Tollhaus Deutschland?

Corona-Politik Verfehlte Corona-Politik und Notwendigkeit einer radikal-ökologischen Transformation. Nicht weiter politisches Vertrauen durch Blindheit verspielen. Der neuen Ampel-Koalition stehen verschiedene Wege offen.

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Corona, Corona, Corona – gibt es derzeit in Deutschland noch ein anderes wichtiges Thema? Oder soll nur dieses übermächtig EINE gesetzt werden, immer vorneweg wie bei katholischen Prozessionen die vergoldete Monstranz? Werden so 83 Millionen Bürgerinnen und Bürger von oben herab regiert und in bestimmte Bahnen gelenkt? Sind das die unumstößlichen Notwendigkeiten einer sich selbst stilisierenden Bevölkerungs-Schutzpolitik? Die Politiker als besorgte Krisenmanager bei einer selbst definierten „epidemischen Notlage von nationaler Tragweite“? Übersetzt: Das Gesundheitssystem könnte kollabieren und die Sterblichkeit in die Höhe schießen. Was wäre dafür die allgemein akzeptierte Kennziffer der Bewertung?

Den Start der neuen Ampelregierung mit entsprechenden weitreichenden Weichenstellungen wird man sich genauer ansehen müssen.

Jeden Tag werden die angeblich „neuesten Fakten“ von düster dreinblickenden Männern (von Frauen etwas milder vorgetragen) in die Hirne gedrückt, Angst geschürt, große Warnungen ausgesprochen, der Kollaps des Gesundheitssystems drohe, Grundrechte als Persönlichkeitsrechte müssen deshalb aufgehoben werden, Impfpflicht für alle, die unbedingte Solidarität und Gefolgschaft wird beschworen, die Verantwortung eingefordert, ja selbst die 5-Jährigen sollen ran, die „Solidarität“ mit der nicht geimpften Oma, der Erzieherin und dem verordnenden Staat. Impfen, boostern, Maskenpflicht, 2-G plus. Impfen demnächst im Kindergarten? Frohe Weihnachten! Und nicht aus der Reihe tanzen, gerne sich freiwillig auf einen neuen Shutdown einstellen, man weiß ja nichts Genaueres.

Systematisch flächendeckend wird das alles noch einmal jeden Tag mehrfach kleingehäckselt in wirklich allen Talkshows mit fast immer dem gleichen politischen Repräsentanten und Virologen, die gebetsmühlenartig das Gleiche verkünden, warnen, wenig kontrovers diskutieren, im Grunde selbstredend nur das „Beste“ wollen. Über die Auswahl der „geladenen Gäste“ wird die erste grundsätzliche Bewertung des Sachverhalts gesteuert. Kritische andere wissenschaftliche Positionen aus anderen Disziplinen sind kaum vertreten. Nur was das „Beste“ für das Land und seine Bewohner ist, da liegen die Meinungen und Bezugsgrößen weit auseinander – Zerreißproben und Spaltungsgefahren durch die gesamte Gesellschaft, teils mitten durch die Familien.

Halten wir doch einiges grundsätzlich fest:

  1. Die Bundesregierung als auch die Mehrheit der Landesregierungen zeigten in der Bewältigung der „Pandemie“ eher, dass sie überfordert waren. Politische Fehleinschätzungen, Bestell-Pannen beim Impfstoff und den Masken, kein effektiver Schutz der Risikogruppen, organisatorischer Dilettantismus und falsche Signale seit vielen Monaten.
    Dass die große Mehrheit der Bevölkerung dennoch solidarisch den Zick-Zack-Kurs mitmachte (Verständnis für den Dilettantismus, sogar für den wenig wirksamen Shutdown, inzwischen über 70% Doppel-Geimpfte, zahlreiche Einschränkungen stillschweigend hingenommen, damit das „Beste“ gelinge, sprich Krisenbewältigung und Rückgabe von Freiheitsrechten), zeigt, dass der Politik ein großer Vertrauenskredit eingeräumt wurde. Dieser Kredit wird zunehmend aufgebraucht. 2G-Plus seit neuestem im Gaststättengewerbe und in Sportstudio, Schließung von Fußballstadien und Weihnachtsmärkten etc. auch für Geimpfte werden als weitere Zumutung empfunden, verordnet von Politikern, die die Bodenhaftung offensichtlich verloren haben. Die Folgeschäden dürften größer sein als die beabsichtigten Effekte. Der Kurs weiterer Verwirrung wird fortgesetzt, die Halbwertzeit der Maßnahmen schafft es manchmal nicht eine Woche zu überstehen. Blinder Aktionismus. Erinnert sei an den Wahn, nicht alleine auf einer Parkbank sitzen zu dürfen und vieles mehr. Auch Ba-Wü neue 2-G-Plus-Regelung scheint schon wieder ausser Kraft gesetzt worden zu sein, eben bis zum nächsten Irrtum.

  2. Das Statistische Bundesamt listet, für jeden frei im Netz nachlesbar, die Sterbefälle von 2016 bis 2021 nach Tagen/Wochen/Monaten/Altersgruppen/Bundesländern. Ist daraus eine erhöhte Sterblichkeitsrate durch Corona ableitbar? Antwort: Ein klares NEIN. Die Regierungen und das RKI klammern gezielt diesen Kontext aus. In Deutschland sterben durchschnittlich etwa 18.500 bis 19.000 Personen pro Woche. (Mehr als die Hälfte der Verstorbenen ist über 80/85 Jahre alt, ein normaler Vorgang, im Winter etwas mehr, im Sommer etwas weniger). Das hat sich durch Corona nicht geändert. Von einer Übersterblichkeit kann keine Rede sein. Also, warum dann diese Panikmache? Und welche systematischen Fehlentscheidungen sollen vertuscht werden? Wer über 20 Jahre die Krankenhäuser kaputtspart, der braucht sich nicht wundern, dass es jetzt zu „Engpässen“ in einzelnen Krankenhäusern und Verlegung von Patienten kommen kann. Aber auch das ist in einem engmaschigen Netz der Krankenhäuser mit wechselseitiger Hilfeleistung nichts Außergewöhnliches. Die allgemeine Gesundheitsversorgung dem ökonomischen Diktat auszuliefern war politisch gewollt, übrigens von teils identischen politischen Amtsträgern, die sich jetzt als Krisenmanager versuchen. Zur Orientierung der Krankheit: ca. 90% der Covid-19-Erkrankten zeigen einen milden Verlauf der Krankheit, ca. 8% einen mittelschweren, wie bei einer starken Grippe, die zuhause behandelt werden kann. Etwa 2% erkranken schwer, davon besonders ältere Menschen und solche mit mehrfachen Vorerkrankungen. Also sofortigen maximalen Schutz für die betroffenen Risikogruppen, besonders bei über 80-Jährigen, besonders in Pflegeheimen, sind dringend notwendig. Schutz bedeutet aber nicht inhumanes Wegsperren wie in der ersten „Welle“. Kein weiterer Shutdown für die Gesellschaft, da die sozialen und ökonomischen „Kollateralschäden“ um das zigfache höher sind, als die erhofften Effekte der sog. „Pandemiebekämpfung“.

  3. Es gibt keine „Fakten“ in der sozialen Welt. Immer sind es von bestimmten Gruppen „interpretierte Fakten“, die dann Gefühle – zentral derzeit Angst und Panik – auslösen (sollen). Mehr Ruhe und Gelassenheit, auch im Umgang mit dem Tod und angeblichen Kollaps-Szenarien wären das Gebot der Stunde. Leben bedeutet immer auch persönliches Risiko, das kann die Gesellschaft in einer Demokratie nicht gänzlich abschaffen. Wer sich nicht impfen lässt, aus ganz verschiedenen Gründen, trägt objektiv ein erhöhtes Risiko. Dennoch geht es um eine prinzipielle Selbstbestimmung und Selbstachtung jedes Einzelnen, auch im Gesundheitssektor. Die Gruppe der Nichtgeimpften selbst ist sehr heterogen. Die Mehrheit davon – die Zögerlichen, Ängstlichen, Unentschlossenen - kann durch Aufklärung, Feingefühl und niederschwellige effektive Angebote vor Ort durchaus für eine Impfung gewonnen werden. Bremen hat da einiges vorbildlich organisiert, was man von Sachsen und Bayern nicht sagen kann. Mehr Kreativität und Wille zur Verständigung sind gefragt und keine verordnete Impfpflicht. Dem Bodensatz der Verschwörungstheoretiker, rechtsradikalen Impfgegner, Reichsbürger etc. kommt man sicher mit solch einer professionellen Aufklärung nicht bei. Aber auch nicht mit einer Impfpflicht, die Blockwart-Charakter mit digital gestütztem Kontrollnetz annehmen kann. Eine Flut von Einsprüchen gegen solche verhängten hohen Bußgelder wird die Gerichte lahm legen und die Gesellschaft weiter spalten.

  4. Die bevorstehende weitere Digitalisierung, die große Zaubertüte, stärkt definitiv nicht die Individualrechte der Bürger. Der Überwachungsstaat schreitet in großen Schritten voran, der Einzelne ist wesentlich ein Datenträger mit spezifischen Datensätzen, jederzeit abrufbar und kontrollierbar. Man mache sich realistisch klar, dass nach der Boosterimpfung, die nächste Verordnung für weitere Impfungen kommen wird, ansonsten verliert der Bürger sein Recht auf aktive Teilhabe am öffentlichen Leben. Das ist eine reale Gefahr, gestützt auf lückenlose Datenüberwachung. Ohne neuesten QR-Code droht der Ausschluss. Die nächste Corona-Variante kommt bestimmt, die nächste „Pandemie XY“ oder was man obrigkeitsstaatlich so definiert. Sündenböcke werden schnell ausgemacht. Die Demokratie ist im Kern bedroht und NIEMAND will es gewesen sein. Der staatliche Automatismus des VERANTWORTLICH SIND ALLE schlägt zu. Die moralische Verurteilung ergibt sich dann aus dem eingespielten individuellen Datensatz, die Hetze – jetzt gegen Ungeimpfte - schleicht sich systematisch ein. Eine differenzierte Argumentation mit Folgeabschätzungen bleibt auf der Strecke. Vielleicht sind demnächst die 5 bis 18-Jährigen Schuld an der Notlage von nationaler Tragweite? Moralregel Nr.1 im Kindergarten: Lass dich impfen, sonst bist du böse und Mama/Papa werden geächtet.

  5. Das viel grundsätzlichere essentielle Thema heißt „radikal-ökologische Transformation“, genau das braucht die wirkliche Aufmerksamkeit der nächsten Jahre. Wenn die Bevölkerung da nicht mitzieht – auch aus Staatsverdruss, zu viel Gängelungen und falschen Maßnahmen und Versprechungen in der Coronakrise - dann wird mit den Füßen abgestimmt. Verweigerungshaltung gegenüber dem ökologischen Umbau. Das wäre eine andere Qualität von tatsächlichem Kollaps von nationaler und internationaler Tragweite. Die Berliner Politik und das Öffentlich-rechtliche Fernsehen haben hier eine besondere Verantwortung, um effektiv gegenzusteuern. Hier geht es um eine ökologische Orientierung, verständige Illustrationen von alternativen Wegen und Schaffung von Vertrauen in eine nachhaltige Zukunft. Man stelle sich vor, dass statt der täglichen Börsennachrichten (wobei die Mehrheit der Bevölkerung überhaupt keine Aktien besitzt) in bester Sendezeit 5 Minuten vor 20 Uhr der Platz für die systematische ökologische Aufklärung reserviert wird und das auf Jahre hin, mit neuen Präsentationsformen, neuen Mediengesichtern! Stellen wir uns weiter vor: Wirtschaftsminister Habeck hätte das in den ersten 100 Tagen initiiert und Mehrheiten in den Sendeanstalten dafür organisiert. Wenigstens das wirksam zu Anfang, außer Debatten. Schon jetzt ist mit diesem Ampel-Koalitionsvertrag das 1,5 Grad Klimaziel nicht zu erreichen. Dies wird von den Amtsträgern gewusst (!), aber nicht geglaubt! Fridays for Future und zahlreiche Wissenschaftler weisen genau darauf seit vielen Monaten hin. Auch die politischen Spitzen der Grünen wissen das! Sie müssen aufpassen, das sie nicht zu Parmesan im Berliner politischen Mühlenwerk zerrieben werden.

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Geschrieben von

Bildungswirt

Bildungsexperte, Wissenschaftscoach, Publizist, Müßiggänger, Musiker
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