Flüchtlinge – Ströme – Musik – Welt

Weltkrise Was ist los? In welchem Land befinden wir uns? Welche politisch-orchestrale Weltmusik wird vernommen, mit welchen Ohrmuscheln gehört?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Was nehmen wir noch wahr? Oder sind wir schon taub und blind geworden?

Die Welt im Jahr 2015 ist offensichtlich beträchtlich aus den Fugen geraten. Die geopolitischen Zwischenräume sind nicht mehr stimmig, kommunikative Kakophonie und asymmetrische Kriege überall auf der Welt. Oft weitgehend verdrängt, nicht im aktuellen Scheinwerferlicht – nennen wir z.B. Sudan, Kongo oder Libanon. Willkürliche Wahrnehmungen oder doch interessengeleitet? Dagegen zur Zeit im Medienblitzgewitter der Aufmerksamkeit – nennen wir Syrien, Türkei, Irak, Afghanistan - 60 bis 80 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht und es werden täglich mehr. Abstrakt als Flüchtlingsströme klassifiziert, neue Völkerwanderungen auf nicht absehbare Zeit, neue Flüchtlingsrouten:

  • heute die Balkanroute,

  • morgen die Spanienroute – 50 Millionen Afrikaner, von Not und Bürgerkriegen getrieben, sind bereit den Kontinent zu verlassen –

  • übermorgen die Asienroute, z.B. aus Indonesien mit Booten von 1000 Inseln.

Ja, die Welt ist aus den Fugen geraten, die ökologischen Kreisläufe weltweit massiv gestört, der Kampf um Energie, Wasser und Bodenschätze enorm verschärft. Angst und Panik nehmen zu bei den Flüchtlingen und bei den Bewohnern der Rettungsinseln; Deutschland mitten drin, zumindest in der medialen Aufmerksamkeit, in vielen Flüchtlingsträumen und in der Arena der europäisch- politischen Rednertribünen. Die Botschaft: Rette sich wer noch kann, mit Sack und Pack, Kind und Kegel.

Nur gibt es auf diesem kleinen noch blauen Planeten mit demnächst 8 Milliarden Einwohnern keine Inseln mehr. Dank dauerströmendem Internet, beschleunigten Transportmitteln und milliardenfach täglichen Handelsbeziehungen ist fast alles vernetzt und transparent, früher oder später kommt alles ans Licht. Korrupte Machenschaften von Konzernen und Regierungen, Währungsspekulationen gegen Staaten, gezielte Beeinflussung von Weltmarktpreisen für Rohstoffe und Zwischenprodukte, brutale Propagandalügen und Massenmord, das Versagen der politischen und ökonomischen Eliten in ihrer überwiegenden Mehrheit, die weltweite Schieflage der Einkommens- und Vermögensverhältnisse, ökologischer Raubbau und ungezügelte Konsumsteigerung in den dominierenden Wirtschaftszentren. Die abstrakte Logik der idealtypisch unendlichen Kapitalvermehrung hat sich ganz konkret greifbar, hinter dem Rücken vieler Akteure, in den Köpfen und Herzen materialisiert. Der Kampf um den eigenen Vorteil steht ganz oben. Gier und Verblendung sind wirkungsmächtig, der Hass gegen das Fremde, scheinbar Bedrohliche, folgt auf dem Fuß.

Nur der Fremde sind wir selbst. Wir schwingen nicht in vielschichtiger Harmonie, wir sind harmonikalisch und rhythmisch beschränkt. Der Maschinentakt, das Gleichförmige regiert uns weitgehend. Marschmusik ist uns vertraut, der 3/4-Takt liegt uns, auch der 4/4- Takt der (weichgespülten) Rock- und Popmusik, besonders als Hintergrundgeräusch in den Konsumtempeln. Schon eine komplexe Fuge von J.S. Bach könnte trotz göttlichen Harmoniestrebens in ihrer polyphonen Stimmigkeit störend wirken. Schnell ist es dann vorbei mit dem wohltemperierten Klavier. Ganz zu schweigen, wenn aus der Doppelfuge modale Sphärenmusik oder prozesshafter Jazz wird. Da müsste neu hingehört werden - ein offenes Ohr ein Muss. Dazu ein wirklich sehendes Auge mit dem Mut zu ungewöhnlichen Perspektivenübernahmen und der Bereitschaft, wenn nötig, zu schnellen Perspektivenwechseln, denn nichts bleibt wie es ist! Da wird der Angstschrei im Kunstwerk von Munch zum tatsächlich gehörten Schrei der Todesangst eines konkreten Flüchtlings. Man erkennt nicht Ströme, sondern konkrete Gesichter, menschliche Stimmen. Man identifiziert Wassertropfen im Strom. Plötzlich kann der 9/8-Takt des Syrers Mustafa Wohlklang und rhythmische Animation bedeuten. Etwas Neues, Gewöhnungsbedürftiges - immerhin hatten wir mit Brubeck/Desmond schon „Take 5“. Ein metaphorisches „Take 9“ oder „Take 11“ könnte helfen. Die deutsche Zivilgesellschaft braucht kulturelle und ökonomisch-ökologische Erneuerung; wir schrumpfen bevölkerungsmäßig sowieso jedes Jahr um eine Million Menschen. Oder wollen wir ganze „blühende Landschaften“ im Osten Deutschlands demnächst zu Landschaftsschutzgebieten erklären?

Mit Joachim Ernst Berendt und indisch-orientalischen Traditionslinien kann man sagen: „Nada Brahma“, die Welt ist Klang. Aktiv hören muss jeder Einzelne von uns selbst. Wir brauchen immer weiter pulsierende Vielfalt in der komplexen Einheit. Musik als wirkliche Weltsprache kann uns das Tor zur Bewusstheit öffnen. Warum? Weil wir in der Essenz nur Schwingung und Resonanzraum sind. Zahlreiche musikalische und emotionale Erkenntnisse können auch auf den politischen Raum der Gestaltung gelingender Lebensverhältnisse übertragen werden.

10:41 30.10.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Bildungswirt

Ahasver, Bildungsexperte, Wissenschaftscoach, Müßiggänger, Dada-Musiker mit Blasmusikausflügen
Bildungswirt

Kommentare 8