Houston schweigt ...

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... oder: Wie man eine Magnetresonanztherapie übersteht. --

Houston schweigt, kein Laut dringt in den stählernen Sarg, nur das eigene Blut rauscht leise in den großen Kopfhörern! Ich liege in der engen Kabine, das Steuermodul fest umklammernd, mein einziger Halt noch in dieser Welt; das Licht von oben ist grell, ich schließe die Augen, höre nur noch das leise Brummen der Antriebsaggregate.

Beim Start spüre ich noch nicht einmal den Andruck ― dass ich unterwegs bin, höre ich erst an den lauten Explosionen, mit denen meine metallene Hülle die verschiedenen Schichten der Atmosphäre durchbricht.

Schlagartig wieder Stille, ich treibe allein durch dunkle Weiten, nur das vertraute Tuckern des Antriebs dringt an mein Ohr …

Da, was ist das? Ein Angriff! Das laute Knattern einer Cyber-Uzzi bohrt sich in die Trommelfelle, dann ein tieferes Tack-tack-Tack, vielleicht eine Weltraum-Bazooka? Ich halte den Atem an, wird die Außenwand platzen? Aber sie hält, kein Geschoß durchschlägt diesen dicken Mantel aus Spezial-Legierung!

Auf einmal ist Ruhe, haben die Angreifer aufgegeben? Doch laute Schläge an der Außenluke zeigen mir, daß die Gefahr noch nicht vorbei ist – jetzt versuchen sie es mit schwerem Bohrgerät, erst am Lukendeckel, dann, mit feinerem Kaliber, am Schloß. Es müssen Cyber-Piraten sein -wenn es ihnen gelingt, meine Röhre zu beschädigen, bin ich verloren!

Aber auch diese Attacke endet unverhofft, die Geräusche verhallen ― bin ich wieder allein in der Tiefe des Raumes? Tuck, tuck, tuck, mein Antrieb scheint unbeschädigt zu sein, langsam beruhigen sich die aufgepeitschten Nerven, da – erfolgt der ultimative Angriff, mit der perfidesten Waffe von allen, dem gefürchteten Cyber-Rock!

Ich krümme mich unter den Schlägen der Raum-Gitarre, immer die selben vier Takte, dann kommt noch das Schlagzeug hinzu, bong-bong-bong-bong, immer lauter und lauter, meine Kopfhörer bieten schon lange keinen Schutz mehr!

Gerade, als ich schweißgebadet das Signal für den Schleudersitz auslösen will ― mein Daumen liegt schon schwer auf dem Knopf des Steuermoduls, das man mir vor Fahrtantritt als letzte Rettungsmöglichkeit in die Hand gedrückt hat ― auf einmal:
Tiefe, wohltätige Stille!

Das grelle Licht in meiner Kapsel wird weicher, ich spüre einen schwachen Luftzug, etwas packt mich und richtet mich auf, meine Füße berühren festen Boden. Ich will sagen: „Ein kleiner Schritt für mich, aber ein großer Schritt für die Menschheit“, doch meiner ausgedörrten Kehle entringt sich nur ein Krächzen.

Dafür höre ich nun eine professionell-aufmunternde Stimme aus dem Off: “Na sehen Sie, war doch gar nicht so schlimm, das erste Mal in der ‚Röhre’, oder?“

17:11 14.10.2010
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Geschrieben von

donkischott

Wir waren alt und brauchten das Geld!
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