Bildungswirt
09.09.2009 | 17:25 45

Selbstreflexionen eines Lehrers

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Bildungswirt

oder Der gute Lehrer – ein Phantom? (2)

Eine tief greifende Schulreform kann nur gelingen, wenn die Lehrerinnen und Lehrer grundsätzliche Veränderungsbereitschaft zeigen und ihr bisheriges Handeln in Frage stellen. Der Psychologe Ferenci meint drastisch zugespitzt: »Nichts ist leichter, als unter dem Deckmantel der Versagensanforderungen an Patient und Kindern den eigenen uneingestandenen sadistischen Neigungen zu frönen.« Sicher eine Übertreibung, denn nur wenige Lehrer haben sadistische Neigungen, und doch kann ihre »Lehre« – auch unbeabsichtigt – schwere Lernbehinderungen und
deformierte Kinderseelen hervorrufen. Kein Lehrer kann angesichts der deutschen Bildungskrise seine Hände in Unschuld waschen und behaupten, er habe damit nichts zu tun.
Eine ausführliche biografische Selbstreflexion des Lehrers – von der bewussten Berufswahl bis zur täglichen Unterrichtsgestaltung
– steht deshalb unabweisbar auf der Tagesordnung.
Im Rahmen einer professionellen Selbstreflexion sollten mindestens die folgenden 16 Fragen zur Diskussion stehen:

1. Warum bin ich überhaupt Lehrer geworden?

2. Wie bereite ich Unterricht vor?

3. Wie gehe ich mit sogenannten Planungsfehlern im Unterricht um?

4. Von welchen Alltagstheorien und wissenschaftlichen Konzepten bin ich beeinflusst?

5. Wie gehe ich mit sogenannten schwierigen Schülern um?

6. Welche Fragetechniken und Methoden bevorzuge ich?

7. Wie lange halte ich Stille im Unterricht aus?

8. Welche Reaktionsmuster bis hin zu leiblichen Lust- und Unlust- oder auch Bedrohungsgefühlen spüre ich bei mir selbst?

9. Vor was schrecke ich zurück?

10. Wie komme ich mit chaotischen Zuständen zurecht?

11. Von wem fühle ich mich wann provoziert?

12. Wo liegen bei mir tiefe, vielleicht auch diffuse Ängste?

13. Wie gehe ich mit Spontaneität im Unterricht um?

14. Leide ich unter Konkurrenzangst im Kollegium?

15. Habe ich Angst, den Lehrplan, die Bildungsstandards nicht zu erfüllen?

16. Schotte ich mich ab gegenüber Fremdem und Neuem (z.B. »alles alte Hüte, soll wieder das Rad neu erfunden werden?«)

Nehmen wir uns z.B. Frage Nr. 6 vor: »Welche Fragetechniken und Methoden bevorzuge ich?« Wie könnte vertiefend eine biografische Selbstreflexion des Lehrers (und zum Selbsttest der Eltern
in modifizierter Form) aussehen? Zuerst: Welche Art von W-Fragen (wer, was, wann, warum, wozu, wie) stelle ich den Schülern in bestimmten Situationen, vor welchem Hintergrund? Handelt es sich um eine bewusste/ unbewusste (?) Fragetechnik oder um eine grundsätzliche geistige Haltung zu unbekannten Sachverhalten und Annahmen?
Bin ich selbst mitlernendes Wesen in komplexen Problemstellungen, oder stelle ich im Wesentlichen Schein-Fragen und will wissen, ob es noch jemand weiß? Dafür gibt es dann Belohnungen – Noten, Gummibärchen, Fleißbildchen, Fassadenlächeln, die richtige Antwort vorausgesetzt! Der Lehrer weiß natürlich wie immer die richtige Antwort. Es wird nicht wirklich gefragt, sondern abgefragt! Nur, brauchen Schüler diese weitverbreitete schultypische Fragerei?
Ich will eine kurze Antwort wagen: Schüler brauchen grundsätzlich keine pädagogisch kleingehackte Kost, sie brauchen keinen vorgekauten Brei für Minderbemittelte. So ist Schule oft genug systematische Unterforderung, pädagogische Weichspülung von real sperrigen Bildungsgütern. Dies gilt für die ›Kleinen‹ der Grundschule genauso wie für die ›Großen‹ des Gymnasiums.

Lernende brauchen die tatsächliche Herausforderung, das sperrige Gut, den Aufbruch ins Ungewisse. Sie entscheiden, wohin die Reise geht; kein Kapitän des Lernens kann ihnen diese Entscheidung inklusive der Irrungen und Wirrungen abnehmen. Schon Herr Keuner (der Denkende), die berühmte Kunstfigur bei Brecht, antwortet auf die Frage: »An was arbeiten Sie?« – »Ich bereite meinen nächsten Irrtum vor.« Und doch gibt es immer wieder die berechtigte Hoffnung, aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen.
Ein guter Lehrer stellt sich diese Fragen der Selbstreflexion – ohne narzisstische Kränkungen – und fragt weiter und weiter. Er versucht im Unterricht intelligent und kreativ zu handeln. Er ist Profi in Sachen Bildung.

Neue Lehrer braucht das Land. Mehrere Milliarden Euro müssen in den nächsten 10 Jahren in die systematische Weiterbildung der Lehrer investiert werden. Der größte Teil der Investitionen sollte bis 2013 erfolgen, im Schwerpunkt jüngere Lehrerinnen und Lehrer bis 45 Jahre alt. Auch Ausfall von Unterricht zugunsten einer gründlichen Reform muss in Kauf genommen werden. Eine Reform im Schneckentempo – mit unzähligen Verwässerungsversuchen, neuen Kommissionsberichten zu abgelegten Kommissionsberichten, ungenügender Finanzausstattung und bürokratischen Behinderungen – wird nicht nur scheitern, sondern zur Verschärfung der Krise aktiv beitragen.
Die Lehrer brauchen jetzt (!) Reflexionszeit untereinander und professionelle Hilfe von außen. Lehrer sollten motiviert werden, brauchen Anreize, Lob, gesellschaftliche Anerkennung, im Grundschulbereich auch mehr Geld. Im Kern geht es um einen systematischen Aufbau von Unterrichtskompetenz und weniger um weitere fachliche Expertisen oder Vorlieben für schulische Orchideen. Jede Weiterbildung bedarf der praxisnahen Koppelung; neue und überzeugende Problemlösungen der alltäglichen Unterrichtspraxis sind das Prüfkriterium. Entwicklung neuer Lernkulturen, neuer einsichtiger Aufgabentypen mit pfiffigen Ideen brauchen den Praxistest, müssen positive Effekte auf der Unterrichtsebene nachweisen. Konsequente regelmäßige Veröffentlichungen von Arbeitsergebnissen auf der Schulebene und in Schulverbünden (zugängliche Internetplattform für Lehrer, Schüler, Eltern) sind dringend geboten.
300.000 Lehrer gehen in den nächsten 5 bis 7 Jahren altersbedingt in Pension. Die Chancen eines Bildungs-Umbaus, der Gestaltung neuer Lernkulturen sind gegeben.

PS. Neben einer allgemeinen Debatte fordere ich hiermit ausdrücklich Diskutanten auf, sich eine Reflexionsfrage vorzunehmen und die eigene Antwort zu präsentieren. Damit könnten wir auch dem Anspruch - „wachsender Artikel“ - ein Stück gerecht werden.

Der korrespondierende Beitrag: Der gute Lehrer – ein Phantom? (1)

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (45)

MIJOKO 09.09.2009 | 21:26

Neue und auch "alte" Lehrer brauchten Rückendeckung durch die Gesellschaft, zumindest durch die politisch Verantwortlichen...von vielen Eltern, die schon beim ersten Nein ihrer Sprößlinge aufgegeben haben will ich da gra nicht reden....aber da ist Wüste in Deutschland ... siehe die Kommentaren des EX-Kanzlers Schröder ....widerlich....und solange sich da nicht GRUNDLEGEND ändert bleiben Lehrer weiter die Fußabtreter unserer Nation....Kinder sind wessen Zukunft...da kommen mir fast die Tränen...!

Chryselers 10.09.2009 | 02:04

@BW: Diese Reflexionsliste bekommt ihre durchaus unbrauchbare Pointe aus der Verwechselung von Person-Ich und Gruppen-Ich: _Ein_ Lehrer kann das nicht, macht das nicht, und macht er es doch, stolpert er wie ein Tausendfüssler, der seine Schritte sortieren will, weil er sie nicht findet, gar nicht wieß, wo sie sind. Und für das Gruppen-Ich gibt es weder Organisation noch Plattform, obwohl nur das Gruppen-Ich das teils ganz langsam ganz teilweise auf die Reihe bekommen könnte.

Und die Weiterbildung: Wer sollte da Kenntnisse, auch nur Fragen haben, die er weitergeben könnte, vom bruchteilwissenden Füller-Missionaren abgesehen? Und welche Kenntnisse sollten das sein?

So ist das nicht hilfreich.

HL

Bildungswirt 10.09.2009 | 21:10

@chryselers
Du fängst die "Diskussion" ungefähr so verquer an wie bei "Der gute Lehrer". Alle Achtung, da muss man erstmal draufkommen.
"Ein_ Lehrer kann das nicht, macht das nicht," - da sag ich mal so in die Runde: Gut' Nacht, Deutschland.
Ein Schüler mit dem Recht auf guten Unterricht (dafür werden die Lehrer in Deutschland im europäischen Vergleich gut bezahlt) könnte gar sagen: Betonköpfe pflastern meinen Weg.Sorry, dass ich nur auf klare Anweisung und eindeutig abgegrenzten Häppchen arbeiten kann.Dafür bin ich aber ein "nützlicher Idiot"(h.yuren).Unser Lehrer hat uns immer gesagt, wo es langgeht, denn er hat studiert und muss es ja wissen. Meist fragte er uns und wenn wir nicht innerhalb von 5 Sekunden reagierten, so schob er eine neue, modifizierte Frage nach oder gab gleich selbst die Anwort für uns Banausen.Unser Lehrer liebte die Dauerbeschallung (Stille, aber auch etwas Chaos, noch unfrisierte Gedanken waren ihm ein Greul), sich selbst hörte er besonders gern reden. Er war auch immer wieder zufrieden, wenn er den Unterricht allein mit den vier "Leuchten" der Klasse durchführte. Wichtig war, dass wir anderen die Klappe hielten. So sind wir geworden, was Sie jetzt vor sich haben.

Für dich nochmal herausgehoben Frage 11 und 12:
11. Von wem fühle ich mich wann provoziert?

12. Wo liegen bei mir tiefe, vielleicht auch diffuse Ängste?

Stell dir vor, die Verweigerungshaltung bei Lehrerinnen und Lehrern wäre so, wie du das meinst, dann könnten schon halb erwachte Schüler (es gibt ja auch noch andere Sozialisationsinstanzen) und nachdenkende Eltern darauf kommen und fragen: Was sollen wir mit solchen "Bruchteilwissenden"?
Gruß BW

Chryselers 10.09.2009 | 21:36

@BW, ist doch alles ganz einfach:

Ich bin estmalfür solide Routine, Du bist gleich für Sturm und Drang.

Ich bin erstmal für's Fundament beim Hausbau, Du bist immer schon bei der Inneneinrichtung, den neuen Durchbrüchen und den Strahlern an der Decke, selbst wenn die Wand noch nicht fertig ist.

Du bist viel zu schnell.

Sei nicht so böse;-)): Nichts ist zum Lehrerberuf so wenig hilfreich wie moralisierende Betrachtungen.

HL

Bildungswirt 11.09.2009 | 01:24

Zu 1: Kommt ganz selten vor, sogenannte Naturtalente gibt es aber. Vieles kann man lernen, sobald die Lernblockaden aufgelöst sind. Dazu eine große Portion Neugier, Selbstdisziplin und etwa 10-jährige "Schülerschaft" bis man Meister der Pädagogik wird. Auch ein guter Kunsthandwerker fällt i.d.R.nicht vom Himmel.

Zu 2: Falsch? Kann ich erst prüfen, wenn ich eine Ausarbeitung von dir lesen kann. Ich bin in diesen Dingen geduldig, in anderen etwas weniger.

Zu 3: Wo ist dein Text? Bin gespannt. Versuch's vielleicht mal mit Frage 16.

Gruß BW

Chryselers 11.09.2009 | 01:34

@BW Dein Szenario ist zu einfach, ich gestatte mir eine Ergänzung:

Nehmen wir an, dass die Kultusminister, die Schulministerien, die Bildungsjournalisten, die Aus- und Fortbildner in ihrer eigenen Zirkuskuppel leben, sozusagen als moderne Inkarnation von Kafkas Schloss, die selbstreferenziellen Kreise kreisen und kreisen,kaum einer nimmt noch wahr ob und warum, was dann? Grundlegend ändern? Mit welchen Mitstreitern, welcher Macht? Ja, da können einem mitunter die Tränen kommen ...

HL

mklingma 11.09.2009 | 11:54

Hallo Bildungswirt,
entschuldige bitte den ironischen Stil meiner Fragen, die kühle Reaktion ist naheliegend.

Was ich sachlich mitteilen wollte:
All diese Fragen lassen sich so oder so beantworten, und liefern doch kein objektives (geschweige denn standardisierbares) Ergebnis.

Die entscheidende Frage fehlt: Bin ich in der Lage, mich meinen Mitmenschen zuzuwenden, sie als Individuen wahrzunehmen und zu respektieren.
Diese Frage kann man allerdings nicht in einen Fragekatalog aufnehmen, das merkt jeder sofort, denn die Antwort ist ein Prozess.

Bei Frage 11 wird deutlich, dass der Fragesteller für sich noch nicht begrifflich geklärt hat, was ein Gefühl ist. Das verschlechtert die Aussichten, konstruktiv damit umzugehen.

Ja, ich muss es zugeben, ich hege ein tiefes Misstrauen gegen die Aussagekraft psychologisch mehr oder weniger versierten Fragebögen. Das erstreckt sich auch auf alle möglichen Evaluationen der letzten Jahre. Dass unser staatliches Schul- und Bildungswesen nicht zeitgemäß ist, das findet man besser und sicherer durch Nachdenken heraus.

Grüße
mklingma

Bildungswirt 11.09.2009 | 20:20

Hallo mklingma,
auch du drückst dich um die Konkretion, die Abwehrhaltung ist enorm.(Vgl. meinen ersten Satz des Beitrags)

"All diese Fragen lassen sich so oder so beantworten, und liefern doch kein objektives (geschweige denn standardisierbares) Ergebnis."

Pointe mißverstanden. Es geht hier nicht um "Objektivität" oder "Standardisierung", sondern um authentische biografische Reflexion des Lehrens und Lernens. In einem Wort: SUBJEKTIVIÄT ist angesagt, bitte nicht verwechseln mit "ich mein' halt mal so".
Diese Selbstreflexion kann für den ein oder anderen schmerzhaft sein (deshalb große Vermeidungsstrategie), aber auch sehr erhellend. Einigen Lehrern merken die unprofessionelle Routine, fangen an, ihren Unterricht neu zu bedenken und zu gestalten.Routinen, die wirklich durchdacht und mehrfach praxisgetestet sind, haben Entlastungsfunktion, soweit, so gut. Falsche Routinen behindern vor allem die Schüler (meist aber auch den Lehrer selbst).

"Die entscheidende Frage fehlt: Bin ich in der Lage, mich meinen Mitmenschen zuzuwenden, sie als Individuen wahrzunehmen und zu respektieren."

Das ist doch viel zu allgemein, steckt deutlich konkreter in den 16 Fragen drin.

"das merkt jeder sofort, denn die Antwort ist ein Prozess."
Nein, viele merken es nicht. Was glaubst du, wieviel Stunden ich gesehen habe, die scheiterten, gerade weil der Lehrer (fast) nichts merkt oder von falschen Voraussetzungen ausgeht.

"Bei Frage 11 wird deutlich, dass der Fragesteller für sich noch nicht begrifflich geklärt hat, was ein Gefühl ist. Das verschlechtert die Aussichten, konstruktiv damit umzugehen."

Wie meinen? Die Frage lautet: 11. Von wem fühle ich mich wann provoziert? Stell dir verschiedene Unterrichtssituationen mit Konfliktpotenzial vor ...Es geht doch nicht um eine Begriffsklärung, falsche Baustelle.

"hege ein tiefes Misstrauen gegen die Aussagekraft psychologisch mehr oder weniger versierten Fragebögen. Das erstreckt sich auch auf alle möglichen Evaluationen der letzten Jahre."

Es geht nicht um Ausfüllen von Fragebögen!!! Die Fragen sind eher eine Art "Bewusstseins-Leiter". Wenn man sie übersteigen kann, wird sie überflüssig.

Technokratisches Evaluationsgetöse der letzten Jahre - ja, viel Schaumschlägerei, wenig Hilfreiches. Davon rede ich hier aber nicht.
Gruß BW

Bildungswirt 11.09.2009 | 20:38

Du hast einen seltsamen Diskussionsstil, erinnert mich an die Kritikaster und Fillibuster. Beigemengt mal schnell ein paar Metaphern und schiefe Bilder und zum Schluss ne Brise: "sei nicht so böse".

Die Hausmetapher ist doch sehr hausbacken, warum nicht als Zwischenstufe der Besserung: die pädagogische Eiche steht auf soliden Fundament - bis Sturm und Drang sie umwerfen, postmoderne Stürme --mit dir als Hamburger könnten wir jetzt die ganzen See- und Wogenmetaphern hoch und runter reiten.
Ich favorisiere die Metapher des lebendigen Netzwerks, das Rhizom, selbstverständlich auch in der Pädagogik (vgl. Beiträge von mir).
Die Häuslebauer mit ihren ach so soliden Fundament bringen es kaum bis zur windschiefen Hütte, nicht mal die Vision des Palasts.

"Du bist viel zu schnell." Hallo, schon ausgeschlafen?
"Böse" - ach nein, doch nicht bei Lehrern, sind doch Beamte, tun nur ihre Pflicht.

Warum drückst du dich vor der Konkretion? Wen du meinst, dass für einen guten Lehrer keine biografische Selbstreflexion notwendig ist, okay. Wo sind die prüfbaren Argumente?
Lege doch endlich mal, wie auch ein Teil der anderen Kritiker, einen eigenen Text vor, der praxisrelevant sein soll.
Vielleicht stehst du auch eher auf so etwas:
www.klusemann.onlinehome.de/gutlehr.htm
(M.E. etwas hausbacken, aber an einigen Stellen brauchbar)
Gruß BW

Chryselers 12.09.2009 | 00:35

@ BW: Mein Haus hat ein solides Betonfundament, die Wände sind nach Art niedersächsischer Bauernhäuser gezimmert, sowas steht locker 100 Jahre, die Außenwände sind aus härtest gebranntem Ton, da sieht man nach 100 Jahren kein Wetter dran, vor zwanzig Jahren wärmegedämmt gebaut, dass es auch heute noch mithält, und gerade habe ich die Heizung auf Brennwert und Warmwasser auf Solar umgestellt.

Kennst Du irgendetwas von vergleichbarer Qualität im Bereich des Unterrichts?

Ich kenne da nur curriculare Luftschlösser, bis die VW-Stiftung die Finanzierung einstellte, und dann musste jeder Lehrer die Trümmer allein aufsammeln.

HL

Bildungswirt 12.09.2009 | 01:29

Sagen wir so: ich habe nichts gegen niedersächsische Bauernhäuser (oder so ähnlich), würde da auch mal 14 Tage Urlaub verbringen.
Dann zieht's mich aber gen Süden, mediteranes Haus, viel Licht, Sonne, offener Blick aufs Mittelmeer, bewegliche Räume, im Anbau auch ein Baumhaus, sogar Baustoffe, die mitwachsen.Beton ist weniger mein bevorzugter Baustoff; nur wo es nicht vermeidbar ist - okay. In meinem Netzhaus gibt es sogar große Kommunikationstaditionen bis zu Isokrates (meines Wissens der erste fexible Pädagoge von Rang, Sokrates hatte dagegen eher schon was Besserwisserisches und Messianisches, die anderen waren in den Dialogen mehr Stichwortgeber und teils konstruierte Blinde)
In meinem Huas kann man mit Ordnung und Chaos gleich gut umgehen, auch Widersprüche reißen keinen vom Hocker, die Sowohl-als-auch-Struktur gehört zum täglichen Leben. Und alle lieben Musik und Berührung, haben ein ausgeprägtes Haut-Ich und freuen isch in und an der Bewegung und und und ...
Gruß BW

Bildungswirt 12.09.2009 | 01:37

Nachtrag:
"Ich kenne da nur curriculare Luftschlösser, bis die VW-Stiftung die Finanzierung einstellte, und dann musste jeder Lehrer die Trümmer allein aufsammeln."

Für das aufkommende Stiftungs-Unwesen in der pädagogischen Landschaft bin ich nicht zuständig, hatte ich schon öfter kritisiert. Um es zum xten Mal zu sagen: Das deutsche Schulwesen ist unterfinanziert, das wissen doch inzwischen die Dümmsten. Das wiederum ist keine Frage der Aufklärung und des Wissens, sondern eine Machtfrage.
Gruß BW

Bildungswirt 12.09.2009 | 01:56

@chryseler
DAnn doch noch einen zum Abschluss für heute:
"Ich meine die Curriculum-Reform der 70er, die abrupt abgebrochen wurde. Weil VW das Geld nicht mehr gab. Seitdem ist Skepsis gegen alle Großprojekte angesagt, die alles klären und von oben nach unten durchgedrückt werden: Es geht nicht"

VW und das bißchen Geld spielte eine Nebenrolle. Da waren ganz andere gesellschaftliche Kräfte dagegen.
GRoßprojekte? Stimmt, Skepsis ist immer gut, dennoch fehlt mir bei unkündbares Beamten die Neugier, die Flexibilität. Niemand kann ihnen (das sieht mit 50 in der sog. freien Wirtschaft anders aus).
Es geht nicht darum, etwas durchzudrücken, es geht um die Auflösung der Hasndlungsstarre. Nur das Mantra der Basis zu singen, ergibt noch keine neue wohlklingende Melodie.

Bildungswirt 12.09.2009 | 02:00

Ach und noch zu Sokrates.
Wir kennen ihn nur über Plato, sozusagen als Kunstfigur. Die sog. Sokratischen Dialoge sind weit weg von echten Dialogen.
Das er das geflügelte Wort - "Ich weiß, das ich nichts weiß" - prägte (und damit über die Hintertür doch ein Wissender war) gehört sicher zu den Highlights. Den Giftbecher zu nehmen, trotz einiger Alternativen, darüber lässt sich trefflich streiten.Ja, die Unsterblichkeit (und denn Wahn danach) erreicht man eher über heroische Taten. Brauchen wir das wirklich heute noch?
Gruß BW

Chryselers 12.09.2009 | 03:57

@BW: In der Politeia kann man recht gut sehen, was Sokrates original sein könnte und wo Platon sich selbst was dachte, nämlich beim Übergang vom ersten zum zweiten Buch. Der Stilbruch ist unübersehbar. Dass das im ersten Buch ins Typische transformierte Dialoge sein dürften, ändert daran nichts.

Was wir von Sokrates weiter brauchen, das ist die Frage "Weißt Du wirklich, was Du zu wissen meinst?" Oder plapperst Du nur, was alle sagen, weil es alle sagen?

Der Giftbecher scheint mir durchaus entbehrlich, Aristoteles jedenfalls hat gesagt, einmal reicht es und ist abgehauen, was seinen Ruhm nicht beeinträchtigt.

Aber diese Fragerichtung "Weißt Du wirklich, was Du zu wissen meinst?" ist natürlich völlig unverzichtbar. In den theoretischen Wissenschaften ist sie so selbstverständlich, dass keiner ihre Berechtigung in Frage stellen könnte, ohne wissenschaftlichen Selbstmord zu begehen, in den praktischen Wissenschaften denkt mancher, es mit der Gegenfrage "Weißt Du es besser?" erledigen zu können, dass er auch nur rätselt, aber die Resultate seines Gerate fett als Ergebnisse behauptet, wenn der andere etwas zurückhaltender ist oder gar sein muss, weil ihm die Plattformen fehlen. TINA eben.

HL

Bildungswirt 12.09.2009 | 16:51

@chryseler
Na, bei Sokrates dürften wir nicht weit auseinanderliegen. "Doxa" auf den Zahn zu fühlen, ist doch ne klare Sache, nicht nur in der Schule.Und doch: Alte Begriffspaare, die viel Jahrhunderte hieltenn, wie Schein und Sein , Wesen und Erscheinung, Ursache und Wirkung werden immer unbrauchbarer. Der Schein gehört zum Sein, freischwebend oder auch verborgen west da gar nichts, hochkomplexe Funktionszusammenhänge hebeln die eindeutige Ursache-Wirkungs-Kette aus etc.

Beim "Giftbecher" haben wir doch schon Übereinstimmung. Immerhin.
Gruß BW

Bildungswirt 12.09.2009 | 16:59

"@BW: In der Politeia kann man recht gut sehen, was Sokrates original sein könnte und wo Platon sich selbst was dachte, nämlich beim Übergang vom ersten zum zweiten Buch. Der Stilbruch ist unübersehbar. Dass das im ersten Buch ins Typische transformierte Dialoge sein dürften, ändert daran nichts."

Kleiner Einspruch. Trotz Anzeichen auf Stilbruch, wissen wir nichts genaues. Nach meinem Erkenntnisstand hat Sokrates nichts SChriftliches hinterlassen (nur das Mündliche hatte bei ihm Geltung, schriftlich festhalten war nur etwas für schwache Denker und Gedächtnisleistungen). Gibt es da neuere Forschungsergebnisse?

"ins Typische transformiert" - das ist aber sehr wohlwollend. Teilweise sind die "Gesprächspartner" auf Trottelniveau, Pappageien - "Ja, so ist es"..

Nach meinem Daführhalten sind wir hier aber auf einem Nebenpfad.
Gruß BW

Chryselers 12.09.2009 | 20:33

@ BW: Letzter mir bekannter Stand das, was ich schrieb: Hinter den sich inszeniert lesenden Dialogen mit dem fragenden und schlagfertigen Sokrates werden reale Gespräche vermutet, dagegen die, wo einer immer Recht gibt, werden Platon selbst zugeschrieben.

Interessant übrigens: Im Menon zeigt Sokrates dem Sklaven, wie die Aufgabe zu lösen ist, der Sklave kommt einfach nicht drauf und mit einem "modernen" sokratischen Gespräch hätte es wohl gar nicht geklappt. Sokrates beendet das fragend-entwickelnde Unterrichtsgespräch an wohl genau der richtigen Stelle, indem er ganz frontal die eigene, richtige Lösung nennt.

HL

Chryselers 12.09.2009 | 22:41

@BW auch Dein Mittelmeerhaus sollte nach den Regeln der Statik gebaut sein. Sonst bricht es ein, wenn Du ein Bild an die Wand hängst. Auch der Grund sollte sorgfältig erforscht sein, sonst geht es wie in Staufen: fr-online.de/in_und_ausland/panorama/?em_cnt=1940761 Wenn das erledigt ist, dann kannst Du da machen, was Du willst und was das Schülerherz begehrt.

Nur: Gibt es in unserem Gewerbe anerkannte Regeln? Geht es bei uns nicht vielmehr alle paar Jahre mit einem neuen Schnelle-mache-fix an den Schulneubau? Und wieder und wieder wird Zeit verschwendet... Wie bei den PleiteMaurern, die den Rohbau für 60.000 Euro hochziehen wollen, obwohl sie wissen, dass das nicht geht, Konkurs anmelden und dann den selben Laden unter Omas Namen neu anmelden?

HL

Bildungswirt 12.09.2009 | 23:11

@chryselers
Apropos Mittelmeerhaus.Du brauchst dir über die Statik keine Sorgen machen. Einige notwendige Pfeiler stehen auf Fels, halten sogar Erdbeben aus. Ansonsten bedenke: Bei Orkan kann es die Eiche entwurzeln, Schilf hingegen biegt sich und steht wieder kerzengerade nach dem Sturm.
"was Du willst und was das Schülerherz begehrt." - Genau. Mal so, mal so, wie es für angemessen erachtet wird, mal strukturiert, mal chaotisch - eben wie im prallen Leben. Neue Erfahrungen haben Vorrang.
Bei den Asthma-Schnellschuss-Reformen gebe ich dir im Grundsatz recht. Das ist aber kein Grund für die "Praktiker" sich zurückzulehnen und den eigenen Stiefel unreflektiert weiter zu reiten.Die Prüfung im Detail ist entscheidend. Nicht zu vergessen: Die Schülerseismografen (vgl.Prüfsteine) sind fein justiert, sollte man auch mal draufhören.
Gruß BW

Chryselers 12.09.2009 | 23:48

@BW Schule ist Kultur, menschliche Inszenierung, da gibt es keine Statik, die nicht selbst geschaffen wäre, da gibt es keinen Felsen, auf den man bauen könnte, selbst vom Petrusfelsen sind immer wieder kleine Teile abgefallen, nach Wittenberg, nach Genf, vorher nach Byzanz...

Nein, das muss man schon selber machen. Und man muss da auch immer wieder drauf achten: Stimmen die Rede- und Denkfiguren? Sind auch alle Teile gleich gegründet?

Auch das Denken und Schreiben über Unterricht braucht solch eine Architektur. Und sie gibt es ja auch sehr häufig, in dem kleinen Reclam-Bändchen von Terhart etwa finde ich sie.

HL

mklingma 12.09.2009 | 23:49

Hallo Bildungswirt,

ich schreibe doch noch eine Antwort, obwohl ich nicht den Eindruck habe, dass du an einer kritischen Auseinandersetzung interessiert bist.

Ich hatte geschrieben: "All diese Fragen lassen sich so oder so beantworten, und liefern doch kein objektives (geschweige denn standardisierbares) Ergebnis."

Darauf antwortest du:
"Pointe mißverstanden. Es geht hier nicht um "Objektivität" oder "Standardisierung", sondern um authentische biografische Reflexion des Lehrens und Lernens."

Du hättest auch sagen, können: 'Schön, dass wir uns einig sind, dass eine solche Selbstbefragung zu keinem objektiven Ergebnis führen kann.'
Bei dir lese ich eine andere Haltung heraus, ich finde es klingt 'lehrerhaft' und zwar nicht im Sinne eines "guten Lehrers".

Letztendlich bleibe ich dabei, dass deine Fragen für mich nichts taugen, denn ich habe sie schon zu oft beantwortet (nicht nur aber auch im Rahmen von Evaluationsbemühungen) und ich stelle mir, wie gesagt, mittlerweile andere Fragen.

Die von mir formulierte Frage ("Bin ich in der Lage, mich meinen Mitmenschen zuzuwenden, sie als Individuen wahrzunehmen und zu respektieren.") wird von dir folgendermaßen kommentiert:
"Das ist doch viel zu allgemein, steckt deutlich konkreter in den 16 Fragen drin."

Für dich passen anscheinend deine Fragen besser, für mich meine Frage. Du hältst vielleicht nicht viel von allgemein formulierten Fragestellungen, ich habe für mich und in meinem Unterricht damit gute Erfahrungen gemacht.

Natürlich ist die Forderung, seine Schüler zunächst einmal als (Mit-)Menschen anzusehen eine allgemein formulierte Forderung, aber sie ist nach meiner Erfahrung nicht trivial einzulösen. Dazu gehört zum Beispiel eine Reflexion des eigenen Rollenbildes. Es verlangt Demut. Und es verlangt auch die Fähigkeit, sich über seine eigenen Empfindungen Klarheit zu verschaffen.

Die von mir implizit formulierte Aufforderung, Gefühle zu erkennen und sie von der Zuschreibung von Eigenschaften (deine Frage 11) zu unterscheiden, hältst du für irrelevant. Da wäre mein Anspruch an Fragekataloge ein höherer und eine Begriffsklärung im Vorfeld halte ich für durchaus geboten.

Bei mir verfestigt sich nach dem bisherigen Dialog der Eindruck, dass du weder besonders geschult, noch daran interessiert bist, dich mit den Empfindungen anderer Menschen einfühlsam auseinander zu setzen. Nach meiner Erfahrung ist das für erfolgreiches Unterrichten eine wichtige Fähigkeit.

tirips 13.09.2009 | 11:54

Hallo,
zum ersten Mal versuche ich an einer solchen Diskussion teilzunehmen.

@ mklingma: Nach meiner Meinung hast du den entscheidenden Punkt getroffen. Ich halte den Respekt vor den (Mit) Menschen für eine unabdingbare Voraussetzung für jedes pädagogische Handeln.

Diese geforderte Selbstreflexion ist ja ganz nett. Als Forderung jedenfalls. Aber das laienhaft für sich selber abmachen zu wollen erscheint mir, gelinde ausgedrückt, naiv. So etwas funktioniert nur mit professioneller Begleitung. Na gut, ich würde mich noch auf kollegiale Supervision einlassen. Besser als nichts, auf jeden Fall besser als es mit sich selber zu versuchen. Das kann nämlich nur scheitern.

Wenn ich nun diese beiden Gedanken verbinde:
1. Ein humanistisches Axiom setze und, auf dieser Basis
2. die Forderung nach regelmäßiger professioneller, beratender Unterstützung von Lehrern (wie in andren beratenden Berufen üblich)...

Dann wird vielleicht ein Schuh draus.

Mir wäre es wichtig, konstruktiv und nicht belehrend, besserwisserisch zu denken. Ich weiß von mir, dass ich dichtmache, wenn ich es mit Schlaubergern zu tun habe. Dann verliere ich das Interesse - sowas muss ich mir nicht geben.
Ich will positiv denkend zuhören und - dass mir positiv denkend zugehört wird. Alles andre ist m.E. sinnlos und verschwendete Zeit.

Schönes Wochenende tirips

Bildungswirt 13.09.2009 | 18:13

Hallo Tirips,
der Einstieg ist doch schon mal gelungen.

"Respekt voreinander" - so allgemein, dass jeder zustimmen wird. Oder kennst du jemand, der das allgemein verweigert? Das Problem steckt im Detail und in den schulischen habituellen Formen.

"Diese geforderte Selbstreflexion ist ja ganz nett. Als Forderung jedenfalls. Aber das laienhaft für sich selber abmachen zu wollen erscheint mir, gelinde ausgedrückt, naiv."
Seltsam, dass du dem Einzelnen so wenig zutraust. In den Spiegel schauen die Leute jeden Tag, in das eigen Selbst extrem wenig. Im Idealfall - ausgeprägte Introspektion - kannst du mit professioneller Hilfe, verschiedenen Formen der Interaktion sicher lernen, den Weg muss du aber alleine gehen, das nimmt dir keiner ab. Das alles ist das Gegenteil von "naiv".(Nebenbei: Traue nicht jeden, der ein "Profischild" an der Jacke oder im Titel trägt).
Bedenke auch, dass die Zuspitzung "Selbstreflexion" in meinem Beitrag nur EINE Facette guten Unterrichts ist.(vgl. mindestens 10 weitere Beiträge von mir allein im Freitag).

"Mir wäre es wichtig, konstruktiv und nicht belehrend, besserwisserisch zu denken. Ich weiß von mir, dass ich dichtmache, wenn ich es mit Schlaubergern zu tun habe. Dann verliere ich das Interesse - sowas muss ich mir nicht geben.
Ich will positiv denkend zuhören und - dass mir positiv denkend zugehört wird. Alles andre ist m.E. sinnlos und verschwendete Zeit."

Da machst du aber schon ganz schön dicht, stellst Bedingungen, nimmst Zuschreibungen vor, bevor es überhaupt richtig los geht.
Gruß BW

.

Bildungswirt 13.09.2009 | 18:34

Hallo mklingma,
du kannst hier im Freitag behaupten, was du willst und mit unhaltbaren Unterstellungen arbeiten.Leider. Nur, was hilft das? Dialogregeln und Triftigkeit der ausgewiesenen Gründe gelten auch für dich.

"Letztendlich bleibe ich dabei, dass deine Fragen für mich nichts taugen, denn ich habe sie schon zu oft beantwortet (nicht nur aber auch im Rahmen von Evaluationsbemühungen) und ich stelle mir, wie gesagt, mittlerweile andere Fragen.
Die von mir formulierte Frage ("Bin ich in der Lage, mich meinen Mitmenschen zuzuwenden, sie als Individuen wahrzunehmen und zu respektieren.")"

Es steht dir frei, dich auf deine Meinung zurückzuziehen, "taugt nichts" - nur dann wir die Diskussion tatsächlich sinnlos.
"mittlerweile andere Fragen" - na dann lege doch mal wenigstens 8 vor und zeige, wie und warum dies qualitativ besser sind.Freue mich, wenn ich sie dann übernehmen könnte.
"Bin ich in der Lage, mich meinen Mitmenschen zuzuwenden, sie als Individuen wahrzunehmen und zu respektieren."
Wo ist hier der qualitative Sprung im Vergleich zu den 16 Fragen?
Du hast m.E. einfach Angst, dich näher der Selbstreflexion zu stellen.
Wenn du nicht ein Minimum an "Mitmenschen zuwenden" hättest, wärst du im Lehrerberuf komplett falsch. Dieses Minimum genügt aber nicht.
"Individuen wahrnehmen" - so einfach zu banal. Sie sind es, ob du das wahrnimmst oder nicht. In deinem konkreten Vehalten in der Klasse zeigt sich, was das heißt, nicht in dieser Allgemeinheit.Vgl. dazu auch nochmal die "10 Prüfsteine" für einen guten Unterricht.

In diesem Sinne schönen Sonntag
Gruß BW

Bildungswirt 13.09.2009 | 18:51

@chryselers
Hmmm, ist schon komisch. Du betonst ständig den "soliden Massenhandwerker" mit ausgeprägter Routine als Entlastung und dann kommst du mir jetzt so.
"Nein, das muss man schon selber machen. Und man muss da auch immer wieder drauf achten: Stimmen die Rede- und Denkfiguren? Sind auch alle Teile gleich gegründet?
Auch das Denken und Schreiben über Unterricht braucht solch eine Architektur."

Wo ist da der Unterschied zu meiner flexiblen Position?

"Und sie gibt es ja auch sehr häufig, in dem kleinen Reclam-Bändchen von Terhart etwa finde ich sie."
Terhart kenn ich (inkl. der jüngsten Gemeinplätze, wenn es um Web 2.0 in der Schule geht). Nur du verletzt eine Grundregel in DIESER Diskussion. Sag, was pointiert drinsteht oder was du herausheben willst, nicht nur ein Literaturverweis. Ich hatte zuvor extra betont, dass ich im Sinne der allgemein zugänglichen Diskussion, wider die Expertokratie (auch für Oberstufenschüler, Eltern, Nicht-Lehrer), mich zurückhalte. Wenn du willst, kann ich dich mit Literaturhinweisen zuschütten. Ich will aber keine Ausschlüsse von anderen.
(Es gibt aber auch Blog, wo ich nur unter Experten diskutiere, kein Rücksicht mehr nehme, ob auch jeder folgen kann. Wer sich dann doch verirrt, hat ein Recht auf Teilnahme ggf. auf Nichtverstehen. Vielleicht Jahre später dämmerts ...einige Lernprozess bedürfen sehr viel Zeit)

Noch ein Letztes: Die Metaphorik von Hausbau,Fels, Statik, Schilf, Eiche scheint im Schlussakt nicht sdo richtig angekommen zu sein.
Gruß BW

tirips 14.09.2009 | 00:03

Hallo BW,

schade, dass du dir keine Gedanken darüber machst, was nötig ist, um Verhalten oder gar Einstellungen zu verändern. Die, die was verändern sollten, müssen das nämlich wollen. Es geht nur im Konsens. Ich arbeite seit Jahrzehnten auch in der Beratung. Das ist meine Erfahrung. Die scheinst du bisher noch nicht gemacht zu haben.

Meine Hoffnung war auf eine konstruktive, sich stetig entwickelnde Diskussion ausgerichtet. Dass das nicht geht, hatte ich befürchtet, aber ich wollte es dennoch wenigstens versuchen.

BW: Was willst du? Recht haben? Dich in Besserwisserei und rhetorischen Tricks suhlen? OK. Verstanden. Das brauche ich nicht. Ich verzichte dankend.

Schade, wir bräuchten wirklich einen Diskurs. Aber besser nichts, als sowas.

tirips

gweberbv 14.09.2009 | 00:54

BW: "Bin ich selbst mitlernendes Wesen in komplexen Problemstellungen, oder stelle ich im Wesentlichen Schein-Fragen und will wissen, ob es noch jemand weiß? Dafür gibt es dann Belohnungen – Noten, Gummibärchen, Fleißbildchen, Fassadenlächeln, die richtige Antwort vorausgesetzt! Der Lehrer weiß natürlich wie immer die richtige Antwort. Es wird nicht wirklich gefragt, sondern abgefragt! Nur, brauchen Schüler diese weitverbreitete schultypische Fragerei?"

Wie könnte denn z. B. der Unterricht in Mathematik ausgestaltet sein, so dass der Lehrer nicht schon im Voraus "alles" weiß? Ich kann es mir wirklich nicht vorstellen.

Chryselers 14.09.2009 | 01:28

@ BW: Das verstehe ich nun nicht. Ich sage, Routine ist die Grundlage des Geschäfts, aber keine Routine der Schlafmütze, sondern eine zusammen mit Kollegen erarbeitete Routine, das sind Fundament und Statik des Hauses, die dann im konkreten Unterricht variiert, genau auf die Lerngruppe, und Du fragst nach dem Unterschied zu Deiner Position?

Ist doch ganz einfach: Du setzt die Statik auf den Felsen, also in etwas von Natur Vorgegebenes, um das man sich nicht kümmern muss, das man vielmehr findet, um sich dann in die Kreativität aufzuschwingen.

Sorry, aber ich halte es einfach für naiv, das auf Schule zu beziehen.

Institutionen, wie Schule und Unterricht, bedürfen der ständigen Pflege ihrer Grundlagen, sind diese nicht in Ordnung, nützt es nicht viel, obendrauf ein Tänzchen zu machen.

Und was dieses und jenes Büchlein angeht, ich glaube nicht, dass Du mir zig Titel nennen kannst, die das stützen, was Du sagst, mindestens dann nicht, wenn es sich um Texte handeln soll, die schulpädagogisch argumentieren, mit einheimischer Begrifflichkeit, wie, darf ich es sagen?, Herbart sagen würde.

Importe haben wir jede Menge, Füller kennt ein Management-Modell oder auch mehrere, hat er in Speyer gelernt, ich habe mir das Vorlesungsverzeichnis zum MasterOfPublicAdministration angeschaut, und löst damit die Probleme der Schule, ohne sie zu kennen, ist auch nicht nötig, dafür gibt es ja derartige Modelle, die passen immer.

Was ist das bei Dir?

Ich weiß es nicht.

HL

Chryselers 14.09.2009 | 13:04

@gweberbv

#Wie könnte denn z. B. der Unterricht in Mathematik ausgestaltet sein, so dass der Lehrer nicht schon im Voraus "alles" weiß? Ich kann es mir wirklich nicht vorstellen.#

Man kann in die Nähe kommen:
www.lehrkunst.ch/index.php?option=com_content=view=79=119

Wichtig dabei, wie der Lehrer seine Überlegenheit ausspielt: Bestimmt sie den Unterricht oder bleibt sie im Hintergrund, damit nichts schief gehe.

HL

Columbus 14.09.2009 | 15:19

Lieber Bildungswirt,

Sie sind, wie immer, unschlagbar in der Präsentation sehr detaillierter Vorstellungen. Keiner kann es da an Durchdringung der sperrigen Materie mit Ihnen aufnehmen. Nur ein Wirt muss auch für eine übersichtliche Speisekarte und an das Maß an Aufnahmefähigkeit seiner Gäste denken. Sonst endet er wie mancher „Grieche“, „Italiener“ , oder „Chinese“, die es locker schaffen 250 Positionen auf der Speisekarte zu präsentieren, indem sie bei jeder zusätzlichen Durchlaufnummer noch einen Belag, eine Zutat, eine Spezialität mehr drauflegen.

Zum Thema und ihren 16 Fragen/Punkten. Wie schon einmal, Sie hängen den Forderungskorb sehr hoch, und ich muss sagen, die impliziten Vorgaben für den „guten Lehrer“ werden von Mal zu Mal abstrakter, praxisferner und vor allem kaum einhaltbar für einen großen Teil der alten, aber auch der neuen Lehrkräfte. - Meine Meinung: Wir brauchen Bedingungen, in denen Leute die nie Lehrer werden wollten, nun doch Lehrer werden, sonst fehlen sie uns.

Wenn auf Punkt 1 ehrlich geantwortet würde, dann fiele ca. ein Drittel der Lehrkräfte in diesem Lande aus, weil sie keine ernsthafte intrinsische Motivation für ihren Beruf angeben könnten. Wir haben aber in Zukunft nicht nur ein Mangelproblem, sondern hegen doch auch die Überzeugung, dass fachfremde, nicht aus dem pädagogischen Fachstudium kommende Kräfte gewonnen werden müssen, gerade in den Naturwissenschaften und für Mathematik, Informatik....

Die Selbstreflexion in ihrem System führt zu Absolutheitsansprüchen an Menschen, die die gar nicht einlösen können. Das ist nicht Sinn einer Selbstreflexion und es wurde Ihnen, lieber Bildungswirt auch schon von anderen Kommentatoren mitgeteilt. - Supervision und angstfreie Hilfe, das ist, was auch fehlt und bei vermehrten Aufgaben, die auf die Lehrer in der Zukunft zukommen, wäre es sehr sinnvoll.

Auch Punkt 2 stürzt sicher einen Haufen Lehrer in arge Nöte, denn in Schulen gibt es „Schwellenpädagogiker“, die fast ohne Vorbereitung durch die Klassenraumtür schreiten und trotzdem gut sind, und solche, die es selbst mit der besten Vorplanung einfach nicht schaffen.

Punkt 3 ergänzt das nur, weil es von der These ausgeht, Unterricht werde weitgehend vorgeplant. Das ist in den Studienseminaren ein Dogma, aber im Alltag für Viele nicht durchzuhalten. Sie verlassen sich auf eine (Lehr-)Buchvorgabe, die das Pensum, aber auch den Weg zur Erarbeitung desselben vorgibt und den vorgegebenen klassenstufenbezogenen Lehrplan umfassend reflektiert. Machen manchmal überhaupt nichts mehr, was außerhalb der eigenen universitären oder studienseminaristischen Lernwelt je auftauchte, oder steigen völlig aus den bisher dort gelehrten Ansätzen aus. Das ist Lehrfreiheit.

Punkt 4, die "theoretische Selbstreflexion" und die "wissenschaftlichen Vorgaben": Ein weiterer, sehr heikler Punkt, weil es mindestens zwei Dutzend unterschiedliche didaktische und pädagogische Besteckkästen gibt, denken Sie nur einmal an die Protagonisten der verschiedenen Reformschulbewegungen, an die Freiarbeits-Lehrer, an Steiner, Montessori oder an die Vertreter von expliziten Elite- und Begabten-Such- und Förderstrategien.

Sehr viele Pädagogen, schlechte und gute, arbeiten völlig ohne reflektierte Theorie. Sehr viele sind bewusste oder unbewusste Ekklektiker.

Punkt 5, Die „schwierigen Schüler“: Ja, wie mit Ihnen umgehen! Bisher wurde es den Schulen ermöglicht in ihren Augen leistungsschwache Schüler (meist sozial und psychisch motivierte Leistungsschwäche!) an andere Schulen im Stufensystem abzugeben. Das war und ist sicher falsch, weil von der allgemeinen Intelligenzleistung maximal vielleicht nur 3-5% eines Jahrgangs eine allgemeinbildende Schule nicht abschließen können. Meist handelt es sich jedoch bei Schulwechslern und „Schulversagern“ um Schülerinnen und Schüler, die soziale oder psychische Handicaps mit sich schleppen. Der Umgang mit „schwierigen Schülern“ erforderte also nicht Selektion oder soziale Segregation, so wie das heute noch weitgehend der Fall ist, sondern spezielle Hilfe durch Fachleute und Entlastung der Lehrer durch eine zweite Person im Unterricht. Das müsste nicht dauerhaft sein, sondern richtete sich nach dem Bedarf. In Berlin wäre es an manchen Schulen, die man zu Sammelbecken „schwieriger Schüler“ werden lies, - es hat hier mit Auswahl und sozialer Segregation zu tun-, sinnvoll immer mit zwei Kräften in einer Klasse zu unterrichten. Ganz grundsätzlich, bezogen auf den Lehrer, kann die Frage ja nur lauten: "Komme ich mit dem von mir erkannten „schwierigen Schüler(n)“ allein zurecht, ist er mir egal, versuche ich ihn los zu werden, hole ich rechtzeitig Hilfe und gibt es die überhaupt?"

Punkt 6 Fragetechniken und Methoden:

Diese Frage lässt sich individualistisch und sozilapsychologisch angehen. Manche Lehrertypen können nur mit einem begrenzten Fragen- und Methodenvokabular umgehen und machen trotzdem einen sehr guten Unterricht. So sind gerade einseitig am klassischen Frontalunterricht festklebende Pädagogen oft sehr erfolgreich und beliebt, weil sie die Struktur anbieten, die von vielen Schülern verstanden und als einfache Struktur akzeptiert wird. Schaffen Sie es ihren Stoff didaktisch gut aufzubauen und unterschiedliche Lernmuster und Geschwindigkeiten bei ihren Schülern zu erkennen, sind sie keine allzu große Bedrohung für einen guten Unterricht.
Andere sind, es hängt unmittelbar mit Punkt 4 zusammen, eher methodisch streng, weil ihr Theoriekonstrukt ihnen das vorgibt, und ein großer, vielleicht der größte Teil, verhält sich ohne Scham völlig ekklektisch oder sogar unbedarft, oft nicht einmal zum Schaden der Schüler.

Punkt 7 Stille
Das ist wiederum eher eine erkünstelte Frage, denn umgekehrt gilt auch, wie lange halte ich das Gegenteil aus und noch viel wichtiger, wie lange halten die Schüler das Gegenteil oder eben die Stille aus, bevor der ein oder andere aus der Lerngruppe schlapp macht, abschaltet, verweigert, streikt, in der eigenen Stille des Nicht- beteiligt- Seins verschwindet.

Punkt 8
Dazu kann ich nur sagen. Wenn Sie das ernsthaft fordern, dann geht es nur mit Supervision. Das können Sie unmöglich professionell im Selbstversuch angehen, wenn es hier ernsthafte Fragen oder gar Probleme gibt. Ganz wichtig. Sie machen ihren Katalog zu einer Muss-Auflistung. Das ist großer Unsinn, denn praktisch gilt, ohne Leiden oder tatsächliches Problem, gibt es und darf es keinen Zwang geben, sich damit auseinander zu setzen. Das geht nämlich fast immer schief und ist unproduktiv.

Punkt 9 Zurückschrecken
Auch eine Kunstfrage, die im realen Schulalltag völlig unbrauchbar ist. Das ist nämlich völlig situationsabhängig. Über diese Frage muss ein Lehrer, wie jeder Berufsmensch, reflektieren können, wenn er in eine Situation kommt, ein konkretes Problem lösen muss. Das lässt sich zwar, wie das Fliegen im Flugsimulator, üben, aber nicht vor Ort, sondern in der Ausbildung oder in der Supervision.

Punkt 10 Chaos
Chaos ist das Ende jeden Unterrichts und jeder sozialen Struktur. Mit Chaos kann man nicht zurecht kommen, man kann es nur schnellstmöglich ordnen. Chaos und chaotische Zustände sind der Feind jedes Lernprozesses und jeder Erziehung, Chaos macht asozial und lernunwillig, sowohl Lehrer, als auch und vor allem Schüler. - Da wäre ich gespannt, welchen Umgang Sie empfehlen.

Punkt 11 und 12
Gehören in die Supervision bei Problemdruck. Der kann durchaus intrinsisch entstehen, „Ich fühle mich nicht wohl.“, oder extern erzeugt werden, wenn Schüler, Eltern und Kollegen beginnen laut und deutlich oder eher durch beredtes Schweigen, solches anzudeuten oder auf den Kopf zu sagen.

Punkt 13 Spontanität im Unterricht:

Viel wichtiger ist doch die Frage, ob man in der Situation den Schülern oder Kollegen oder Eltern erklären kann, warum und wann man sie zulässt und was sie bringt, möglichst mit Belegen, oder warum man das gerade nicht tut, gerade nicht auf Spontanität eingeht. Naturlich muss es Trostfunktionen geben, "jetzt nicht, aber später", aber die entstehen, wenn die Schule immer mehr zur Ganztagsschule wird.

Manche „Schwellenpädagogiker“ arbeiten mit der bewusst geförderten Spontanität, sie sind faul, aber haben Vertrauen in ihre Schüler und manche sind damit sehr, sehr erfolgreich. Für andere Persönlichkeiten wäre wachsende Spontanität der geistige und mentale GAU.

Punkt 14 und 15
Ja, lieber Bildungswirt, wenn es nach Ihren Lehrer, Meister und Kunsthandwerker-Vorstellungen mit 10jähriger Lernphase, in Wahrheit lernen Lehrer und Schüler immer, wie ganz normale Menschen außerhalb der Anstalt, ginge, gäbe es ja überhaupt keinen einzigen Pädagogen an der Schule, losgelassen auf Schülerjahrgänge, der sich solchen Fragen stellen müsste.

Punkt 16 Abschotten
Da steckt ja schon drin, was auch in „Selbstreflexion“ steckt. Allein mit sich selbst läuft in der Schule nicht viel, im Guten, wie im Schlechten. Meist merken es die Anderen, wenn sich einer „abschottet“ und dieses System der Selbstreferenz und der intellektuellen Sparsamkeit wählt.

Fazit:
Lieber Bildungswirt, ich wäre für kleinere Brötchen, bevor ich einer so großen Bandbreite an Menschen die Lehrer sind oder es werden wollen, eine „ausgedehnte biografische Selbstreflexion“ vorschreiben würde. Es gilt, was Soziologen und Sozialpsychologen, aber auch Psychotherapeuten, seit es sie gibt, predigen: Versuche nicht, Leute die keinen Leidensdruck und keine Probleme haben in eine Zwangsproblematisierung zu treiben. Es geht immer nach hinten los und vernichtet Selbstbewusstsein und Sicherheit, bevor überhaupt diese wichtigen Grundlagen wieder neu aufgebaut werden können! Das geht vor allem dann schief, wenn man es vorzüglich auch noch mit sich selbst ausmacht!

„Eine ausführliche biografische Selbstreflexion des Lehrers – von der bewussten Berufswahl bis zur täglichen Unterrichtsgestaltung – steht deshalb unabweisbar auf der Tagesordnung.
Im Rahmen einer professionellen Selbstreflexion sollten mindestens die folgenden 16 Fragen zur Diskussion stehen:...“

Da müssen Sie schon einmal von dem eigenen Forderungskatalog zurücktreten und so darauf schauen, wie es Kant anempfiehlt, und sich fragen, ob Sie selbst Ihre Bedingungen denn erfüllen und ob alle anderen dies auch müssen oder überhaupt nur können.

Ich wünschte mir, Ihre Detailgenauigkeit konzentrierte sich, was die Rolle des Lehrers angeht, einmal in einem dritten Abschnitt auf die Frage, wie unterschiedliche Lehrende trotzdem in einer guten Struktur und Organisation unterrichten können und der ganz natürliche Arbeitsprozess, selbst aus einem schlechten Lehrer, es wird sie immer geben, keine Gefahr für die Schüler oder gar eine Schule macht. - Mit einem 10-jährigen Lehrlingsstatus bis zu meisterlicher Reife, so fürchte ich, wird es nicht gehen.

Liebe Grüße

Christoph Leusch

wwalkie 14.09.2009 | 21:47

Ich habe die "Diskussion" eher verwirrt verfolgt. Was sind das für Ansprüche , die an den "guten Lehrer" gestellt werden - die Lehrer an Lehrer stellen? Woher kommt dieser Perfektionismus? Lehrer sind Menschen - punktum. Lehrer sind Menschen, die anderen - jüngeren, in bestimmten Bereichen unwissenderen - Kultur vermitteln - punktum. Dazu gehört auch die Kultur, sich irren zu dürfen,zornig sein zu dürfen, Fehler machen zu dürfen, unterschiedlich sein zu MÜSSEN - punktum.

"Sag nicht zu oft, du hast recht, Lehrer!
Lass es den Schüler erkennen!
Strenge die Wahrheit nicht allzu sehr an:
Höre beim Reden!" (Brecht)

Bildungswirt 14.09.2009 | 22:00

Lieber Columbus,
ich schätze deine Kommentare sehr (ich bleibe mal beim Du, wie es in der Community üblich ist, falls du das SIE wünscht, dann das nächste Mal).
Dein Kommentar erschlägt mich insofern - wollte ich auf jeden Punkt eingehen - müßten mindestens zwei neue Blogbeiträge her. Dazu fehlt mir die Zeit (ich liege im Freitag jetzt schon weit über meinem geplanten Soll).
Mal ganz allgemein kneipenmäßig und metaphorisch vorweg: Chinesen und Italiener (250 Gerichte)sollen es so machen, wie sie es für richtig halten. In unserer Kneipe "Odyssee" kommen wir mit etwas 25 Gerichten (davon 10 bis 15 wöchentlich wechselnd) sehr gut hin, dazu auch noch recht erfolgreich.
Will auch sagen: Häng die Selbstreflexion nicht noch höher, als ich es getan habe. Das ist bei mir schon die "Meisterschaft" für die, die diesen Beruf bewusst wählen. Vielem, was du beschreibst, stimme ich zu, hohes Problembewusstsein. Dennoch hast du eine starke Neigung dem Mittelmaß und dem Schlechten (davon können hundertausende Schüler ein leidvolles Lied singen)vorschnell schon im Anspruch die Tür zu öffnen. Mal vereinfacht: "Realismus, liebe Eltern und SChüler, seid pragmatisch: lieber einen schlechten Mathelehrer als keinen." Darauf antworte ich: "Millionen Stunden wären besser ausgefallen, Schule als Lernbehinderung kann ich nicht noch "pragmatisch" stützen."

Bei vielem müßten wir in die Fachdidaktik tiefer einsteigen, manchmal in die vorgefundene, gemachte Lernkultur der Schule (auch Verhinderungsorganisationen), dann wieder zu offenen Projekten wechseln und immer fallen die Antworten unterschiedlich aus, z.B. zu "Stille" oder "Chaos".(Möglicherweise zu schwer für den Freitag- Zielgruppe?)

Wenn du willst, gehe ich step by step in den nächsten Wochen drauf ein. Manchmal kann man ja auch mal zu zweit oder zu dritt abseits diskutieren. Luxus.Wer mitmachen will? Alle herzlich eingeladen.
Soweit erstmal
BW

Bildungswirt 14.09.2009 | 22:23

Lieber wwalkie,
dann sag das doch deinen Kollegen:
"Sag nicht zu oft, du hast recht, Lehrer!
Lass es den Schüler erkennen!
Strenge die Wahrheit nicht allzu sehr an:
Höre beim Reden!" (Brecht)

"Dazu gehört auch die Kultur, sich irren zu dürfen,zornig sein zu dürfen, Fehler machen zu dürfen, unterschiedlich sein".
Stimme ich zu, die Wirklichkeiten an SChulen sehen oft anders aus.
Deine anderen Punkte, punktum, sind mir zu einfach.
Gruß BW