Graffiti - legal, illegal, scheißegal?

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Der Künstler in seiner Werkstatt

Interview mit Helge "Bomber", einem bekannten Graffitikünstler der zweiten deutschen Generation. Ohne Vorrede gleich zur Sache.

Miller: Wie ist die Situation der Graffitikünstler?

Bomber: »Eine große internationale Szene agiert oft illegal, wird mangels Alternativen dazu gezwungen. Legal, illegal, scheißegal; die Begriffe und Zuschreibung sind austauschbar. Für das Legale bezahlen die Leute viel Geld und stufen es als Kunst ein, das Illegale hat dann keine Wertigkeit.«

M: Was meinst du genau mit Wertigkeit? (B. ist mit Leidenschaft bei der Sache, in der Diskussion wie sonst beim Sprühen.)

B: »Das illegale Graffiti hat trotzdem eine Wertigkeit, zum Beispiel wird ein Haus besprüht, werden illegale Graffiti fotografiert und in Magazinen und Büchern veröffentlicht, dadurch bekommen sie eine Wertigkeit, einen Marktwert.«
»Graffiti ist eine Antwort auf die tägliche Markenbombardierung. Graffiti ist Widerstand gegen die Werbewelt oder besser sogar eine Persiflage auf die Werbung. Graffiti arbeitet mit den gleichen Mitteln; der öffentliche Raum wird ja zugepflastert mit Werbung. Graffiti nimmt sich den Raum selbst und gibt sich einen Markenraum als Gegenangriff: möglichst oft und überall auftauchen, Elemente der Wiederholung, genau wie bei der Werbung.«

M: Wie ordnest du die Großfamilie ›Graffiti‹?

B: »Graffiti ist ein Oberbegriff für ganz Unterschiedliches. Graffiti spaltet sich grob auf in Politsprüche, Schablonengraffiti, Graffitiwriting und Sachbeschädigung auf der Ebene der Klosprüche. Die zunehmende Sachbeschädigung durch Tiefenritzen ist wiederum die Antwort auf die schnelle Oberflächenreinigung. Das Hase-Igel-Spiel, Urtrieb des Menschen sich zu verewigen, Spuren zu hinterlassen, bekommt auch ein polizeiliches ›Sonderkommando Saubermann‹ nicht wirklich in den Griff.«

M: Wie siehst du das mit der Sachbeschädigung durch Graffiti?

B: »Das Eigentumsrecht wird nicht in Frage gestellt. Die Kosten der Sachbeschädigung werden immer wieder auf über 200 Millionen Euro beziffert – keine Ahnung, wie diese Leute auf die horrende Summe kommen. Wenn der Untergrund nicht angegriffen wird, z.B. bei Wänden, ist vieles leicht zu beseitigen. Sprayer brauchen legale Freiflächen, oder es gibt Zustände wie bei der Breitenbachbrücke in Frankfurt. Diese war schon besprüht, so kann eine weitere Besprayung nicht zur Sachbeschädigung erklärt werden.«

M: Woher kommt dein Künstlername?

B: »Bomber ist eine Anspielung auf das Französische ›Le bombe‹ oder das Italienische ›la bomba‹ – für mich einfach die Spraydosen –, und mit diesen Instrumenten soll möglichst viel gesprüht bzw. gebombt werden. Bomber ist inzwischen selbst schon wieder eine Marke geworden.«

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M: Du hattest vorher eine grobe Klassifizierung von Graffiti vorgenommen. Ist Graffiti als Ausdrucksform inzwischen im Tempel der Ausstellungskunst angekommen?

B: »Graffiti ist Kunst, ob in einer Ausstellung im geschlossenen Raum oder auf Freiflächen gesprüht, sozusagen als Straßenkunst. Allerdings gibt es große Unterschiede – qualitativ Hochwertiges, kopierendes Mitläufertum und auch einfach Schrottproduktion. Hier brauchen wir so etwas wie eine professionelle Kritik, etwa wie im großen Feld der Literatur. Der Kritiker versteht sich dann als eingreifender Mittler zwischen Kunst und Betrachter. Wie immer kommt es auf Distinktion an. Die Frage des guten Geschmacks und des qualitativen Urteils wird immer Streitobjekt sein. Bei aller notwendigen Kritik: Vielleicht stört die schweigende Mehrheit der Bürger einfach unser entwickelter Code, unsere ganz eigenen Kommunikationsformen, unser eigenes Medium des Ausdrucks.«

M: Könntest du dir vorstellen, auch Schulen in die Graffitikunst einzuführen?

B: »Aber ja, ich habe schon mehrere Workshops für Schüler und Lehrer gegeben. Übrigens auch schon für Manager, die ihrem Geist und ihren Emotionen mal freien Lauf lassen konnten. Ich bin offen für spannende Projekte.«

M: Was würdest du dir wünschen?

B: »Ach vieles, vor allem mehr Rationalität und Mut in der Debatte. Nehmen wir z.B. die Stadt Frankfurt: Die Bausünde des technischen Rathauses wird einfach ganz offiziell weggesprengt, lang genug wurde die legale ästhetische Verunglückung ertragen. Jetzt schreien die grauen Betonwände des Historischen Museum nach einem großen Graffiti-Wettbewerb der Stadt Frankfurt. Wer hat die besten Ideen zur großen Objektästhetisierung? Wäre das nichts für die Grünen und die CDU? Die Zeit ist aus meiner Sicht reif.«

M: Mr. Bomber, danke für das Gespräch. Vielleicht führen wir bei Gelegenheit die Graffiti-Debatte fort mit »Kool Killer« oder »der Aufstand der Zeichen« – warum Jean Baudrillard irrlichtert. Viel Engagement und Erfolg beim Graffitiwriting.

Das Interview führte Michael Miller alias Bildungswirt

17:31 08.03.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Bildungswirt

Bildungsexperte, Wissenschaftscoach, Müßiggänger, Dada-Musiker mit Blasmusikausflügen,
Bildungswirt

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