Orgastische Impotenz im 21. Jahrhundert

Sexualität Liebe Die offene Gesellschaft ist so offen, dass sie nicht ganz dicht ist, so könnte man meinen. Zumindest was das offene Feld des Sexuellen angeht.
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Täglich werden wir sexuell bombardiert im bunten Blätterwald, im Radio, Fernsehen, Internet. Wer treibt es mit wem, offen oder enttarnt, dazu lüsterne Mönche, sexgierige Witwen, pädophile Pädagogen, Spitzenmanager im Bordell, die Sadomaso-Szene, die neuesten Swinger-Clubs, die meist geklickten affengeilen Pornos, im Zweifel alles international und auflagenstark versteht sich! Tausendfach werden Kaufentscheidungen offen oder verdeckt sexuell stimuliert, vom Auto über den Champagner, von Nutella bis zur aufblasbaren Zombiepuppe. Ein Radiosender, zum Beispiel, drückt dir aktuell an der Bushaltestelle dicke Silikon-Titten ins Gesicht: "Es könnte laut werden".

Diese marktschreierisch erregte und zur Schau gestellte sexueller Dauerpotenz ist in Wahrheit das Gegenteil: massenhaft verbreitete orgastische Impotenz. Wie kann das sein? Sie rammeln doch hoch und runter, kommen gleich zur Sache. Auch Andeutungen sind eindeutig: nimm mich! Ist das nicht orgastische Potenz in Reinform, ein Orgasmus nach dem anderen oder etwa nicht? Es ist nur Schein, neurotisch gestörte Sexualität, weit entfernt von einer erfüllten sexuellen Liebe.

Gehen wir mehr als hundert Jahre zurück. Als Sigmund Freud seine Libido-Theorie entwickelte, den Zusammenhang von Sexualität und Angstneurose herausarbeitete, war die junge psychoanalytische Forschungsrichtung noch revolutionär. Sie entzauberte eine sexuell verklemmte Gesellschaft, die großen Schaden bei Individuen anrichtet: Neurosen, Phobien, Wahngebilde, Hysterien etc. Das Fiasko bürgerlicher Sexualmoral konnte in seiner ganzen Tragweite gesehen werden. Wilhelm Reich, zu Beginn ein Meisterschüler Freuds, hatte die Libido-Theorie anschließend zu seiner komplexen Orgasmus-Theorie weiterentwickelt. Aus dem Schatten von Freud heraustretend diagnostizierte er systematische sexuelle Unterdrückung als Massenphänomen einer kranken destruktiven Gesellschaft: vielschichtige Charakterpanzerungen als erstarrte Energie, die Sexualstauung als die Energiequelle der Neurose.

Und heute? --- starren uns u.a. schon am frühen Morgen sexualisierte Litfaßsäulen entgegen. Jeder kann angeblich sexuell tun, lesen, sehen, hören, kaufen, was er will. Die reichhaltige Angebotsseite in Daueranimation hilft der noch unschlüssigen Nachfrageseite gerne auf die Sprünge. Jedem das Seine.

Die "sexuelle Revolution" nach 1968 hat die spießige bürgerliche Sexualmoral weitgehend fortgespült. Ein wirklicher Fortschritt zu einer befreiten Gesellschaft mit freien Individuen? Einerseits sind einige Bastionen der Sexualunterdrückung abgeschafft, sonst wäre z.B.ein schwuler deutscher Außenminister oder Oberbürgermeister nicht möglich ( ich bin schwul, lesbisch, hetero, bisexuell---- "und das ist gut so"). Andererseits ist im qualitativen Kern einer befreiten und befreienden Sexualität wenig Fortschritt zu verzeichnen. Neurotische Charakterstrukturen, emotionale und körperliche Panzerungen sind nach wie vor ein Massenphänomen. Viele basteln und leiden an ihrem kranken Ego, meist weit entfernt von einer gereiften Persönlichkeit. Der "genitale Charakter" (Wilhelm Reich), der im bewussten Jetzt der strömenden Lebensenergie wohnt, Körperpanzerungen auflöst, orgastisch potent ist, sich selbst und andere umfassend liebend erfährt, das ist eher die Ausnahme. Was ist nun orgastische Impotenz und orgastische Potenz?

Wilhelm Reich unterscheidet als Orientierung fünf Entwicklungsphasen der Sexualerregung:

Klare Anzeichen für "Orgastische Impotenz":

1.Vorspiel: zu geringe oder übermäßige Erregung, "kalte" Erektion des Penis, "trockene" Vagina. Vorspiel ungenügend oder zu lang, keine konstante Vorlust.

2. Penetration: herrschaftsmäßiges Hineinstoßen des Mannes, Vergewaltigungsphantasien(?) bei der Frau. Oder: Angst vor dem Eindringen bei einem oder beiden Partnern, Absinken der Lustempfindung im Moment der Penetration.

3. Phase der willkürlichen Beherrschung der Luststeigerung: Nervöse Hast, ablenkende Gedanken und Phantasien, Pflichterfüllung, Angst vor Versagen oder vehemente Entschlossenheit es zu " bringen". Keine wirkliche Luststeigerung. Ruhepausen können zu abruptem Erregungsabfall führen.

4. Phase der unwillkürlichen Bewegungen: unwillkürliche Bewegungen schwach, Empfindungen bleiben auf das Genitale beschränkt. Drücken und Stoßen mit krampfhaften Kontraktionen, um den Höhepunkt zu erreichen. Der Kopf behält die Kontrolle, keine Bewusstseinstrübung.

5. Entspannungsphase: starkes Ermattungsgefühl, Gleichgültigkeit, bisweilen Ekel oder Hass auf den Partner, keine vollständige Erregungsabfuhr, nervöser Schlaf.

Klare Anzeichen für "Orgastische Potenz"

1. Vorlust/ Vorspiel: beiderseitige lustvolle Vorfreude, biologische Bereitschaft, "ruhige Erregung".

2. Penetration: Spontanes Verlangen einzudringen bzw. spontanes Verlangen der Frau den Penis, den "ganzen" Mann aufzunehmen. Steigerung des Lustgefühls, zärtliche Berührungen, Augenglanz.

3. Phase der willkürlichen Beherrschung der Luststeigerung: willkürliche, aber sanfte rhythmische Bewegungen, keinerlei Hast, aufgehen im gemeinsamer Lust und Zärtlichkeit, keine ablenkenden, abschweifenden Gedanken. Schöne Ruhephasen ohne Nachlassen der Lustempfindung.

4. Phase der unwillkürlichen Muskelkontraktionen und der automatischen Luststeigerung: die gesamte Körpermuskulatur gerät in rhythmische Kontraktionen. Die genitale Erregung strömt in viele Körperregionen, Gefühl der Verschmelzung der Körper. Bewusstseinstrübung im Augenblick der Orgasmus, die einer spezifischen Bewusstseinserweiterung entspricht.

5. Entspannungsphase: Volle körperliche und geistig-seelische Entspannung, Harmoniegefühl der Partner, wohliges Nachglühen, ruhiger Schlaf, oft eng umschlungen in der Einschlafphase.

"Der Begriff der sexuellen Potenz hat ohne Einbeziehung des energetischen, ökonomischen und erlebnismäßigen Anteils keinen Sinn. Die erektive und ejakulative Potenz sind bloß unerlässliche Vorbedingungen für die orgastische Potenz. Sie ist die Fähigkeit zur Hingabe an das Strömen der biologischen Energie ohne jede Hemmung, die Fähigkeit zur Entladung der hochgestauten sexuellen Erregung durch unwillkürliche Körperzuckung."(W. Reich, Die Funktion des Orgasmus, 1927/1972,S .81)

Orgastisch potent meint auch, dass wir täglich fähig sind, zu unserem inneren Kern vitaler Energie vorzudringen, einzukehren, gespürtes In-Sein-All-Sein bewusst zu erleben . Das beinhaltet längerfristig eine liebevolle (zum Teil schmerzhafte) Herausarbeitung deines wahren Selbst. Eine organisierte Selbstbefreiung schließt ein Engagement für eine von Sozialpathologien gereinigte Gesellschaft mit ein: Selbstverwirklichung durch Selbststeuerung, Stärkung der Selbstverantwortung auf allen Ebenen. Das Individuum wird als ein "Allgemein-Einzelnes" wahrgenommen und anerkannt. Fundierte Kritik gesellschaftlicher Macht- und Herrschaftsstrukturen einerseits und tatsächlich gelebte neue Lebensformen andererseits, die Sondierung einer "Anderen Gesellschaft", sind zwei Seiten der selben Medaille. Wir brauchen eine Politisierung und Wiederentdeckung des Lebendigen. Wilhelm Reich wäre so verstanden ein Mann der Zukunft.

PS. Der Beitrag kann auch als weitere Randnotiz von mir zum Projekt einer "Anderen Gesellschaft" (Michael Jäger) gelesen werden.




16:40 17.03.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Bildungswirt

Ahasver, Bildungsexperte, Wissenschaftscoach, Müßiggänger, Dada-Musiker
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Kommentare 174

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