Wie mir "Black Magic Woman" das Leben rettete

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Strahlend blauer Himmel und sengende Hitze über Arusha, dem Großstadtnest am Fuße des Kilimandscharo. 45 Grad im Schatten, das schweißtriefende T-Shirt klebte an meiner Brust. Irgendwie bin ich mies drauf, dazu am Vortag beim Geldwechseln, auf dem versifften Klo, von so einer windigen Figur nach Strich und Faden beschissen worden. Hatte mich reingelegt. „Selbst Schuld“, sagte ich mir, versteh' es mal als gerechten Nord-Süd-Ausgleich, leider aus meinem Privat-Portemonnaie. Schon am frühen Nachmittag schmeckte das kühle Bier aus der Flasche schwarzen und weißen Mündern. Ich gammle in einer beliebig austauschbaren Bretterbuden-Kneipe in einem halb zerrissenen Liegestuhl, die dicke sexappealgeladene Kneipenmama mit ihrem breiten Grinsen und den schneeweißen Zähnen bringt mir hüftschwindend gern ein neue Kehlenkühlung. Ich übernehme die Runde am Nachbartisch, komme ins Gespräch. Eine zarte, irgendwie alterslose Type mit Baseballmütze spricht gebrochen deutsch. Johnny nannten sie ihn, malochte mal für 3 Jahre bei Daimler in Stuttgart. Seine drei Freunde konnten leidlich Englisch. Egal, Alkohol und Grinsen, Lachen, mit Händen und Füßen sich verständlich machen, rhythmisch sich bewegen, das ist ein fundamentales Weltprinzip. Menschen sind geistige und emotionale Kooperationstiere.

Mein abenteuergieriger Nacht-Aufstieg, cross over von Kenia aus auf den schnee- und eisbedeckten Kilimandscharo in fast 6000 Meter Höhe, die grandiose Aussicht bei Sonnenaufgang in den Schlaf der Natur, ein unbeschreibliches Freiheitsgefühl, ein grenzenloses Raum-Zeit-Gefühl, dann mein Waterloo beim Abstieg nach Tansania - ich schlief ständig im Gehen ein, völlig am Ende meiner körperlichen Kräfte, halb im Höhenrausch - all das war schon auf etwa 3000 Meter fast wieder vergessen und nun, im staubigen Arusha, grauer Schnee von vorgestern.

Ich wollte kosmische Energie einsaugen, aus der vollen Lebenssuppe schöpfen, mich ins pralle Glück werfen. No risk, no fun - war mein Motto, nicht einem asiatischen Gurudeppen hinterherzulaufen. Ich wollte Schwarzafrika pur, Sehnsüchte, Tiefe, Fülle spüren, am besten, wo noch kein Weißer vorher war.
Die vier Freunde diskutierten meinen Wunsch, alle durcheinander, laut; sie waren sich uneinig, einer sprang ständig auf, beruhigte sich aber wieder und setzte sich. Die freundliche Kneipenmutter (ich glaube, sie hieß Maria, hatte sicher animalische Tiefenbohrungen zu bieten) pfiff sie an, gestikulierte wild, war, soweit ich das entziffern konnte, strickt gegen den sich abzeichnenden Plan. Ihr Toben wurde ignoriert, ich zahlte mit einem etwas verunsicherten Lächeln und schon standen wir auf der Straße. Der gemütliche Dicke (ich meine, er hieß Mohammed) organisierte in erstaunlicher Geschwindigkeit einen kleinen alten Lkw. Zwei vorne und drei hinten auf der Ladefläche und ab ging die Post, mitten in die aufkommende Dämmerung hinein. Nach etwa zwei Kilometer gab es keine Straßenbeleuchtung mehr, die Schlaglöcher nahmen zu. Johnny, den Namenlosen und mich rüttelte es auf der Ladefläche ordentlich durch. Inzwischen stockfinstere Nacht, nur noch vier weiße Augäpfel blitzten mich gelegentlich an. Ein diffuses Angstgefühl aus der Magengegend stieg bei mir auf, dazu eine brennende Kehle vom vielen Staubschlucken. Johnny meinte nur trocken: „Halbe Stunde, wir sind da.“ Erste Funzeln an Wellblechhütten spendeten wieder etwas Licht. Dunkle Gestalten huschten durch die verdreckten Gassen. Ich bildete mir ein, dass es immer mehr wurden, dazwischen schrilles Frauengelächter. „Irgendwie eine abgezockte Spelunkengegend“, sagte ich leise zu mir selbst. Mohammed ging plötzlich in die Eisen, „so, wir sind da“, meinte Johnny. Wir sprangen vom Lkw und direkt in eine schummrige Kneipe mit großem staubigen Innenhof, alle Fenster offen, fast nur Männer, ein paar Frauen aus dem horizontalen Gewerbe, zumindest dachte ich das. Bukowski-Milieu schoss mir durch den Kopf, jedenfalls ein knisternder Bebop-Club mit einer Reinkarnation von Charly Parker auf der Bühne war das nicht.

Die Gespräche verstummten als sie mich, den weißen Eindringling, bemerkten, abschätzig musterten. Ich fühlte mich von etwa 200 Augenpaaren fixiert, in die Ecke gepuncht, aggressive Stimmung lag in der Luft. Selbst meinen vier Begleitern war es nicht so ganz wohl in ihrer Haut, waren selbst schwarze Fremde. Die Angst saß mir im Nacken, ich fühlte schon feindlichen Atem in der übervoll besetzten Bude um mich schleichen, immer dichter zogen sich die Geruchsschwaden. Wir bestellten fünf Bier und fünf Mal ein etwas undefiniertes Reis-Mais-Gemüsiges auf schäbigen Tellern. Besteck gab es nicht, die rechte Hand tat's auch. Die Vier schaufelten rein, was das Zeug hielt, mir schmeckte diese Pampe nicht, aß aus Anstand ein paar Bissen. Ein massiger Körper rempelte mich von hinten an, dass ich Mühe hatte, mich auf dem Stuhl zu halten. Mein Körper wurde zum Panzer, zwischen Schockstarre und Angriffsbereitschaft. Die Synapsen in meinem Kopf standen unter Dauerfeuer: Wer will mir an die Wäsche, an Leib und Seele? Von Touris erzählte Gruselgeschichten arbeiteten sich in Sekundenschnelle durch die Hirnwindungen: „Wer als Weißer nach 20 Uhr in solch schrägen Bezirken unterwegs ist, wird am nächsten Morgen als Leiche weggeschleift.“ Der Sensenmann winkte mir schon grinsend zu, die Sinne spielten verrückt.
In der spannungsgeladenen Kneipenatmosphäre trommelte plötzlich leise der gemütliche Mohammed afrikanische Rhythmen auf dem schäbigen Holztisch, wie aus dem Nichts aufsteigend. Verstärkend griffen die drei Freunde den Rhythmus auf. Sonst Totenstille im Raum, nur ein verdammter Straßenköter kläffte aus der Nachbarschaft. Auch ich schlich mich in die rhythmische Verstärkung und dann, grundlos, einfach so, imitierte ich immer eindringlicher Carlo Santanas honigsüße Melodiebögen aus voller Kehle, ja, die Meistergitarre mutierte zu meiner Mundhöhle. Ich begann auch zu singen, groovte mich ein: Yääääh, got a black magic woman/ Yes, I got a black magic woman/ Got me so blind I cant see/ But shes a black magic woman/And shes trying to make a devil out of me/ Dont turn your back on me, baby ….und dachte synchron, vom anfliegenden Wahnsinn gepackt: entweder das klappt oder die reißen mir den Kopf ab. Einige finstere Kerle hatten vor der Brust die Arme verschränkt und durchbohrten mich mit ihren konzentrierten Feuerblicken. Doch am Nachbartisch stimmten sie ein, erfanden passende Gegenrhythmen. Ich stellte mich auf meinen wackligen Stuhl und wiederholte den Song, einige stiegen ein, Santana hatten sie im Ohr, vielleicht waren sie auch einfach blitzschnelle Improvisationskünstler. Zentnerschwere Säcke fielen ab von meinen Schultern, mein Körperpanzer öffnete sich, ich schrie in die Runde „one, two, three, four“ und wechselte zu „Oye como va - miritmo bueno paguza mulata“.

Die schwarz-weiße Angstblockade war gebrochen, wie von Götterhand wehte mich etwas Freundlichkeit und Wärme an. Erschöpft setzte ich mich. Ein paar Frauen in der Ecke klatschten spontan Beifall, erhoben sich von ihren Stühlen, hatten mir so buchstäblich meinen Arsch mit gerettet. Als ein 2 -Meter-Kraftpaket klatschend seine mächtigen Hände hob, selbst die finster Blickenden einstimmten, wußte ich - Schwein gehabt! Ich bestellte gleich 10 Bier für unseren Tisch. Besoffen und doch absolut klar in der Birne, schwebte ich mit den Jungs gegen Mitternacht aus der Kneipe. Noch nie hatte ich soviel schwarz-weiße Hände abgeklatscht und soviel freundliche Gesichter auf einem Fleck gesehen. Völlig fertig mit der Welt, auf der Ladepritsche liegend, dachte ich, wahrscheinlich hätten sie mir kein Haar gekrümmt, vielleicht mich unsanft vor die Tür gesetzt? Aber man kann nie wissen.



12:18 02.08.2009
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Bildungswirt

Ahasver, Bildungsexperte, Wissenschaftscoach, Müßiggänger, Dada-Musiker mit Blasmusikausflügen
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