Vom Ende der Welt

Ökologie Das Fortbestehen oder das Ende der Welt ist im Kern eine ökologische Existenzfrage. Wer den Klimawandel nicht versteht, hat nichts auf der Welt verstanden.
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Chronik eines angekündigten Untergangs

Die ökologische Existenzfrage hat in der öffentlichen Debatte viele Gesichter: Einige meinen noch immer es gehe um Umweltschutz, andere erfreuen sich vor allem am Green Deal, Ökonomie und Ökologie gehen profitabel Hand in Hand, wieder andere warnen nachdrücklich vor den unübersehbaren Folgen systematisch weltweit gesteigertem Kohlendioxid - Ausstoß, dem Abholzen der tropischen Regenwälder und dem damit verbunden Treibhauseffekt. Die Klimaerwärmung zeige sich deutlich in zunehmenden Hitze-Dürreperioden, abschmelzen der Gletscher und Pole bei gleichzeitiger Zunahme der Unwetter mit großem Vernichtungspotenzial, ansteigen des Meeresspiegels, großen zukünftigen Migrationsbewegungen, deren Ansätze heute erkennbar werden. Die Grünen als Partei speisten sich vor 35 Jahren aus einer ökologischen Kritik der außer Kontrolle geratenen Ökonomie. Sie sprangen damals als kapitalismuskritischer Tiger und landeten als angenehmer Bettvorleger im Vorhof der Macht. Wieder andere leugnen nicht mehr die ökologische Weltkrise, aber relativeren alle Erkenntnisse in ihren äußerst medienwirksamen sog. Denkfabriken, zweifeln an der statistischen Signifikanz vieler Ergebnisse. 40 Jahre warnende Stimmen, die im bunten Stimmengewirr untergehen und im Zweifel sind es - zur Beruhigung der Bevölkerung - die Chinesen und Amerikaner als Hauptschuldige.

Nehmen wir eine ganz andere historische Perspektive ein: der Große Kollaps zwischen 2073 und 2093 und einer weltweiten Massenmigration. Genau das tun Naomi Oreskes und Erik M. Conway im Rückblick aus der Zukunft. Sie rekonstruieren die Vergangenheit des "Zeitalters des Halbschattens" zwischen 1988 und 2093 mit allen Erkenntnismitteln und wissenschaftlichen Quellen aus Politik, Soziologie und Naturwissenschaften. "Unsere Historiker kommen zu dem Ergebnis, dass sich ein zweites Mittelalter über die westliche Zivilisation senkte, in dem die mächtigen Länder der Welt im Angesicht der Tragödie handlungsunfähig waren - durch Verleugnung, Selbsttäuschung sowie die Folgen einer ideologischen Fixierung auf "freie" Märkte."

Die Stationen sind klar erkennbar:
Es gab zwischen 1988 und 1995 hoffnungsvolle Ansätze des ökologischen Bewusstseins; Gründung des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change), Montreal- Protokoll ( Verbot von Stoffen, die die Ozonschicht gefährden), Kyoto-Protokoll, 154 Länder unterzeichnen das "Rahmenabkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen".
Doch um das Jahr 2000 war die mächtige Fraktion der Leugner des Klimawandels, vor allem in Amerika, nicht zu stoppen, trotz Feuersbrünste, Überschwemmungen, Hurrikane und Hitzewellen. Alle Vorboten wurden ignoriert. 2009 war aus Sicht der Historiker "die letzte große Gelegenheit der westlichen Welt, sich zu retten." Das IPCC legte eindeutiges Material der anthropogenen Erderwärmung vor, schnelles gemeinsames und internationales Handeln sei dringend geraten. Doch die "Kopenhagen-Konferenz" wurde ein Flop. Kritische Wissenschaftler wurden gezielt diskreditiert, vor allem mit einer Schmutzkampagne, vorwiegend von der Öl- und Gasindustrie finanziert. 2010 starben in Russland 50.000 Menschen an der sommerlichen Rekordhitze. 2010 werden in Australien 250.000 Menschen Opfer massiver Überschwemmungen. Überall auf der Welt sind ökologische Großschäden deutlich erkennbar. Im Jahr 2023 wurden die Umweltschäden auf 500 Milliarden Dollar beziffert. Eine wirkliche Energiewende war nicht in Sicht, weltweit stieg die Produktion von Treibhausgasen. Selbst dann noch wurde die beherrschende Marktmacht der Energiekonzerne und der internationalen Autoindustrie nicht politisch eingeschränkt. Man hielt an der Ideologie der freien Märkte fest.

2025 werden in den USA 300 Wissenschaftler verhaftet und zu Freiheitsstrafen verurteilt "wegen der Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und des Wohlbefindens der Bevölkerung durch Verbreitung unangemessener Bedrohungsszenarien." Es gab weltweit eine Einschränkung der Wissenschaftskultur.

Bis 2012 waren weltweit über 365 Milliarden Tonnen Kohlenstoff durch Verbrennung fossiler Energieträger und die Herstellung von Beton in die Atmosphäre emittiert worden. 180 Milliarden Tonnen kamen durch Abholzungen und andere Landnutzungsänderungen hinzu. Kritische Berichterstattung mit internationaler Resonanz würde immer schwieriger. Das arktische Eis schmolzt immer schneller ab, Polarmeere waren nun uneingeschränkt schiffbar. Beste Voraussetzungen um neue Öl- und Gasvorkommen zu erschließen. Ab 2012 darf der amerikanischen Ölgigant Exxon Mobil im russischen Teil der Arktis Öl fördern, auch zum Nutzen der russischen Regierung. Kanada, einst ein ökologisches Vorzeigeland, setzte voll auf Schieferölbohrungen und stieg schon 2011 aus dem Kyoto-Protokoll aus.

2042 waren alle bisherigen Prognosen zur mittleren Erderwärmung übertroffen. Statt 2 Grad wurden tatsächlich 3,9 Grad gemessen. Hitzewellen und Dürren, Rationalisierung von Wasser und Lebensmitteln waren an der Tagesordnung. In Großstädten kam es zu Hungerrevolten und Panik, Massenwanderungen unterernährter und dehydrierter Menschen, explosionsartiger Anstieg von Insektenpopulationen, Ausbruch von Typus, Cholera, Gelbfieber. Anschwellende Insektenpopulationen zerstörten riesige Waldflächen in Kanada, Indonesien und Brasilien. Massive Ernteausfälle in Indien. In viele Ländern wurde der politische Ausnahmezustand verhängt.
2060 schmolz das Eis im arktischen Sommer vollständig ab, der Westantarktische Eisschild brach zusammen. Der Meeresspiegel stieg um mehr als 2 Meter....

Die amerikanischen Autoren Oreskes/Conway stehen mit ihrer gewählten fiktionalen Form auf solidem wissenschaftlichen Fundament heutiger Erkenntnis. Das neue, sehr verständlich geschriebene und kluge 100-Seiten-Buch hat es verdient, breit gelesen zu werden - in der Straßenbahn, am Arbeitsplatz, in der Freizeit. Für jeden deutschen und auch europäischen Parlamentarier ein Muss! Es ist ein Wurf, der nicht nur Klarheit über das Klima der Zukunft gewinnt, sondern die komplexen sozio-ökonomischen und kulturellen Verflechtungen in unseren Gesellschaften thematisiert. Der politische Gestaltungswille muss auch das ökonomische Feld ,dem Gemeinwohl verpflichtet, regulieren.

Naomi Oreskes / Erik M. Conway: Vom Ende der Welt, Chronik eines angekündigten Untergangs, München 2015, Oekom Verlag . Amerikanisches Original: The Collapse of Western Civilization. A View from the Future. New York 2014

15:25 04.09.2015
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Geschrieben von

Bildungswirt

Ahasver, Bildungsexperte, Wissenschaftscoach, Müßiggänger, Dada-Musiker mit Blasmusikausflügen
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