Kneipe & Schule (1)

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Zu uns in die Kneipe kommen sie alle: vom Arbeitslosen über den Bänker, den
Computerfachmann bis hin zum Zollbeamten, vom selbständigen Malermeister bis zum Minister und natürlich: Lehrer, Sozialarbeiter, Anwälte, Psychologen, Ärzte – Singles, Paare, Junge, Alte. Sie essen, trinken, lassen es sich gutgehen und reden selbstverständlich über das, was die Republik bewegt: Von Arbeitslosigkeit, Außenpolitik, Bankenkrise, Beziehungsdramen, Computersucht, Coolness, Deutschland sucht den, Dicke nehmen ab bis Zonenrandgebiete und Zombies mitten in Deutschland.

Auch die deutsche Schulpolitik erhitzt regelmäßig die Geister
, als betroffene Eltern machen sie ihrem Ärger zusätzlich Luft. Vieles wird ins Blaue hinein gesagt, schnell sind allzu oft die Schuldigen klar ausgemacht: die Lehrer, die Politiker, das Fernsehen, die Computerspiele, der allgemeine Werteverfall, der Turbo-Kapitalismus mit der großangelegten Globalisierungsfalle. Und wir müssen uns endlich anstrengen, Asien schläft nicht! In der dreifachen Rolle rückwärts wird das Loblied der Disziplin aus der Mottenkiste geholt, während andere munter den Aufbruch in die Freiheit verteidigen, gar selbst eine freie Schule gründen wollen, damit es ihre Kinder besser haben. Den staatlichen Schulen wird nicht mehr viel zugetraut, die Privatschule in den siebten Himmel gehoben, und bisweilen werden sehr differenziert Argumente vorgetragen, Gegenargumente geprüft. Der Wunsch nach klarer Orientierung ist bei allen unüberhörbar. Eine so wichtige Sache – die Bildung und Ausbildung der nächsten Generation – kann auf keinen Fall den Bildungspolitikern und sogenannten Experten allein überlassen werden.

Die Kneipe gehört zu den bedeutendsten sozialen und kulturellen Institutionen des gesellschaftlichen Lebens. In ihr wird nicht nur politisiert, sondern auch regelmäßig Politik gemacht; Entscheidungen fallen im kleinen Kreis, in gut informierten informellen Zirkeln – vieles muss dann auch ritualisiert begossen werden. Wichtigen Bildungsfragen nachspüren heißt auch, das Ohr am Puls der Kneipenkommunikation zu haben.

In der Kneipe gibt es (manchmal) persönlich wütend vorgetragene Ausfälle gegen Lehrer, derbe Sprache einer kochenden Volksseele. Gerhard Schröders Wort von den Lehrern als »faule Säcke« klingt dagegen eher harmlos. Insgesamt mündet diese zugespitzte Kritik schnell in ein allgemeines Lamento:
»Hör mir auf mit Schule, da kann man eh nichts machen, da müssen meine Kinder eben durch, die Lehrer sitzen am längeren Hebel.« Schulfrust schlägt um in kurzatmige Wut und verharrt dann in ratloser Lähmung. Nach übereinstimmender Meinung ist das schulischeSorgenkind Nr. 1 Mathematik. Angstbesetzt scheuen die Schüler Mathematik wie der Teufel das Weihwasser. Die reinste Geisteswissenschaft, die Zwillingsschwester der Logik, verkommt durch unfähige Mathelehrer zum Horrorfach. Jede andere Berufsgruppe würde sich schämen angesichts solcher systematischen Misserfolge.
Und umgekehrt zeigt sich bei manchen Lehrern in der Kneipe folgende Grundstimmung:
»Alles, den ganzen Bullshit, womit die Eltern nicht mehr zurechtkommen, wo die Gesellschaft insgesamt gefragt wäre, kriegen wir vor die Tür gekippt. Die Elternhäuser versagen, schicken uns ihre fernsehsüchtigen, durchgeknallten Bälger und stellen noch Ansprüche. Oft komme ich mir vor wie der Dompteur in der Zirkusmanege. Der Lärmpegel in der Schule geht richtig an die Nerven, oft habe ich Kopfschmerzen, wenn ich nach sechs Stunden Schule nach Hause komme.«

Vertreter solcher gegenläufigen Ansichten reden nicht miteinander, ignorieren sich, sofern sie überhaupt voneinander wissen. Niemand will sich in der Kneipe seinen eigenen guten Ort der Kommunikation und Entspannung selbst kaputtmachen. Die Antennen für potenziell massive Störungen sind bei allen feinfühlig justiert.

Der Bildungswirt wird hier im FREITAG ( Kategorie Alltag) in lockerer Folge Kneipengeschichten, Kneipenimpressionen zum Thema Schule & Bildung zum Besten geben.

21:48 30.03.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Bildungswirt

Bildungsexperte, Wissenschaftscoach, Müßiggänger, Dada-Musiker mit Blasmusikausflügen,
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