene, jedoch weiter wirkende menschheitliche Lernereignisse im Klassenzimmer reinszenieren. (Da sieht man schon, dass die Mehrzahl der Unterrichtsstoffe da gar nicht erfasst ist, obwohl ich bei meiner eigenen Arbeit am Schluss überrascht war, wieviel da reinpasst, aber da ist eben nichts mit Eile und großer Geste zu machen.) Da ist der Wissensvorsprung des Lehrers Voraussetzung dafür, dass er die Umwege des Gegenstandes kennt, um auch diese von den Schülern gehen zu lassen, damit sie auf dann selbst geprüften Wegen am Ziel ankommen. Und das alles schön langsam, damit der Schüler seinen Weg reflektiere und selbst, jedenfalls mit Hilfe, seinen Weg finde. Und manchmal nimmt der Lehrer sie mit einem Vortrag bei der Hand, damit sie Übersicht über das Gelände bekommen. Man schaut IRL ja auch auf die Landkarte und lässt sie sich vom Einheimischen erklären.

Zurück zur Entschuldigung und zum Versprechen: Ja, das müssen wir solange machen, solange wir nicht erarbeitete Regeln des "so macht man das" für konkrete Unterrichtseinheiten haben. Und diesen Unterricht.

Und von da noch eine kleine Bemerkung zur modischen SchulleiterSchule: Für solche Unterrichtsentwicklung ist der Fachkollege der anderen Schule der bessere Gesprächspartner, lokale/regionale Lehrerwerkstätten, das scheint mir ein wesentlicher Weg zur Verbesserung von Unterricht zu sein, ein Weg, den man mW in Deutschland kaum geht. Woanders wird das gemacht: www.schulnetz.ch/kantone/thurgau/fobiz/weiterbildung/kurse_05/05_20_101.pdf In der Schweiz gibt es da Nachfrage. zb auch www.kst.ch/pdf/leporello_kst.pdf oder an der PH Bern. Nicht sehr viel, nicht gewaltig, aber mehr wäre auch nicht zu leisten. Während wir in D immer von den Schulleitern hören, ist ja toll, würden wir gerne auch, aber wir müssen jetzt mal selbstverantwortlich dieses und jenes noch zusätzlich machen, zB uns selbst die Lehrer suchen und diese lästigen Einstellungsgespräche führen und Berichte schreiben und und und...

Soviel mal.

(Die Anschlussfähigkeit gehört in die Sache mit der Bildung, das kannte schon Herbart, da hast Du noch nichts gesagt.)

HL

(Meine E-Mail-Adresse findest Du auf meiner Homepage, die Du ja kennst.)

mklingma 07.09.2009 | 01:40

Hallo gweberbv,
ich habe mich nicht für die Abschaffung aller Lernkontrollen ausgesprochen.

@bildungswirt
"Prüfungen klar - aber "voll im Griff", wird nebenbei erledigt."
Prüfungen bitte so lassen, klare Sache, voll im Griff - das finde ich ja nun doch etwas billig.

Die Mehrzahl der Punkte, die hier angesprochen wurden, setzen tiefgreifende Veränderungen einschließlich einer neuen politischen Kompetenzverteilung in unserem Bildungswesen voraus, sobald man ein bisschen darüber nachdenkt, wird das jedem klar sein, aber Prüfungen in derzeitigen Form sollen sakrosankt sein ("Da führt kein Weg vorbei."), denn (!) sie sind, so wie sie nun eben sind, "schulrechtlich vorgesehen".

Die Lehrer sollen den Schülern doch einfach einfach beibringen, wie sie mit heiler Haut durchkommen, das wird antizipiert und erledigt.

mklingma 07.09.2009 | 22:54

Hallo Bildunswirt,
bei nochmaligem Durchdenken komme ich zu dem Schluss, dass mir die Richtung dieser Diskussion nicht zusagt, und es würde mich interessieren, was damit bezweckt werden soll.

Die Unterteilung in den "guten" Lehrer (den "Lehrerprofi" oder "Meister der Pädagogik") und den implizit mitzudenkenden 'schlechten', 'unprofessionellen' 'Hobbylehrer', sowie den 'souveränen' Schüler und den zugehörigen eben nicht souveränen (Kommentare vom 6.9., 18.29 und 18.40) hilft mir kein Stück weiter.

Genau genommen sehe ich solche statischen Zuschreibungen als Mittel an, die ich mir in meiner Lebens- und Unterrichtspraxis abgewöhnen möchte.

Chryselers 07.09.2009 | 23:23

@ BW, noch etwas zur Anschlussfähigkeit von Wissen. Da geht es ja um das, was man Bildung, gar Allgemeinbildung nennt.

In der Demokratie hat das mit dem Staatsbüger zu tun, wir wissen, dass es da reichlich dämliches Volk drunter gibt, dennoch bleibt Anspruch, der Staatsbürger möge mündig sein, also beurteilen können, was geschieht, und begründet sagen können, wie er es denn haben möchte,aber so, dass er angesichts seiner Sicht der menschheitlichen Herausforderungen vor sich und den anderen verantworten kann. Auch wenn er das keineswegs in allen politischen Fragen kann, dazu ist das ja alles zuviel, er soll die Möglichkeit des Zuganges haben. Bildung durch Schule hieße dann, diese Möglichkeit des Zuganges eröffnen, nicht schon den Zugang selbst, das wäre auch zu viel. Dieser Zugang aber nicht an diesem oder jenem geübt, sondern an jenem, das begründet als wesentlich ausgewiesen werden kann, der Lehrer also als auswählender Didaktiker, als jener, dessen diverse Handlungen die Möglichkeit des Zuganges eröffnen.

Wie weit muss das gehen? Ab und zu gebe ich Rechtskunde, da kann das Ziel nicht sein, den Schüler, auch nicht den der Oberstufe, zum Miniaturjuristen auszubilden, ganz klar. Sondern zwei Dinge: Zum einen ein grundlegendes Verständnis dessen, was Recht (nicht) kann, zum anderen soll er einigermaßen gut verstehen können, was im Konfliktfall ein Jurist ihm sagt, das eine hängt mit dem anderen zusammen. Das macht einerseits für den Alltag klüger, andererseits für die Welt und die Wissenschaften von ihr. Dazu besonders geeignet das exemplarische Verfahren.

Wenn Du schreibst "Bildung mündet ein in umfassende Urteilskraft, in sensible Akte der Wahl-Entscheidungen für ein gewolltes Leben.", da ist mir nicht klar, wo denn diese Mündung ist, in der Schule kann sie kaum sein, sie kann in der Schule nur perspektivisch eröffnet werden. Bildung ist ja im Kern Selbstbildung, die Schule hat da vermutlich gar den schwächeren Part im Leben des Individuums, aber doch den strukturierenden: Sie zeigt (in der Vielzahl der über sich hinaus weisenden Beispiele) auf die ganze Welt, vermutlich nicht auf den ganzen Menschen, da bleibt vieles (zu) privat.

Diese Bildung als Bildung der Möglichkeit des Umgangs mit Welt und sich kann nicht in "volkstümlich" und "höher" geteilt werden, die "höhere Bildung" steht auch dem Hauptschüler zu (dieses nicht gesehen zu haben, das ist Heydorns Kritik an der Gesamtschulbewegung), die höheren Schulen dagegen verlieren an Möglichkeiten der Bildung, wenn ihre Arbeit alltagspragmatisch verkürzt wird: Berufsorientierung im Sozialkundeunterricht statt Grundfragen der politischen Philosophie, mit der die anderen Schüler aus den einfacheren Schulen dann schon gar nicht belästigt werden dürfen. Eben das wäre dann Ungleichheit und Unbildung für alle.

Nach Waldrich (Blätter für deutsche und internationale Politik 9/09) ist das bei Bertelsmann völlig anders, er zitiert da aus einem Text der BS:

-----------

Stattdessen solle Bildung „auf Anforderungen und Herausforderungen bezogen werden, die sich dem Individuum in einer bestimmten historischen Situation stellen. Abstrakte Forderungen nach Selbstverwirklichung, idealistischer Individualität, abgelöst von sozialen, ökonomischen, politischen und ökologischen Kontexten sind unzureichend.“ Und: „Bildung wird von uns als sozialpraktischer Begriff verstanden und meint in diesem Sinne die Ausstattung des Individuums mit jenen Kenntnissen, Fähigkeiten, Einsichten und Werthaltungen, die ihm eine personal verantwortbare Bewältigung seiner Lebenssituationen ermöglicht.“ Das „Referenzsystem“, von dem Bildung auszugehen habe, sei die „jeweils existierende Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung.“
-------

Bildung ist, wenn ich freiwillig tue, was von mir verlangt wird.

Hier wird Einstimmung anvisiert, was verlangt wird, wird vom Individuum nicht mehr definiert, sondern wird ihm definiert. Und das sieht am jeweiligen sozialen Platz natürlich anders aus. Mündigkeit wie oben bestimmt ist da gerade nicht das Ziel, wie auch immer man das Neuhumanistische nimmt, in der Satz-für-Satz-Übersetzung von Homer ist heute die Freiheit wohl nicht zu finden, der Anspruch, das Individuum möge angesichts der Welt (und angesichts Gottes oder einer anderen letzten Instanz) sich selbst verantworten, scheint aber demokratisch unverzichtbar.

Zu den Aufgaben des Lehrers gehört es dann: Das im Unterricht vorleben, eine bestimmte ethische Dimension seines Auftretens. Dabei muss es dann auch, gegenwärtig großes Problem, ein Anwalt Gutenbergs sein, gegen Google und das ersurfte Wissen, das keine Ordnung im Schülerkopf schafft. Und dann sind wir bei einem Konflikt zwischen Lehrerziel und Schülererwartung....

Soweit was.

HL

micha74 07.09.2009 | 23:33

Kann dem nur zustimmen. Der gute Lehrer ist kein Phantom. Es gibt ihn (sie)- tausendfach. Der gute Lehrer ist vor allem eins, ein Mensch der mit beiden Beinen im Leben steht und der auch seine Schüler als (Mit)menschen sieht und annimmt. Er muss nicht alles können, aber irgendwas richtig gut.

Naja bin als Ostler eher Makarenkoanhänger (Bevor sich da jetzt wer durchwühlt, und mir den armen Antononowitsch als Stalinisten entlarvt: war nicht so ernst gemeint). Die Theoretiker können zwar alles erklären, aber Schüler begeistert man oder eben nicht.

micha74

Bildungswirt 07.09.2009 | 23:49

Hallo mklingma,
ich habe einfach mal positiv zu bestimmen versucht, was ein guter Lehrer ist ... was passt dir da nicht?
Hast du genau gelesen:
"Einfaches Kriterium: Wenn es in einem Unterricht über längere Zeit nichts zu lachen gibt, läuft etwas total falsch! Die dicke Luft ist dann buchstäblich zu riechen. Vergessen wird in der Schule all zu oft: Der Mensch ist ein emotionales und lachendes Wesen und kein kognitiver Maschinenkrüppel.
Der gute Lehrer ist jedoch kein beliebig vielfältiger Rollenträger, sozusagen der pädagogische Super-Klon, nein, auch er ist ein emotionales Wesen, das sich vorwiegend authentisch zeigt. Schüler haben zudem feine Seismografen für oft peinlich gespielte Rollen. Der „Olymp“ ist die komplexe pädagogische Praxis, ‚Handlungstheorien zwingend notwendige „Niederungen“, nicht umgekehrt."
Schreibt das nur ein Theoretiker?
Gruß BW

mklingma 08.09.2009 | 00:11

Ob du ein Theoretiker bist oder ob du ein Praktiker, kann ich nicht beurteilen, beide können sich so oder so äußern.

Ich habe nur keine Lust, die Lehrerkollegien in gute und schlechte Lehrer zu unterteilen, genauso wenig, wie ich Schüler in gute und schlechte oder souveräne und weniger souveräne unterteilen will.

Natürlich kann ich bei Schülern feststellen, ob sie Lernfortschritte machen, aber deswegen kann ich noch nicht in sie hineinschauen und ich habe Schüler gekannt, die haben den Unterricht auf freundliche Art boykottiert, aber die haben ihr Leben und ihre Familien auf bewundernswert souveräne Weise in den Mittelpunkt gestellt, weil das für sie Priorität hatte. Auch kenne Lehrer, die irgendwann zusammenbrechen und dann nicht mehr lustig und souverän auftreten.

Ich will mich mit allen Beteiligten und das heißt natürlich zunächst einmal im Unterricht, in der Fachabteilung, in der Schule für menschenfreundliche Lebens- und Arbeitsbedingungen einsetzen. Damit solcher Einsatz überhaupt Früchte tragen kann, muss sich schon viel in den Köpfen verändern, aber wenn soundsoviel Prozent meiner Kolleginnen und vielleicht auch mich selbst als nicht so gute Lehrer ansehe, hilft mir das, wie gesagt, wenig.

Bildungswirt 08.09.2009 | 00:18

Was du so zum Bildungsbegriff schreibst, inkl. deiner Beispiele, deckt sich doch weitgehend mit dem, was ich vertrete.Nochmal:
"Würde und Freiheit der Person sind unantastbar; sie sind Fixpunkte der Selbstentfaltung und Partizipation am gesellschaftlichen Leben, auch aller schulischer Anstrengungen. Der Bildungsprozess des Lernenden ist als Dialektik von Fremd- und Selbstbestimmung zu verstehen. Die Herausbildung der Persönlichkeit als Kern des Bildungsprozesses ist somit ein langwieriger, widerständiger Prozess der Aneignung eines komplexen Selbst- und Weltverständnisses.
Bildung zeigt sich daher in einer umsichtigen, weltoffenen und wertsensiblen Haltung mit geschärftem Bewusstsein."
Wäre mir recht, wenn wir meinen Ursprungstext nicht völlig aus den Augen verlören.

"Wenn Du schreibst "Bildung mündet ein in umfassende Urteilskraft, in sensible Akte der Wahl-Entscheidungen für ein gewolltes Leben.", da ist mir nicht klar, wo denn diese Mündung ist, in der Schule kann sie kaum sein, sie kann in der Schule nur perspektivisch eröffnet werden."

Naja, die Schule als Einübungsform für gelebte Demokratie könnte doch einiges mehr leisten.Als Hinweis nur v.Hentig: SChule neu denken, Schule als Polis, mein Vorschlag zum Schluss meines Beitrags "Schülerparlamente" etc. etc. Das hat etwas mit organisierter SChulkultur zu tun.

"...die höheren Schulen dagegen verlieren an Möglichkeiten der Bildung, wenn ihre Arbeit alltagspragmatisch verkürzt wird: Berufsorientierung im Sozialkundeunterricht statt Grundfragen der politischen Philosophie, mit der die anderen Schüler aus den einfacheren Schulen dann schon gar nicht belästigt werden dürfen. Eben das wäre dann Ungleichheit und Unbildung für alle."
Stimme ich im Grundsatz zu. Du kennst dazu meine Position: Das Gymnasium ist die moderne Volksschule, Bildung für alle, 75%ige Abiturientenquote bis 2020 etc. Ich halte es falsch Gymnasium und Gesamtschule gegeneinander auszuspielen. Jede Form von "Zwangsschule" (wie auch immer die Etikette lauten) wird die ideologischen Grabenkriege verstärken.

Soweit für heute, demnächst gibt es einen weiteren pädagogischen Beitrag als Fortsetzung dieses Anfangs, dann gern mal zu KMK und Kultusbürokratie, Gerede um "starke Schulleiter", Lehrerfortbildung (da könntest du doch mal einen Beitrag liefern???!!!)
Gruß BW

Bildungswirt 08.09.2009 | 01:18

"Ich will mich mit allen Beteiligten und das heißt natürlich zunächst einmal im Unterricht, in der Fachabteilung, in der Schule für menschenfreundliche Lebens- und Arbeitsbedingungen einsetzen. Damit solcher Einsatz überhaupt Früchte tragen kann, muss sich schon viel in den Köpfen verändern,"

Volle Zustimmung.Mir geht es nicht um Selektion. Dennoch brauchen wir ein konkretes Bild, was ein guter Lehrer ist bzw. was guter Unterricht ist bzw. sein könnte.
Gruß BW

mklingma 08.09.2009 | 11:47

Hallo bildungswirt
Hast du genau gelesen: "mklingma schrieb am 06.09.2009 um 23:40 Hallo gweberbv,
ich habe mich nicht für die Abschaffung aller Lernkontrollen ausgesprochen."

Natürlich, wenn wir uns einmal darauf einlassen wollen, darüber nachzudenken, dann wäre eine Schule ohne Prüfungen (im herkömmlichen Sinne) sicher ein großer Gewinn. Es ist ja nicht so, dass Prüfungen in der Lage wären, 'objektiv' über irgendetwas Auskunft zu geben, so wie viele sich das vorstellen. Sind ja Zahlen, kann man ja alles ausrechnen, Notendurchschnitte bis auf die soundsovielte Kommastelle, dass die Notenzahlen lediglich Intervalle mit unbestimmbaren Abständen ausdrücken (ABCDEF), ist, glaube ich, den wenigsten klar. Zum Teil können Tests (nicht standardisierte Leistungstests) die Aufgabe von Prüfungen abdecken, Auskunft zu geben über einen Lernerfolg u.s.w.

Trotzdem ist die Abschaffung von Prüfungen Zukunftsmusik und darum geht es mir jetzt nicht. Wichtig ist mir aber, dass wir ein einigermaßen vollständiges Bild entwickeln, und da gehören Prüfungen mit dazu. Und natürlich habe ich als Lehrer heute schon die Möglichkeit, Prüfungen bis zu einem gewissen Grad als etwas Förderliches einzusetzen, und nicht den Charakter der Motivation durch Noten, Disziplinierung und Selektion in den Vordergrund zu stellen.

Wenn wir aber diesen und andere Bereiche ausblenden und wir reden weiterhin nur über Lehrerkunsthandwerk, dann finde ich das überflüssig.
Natürlich ist Lehrerkunsthandwerk etwas Schönes, Blendendes, aber Kunst ist das noch lange nicht. Dafür brauchen wir einen ganzheitlichen Ansatz, ein Menschenbild, das das Individuum ernst nimmt und einen inneren Abstand zu allen Gut-und-Böse-Schemata.

Chryselers 08.09.2009 | 18:02

@BW,

noch eines zum Lernen, mir ist beim nochmaligen Lesen wieder aufgefallen, dass Dein Text eine Vielfalt der Wege beim Lernen fordert, mehrmals gar, aber beim Resultat des Lernens doch äußerst sparsam ist.

Dieses Mal ein anderer Aspekt: Seit der Wende der 50er Jahre zum exemplarischen Lernen gilt die selbstätige Schülerlerntätigkeit als besonderer Ausweis guten Unterrichts. Nur kannten die 50er noch zum exemplarischen Lernen das orientierende Lernen. Dieses orientierende Lernen (und Lehren!) ist der Didaktik schlicht aus dem Blick geraten. Die Orientierung wurde deshalb in Exemplarische reingepackt, die damit überfordert ist. So entstand eine Mischkultur der Unterrichtseinheiten, beides gleichzeitig und deshalb nichts ganz. Ist der Lehrervortrag in der exemplarische Lehre nur eng und genau einzusetzen, so ist die orientierende Lehre allemal lehrerzentriert zu machen, sogar das Stationslernen ist ja eine Weise der lehrerzentrierten Unterrichts.

In der Berufsausbildung hat man es nur kurz mit der exemplarischem Unterricht versucht, hab ich mir sagen lassen, der Geselle muss alles können, die Lücken müssen klein sein und spezielle Vertiefungen können auch hinderlich sein. Also die systematische Lehre.

In der Schule dagegen ist ein "Hier musst Du einen Überblick haben, der muss auch ganz schön detailliert sein, den bringe ich Dir bei" verpönt. Aber weil er sich dennoch immer wieder klammheimlich einschleicht, und das kann als Grund nicht nur die Verstocktheit der Lehrer haben, sondern wohl eher das Bedürfnis nach intellektuellen Landkarten im Kopf, kommen die Formen des Unterrichts nur noch vermantscht vor, gestört.

Was also soll die Arbeit des Lehrers im Kopf des Schülers schaffen? Das Resultat?

Dazu nichts bei Dir.

HL

Bildungswirt 08.09.2009 | 20:31

"Wenn wir aber diesen und andere Bereiche ausblenden und wir reden weiterhin nur über Lehrerkunsthandwerk, dann finde ich das überflüssig."

Wir wollen (zumindest ich) nichts ausblenden, nur etwas sortieren und nicht alles zugleich. SChau dir mal die bisherige Debatte in ihrer Vielschichtigkeit im Freitag an und das ist erst der Anfang.

Ich werde meinerseits noch einmal eng in der pädagogoschen Dimension der Debatte bleiben, dann aber zum engeren Kern der Bildungspolitik übergehen: KMK, Landesprüfungen, Bildungsstandards.

Ansonsten findest du bei mir im Blog eine Fülle von akteullen Beiträgen zum Thema Bildungspolitik.
Gruß BW

Bildungswirt 08.09.2009 | 20:46

@chryselers
"Was also soll die Arbeit des Lehrers im Kopf des Schülers schaffen? Das Resultat?"
Sei mir nicht böse, aber bei dir schwingt mir immer ein großer Schuss "Nürnberger Trichter" mit. Davon halte ich nichts. Ich habe mich explizit nicht gegen einen pointierten Lehrervortrag ausgesprochen (vgl. Text!) Um das Resultat zu prüfen, müßten wir nicht tatsächlich die Schülerleistungen in ihren vielen Facetten auswerten. Ich erinnere mich dabei an wirkliche Hightlights, die niemals so geplant (also vorab antizipiert) werden konnten.
Ansonsten gelten die offiziellen Prüfungen und die erzeugte Bildungshaltung. Vergiß die Atmosphäre und das Lachen nicht.

"Dazu nichts bei Dir." Wieso? Indirekt steht da einiges und außerdem gilt:
a) Ein Text zum "Resultat" kann nicht in der gleichen Form geschrieben werden. Müßte immer an einem bestimmten Gegenstand, UE gezeigt werden. Sehr aufwendig, nicht in einem kurzen Artikel im Freitag machbar.
b) Warte mal ab, das war der Anfang. Außerdem kannst du doch auch mal vorlegen, hatte ich schon mal angeregt. Morgen gibts von mir Neues zur Selbstreflexion des Lehrers. Dann von dir zur Lehrerfortbildung?

Wollen wir dann mal zur KMK und zum verstaubten Prüfungswesen in Deutschland?

Gruß BW

Bildungswirt 09.09.2009 | 01:07

step by step, nur nicht die ganz großen Sprünge erwarten. Das klappt in der Pädagogik i.d.R. nicht.
Dennoch über "Kompetenzen" haben wir noch gar nicht geredet und über moderne Prüfungsdidaktik auch noch nicht. Neue Lernkulturen (meinetwegen bei dir durchdachten Lernsituatuionen und UEs) scheitern, wenn nicht auch die Prüfungen geändert wrden, vorneweg das Landesabitur als schulpolitisches Aushängeschild. Da kommt die KMK is Spiel und die potenzielle Möglichkeitder Landeshoheit.
Gruß BW
Vielleicht sollten wir zusammen "wuppen"?

freezer 09.09.2009 | 19:15

Ein guter Lehrer bringt seinen Schüler vor allem bei, nicht überzogene oder zu hohe Erwartungen an seine Mitmenschen zu haben sowie nicht so gestelzt daher zur reden. Schade, dass Bildungswirt keine guten Lehrer hatte. Traurig ist es auch, dass leider jeder glaubt, nur weil er einmal Schüler war, könne er bei Bildungsthemen den Experten oder Propheten spielen. Bitte nicht noch mehr solcher Blogs! LANGWEILIG!

charity 09.09.2009 | 20:54

Seid gegrüßt, Chryselers, Bildungswirt und andere Disputanten!

Ich habe die gesamte Debatte mit großem Interesse gelesen und wollte auch noch mal etwas beitragen.

Im Großen und Ganzen sehe im bisherigen Verlauf keine Punkte, über die man großartig streiten müsste. Ich will aber darauf aufmerksam machen, die Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Die Anforderung an Lehrer in der Lehre, die bisher genannt worden sind, sei es Empathie, Authentizität, Intensivität, Expertise usw., sind auf ein bestimmtes Umfeld bezogen. Ich will damit auf die Logik zurückkommen, die im, von Chryselers angeführten, Artikel von Hans-Peter Waldrich ("Die neoliberale Schule" aus Blätter für deutsche und internationale Politik 9'09), in dem es heißt:

>> Das „Referenzsystem“, von dem Bildung auszugehen habe, sei die „jeweils existierende Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung.“

Herr Waldrich kritisiert dieses Verhalten - nämlich Konzepte danach anzufertigen, dass sie ins System ("Dass dabei auch fraglich ist, welches "reale" System denn eigentlich gemeint ist - eine "Soziale Marktwirtschaft", "Neue Soziale Marktwirtschaft" oder vielleicht gar "Radikale Marktwirtschaft [...]") passen. Die selbe Tendenz sehe ich hier.

Die Anforderungen sind jene, die ein Lehrer in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation benötigt. Ob diese die beste Grundlage ist, um die Eigenschaften eines "guten Lehrers" festzulegen, stelle ich zur Diskussion.

Ist ein "guter" Leher ein erfolgreicher oder eher ein humanistischer, vertrauenswürdiger? Das ist nämlich der Punkt. Gegenwärtig sieht es nämlich so aus, wie schon bereits von Achermann in der Diskussion eingebracht:

"In nicht wenigen öffentlichen Schulen trifft man auf Schüler, die im häuslichen Umfeld nicht mal Grundverhaltensweisen kennengelernt haben, die darauf abzielen, den Mitmenschen zu respektieren und dessen körperliche Unversehrtheit zu gewährleisten. Ichbezogenheit und übersteigertes Selbstwertgefühl paaren sich nicht selten mit einer riesigen Erwartung, ständig unterhalten zu werden – auch in der Lehranstalt."

, dass bei einem sehr großen Teil der Schüler einfach elementare soziale Fähigkeiten und außerhalb der Schule Vertrauenspersonen fehlen. Würde man allerdings von diesen Voraussetzungen ausgehen, so wären die für die Lehrer genannten Kompetenzen wie Einfühlungsvermögen und individuellen Herangeehensweise unabdingbar. Man geht davon aus, dass der Lehrer die einzige Person ist, die den jungen Menschen erzieht. Hier treffen die Wörter "Lehre" und "Erziehung" aufeinander. Ich behaupte nicht, dass der Lehrer auch einen Teil zur Erziehung beiträgt, aber die Rollenverteilung und Gewichtung sind diskutabel. Das würde aber zu weit abdriften.

Ich überspringe die Diskussion, um den Punkt zu verdeutlichen. Denn nun kommt das Gedankenspiel und man kann Komponente wegnehmen und hinzufügen. Z.B. kann man nun fragen, ob die menschliche Komponente nötig ist? Denn, wenn ein guter Lehrer ein erfolgreicher ist, also jmd, der vorrangig es schafft den Schüler mit nötigem Wissen und Verständnis der Dinge auszustatten (mit anderen Worten:"Die Lesbarkeit der Welt", um auf das Buch von Hans Blumenberg anzuspielen, dass Bildungswirt erwähnte), so braucht er nicht Einfühlsam zu sein. Ich behaupte nicht, dass das die Regel ist, aber einer meiner Ehemaligen Deutsch-Lehrer, war pädagogisch gesehen total inkompetent, er hatte sogar leicht masochischte Verhaltensweisen bzw. Unterrichtsweisen (alles natürlich in einem aktzeptablen Rahmen) und trotzdem muss ich sagen, dass er von der Methode her excellent war und man bei ihm sehr viel Gelernt hat. Ich möchte dieses Beispiel nicht generalisieren, insbesondere deswegen weil Methode in einem Zusammenhang zum Stoff steht. Das wirft die Frage auf, ob nicht auch Kompetenzen der Lehrer von Fach zu Fach variieren müssen?

Bezieht man nun auch noch Montessori mit ein und ich glaube es ist auch ansonsten allgemeinhin bekannt, dass Kinder von Natur aus einen starken Wissensdrang haben und nimmt dieses als Idealzustand. Das bedeutet, hat ein Kind nicht diesen Wissensdrang, hat es mit irgendwas anderem Probleme. Probleme die möglicherweise in der Erziehung liegen, die aber nicht notwendigerweise vom Lehrer gelöst werden müssen. Kommt das Kind also nur zur Schule, um über die "Dingliche Welt" zu lernen, würde es dann nicht reichen, dass der Lehrer nur sehr gute Fachkenntnisse vorweißen kann und sich der Wahrheit verpflichtet und sich somit mit den Schülern auf die Suche nach der wahren Erkenntnise der Dinge geht?

Natürlich gehe ich hier überall von Idealzuständen aus. In einem Rahmen, wie in der heutigen Schule mit über 30std pro Woche, modularisierten Aufbau und über 25 Schüler pro KLasse, geht das natürlich nicht. Aber wie man sich die ganzen Bedingungen drum herum vorstellt und herstellt, ist eine andere Frage. Ich will jedenfalls behaupten, dass ein guter Lehrer nicht notwendigerweise diese ganzen Kompetenzen braucht, was natürlich nicht heißt, er darf absolut böswillig sein und die Kinder lernen trotzdem wunderbar - versteht mich also bitte nicht falsch.

MfG charity

h.yuren 09.09.2009 | 21:58

lieber bw, "Dennoch brauchen wir ein konkretes Bild, was ein guter Lehrer ist bzw. was guter Unterricht ist bzw. sein könnte."
sagst du, und ich werde nun mal versuchen, was sich machen lässt:
der ausdruck "guter Lehrer" löst eine menge fragen bei mir aus.
zunächst fällt mir "der gute Hirte" ein. was die christianer darunter verstehen, unterscheidet sich ein wenig vom verständnis der alten ägypter, deren oberster hirte (= pharao) die insignien stab und peitsche trug. wahrscheinlich hat die alleinseligmachende mit dem hohen hut (= bischofsmütze) auch den guten hirten vom nil übernommen. frag mich keine/r, was gut daran ist.

dann fällt mir "Der gute Mensch von Sezuan" ein. in brechts stück geht es ausdrücklich um güte oder fragen der ethik. das offene ergebnis ist nachzulesen im epilog.

sobald von irgendwas gutem die rede ist, muss sogleich die frage gestellt werden: gut für wen? ist ein guter lehrer gut für die schüler/innen oder eher für die auftraggeber (meist der staat)? lehrer/innen sind noch meist beamt/innen, die von höherrangigen staatsdiener/innen begutachtet und benotet werden. ist der mit "gut" bewertete lehrer ein guter?

warum ist vom guten lehrer die rede, während doch meist lehrerinnen den unterricht bestreiten? nehme mal an, einfachheitshalber, mit blick auf die umständliche deutsche grammatik.

warum die einzahl "der gute ...", nicht aber "die guten lehrer"? kann ein einzelner lehrer heute noch ein guter sein? (die schulmeister-einmann-schule ist passé). wenn ja, für wieviele schüler/innen? und zu welchem prozent-anteil?
wenn schiller schon von "Teilmenschen" sprach, muss heute erst recht von 'teillehrern' die rede sein. der einfluss der einzelnen lehrperson, abhängig von den fächern und kontinuitäten, ist gering gegenüber dem wirkungsquantum des übrigen kollegiums, der eltern, des freundeskreises der schüler/innen, der medien etc.

die wichtigste frage zum schluss:
kann ein guter lehrer im üblichen schulbetrieb den schüler/innen über das wissen hinaus das gewissen, die verantwortung, die freude für den gegenstand vermitteln? etwa im bio-unterricht die liebe zum tier? oder im chemie-unterricht die sensibilität für die gefahren des machbaren und den verantwortungsvollen gebrauch des erworbenen wissens?
da die gewissensbildung in der traditionellen schule nur glückssache ist, nicht aber das unbedingte und nachweisbar erreichte ziel, ist unterricht der bekannten art, mag er auch noch so gründlich vom guten lehrer vorbereitet und durchgeführt sein, eine nicht zu verantwortende tätigkeit.
beweis: die hervorragenden leistungen der bombenbauer im manhattan-projekt sind ohne die vorarbeit in den herkömmlichen schulen unvorstellbar.
fazit: hört auf, gute lehrer, den machthabern in staat und wirtschaft nützliche idioten zu liefern!

micha74 10.09.2009 | 01:59

„h.yuren schrieb am 09.09.2009 um 19:58
lieber bw, "Dennoch brauchen wir ein konkretes Bild, was ein guter Lehrer ist bzw. was guter Unterricht ist bzw. sein könnte."
sagst du, und ich werde nun mal versuchen, was sich machen lässt:“

Na endlich denkt man, doch dann wieder nichts. Nur Rhetorik und Zurschaustellung.
Was soll das?

Krönend die Feststellung zum Manhattan Projekt:
Stimmt natürlich - Ohne Schule keine Atombombe. Und? Ohne Schule auch kein Nutella, kein TV Müll, keine krebserregenden Farbstoffe, kein Weisichnichwasfüreinteufelszeug …

OHNE SCHULE KEIN FREITAG!!

Langsam packt mich das Grauen. Wer weiß denn, welchen Mist einer /viele meiner Schüler an unserer Schule der Marsianer (wir sollten nicht die Marsianrinnen vergessen)in Zukunft verzapft, nur weil ich ihn (und warum eigentlich nicht auch sie) nicht abhalten konnte (nicht wollte). Vielleicht habe ich Glück und er wird nur Blogger (Bloggerin) im Freitag, da kann er (sie) keinen Schaden anrichte, oder doch???

micha

h.yuren 10.09.2009 | 23:08

lieber bw,

mein menschen- und gesellschaftsbild hab ich sehr gründlich geprüft, seit langem. wenn dir das ergebnis nicht gefällt, hast du wohl anders geprüft und anderes gefunden.
zur erinnerung:
beim milgram-experiment erwies sich eine kleine minderheit der abertausend versuchspersonen als resistent gegen die zumutungen des systems. gibt dir das nicht zu denken?
milgram selbst war jedenfalls davon überzeugt, dass so eine gesellschaft keine zukunft hat.
die schule ist die reproduktionsstätte der reinen unvernunft. ich habe nur auf eine stellschraube hingewiesen: den mangel an gewissensbildung, an radikalkritik des mündigen menschen angesichts der realität der brutalität. weiter so heißt: es ist bald vorbei mit der kriegsgesellschaft und der dazu passenden schule. wir werden es erleben. die zeichen stehen schon auf sturm. sag mal, wo lebst du?

Bildungswirt 11.09.2009 | 00:43

Lieber h.yuren,
ich gebe selten Diskussionen verloren - hat keinen Zweck mehr, völlig durchgeknallt, vermint. Bin öfter mal selbst beim Minenräumdienst beschäftigt.

Dennoch beschleicht mich dieses Gefühl: pädagogisches Absurdistan im Freitag:
Der neoliberale Klassengeisterfeind in vielen Masken entert systematisch die öffentlichen Schulen, bezahlt mit raffinierter Strategie die TUI-Journalisten, allen voran den "Obristen Christian Füller", Deckname PISA-Versteher.(Auch JA gehört wahrscheinlich zu den neoliberalen Geheimbündlern mit verordneter linksliberaler Maske; die Sekte Linksaufklärer mit Stasischulung will sich darum kümmern).
Die von "guten Lehrern" ausgebildeten "nützlichen Idioten" melden sich freiwillig für den kosumptiven Untergang, gar nach Afganistan, heuern in der Angie-Truppe an, alles verraten und verkauft, selbst die eigene Großmutter.

Doch der Messias der linksgeballten Aufklärungen ruft uns zu: "Es ist bald vorbei mit der kriegsgesellschaft und der dazu passenden schule. wir werden es erleben. die zeichen stehen schon auf sturm."

Ich verrate dir etwas. Als ehemaliger Elitestudent christlicher Prägung besitze ich wie wenige besonders Erwählte einen heißen Draht zu Petrus (er lebt unter uns! Stell dir das vor wie das "rote Telefon"). Zusätzlich, da ich den Christen alleine als welterlösende Kraft nicht ganz traue, (aber dennoch angetan bin) unterhalte ich als langjähriger Indienfahrer auch Buddha-Connections, genauer gesagt mit der 9. Inkarnation.
Petrus als auch Buddha sagten mir unisono, dass die "Zeichen nicht auf Sturm" stehen, eher mit einer 20-jährigen bleiernen Zeit zu rechnen sei. Ich solle als Bildungswirt also ruhig so fortfahren, mir das aber mit dem Freitag doch nochmal überlegen. Ich versprach beiden Erleuchteten (kleiner Vorgeschmack in: "Als Black Magic Woman erwachte") dass ich gründlich unter meinen Bodhibaum nachdenken würde.

Neben meinen geliebten OM (einfach etwas tiefer als das christliche Amen) und meinem Sondermantra "Die reine Vernunft gebier die Ungeheuer" fühle ich mich immer wieder ein in das tiefe B meines Tenorsaxophons. Ohne dies wäre der Wahnsinn der Welt schwerer auszuhalten.
Freundliche Grüße
Michael Miller / Bildungswirt

h.yuren 11.09.2009 | 01:58

lieber michael,
meine frage: "wo lebst du?" hast du einigermaßen konkret beantwortet: zwischen nirwana, minenfeldern, musik und pädagogischem absurdistan im freitag.
ich weiß nicht, ob das die besten voraussetzungen sind für eine aufrichtige beurteilung der lage der menschheit. wenn du deinen heißen draht zum christlichen felsenmann nennst, halte ich die verbindung für, sagen wir mal, störanfälliger als etwa meine solide wetterbeobachtung seit zig jahren. im ernst, seit der grundschule. ich kann mich nicht sattsehen am licht vor sonnenaufgang.
bis ein bw-hubschrauber schwersten kalibers das bild verdirbt. in meiner lebensspanne ist das kriegsungeheuer nur immer gewachsen bis in die neuesten schlagzeilen. und die sind nicht die letzten. ( die bleierne zeit, die du ahnst, ist sie = die zeit mit bleihaltiger luft?) und du glaubst, die kriegsgesellschaft samt ihren schulen sei noch zu retten? wie machst du das?
freundliche grüße
h.y