Klara oder die Tugend der Mächtigen

Drogen, Sex und Macht. Das Leben eines Callgirls in Berlin
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Ich stehe ein für einen gesunden Hedonismus, Genuss, Drogen und Sex. Dies sollte jedem Bürger gewährt werden, nicht nur Hartz IV oder eine popelige Rente. Man könnte Marquise de Sade Zentren eröffnen, Kloster der Wollust, mit Opiumküchen, jungen Frauen, die ein Oberpriester in die Kunst der Lüste einweist. Jede Revolution kam doch irgendwie aus der Kloake.

Die gefährlichsten Revolutionäre saßen in der Irrenanstalt von Charenton ein. Darunter auch de Sade, der in der Klapse Stücke inszenierte, was Peter Weiss vorzüglich in seinem Drama Die Ermordung und Verfolgung des Jean Paul Marats nachvollzog. Sicher waren politische Umstürze auch Inszenierung, wie sich auch gerne unsere Politiker inszenieren.

In Berlin sollen Dominas ständig ausgebucht sein, eine davon arbeitet in der Nähe der Synagoge, was nichts heißen soll. Sie ist eine schützenswerte Quelle, Diskretion ist oberstes Gebot im Sexgeschäft.

Wie muss es sein den ganzen Tag im Anzug zu verbringen, immer in der Angst zu leben, das falsche Wort zu sagen. Ein Politiker, der von Revolution redete, wäre sofort dem Abschuss durch die Medien freigegeben. Wahrheit ist in der Politik als altmodisches Wort verdammt. Gerechtigkeit klingt wie Kamillentee.

Napoleon, auf Helena einsitzend, war entsetzt über die Novellen von de Sade. Justine oder die Leiden der Tugend / Juliette oder die Vorteile des Lasters. Napoleon tobte in Gegenwart seines Sekretärs des las Cases, empörte sich über die Pariser Sitten.

Keiner wagt es, über die Berliner Laster zu schreiben. Über die heimlichen Partys der Abgeordneten, die zum Koksen und Pokern eine Suite im Luxushotel mieten, manch einer dieser elitären Menschen hält sich eine Liebesdienerin.

Nun glaubt mir das keiner, weil man sich Kauder nicht mit einem Callgirl vorstellen kann.

Diese anzüglichen Shortstorys über bizarre Beziehungen im Regierungsviertel sind so wichtig, um etwas über Macht zu begreifen, die immer noch mehr von Männern als von Frauen geprägt wird. Genau betrachtet regiert eine Minderheit über eine Mehrheit. Und es geht um Eitelkeiten. Guido Westerwelle war ganz ergriffen, als er zum ersten Mal über den roten Teppich als Außenminister in Moskau schritt.

Manche Männer unterwerfen sich gerne der Peitsche einer dominanten Frau, andere wollen diese besitzen, sei es nur für einen Moment. Man weiß, dass sich Strauss Kahn im Zusammensein mit Prostituierten daneben benommen hat. Schon de Sade schreibt von Gewalt und Folterungen. Dieses Houtgout ist schrecklich, doch scheint Gewalt dazu dienen, um Macht symbolisch beim Liebesakt zu manifestieren, Frauen werden erniedrigt, weil es unter den Mächtigen noch mächtigere Bosse gibt. Die Damen waren leichte Beute von Perversen. Doch hielten die sich für pervers?

Ein offene sexuelle Erziehung könnte befreiend sein, Kamasutra auch für die einfache Hausfrau, die Dekadenz ein Art Muster für einen Umsturz. Liebesschulen auch für das weibliche Geschlecht. Der Gebrauch von Drogen wäre legal. Für jeden eine Scheibe Gänsestopfleber, einmal im Monat, ein Glas Champagner in der Mittagspause.

Ich war wieder zynisch wie eh und je, füllte mein Tagebuch mit Gedanken, die keinen Menschen interessierten, außer, ich provoziere den Skandal und nenne Namen. Nein, ich durfte nicht raus mit meiner These von einer neuen Form der Aristokratie. Das wäre gefährlich und ich müsste um mein Leben fürchten.

13:08 03.02.2016
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