Innovatives Lernen und neue Hirnforschung (2)

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Fortsetzung zu Teil 1

3. Das Gehirn ist, allgemein gesprochen, gleichzeitig Überlebensorgan, Handlungsorgan, Bewusstseinsorgan und der ›große Interpret‹; es kann gar nicht anders. Die gesamte Erlebniswelt ist das Konstrukt der internen, interaktiven Hirnkommunikation. Der Zustand des Selbsterlebens ist aus naturwissenschaftlicher Sicht ein physischer Zustand. Jedes Lernen ist kognitive, motorische und emotionale Aktivierung, d.h. auch Neuentwicklung und Umbau von Milliarden von Synapsenverbindungen, Einspielung und Stabilisierung des Netzwerkaufbaus. Gedanken sind codiert in räumlichen Aktivierungsmustern mit erhöhtem
Sauerstoffverbrauch. Im Gehirn entwickeln sich topologische Landkarten der Aktivierung mit ständigen Such-, Wahl- und Entscheidungsprozessen. Handeln, Denken, Fühlen sind im Lebensvollzug in ständiger Kommunikation. Phänomene wie z.B. Lampenfieber, Prüfungsangst oder spontane Jubelausbrüche – scheinbar körperliche Aktionen/Reaktionen ohne aktive Hirnsteuerung – erklären sich aus dieser vielschichtigen organischen Einheit. Gefühle sind immer im Gepäck. Jeder (Lern)Gegenstand ist mehr oder weniger affektiv besetzt. Im Cortex als der »Sitz des Bewusstseins« finden ständig komplexe »Selbstbeschreibungen « statt, die das »Ich« als Bewusstsein, Meinung, Wunsch, Gefühl empfindet und manchmal auch für Außenstehende zum Ausdruck bringt. Der tatsächliche Gedanke und der emotionale Zustand können von außen nicht gesehen werden. So kann sich ein Ich durch Training ›gut beherrschen‹, über den wahren Zustand hinwegtäuschen oder auch in seinem Gefühlspanzer ›eingesperrt‹ sein. Unsere Interpretationen sind dann auf wahrnehmbare Zeichen beschränkt.

4. Es gibt nicht das oberste Zentrum, sozusagen die Kommandozentrale aller Hirnaktivitäten, sondern viele Zentralen und Gedächtnisse mit -zigfachen Unternetzen. Begriffe wie Schaltzentralen, Verdrahtungen, Koppelungen, Arbeitsspeicher, Impulsgeber,Aufzeichnungen, Flussbahnen, Programmierungen etc. sind dabei nur bedingt geeignete Begriffe/Metaphern, um sich ein ungefähres Bild zu machen – wir stoßen an die Grenzen exakter sprachlicher Repräsentation, Gehirne ›sprechen‹ über Gehirne im unendlichen Regress. Der Hypothalamus regelt weitgehend unbemerkt unseren Biorhythmus, organisiert die Schlaf-, Wach- und Aktivitätszustände, veranlasst die Hormonausschüttung in die Blutgefäße usw., usw. Hätten wir davon ein Bewusstsein, würden wir buchstäblich verrückt werden. Der schnelle ›Gedächtnisspeicher/Arbeitsspeicher‹ ist vor allem im Hippocampus zu verorten; es erfolgt eine schnelle Aufnahme des Gelernten und langsamere Transformation in die Gehirnrinde innerhalb von Tagen, Wochen und Monaten. (Soweit das Gelernte nicht inzwischen wieder gelöscht wurde, es nicht genügend tiefe Spuren hinterlassen hat). Der Fremdsprachenerwerb sollte früh beginnen, umso besser die Erfolgsaussichten. Englisch in der Vor-Schule zu beginnen ist ratsam. Hirnphysiologisch gesehen ist zwischen dem 5. und 10. Lebensjahr die beste Zeit für den tiefen, einprägenden Erwerb von Fremdsprachen. Im Mandelkern (Amygdala) ist wiederum ›assoziatives Material‹ gespeichert, dass wir intuitiv bei Bedrohungs-, Kampf- oder Fluchtsituation brauchen. Körper und Geist werden sekundenschnell programmiert, der Blutdruck steigt, der Puls rast, die Muskeln spannen sich zum Körperpanzer. Die eingelagerte Evolutionsgeschichte meldet sich unverkennbar zu Wort. Wer in der Schule Angst hat (die berühmte Prüfungsangst ist dabei nur eine mögliche Form), der blockiert, kann nicht frei denken – erhält einen herben Gruß seines Mandelkerns. Sind wir entspannt, bewegen wir uns im offenen Denkraum und in angenehmer Atmosphäre, so schweigt der Mandelkern und die Großhirnrinde schwingt sich zu kognitiven Höhenflügen auf. Lernerfolg führt zur weiteren Lernverstärkung – das Gehirn ›belohnt‹ sich selbst durch Ausschüttung so genannter Botenstoffe, vor allem Dopamin. Mehr Dopamin, mehr Erfolg, mehr Glücksgefühl und umgekehrt!

Der kurze Ausflug in die Hirnforschung möge genügen, um sich vor allem eins klarzumachen: Die weitgehende Ausrichtung der Schule als kognitive Lernmaschine und ausdifferenziertes Disziplinierungssystem ist ein fataler Irrweg. Sie ist modernen demokratischen Dienstleistungsgesellschaften nicht angemessen und kann das Grundrecht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit nicht einlösen. Während sich innerhalb der pädagogischen Domäne die »Status-quo-Verteidiger« und »Reformer« seit mehr als 100 Jahren über den richtigen Weg der Pädagogik streiten, in ideologischen Kämpfen verstricken, kommt mit neuen Erkenntnissen aus der Hirnforschung mehr Sachlichkeit in die Diskussion. Die Naturwissenschaften bestätigen mehr und mehr viele Ansätze der Reformer, dass der Mensch zugleich ein leibliches, geistiges, emotionales, kommunikatives, spirituelles, freiheitsliebendes Wesen ist, das allumfassend auch in der Schule gefördert werden sollte. Das System Schule als Anstalt ist nicht lebensfähig, muss sich ändern und sich den Potenzialen der Schüler annehmen, sie anregen und neugierig forschen lassen. In der ursprünglichen Bedeutung von Schule, der schola, schwingen immer schon mit: freie Zeit(einteilung), Müßiggang, schöpferische Muße, Studium, Selbstbestimmung. An dieses Netz der Tradition kann hier angeknüpft werden. Schule wäre so – dem Gehirn nachgebildet – ein schwingendes Erregungsnetz der Interaktivität, ein Erlebnisund Gestaltungsraum täglicher Demokratie, ein guter Ort von Wissensfeldern, Wissensarten, Wissenslogiken und Kreativität, ausgefüllte Praxis der pädagogischen Leitlinie: »Die Menschen stärken, die Sachen klären« (H. v. Hentig).
Lernen ist ein ganzheitlicher Prozess der subjektiven Weltaneignung. Lernen ist Konstruktion im Kopf und Vorfreude im Leib. Neue Lernkulturen stehen auf der Agenda, das wäre jetzt aber eine neue Geschichte.
Ausführlich dazu: Michael Miller (2008): Lob der pädagogisch-gastronomischen Vernunft. Alle reden von Schule - was ist zu tun. Ansichten eines Kneipenbesitzers

18:08 23.03.2009
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Geschrieben von

Bildungswirt

Bildungsexperte, Wissenschaftscoach, Müßiggänger, Dada-Musiker mit Blasmusikausflügen,
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