Was der deutschen Bildungspolitik fehlt

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Dagegen ist die deutsche Bildungspolitik eher auf dem Niveau von Hänsel & Gretel, Fuchs & Has’ oder Heino und seiner schwarzbrauen Haselnuss.

Ja, so der oft erhobene Einwand, man müßte das genauer differenzieren, die einzelnen Bundesländer und ihre Heterogenität berücksichtigen und noch ein Gutachten zum Gutachten erstellen, auch die positiven Vorzeigeprojekte sehen und überhaupt: alles sei im pädagogischen Feld schwierig. Ja, Berichte zum Zustand des Bildungssystems werden alle zwei Jahre neu erstellt. Der nächste kommt bestimmt, die nächste Kultusministerkonferenz auch und die gleich mitverfassten Pressemeldungen der schleichenden Erolgsspur.

Nehmen wir z.B. Hessen: Die auserkorenen, von der Regierung selbst ernannten zwei Vorzeigeprojekte “Selbständige Schule” und neue Wege der Unterrichtsverbesserung durch moderne “Bildungsstandards” und neue Lehrerbildung dümpeln vor sich hin, werden im pädagogischen Feld inzwischen eher milde belächelt. Einem fundierten didaktischen Diskurs mit praktischen Konsequenzen stellen sich die Verantwortlichen erst gar nicht. Die neuen Bildungsstandards mit sog. Kerncurricula (Primarsatufe und Sekundarstufe I, für Sek. II liegt noch nichts vor) werden keinen spürbar erfolgreichen Beitrag zur Unterrichtsverbesserung leisten. Gut gemeint und doch daneben. 50 Seiten und mehr pro Fach, überschwengliche Wolkenformulierungen, kaum neue didaktisch-methodische Erkenntnisse. Schmuckstücke in Schulordnern, abgeheftet unter “unbestimmte Wiedervorlage." Die Kompetenz der Kompetenzkompetenz (E.Stoiber) wird zur Quintessenz.
Chamäleoneffekte: Der Schüler mutiert zum kompetenzgeschwängerten Schlüsselqualifikationsbündel - allzeit bereit sich dienend, leistungseffizient, flexibel, mobil, dynamisch einzupassen. Der Schüler mit seiner "Arbeits- und Lernkompetenz" soll das alles wollen müssen. Wat mut, dat mut.

Insgesamt: Man verwechselt didaktische Kommunikation mit staatlicher Anordnung, verkennt den Kern von Bildung als umfangreiches Angebot. Man bläht zudem die umstrittene Schulinspektion (Vertrauen ist gut, ständige Kontrolle besser) systematisch auf und schmilzt die Lehrerfortbildung weiter ab bzw. verkauft halbtägige sog. Info- und Jubelveranstaltungen als Lehrerfortbildung.Alles ist selbstverständlich ressourceneffizient. Die Selbständige Schule ist in der jetzigen Form ein unbeholfener Werbegag. Von “Freiheit und Verantwortung” (eine gern strapazierte Formel) für die Akteure vor Ort kann ernsthaft nicht die Rede sein. Nennenswert größere Protestformen gegen diese “Reformprojekte” blieben bisher aus. Das wird von der Regierung fälschlicherweise als halbe, im Überschwang als ganze Zustimmung gedeutet. Ein fataler Irrtum. Rückzug aus verstärktem Engagement, Resignation und innere Emigration sind deutlich verbreiteter als direkt sichtbar. Es fehlt der Bildungspolitik der Jazz im Blut.

10:59 08.06.2010
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Geschrieben von

Bildungswirt

Bildungsexperte, Wissenschaftscoach, Müßiggänger, Dada-Musiker mit Blasmusikausflügen,
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