Hochschulen als Quadenfabriken?

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Bildungsstreik – quo vadis?
Die Hochschulen als Lernfabriken zu titulieren, um sie damit im Mark ihrer Hochglanzbroschüren-Selbstdarstellung als „Exzellenzen“ zu treffen, ist bekannt. Da wird nicht geforscht und selbstbestimmt gelernt, sondern getrichtert, „bolonesemäßig“ modularisiert und fein gesiebt, frei nach Bologna. Aber was sind in diesem Zusammenhang Quaden? Quadenfabriken? Geduld, Geduld – Bildung braucht Zeit.

Die Quaden waren ursprünglich, vor ca. 2000 Jahren, ein germanischer Volksstamm und hießen auch Donausueben, gefährliche Burschen eben, schreckten vor nichts zurück. Später gingen sie in den Langobarden und Alemannen auf, beteiligten sich an den spätantiken Völkerwanderungen, wie man das heute so bezeichnet. Diese Stammeskreuzungen der Liebe und Gewalt, - moderner geworden sprechen wir heute vom Multikulti der Großpopulationen - geschahen auf dem heutigen Gebiet von Deutschland, Tschechien, Ungarn, Österreich, Schweiz, Italien, Frankreich und Spanien. Dieses Erbe steckt in uns allen, tief in unseren Knochen und Eingeweiden eingelagert. Man kann auch sagen: wir sind historisch gesehen kampferfahrene, gewiefte Straßenköter, flexible Multikulti-Köpfe, ohne es zu wissen. Aus der alten Bezeichnung Sueben entwickelte sich viel später das „Schwabenland“ und „suebisieren“ war noch vor 100 Jahren nichts anderes als „Schwabenstreiche machen“, die sogar bis Berlin, Hamburg und Frankfurt/Oder vordrangen.

Stolz banden die Sueben ihr Haar auf dem Scheitel zu einem Knoten. Der Sinn des Knotens bestand darin, in der Schlacht größer und furchteinflößender zu erscheinen.
Manchmal sieht man auch an deutschen Hochschulen stolze Männer mit dieser Haartracht, die Abstammung kann also nicht verborgen gehalten werden. Irgendwann kommt alles ans Licht. Bildungsstreiks und alternative Lernvorhaben der jungen Generation beschleunigen den Gärungsprozess der Selbsterkenntnis. Das geht dann durch Haar, Mark und Bein.

All das, die germanischen Völkergemische – die Wandalen, Sarmaten und Markomannen hatte ich noch vergessen - ist für Historiker und andere Geschichtenerzähler sicher noch von brennendem Interesse, nur das ist alles nicht mit den zeitgenössischen Quaden gemeint. Trotzdem schön, dass wir uns die Zeit, nicht vorgesehen im Modularisierungsplan, genommen haben.

Es geht im Kern um eine höhere Macht, die Quaden beobachtet und Nachrichten aus der Hauptstadt filetiert. Eine literarische und wissenschaftliche Macht, eine eher unbekannte Größe, gern in der Tarnkappe eines mutig forschenden Biologie-Studenten, der Quaden als „einen von einer seltsamen Entartung befallenen Stamm“ diagnostiziert. Aus alten und neuen Medien horcht der forschende Student, „die ununterbrochen Quadensubstanzen ausscheiden, vorgekaut und nach ernst und leicht sortiert: Sprachlärm, Musikgemische, listig zusammengeklitterte Nachrichten, deklamierte Sermone, Poesien der Geschäftsleute, bedeutsam betonte Weisheiten und zwinkernd servierte Späße.“

Diese frisch glänzenden Quadenwucherungen, auch als Krebsgeschwüre bekannt, schienen alles zu verwandeln, was sie berührten. Nichts schien vor ihnen sicher. „Der Student, der sich ziellos zwischen alten und neu aufschießenden Tumoren herumtrieb, konnte nicht umhin, die Konsequenz und die Kraft des Vorgangs zu bestaunen, denn in gewissem Sinn ist auch eine tödliche Krisis ein imposanter Lebensprozess. Das Geschehen entgleitet in zunehmendem Maß dem Bewusstsein. Was als Heilmittel gedacht, verwandelt sich in unsichtbaren Zellen in Gift: und was im Bewusstsein sich noch auflehnt, wird im Unbewussten umgedreht und zur Zerstörung verwendet.“ Ja, der Student wollte es gar zuspitzen: „Wer nicht zum Narren gehalten und auf absurde Umwege geführt wurde, fühlte sich betrogen.“ „Kaum schaltete der Student irgendein Kommunikationsmittel ein, glaubte er die Stimme des großen Bruders zu hören und der war mit Mordgeräten und Heilmitteln gleichermaßen versehen.“

Der Student musste sich selbst ausgedehnte Erholungszeiten einräumen, damit er nicht selbst zum Quaden mutierte. Er musste sich vor dem permanenten Gift, den Verstümmelungen und Aufweichungen schützen - die Gefahr der geistigen Verfettung, des Rückgratverlusts und damit der Orientierungslosigkeit lauerte an jeder Universitätsecke. Dennoch war sich der Student sicher, dass entgegen aller Phänomene der Verstopfungen des offenen Raums, die Selbstbefreiung der Quaden prinzipiell möglich war. „Die Sohlen des Lehrkörpers konnten niemals vollständig das Knistern der Rebellion austreten, die natürlich, da das Denken nicht entwickelt wurde, sich nach allen Seiten hin verzettelte und sinnlose Auswüchse trieb. So musste der Lehrkörper nur dafür sorgen, dass sie erlosch, ehe das Denken irgendwo ansetzte.“ Das erkannte der Biologiestudent frühzeitig und entwickelte als Schutzreaktion eine ganz bestimmte Imprägnierung: „Er hörte immer nur halb zu; er war für Schallwellen halb durchlässig, fühlte beim Zuhören immer, wenn man so sagen kann, ein chronisches Abwesen; unangenehm war dabei nur die Aufrechterhaltung des Gesichtsausdrucks, der lächelnden Zustimmung oder des Ernstes, der Augenfassade, die wie eine schlecht sitzende Maske immer zu verrutschen drohte.“

Manchmal erkannte er im Augenwinkel ganze Gruppen von Quaden, die chronisch abwesend schienen, sozusagen als bewusst herbeigeführter Seinszustand. Ganz sicher war er sich nicht. Auch hörte er von sogenannten neuartigen Null-Blogs als Widerstandsformen, in denen sich verschlüsselt Höhlengleichnisse und verwegene Hüttengeheimnisse verbargen. Bulimie-Lernen und Leistungspunkte-Schnitzeljagd seien mega-out, die Produktion eigensinnige sprachakrobatisch-ästhetischer Kunstformen bis hin zu alltäglichen Präsentationsmittel das Gebot der medialen Stunde. Diesen angedeuteten Spuren wollte er in den nächsten Wochen folgen und prüfen, ob und gegebenenfalls wo sich darin neue Exerzitien der Existenz für Qualitäts-Übergangsquaden zur Freiheit vergegenwärtigen könnten.

Hintergrund 1
Alle ausgewiesenen Zitate entstammen dem 1968 (!) erschienen Buch von Gerhard Amanshauser: Aus dem Leben der Quaden. Amanshauser würde mir bestimmt meine sehr eigensinnige Montage seiner Sprachfetzen in meinem Text verzeihen. Leider kann ich ihn nicht mehr fragen.
Gerhard Amanshauser, österreichischer Schriftsteller (1928 – 2006), Geheimtipp für alle Denkenden.

Hintergrund 2
Bildungsstreiks 2009 ff – auf der Suche nach Bildung und einem neuen Selbstverständnis.
Der Homo akademicus spürt seine Käfighaltung, will ausbrechen – nur quo vadis?

Unbedingt auch lesen: www.freitag.de/community/blogs/merdeister/we-dont-need-no-education-we-need-bildung---bildungsstreik-in-duedo

16:36 22.06.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Bildungswirt

Ahasver, Bildungsexperte, Wissenschaftscoach, Müßiggänger, Dada-Musiker mit Blasmusikausflügen
Bildungswirt

Kommentare 6