Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

http://donkischott.gmxhome.de/bad_blatt_640x400.jpg

Wenn das Wetter es erlaubt, schwimme ich im Sommer jeden Tag 1200m. Schwimmen ist in der Regel eine einsame Sache; während man seine Runden zieht, kann man seine Umgebung beobachten und nachdenken. Ich habe in dieser Saison beides kombiniert und das Ergebnis aufgeschrieben; es folgt

Sabines kleine Schwimmerkunde
oder: Auf wen man so im Wasser trifft …

Der Korken

Er schwimmt nicht, sondern wird geschwommen. Wie ein Korken tanzt er auf den Wellen, die die Anderen verursachen. Man sieht ihn unter der Wasseroberfläche arbeiten, es sollen wohl Schwimmbewegungen sein, weiter bringen sie ihn nicht. Ihm eignet eine bewundernswerte Leidensfähigkeit, die ihn trotz seiner Ineffektivität stundenlang im Wasser ausharren läßt. Seine Beweggründe bleiben im Dunkeln, denn Spaß kann dieses Herumdümpeln eigentlich nicht machen …

Die Phalanx

Als Phalanx (gr. φἄλαγξ phálanx für „Baumstamm“, „Walze“, „Rolle“ oder „Schlachtreihe“) bezeichnete man im antiken Griechenland eine dichtgeschlossene, schwerbewaffnete Kampfreihe der Infanterie. Die Schwimmer-Phalanx besteht in der Regel aus weiblichen Kämpfern und kommt völlig ohne Waffen aus, ist aber genauso wirkungsvoll. Bei geschickter Aufteilung kann schon eine vierköpfige Phalanx ein normales Sportbecken über die ganze Breite beherrschen. Entgegenkommende Schwimmer müssen sich unter mißbilligenden Blicken durch die Schlachtenreihe quälen, überholwilligen Hinterherschwimmenden bleibt eigentlich nur: unter den Damen durchzutauchen oder sich am Beckenrand die Haut aufzuschürfen. Denn natürlich bewegt sich die Phalanx eher schwerfällig, wer kann schon unaufhörlich reden und dabei noch zügig schwimmen?

Der Schaufelraddampfer

Der Arzt hat ihm wegen seiner defekten Bandscheibe Rückenschwimmen verordnet. So peitscht er nun mit weit ausholenden Armbewegungen das Wasser, seine Füße sind eine Schiffschraube, die schäumende Fontänen aufwirbelt und über seinen Mitschwimmern niedergehen läßt. Da er nicht sieht, wohin er schwimmt, müssen natürlich die anderen ausweichen, was nicht leicht ist, da es ihm selten gelingt, eine einigermaßen gerade Linie zu verfolgen. Manche fangen links unten an und hören rechts oben auf. Ab und zu macht er uns die Freude und stößt mit seinesgleichen zusammen.

Der Plantscher

Der Plantscher ist eine Unterform des Schaufelraddampfers. Er versucht, zu kraulen, kann es nicht, glaubt aber, daß er es kann. Weiter wie oben …

Der Schwimmbeamte

Er hat alle Kurse in "Wassergymnastik" und "Aquajogging" mitgemacht und setzt das Gelernte gewissenhaft Punkt für Punkt um; sei es, daß er durch Mitnahme von Kinderspielzeug wie langen Kunststoffwürsten oder Fußgewichten überrascht, sei es, daß er jede Bahn auf eine andere befremdliche Weise absolviert; einmal plätschert er sich lediglich mit den Händen vorwärts, dann wieder pritschelt er allein mit den großen Zehen oder benutzt nur die Ohren zum Schwimmen. Am Ende einer jeden Bahn macht er einen Klimmzug am Startblock; ein Schwimmbeamter!

Das Phantom

Er kommt jeden Morgen vorm Büro, mit zwei Bewegungen hat er am Beckenrand Hose und Hemd abgeschüttelt, das Badezeug ist drunter. Er tritt unter die kalte Dusche, ohne eine Miene zu verziehen, ohne Gemütsäußerung gleitet er ins Wasser, immer wählt er die nächstliegende Bahn. Er streift die Schwimmbrille über und schwimmt los, hinwärts Rücken, zurück Kraul. Lautlos tauchen seine Arme ins Wasser, seine Füße kann man nur erahnen, keine überflüssige Welle kräuselt sich um seinen sportgestählten Körper. Nach 2000 m stemmt er sich mit perfekter Haltung am Beckenrand aus dem Wasser, niemals benutzt er die Leiter. Die Tropfen perlen von selbst von ihm ab, Hemd und Hose gleiten leicht auf seine Gestalt, dann weht er fort. Das Phantom des Freibads!

Darth Vader

Es scheint einen geheimnisvollen Zusammenhang zu geben zwischen den schwimmerischen Fähigkeiten einer Person und den Lauten, die sie dabei ausstößt. Je mehr sie prustet und röchelt, ächzt und stöhnt, desto zweifelhafter sind in der Regel ihre Schwimmkünste. Darth Vader ist meistens weiblich und prustet auch, wenn sie wegen der Frisur mit hocherhobenem Kopf oder wegen der Bandscheibe auf dem Rücken schwimmt.

Die Wolkenwand

Ab und an kommt einem im Schwimmbecken jemand entgegen, der sich schon von weitem durch eine Geruchswolke ankündigt, die er wie eine Wand vor sich herschiebt. Durch irgendeinen chemischen Prozeß scheint das Chlor im Wasser die von draußen mitgebrachten Körperausdünstungen um das Hundertfache zu verstärken. Die Wolkenwand bewegt sich auf Schwimmernasenhöhe, besonders schreckliche Aromen:Knoblauch, Speick und kalter Rauch. Da hilft nur Wenden oder Abtauchen.

Der gemeine Bader

Neben den Schwimmern gibt es in jedem Freibad die von mir so genannten „Bader“. Diese Spezies steigt lediglich der Abkühlung wegen oder (vorwiegend im jugendlichen Alter) zu Balzzwecken ins Wasser und kann daher im allgemeinen als buchstäbliche Randerscheinung vernachlässigt werden, da sie mangels Bewegung bald friert und dann das Becken schnell wieder verläßt.
Eine bedrohliche Variante ist der übermütige Jugendliche, der sich am Beckenrand mit seinen Kumpels kabbelt und zu einem unvorhersehbaren Zeitpunkt das Gleichgewicht verliert. Er schlägt wie eine Bombe zwischen den friedlichen Schwimmern ein, stemmt sich aber sofort wieder aus dem Wasser und nimmt dabei in seinem lang schlackernden Badebeinkleid zwei Liter vom kostbaren Schwimmbeckeninhalt mit.

Der wildgewordene Bader

Er ist der gefährlichste der Beckenbewohner, weil unberechenbar. Friedlich steht er mit dem Gesicht zum Beckenrand im Wasser, redet mit einem anderen Bader über Aktienkurse, balzt mit einer Baderin und/oder erschlägt ab und zu eine Bremse. Dann, mit plötzlichem Entschluß, stößt er sich ohne Vorwarnung geschoßartig nach hinten ab. Wer gerade auf der ersten Bahn unterwegs ist, wird schmerzhaft mit einer physikalischen Wahrheit vertraut gemacht, und zwar der bedauerlichen Trägheit eines im Wasser befindlichen Körpers.
Ich erlebt mal einen Vater, der erst seiner kleinen Tochter erklärte, wie rücksichtslos und gefährlich es sei, sich vom Beckenrand abzustoßen, ohne sich vorher umzusehen; und in der nächsten Sekunde genau dieses tat …

Der Haxenbader

Bei uns in Bayern ist der sogenannte Hax (Plural: Haxen) das ganze Bein von der Hüfte bis zum Zeh, manchmal auch nur Unterschenkel oder Fuß. Letzteres ist der einzige Körperteil, den der sogenannte Haxenbader den Fluten des Schwimmbeckens anvertrauen mag. Ich weiß nicht, was mich als Schwimmer mehr begeistert: Mich an einer Galerie weißlicher Stachelwaden in Augenhöhe entlang zu bewegen oder am Ende der Bahn mit der Nase auf zehn runzlige Zehen zu stoßen, die vom Beckenrand ins Wasser hängen.
Ein einziges Mal fand ich die Situation niedlich, aber da waren die Zehen winzig klein und gehörten einem vielleicht fünfjährigen Buben; als ich direkt unter ihnen anschlug, blickte mich ihr Besitzer zutraulich an und sagte: „Griaßdi!“

11:43 06.09.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

donkischott

Wir waren alt und brauchten das Geld!
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare 4