Vom WahnSinn der Welt

Ego Ich denke, also bin ich - ein fataler Irrtum. Ein entfesselter Verstand im Ego-Rausch des dahinrasenden Finanzkapitalismus.
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"Ich denke, also bin ich" -- damit beginnt der großer Irrtum der "Moderne" seit über 300 Jahren! Ich spüre, nehme wahr -ICH BIN -, damit beginnt die große Heilung im 21. Jahrhundert.
Der individuelle und kollektive WahnSinn ist die konsequente Störung einer materiell und geistig-seelisch vermüllten Welt. Die Verhexung unseres Verstands durch Sprache bedeutet auch die schwer zu durchschauende Verhüllung unseres Bewusstseins. Der Verstand benutzt mich und dich, nicht umgekehrt. Der Verstand ernährt logisch konsequent das Ego im "Spiel des Lebens". Der monströs aufgepumpte Egoismus im Weltmaßstab bedeutet die reale Gefahr der Vernichtung unserer Welt. Der Homo oeconomicus ist dabei nur ein nützlicher Ego-Pappkamerad im Vernichtungsmodus. Das schiefe Erklärungsmodell der egoistischen Nutzenmaximierung als auch angeheuerte Spieltheoretiker sind jedoch nicht selbst die Ursache für Wahnentwicklungen.

Glücklicherweise ist kein Verblendungszusammenhang total, kein Schleier des Wahnsinns undurchdringlich. Das ICH BIN / WIR SIND als bewusstes Sein in Natur und Kultur ist möglich. Im Folgenden dazu sechs Thesen:

1. Materielle und geistig-seelische Vermüllung korrelieren

2. Glitzernde Phänomene und Formen, soweit das Auge reicht

3. Der galoppierende Finanzkapitalismus ist Ausdruck eines entfesselten abgekoppelten Verstandes

4. Der Verstand ist nicht das Bewusstsein

5. Die vorherrschende Politik befindet sich im Egorausch der brachialen Machtdurchsetzung

6. Ohne konsequente Selbstveränderung keine tiefgreifende Gesellschaftsverbesserung


Zu 1: Die Vermüllung der Welt ist wohl kaum noch zu bestreiten, täglich neue Katastrophenmeldungen zur ächzenden "Mutter Erde" bezeugen auch ein Kontinuum der tiefen Erkrankung des kollektiven Verstandes. Ungesteuerte gigantischen Konsumlawinen erzeugen begleitend wachsende Giftberge fast überall, enorme Müllteppiche im Meer und verpestete Luft, vieles noch unerkannt. Der Zusammenbruch ganzer Ökosysteme wird oft genug gleichgültig hingenommen wie eine unbedeutende Wasserstandsmeldung. Die geistig- seelische Vermüllung korreliert eng mit einer materiellen Vermüllung. Der scharf kalkulierende Verstand schafft die Probleme, zu deren Lösung er sich später andient. Sind die Geschäfte profitabel, ergeben sich immer wieder neue Tätigkeitsfelder im Produktions-Konsumtions-Hamsterrad. Private Gewinne haben weltweit Vorrang, Milliarden-Verluste werden sozialisiert oder einfach ungelöst an die nächste Generation weitergeschoben. Die organisierte Unverantwortlichkeit zeugt von tiefer geistig-seelischer Erkrankung.

Zu 2: Die Welt ist alles, was der Fall ist: Unendliche Phänomene, glitzernde Formen, sog. unumstößliche Fakten, komplexe Sachverhalte und dazu die amalgamartigen medieninszenierten Verstandesdurchwühlungen von A bis Z.
A wir Atombombe, Z wie Zombies der Politik. B wie Brüderle, C wie Chaos, D wie Dirndl und das alles vor und zurück versponnen zur ultimativen Story, damit die E-sel sich im f-lotten Fickgeschwätz in den G-azetten orgiastisch selbst bespiegeln. Und immer weiter zur nächsten Geschichte. Selbstverständlich geht auch B wie Bildung im Chaos in D-eutschland und ein S-chirrmacher ruft alarmierend Revolution, "Bildungsrevolution", aus der selbstverständlich nichts folgt. Oder ein A- ugstein wird kurzerhand zum A-ntisemiten erklärt, damit wieder eine neue Sau durch die vermessene Medienlandschaft getrieben werden kann. Nebelbomben, soweit das Auge reicht, rasender Stillstand, immer bereit zum Herzinfarkt. Gut organisiertes Infotainment, permanent Talkshow geschwängert mit den selben bekannten "Experten"-Figuren, verkörpert die Höhe der Zeit der Dauersendung bei gleichzeitiger Empfangsstörung in den Redaktionen. Mit einer Wissensgesellschaft hat dies alles nichts zu tun. Es wird von allem und jedem ein bißchen begriffen und doch nichts kontextuell verstanden -"in bunten Bildern wenig Klarheit, viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit...." Die Hirn zermarternde Gaukelei hat System.

Zu 3: Der Finanzkapitalismus hat vorläufig weltweit gesiegt, das Casino geht einfach weiter. Der Kapitalismus ist im Blutkreislauf des Individuums angekommen, hat sich eingenistet in einer gierdynamischen Spirale ungeheurer Wunschproduktionen. Vor der unerbittlichen Logik des Kapitals wird kapituliert oder man folgt blind, bisweilen frohlockend ins "Hotel Abgrund".
Abstrakte Diskussionen um Systemalternativen der Weltverbesserung wirken dagegen wie schräge Geistererweckungen aus vorigen Jahrhunderten, nicht nur für die Mächtigen im Osten und Westen. Der Schlaf der Machtlosen ist zudem tief, gleichwohl unruhig. Dennoch: Selbst im Wahnsinns-Kokon eines schmierigen, ekelerregenden, international agierenden Finanzjongleurs steckt potenziell ein nach wirklicher Freiheit dürstender bunter Schmetterling. In jedem bewussten Jetzt kann der Kokon als Rollengefängnis aufgebrochen werden, im Schauer vor den eigenen Gräueltaten. Nichts ist unmöglich. Der Verstand hingegen will festhalten, analysieren, ordnen, vergleichen, kurz: regieren, zur Selbstbeherrschung zwingen, am besten im Weltmaßstab. Der Verstand unterwirft die Welt. Raubtierkapitalismus ist menschlicher Verstand in Reinform.

Zu 4: Das Bewusstsein ist viel größer als der Verstand. Der Verstand hat jedoch ein Interesse daran, sich ständig aufzublähen und zu regieren, das bewusste Sein zu verschleiern. Der entfesselte Verstand ist gleichbedeutend mit systematischem Kontrollverlust, eine zerstörerische Form von Wahnsinn. Verstand und Ego sind siamesische Zwillinge. Sie ernähren sich wechselseitig. Die sog. tausendfachen Sachzwänge und komplexen Herausforderungen ( im Kleinen wie im Großen) sind nicht anderes als Konstruktionen des Verstandes; deines eigenen oder von anderen, die versuchen, dir ihre Konstruktionen als unausweichlich, unaufschiebbar und logisch aufzudrücken. Der Verstand spielt gern mit Zukunftsängsten und reaktiviert alte tief eingelassene emotionale Muster aus Bedrohung und Begierde.

Deshalb: Wir müssen ein Stück weit unseren Verstand verlieren, um im bewussten wohligen Sein zu sein. Du bist nicht dein Verstand! Alle Zustände des bewussten Jetzt, der vollen Gegenwärtigkeit, benötigen keine Herrschaft des Verstandes. Beobachte dich selbst im Spiel, im weiten Blick vom Berg ins Tal, im Aufsaugen einer schönen Landschaft, in der Phase kreativer Arbeit, in der Liebe.....das ist nicht das Terrain des Verstandes! Das Bewusstsein ist ein höherer und unermesslich weiter Zustand.


Zu 5: Um die vorherrschende Politik der brachialen Machtdurchsetzung steht es nicht schlecht. Man hat auch in Europa erreicht, was man wollte. Alle Begrenzungen für Kapitalströme wurden mit Erfolg beiseite geräumt, das Brüssel der Bürokraten funktioniert. In Berlin kommen auf einen Abgeordneten mindestens 10 Lobbyisten. Die helfenden Hände formulieren gleich ganze Gesetzestexte mit Kommentaren, damit die parlamentarische Entscheidung etwas leichter fällt. Sozialstaat und "Bildungsrepublik" braucht man noch in der Wahlkampfrhetorik als Programm der Befriedung der Bürger und die europäische Sozialunion war von Anfang an nur Makulatur. Wen interessiert das noch?Angst ist spürbar. Damit wird gehandelt, weltweit. Die Chinesen und Inder kommen, Europa im Niedergang, Amerika als Supermacht ausgedient, Niederschlagung von Demokratiebewegungen, Diktaturen und totalitäre Systeme im Aufwind, Hautsache die Geschäfte laufen wie geschmiert. Der Kampf um strategische Interessen und ökonomische Ressourcen wird notfalls militärisch entschieden.

Zu 6: Die Gesellschaft verbessern, reformieren, erneuern, von der Starre wieder ins Lebendige bewegen, wer will das wirklich? Eigene Körper- und Charakterpanzerungen auflösen und institutionelle Erstarrungen beseitigen, sind zwei Seiten derselben Medaille. Ein Innen und Außen im dialektischen Zusammenhang, die Einheit in der Vielheit der Stimmen. Die äußeren fünf Sinne genügen nicht, sie müssen mit den " inneren Sinnen" wie Einfühlungsvermögen, Fantasie, Imagination, Denkvermögen millionenfach vibrierend verbunden sein. Bewusst erleben und verstehen ---- ist tiefer als nur analysieren und begreifen.
Hingegen können wir täglich wahrnehmen, ja körperlich unangenehm spüren, nicht nur begreifen: Politische Scheinlösungen aus der regierenden Notfeuerwehr für Krisen, Katastrophen und Verwerfungen werden als die ultimative Ratio marktradikal und mediengesteuert zum Besten gegeben, dem Gemeinwohl verpflichtet, versteht sich von selbst. Lug und Trug winken an jeder Ecke, die politische Krisenstäbe immer dabei. Das hohe Lied der parlamentarischen Demokratie wird gern geflötet, obwohl fast jeder weiß, das es weitgehend zur marktkonform gesteuerten Abnickbude verkommen ist. Innerhalb der Institutionen verhalten sich die Akteure als kalkulierende Rollenträger, streiten um die eigenen Pfründe im Macht-Gier-Mechanismus.
Außerhalb wollen sie sich aber als humane Wesen spüren, wollen entspannen, den Rollen und Erwartungen entschlüpfen. Abgründe können sich in diesem Spagat der Interessen und Bedürfnisse auftun, nicht selten von Depressionen und Aggressionen begleitet.(Als Surrogate wirken Drogen wie Alkohol, schneller Sex und Glitzerkonsum durchaus. Leider muss die Dosis ständig erhöht werden). Im "bewussten Jetzt" treten die Schmerzkörper hervor, nur durch sie hindurch kann die essenzielle Frage des - Wer bin ich? - selbst beantwortet werden. Der Schock kann bisweilen leidvoll sein. Nur ohne diese tiefe Selbstwahrnehmung, ohne Selbstveränderung ist jede gesellschaftliche Veränderung nur die nächste Illusionsproduktion. Wir wissen längst: Die Revolution frisst ihre Kinder, gebiert die nächsten Ungeheuer, wenn nicht ein bewusstes Sein der Individuen in aufrichtiger Kooperation als Richtschnur gilt. Ohne eindeutige Zunahme der individuellen und kollektiven Liebesfähigkeiten wird es keine "Andere Gesellschaft" geben. Kapitalismus lässt sich nur sehr bedingt von außen reformieren, wenn nicht eine innere Transformation der Individuen geschieht. Sehen, das man Nichts ist, das ist Weisheit. Sehen, dass man Alles ist, ist Liebe. An der Wiederentdeckung des Lebendigen führt kein Weg vorbei. Der neu spürende Mensch kann im Zeitalter des Rhizom zur Geltung kommen, dann bekommt der zwanglose Zwang des besseren Arguments einen tieferen Sinn als bisher angenommen. Geerdete Vernunft pulsiert in der Vergegenkunft.

PS. 1. ) Am 12. März 2013 wollen Jakob Augstein und Frank Schirrmacher zusammen in Berlin diskutieren. Anlass ist das neue Buch von Schirrmacher, Ego - Spiel des Lebens. Ob dort der Unterschied von Verstand und Bewusstsein, von Ich, Ego und Selbst herausgearbeitet wird? Ob es dort zur Wiederentdeckung des Lebendigen gegen die Erstarrung kommt?
Schirrmacher hat einen sicheres Gespür für den galoppierenden Zeitgeist, alarmiert gern. Vor drei Jahren sprach er schon von der Notwendigkeit der Bildungsrevolution. Damals wollte ich Augstein und Schirrmacher zum gemeinsamen Gespräch bewegen. Rausgekommen ist nichts, auch nicht bei der Bildungsrevolution. Bei Schirrmacher verdampft vieles all zu schnell.....wir werden sehen, was der 12. März bringt.

2.)Der Beitrag kann auch als weitere Randnotiz von mir zur "Anderen Gesellschaft" (Michael Jäger) gelesen werden.

Links auf Anspielungen im Text:
Zu Schirrmacher und der Bildungsrevolution

Frank Schirrmacher, Ludwig Börne und die deutsche Bildungspolitik

Zum Casinokapitalismus

Das internationale Casino geht weiter

Zum Zeitalter des Rhizom

Das Zeitalter des Rhizom

Zur Anderen Gesellschaft - 100 Beiträge von Michael Jäger

(100/1) Geld und Zeit

11:37 26.02.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Bildungswirt

Ahasver, Bildungsexperte, Wissenschaftscoach, Müßiggänger, Dada-Musiker mit Blasmusikausflügen
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