Der letzte Rank

Wortgebläse Martin Walser - unfassbar sein wie die Wolke, die schwebt.
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Der letzte Rank oder die unfassbare Natur des ambivalenten Geistes

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Foto vom Bodensee, Sipplingen im Januar 2017

Ich bin unmöglich, also bin ich - ich suche, also bin ich - ich huste, also bin ich - meint ein eigensinniger Mensch vom Bodensee. Wen interessiert da noch das antiquierte, überstrapazierte "Cogito, ergo sum" als unerschütterliche Quintessenz der Meditationen des 17. Jahrhunderts?Da es ja immer noch ich bin, der zweifelt, kann ich an diesem Ich, selbst wenn es träumt oder phantasiert, selber nicht mehr zweifeln."
Und doch sind die nie ganz transparenten Geistbewegungen - denken, nachdenken, querdenken - ein komplexes Schwingen im Sprachuniversum, Anwandlungen, Verwandlungen, immer ambivalent, auch von grundsätzlichem Zweifel. Die betörende Sehnsucht in der Tiefe: "Unfassbar sein, wie eine Wolke, die schwebt." Martin Walser und seine Ich-Erzähler (auch mal ins Du oder Er gewendet) loten die gesellschaftlichen und sprachlichen Grenzen aus, wollen sie übersteigen und im freien Rhythmus der unendlichen Möglichkeiten weiter träumen, mächtige Konventionen und nicht erfüllbare Erwartungen hinter sich lassend. Möglich und unmöglich zugleich, ständig sich wandelnd, eben ambivalent bis ins Mark. "Wirklich zu große Brüste, die kein bißchen zu groß waren. Bei diesen Brüsten bleiben. Um Asyl bitten" oder doch einfach aufstehen und gehen? So schreibt Walser seinen vorläufig letzten Roman - "Statt etwas oder der letzte Rank" - und eben doch keinen. Eher ein gewaltiges Wortgebläse, in 52 Kapitelchen portioniertes Reflexionssatzgewimmel. Auch er braucht noch Sätze, obgleich er und sein eingeschobenes Ich "Satzlosigkeit" für erstrebenswert halten. Eben unfassbar sein, wie die Wolke, die schwebt. Die klassische Literaturkritik, die Lumpenhunde, finden keinen Widerhall mehr. Walser ist entrückt, immun gegen tote oder lebende Feinde und Gegner, dreht einfach seine Pirouetten im eigenen Sprachkosmos. Keine Moralkeulen und fliehenden Pferde mehr. Walser macht nur noch fein ausgestreute Angebote an den Leser mitzutanzen, zu assoziieren und - vielleicht - zur befreienden Einsicht zu gelangen: "Mir geht es ein bißchen zu gut". "Theorien", gleich welcher Couleur, "Möchtegern-Attraktionen" und "Macht-Initialen" hat er (endgültig) hinter sich gelassen. Einzig Frauen und Frauenspuren aus früherer Zeit interessieren noch; auch eingedenk einer Naturmystik, die am Bodensee spürbar zu Tage tritt:"Ich bin eine blühende Wiese. Ich bin ein Apfelbaum, der Birnen trägt." Und wird nicht die "Erwiderung jeder ernst zunehmenden Liebe" letztlich doch als "Schicksalsschöne" sichtbar: Magdalena, Alexandra, Laura, Clara, Annemarie?

Der allerletzte Rank ist allerdings noch nicht ganz vollzogen: "Ich bin der Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, Himmel, Erde, Blume, Vogelgesang, Sturm, Stille" - einfach aufgehoben, immer schon drin: "Ich bin, also bin ich". Ich BIN, deshalb kein "also" mehr, keine Fragen, keine Prämissen, keine Bedingungen - ich BIN aufgelöst im unendlichen Sein. Sein ist allgegenwärtig-ewiger Klang. Harmonische Schwingung in Schwingungen, Welle im Ozean, Musik der Sphären - Halleluja, Hosianna, Gloria. Das ist die "baldige Friedensfeier" des eigensinnigen Menschen vom Bodensee.

PS. Wortgebläse

(für Martin Walser)

Wortgebläse
Worte schwirren durch den leeren Raum
tragen vielschichtige Bedeutungen in sich, suchen

den klaren Sinn in Dir - durch Dich

Worte treffen Dich ins Herz
lassen Dich steigen, fliegen, immer höher

zaubern Dir ein Lächeln ins Gesicht

Worte drücken Dich nieder
vernebeln, verdunkeln, verwirren

Wort-Phantomschmerz im Genick

Worte haben einen süßen Geschmack
Blüten-Honig-Schmelz, Gaumen-Erdbeer-Mango-Mus

zarte Fülle breitet sich aus

Wortblasen blasen
los-lassen - nachspüren
Wortgebläse
....
Sipplingen/ Bodensee, im Januar 2017
Michael Miller/ Bildungswirt
13:52 29.01.2017
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Ahasver, Bildungsexperte, Wissenschaftscoach, Müßiggänger, Dada-Musiker mit Blasmusikausflügen
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